An der East Side Gallery : Mauer-Museum Nummer Vier öffnet
von Thomas LoyDas touristisch-kommerzielle Potenzial der Berliner Mauer ist noch lange nicht ausgeschöpft. Im Mühlenspeicher, dem historischen Gebäude nahe der Oberbaumbrücke, eröffnet am Samstag das vierte Mauer-Museum Berlins – nach Gedenkstätte Bernauer Straße, Haus am Checkpoint Charlie und dem Mauer-Panorama ebenfalls am Checkpoint. Initiator und Kurator des privaten Museums ist der Event-Produzent und Filmemacher Jaka Bizilj. Er hat nach eigenem Bekunden die Ausstellung nach intensiven Gesprächen mit den politischen Protagonisten der Wendezeit, darunter Hans-Dietrich Genscher, James Baker und Michail Gorbatschow, erarbeitet und konzipiert.
Es flimmert und flackert die Geschichte
In den 13 Räumen im zweiten Obergeschoss des Speichergebäudes werden auf insgesamt 100 Bildschirmen historische Filmdokumente gezeigt, von der Mauerrede Ulbrichts 1961 bis zum Megakonzert „The Wall“ 1990. Daneben gibt viele Fotos und Animationen von Mauer und Grenzstreifen. Ein paar uniformierte Schaufensterpuppen, Steine aus der ersten Mauerbauphase und ein Original-60er-Jahre-Wohnzimmer lockern die Szenerie etwas auf, spielen aber nur eine Nebenrolle. Authentisch immerhin ist der Ort Mühlenspeicher. Das Gebäude aus dem Jahr 1907 diente einst als Getreidesilo und wurde später wegen der exponierten Lage an der Spree ins DDR-Grenzregime integriert. Aufs Dach ließen die Grenztruppen einen kleinen Wachturm setzen. Nach der Wende wurde hier vor allem gefeiert, in der Großdisko Speicher. Inzwischen ist das Restaurant Pirates eingezogen, das Museum ist Untermieter.
Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die Hochhäuser der Leipziger Straße im Osten der Stadt zu erkennen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Berliner Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!
Foto: Sommer/ImagoSteinstücken im Süden von Wannsee war bis zum Mauerfall eine von zehn West-Berliner-Exklaven. Diese Aufnahme hat Wolfgang Zuba 1987 gemacht.
Foto: Wolfgang ZubaDurch ein Loch in der Mauer fotografierte er im selben Jahr diese beiden radfahrenden Grenzpolizisten. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Berliner Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!
So sah der Todesstreifen um Steinstücken 1989 aus. - Foto: US-Militär / gemeinfrei
gemeinfreiEingezwängt zwischen übermannshohen Betonplatten: So sah der Korridor zu dem Rest West-Berlins aus, die Bernhard-Beyer-Straße. - Foto: Roehrensee (CC: BY-SA 3.0)
1986, die S-Bahn rollt in Wilhelmsruh an der Mauer entlang. Nur das kleine Dreieck östlich der S-Bahn gehörte zu West-Berlin.
Foto: Imago1986, Bornholmer Straße. Der Foto entstand in West-Berlin mit Blick nach Prenzlauer Berg (DDR); auf der anderen Seite befinden sich die Grenzanlagen der DDR.
Foto: Imago1990, die Reste der Mauer zwischen West-Berlin (Spandau, Kladow) und Brandenburg (Groß Glienicke, Sacrow).
Foto: ImagoBerlin-Mitte, Brandenburger Tor, 11. Januar 1990. Die Einreise und Ausreise ist akkurat geregelt - nur leider laufen die Menschen ganz links offenbar in die falsche Richtung.
Foto: ImagoBerlin, 80er Jahre, irgendwo in Neukölln. Wer aus der Engelhardt-Kneipe kam, stolperte direkt gegen die Mauer. Es könnte die Heidelberger Straße sein.
Foto: ImagoHeiligabend 1989 an der Potsdamer Chaussee in Gatow. Unser Leser Klaus Klischat querte dort mit seiner Familie die Grenze in Richtung Engelsfelde/Seeburg auf der Ostseite. Als die West-Berliner nach einer Fahrradtour später am Grenzkontrollpunkt Heerstraße unter Vorlage ihrer Ausweise und Tagesvisa wieder zurück wollten, gab es Probleme: "Das hatte bei den DDR-Beamten für große Ratlosigkeit gesorgt, und wir mussten lange warten, ehe man uns durch ließ", schreibt Klischat.
Foto: Klaus KlischatIn der Zeit zwischen Mauerfall und der offiziellen Beseitigung aller Grenzkontrollen hatte die DDR-Regierung kurzfristig weitere Grenzübergänge geschaffen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Bilder des Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!
Foto: Klaus KlischatDieses Wrack eines alten VW Passats stand offenbar mehrere Jahre in der geteilten Zimmerstraße. Auch auf dem folgenden Bild ist es noch zu erkennen. Johan van Elk machte diese Aufnahme 1989. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!
Foto: Johan van ElkZimmerstraße in den frühen Neunzigern: Im Hintergrund rechts ragt das monumentale Gebäude des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums hervor - heute Sitz des Bundesfinanzministeriums.
Foto: Johan van ElkBernauer Straße, 1988.
Foto: Johan van ElkKlein-Glienicke, 1964. Das Dorf südöstlich der Glienicker Brücke war eine Einstülpung des Ostens im dicken Bauch von Westberlin.
Foto: Wolfgang MüllerDie ehemaligen Grenzanlagen an der Heinrich-Heine-Straße in den frühen Neunzigern
Foto: Johan van ElkPotsdam, 1990. Freie Sicht auf die Havel, freie Sicht für die Grenzer im Mauerstreifen.
Foto: Manfred ThomasBernauer Straße, 1990. Der Grenzturm ist gefallen. Die Bürger lassen ihre Wut an den Grenzbauten aus.
Foto: ImagoBerlin, 1990. Alle hackten die Mauer kaputt, ein Mann klettert die Streben hoch und sprüht Parolen.
Foto: ImagoIrgendwo Berlin, Mitte der 80er. Klare Ansage auf West-Seite.
Foto: ImagpBerlin-Mitte, 1990, der Friedhof der Sophiengemeinde. Auf der anderen Seite des Mauerstreifens liegt West-Berlin.
Foto: ImagoBerlin-Rudow, 1965. Waltersdorfer Chaussee. Der Blick richtet sich gen Süden, also nach Brandenburg.
Foto: ImagoBerlin-Mitte, Januar 1990. Ein verspiegeltes Wachhaus am Pariser Platz. Ob da jemand im Innern steht und uns sieht? Tagesspiegel-Leser Rainer Gutsche schreibt: "Es handelt sich um den versteckten Zugang der Grenztruppen zum Eingang des S-Bhf. Unter den Linden. Niemand sollte dort eine Treppe vermuten, daher die Tarnung."
Foto: ImagoBerlin-Rosenthal, Bezirk Pankow, das Foto müsste auf dem Wilhelmsruher Damm entstanden sein, der gerade neu gebaut wird. Zur Orientierung: Hinten ist klein das Eisenbahnkreuz zu sehen, also müsste das dahinter das Märkische Viertel sein. Das Tempo-30-Schild steht noch auf DDR-Gebiet.
Foto: ImagoBerlin-Wedding. Das ist der Tunnel an der Wollankstraße. Oben drüber fährt die S-Bahn, der Blick richtet sich gen Schlosspark in Pankow. Das Foto entstand 1990. Der Tunnel war einst von DDR-Seite komplett zugemauert. Man beachte die alte Kopfsteinpflasterstraße, die ja niemand benutzen konnte.
Foto: ImagoBerlin-Mitte 1990, Marschallbrücke. Hinten links der Bahnhof Friedrichstraße, rechts die alte Spreebebauung. Der große Gebäude ist das Internationale Handelszentrum der DDR.
Foto: ImagoBerlin-Wannsee. "Das ist die Spree", schreibt der Fotograf - "Ist sie nicht", rufen Alt-Berliner. Das Gebäude hinter der DDR-Mauer ist die Villa Kampffmeyer auf Potsdamer Gebiet; und der Fluss heißt Havel. Das Foto entstand 1990.
Foto: ImagoBerlin-Frohnau, 1990. Der Grenzstreifen kann betreten werden. Das Grenzfahrzeug ist ein Trabant Kübel - diese Autos waren überall zu sehen auf dem Grenzpostenweg. Das Foto entstand auf Ost-Seite, also in Brandenburg. Woran man das erkennt? Die Mauer hinten zu West-Berlin ist weiß, die Leute befinden sich zwischen Grenzweg und Mauer zu West-Berlin. Auf der hinteren Mauer ist der typische Rundlauf zu sehen, der das Überklettern erschweren sollte.
Foto: ImagoBerlin, Tiergarten. Die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor, hinten im Bild der Reichstag. Was hier besonders ist: nicht die Höhe, sondern die Dicke der Mauer.
Foto: Imago
Die East Side Gallery, die direkt vor dem Speicher verläuft, lockt nach Einschätzung der Museumsmacher mehr Touristen an als die offizielle Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Seit Jahren wird über das Schicksal der Gallery verhandelt, zwischen Bund, Berlin und der Stiftung Berliner Mauer, bislang ohne Ergebnis. Ziel ist, die Mauer-Galerie in das pädagogische Konzept der Stiftung zu integrieren. Noch immer ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Eigentümer des längsten Mauerstücks der Stadt, ohne dafür die finanziellen und personellen Ressourcen zu haben. Mit dem „Wall Museum“ ist jetzt eine private Initiative vorgeprescht und präsentiert die Nachkriegsgeschichte aus ihrer Sicht. Es gehe vor allem darum, die emotionale Seite der Ereignisse zu zeigen, sagt Bizilj. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort, auch die Bilder des sterbenden Peter Fechter, des ersten Maueropfers, sind zu sehen.
Die "menschliche Komponente" zählt
Gelegentlich vergreift sich Bizilj etwas in der Auswahl seiner Exponate. Der Defibrillator, mit dem Genscher nach seinem ersten Herzinfarkt ausgestattet wurde, soll die „menschliche Komponente“ der Weltpolitik zeigen. Darauf könnte man auch gerne verzichten. Was das Haus am Checkpoint Charlie an Exponaten zu viel hat, ist hier Mangelware. Kooperationen wären vonnöten, sind aber bislang ausgeblieben. Mit der Mauer-Stiftung wolle man noch den Kontakt suchen, sagte Bizilj.
Im Mühlenspeicher an der East Side Gallery ist das neue Museum untergebracht.
Im Mühlenspeicher an der East Side Gallery ist das neue Museum untergebracht.
Unterstützt habe das Projekt Gorbatschow persönlich, außerdem der Ex-Fernsehhistoriker vom ZDF, Guido Knopp. Bei der Präsentation sind beide allerdings nicht anwesend. Dafür zwei Zeitzeugen, die einst aus der DDR fliehen konnten. Peter Bartsch schwamm 1978 zwei Stunden lang durch die Spree, von Mitte nach Kreuzberg, zusammen mit einer Freundin, immer auf der Hut vor Patrouillenbooten und Scheinwerfern. Die Flucht gelang, doch das Vorhaben hätte auch schiefgehen können, wie Bartsch andeutet.
Das Museum öffnet am Samstag, 26. März um 10 Uhr. Adresse: Mühlenstraße 78-80, Friedrichshain. Eintritt: 12,50 Euro. Schüler und Studenten zahlen 6,50 Euro. Internet: www.thewallmuseum.com, die Seite wird demnächst freigeschaltet.