Tagesspiegel-Archiv : Als die Tour de France durch Spandau rollte
von André GörkeVor 30 Jahren rollte die Tour de France durch Berlin - oder genauer: 106 Kilometer durch West-Berlin. An die Szenen in der Innenstadt können sich viele gut erinnern. Die Tour de France rollte auch durch Spandau. Lesen Sie hier Auszüge aus dem Tagesspiegel-Archiv, als Kladow und Gatow komplett abgeriegelt waren.
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Die Ankündigung: BVG-Fähren im 30-Minuten-Takt über den Wannsee
"Am 2. Juli wird aus Anlass der Tour de France und der Verkehrsunterbrechung nach Gatow/ Kladow der Schiffsverkehr zwischen Kladow und Wannsee sowie Spandau/Lindenufer wesentlich verstärkt. Das Fahrgastplatz-Angebot werde stündlich verdoppelt (auf 1200 Personen). Der Schiffsverkehr Kladow-Wannsee werde im 30-Minuten-Takt abgewickelt." Außerdem gab es damals einen "Liniendienst Kladow-Spandau-Lindenufer" ("pro Schiff 260 Personen").
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Klagen aus Spandau gegen die Komplettabriegelung
Es waren aber längst nicht alle begeistert. Im Süden Spandaus gab es wütende Anwohner, weil Gatow und Kladow drei Stunden abgeriegelt waren. Im Vorfeld der Etappe berichteten wir: "Ein Rechtsanwalt Geulen hat im Auftrag von sieben Bewohnern in Gatow/Kladow beim Verwaltungsgericht den Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen die Durchführung der Tour de France am 2. Juli im Bereich Kladow/Gatow beantragt." Dieser Bereich werde für mehrere Stunden vollständig für den Verkehr gesperrt. Der Rechtsanwalt teilte mit, "dass unter den Antragstellern vier Ärzte sind, die befürchten, dass wegen der Abriegelung eine ärztliche Versorgung besonders in lebensbedrohlichen Situationen nicht möglich sein wird." Konter der Veranstalter: Berlin sei nicht "Kleinkleckersdorf". Es wurde aber ein Notfahrdienst mit 20 Kleinbussen eingerichtet.
Berlin-Neukölln, 1987.
Berlin-Neukölln, 1987.
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Die Strecke: Wedding, Reinickendorf, Rohrdamm ...
Schließlich war der Tag gekommen. Die Tour de France rollte durch alle zwölf Bezirke, heißt: durch alle zwölf Alt-Bezirke. Start war um 9 Uhr 30 vor dem sowjetischen Ehrenmal auf der Straße des 17. Juni. Hierfür wurde die Entlastungsstraße von 8 Uhr an gesperrt. Die Streckenverlauf sah so aus: "Die Strecke führt dann 106 Kilometer über den Weddinger Leopoldplatz, den Reinickendorfer Waidmannsluster Damm und den Charlottenburger Rohrdamm zur Havelchaussee. Über Wannsee zieht die Tourkarawane dann die Potsdamer Chaussee in Zehlendorf entlang und erreicht den Steglitzer Kreisel. Durch Lankwitz geht's dann zum Britzer Damm, die Hermannstraße hinauf und über die Yorckstraße dem Ziel am Rathaus Schöneberg entgegen (...) Am Ziel um das Schöneberger Rathaus werden die Dominicusstraße ab Hauptstraße und die Martin-Luther-Straße zwischen Haupt- und Grunewaldstraße fast den ganzen Tag über gesperrt.
.... Heerstraße, Ritterfelddamm, Kaiserdamm
Nach dem Kompromiss zwischen dem Polizeipräsidenten und sieben Bürgern aus Kladow und Gatow kann auch die 2. Halbetappe von 15 Uhr an wie geplant stattfinden. (...) Die Räder der Profis werden auf der Heerstraße nach Gatow und Kladow rollen und dann über Kaiserdamm und Lietzenburger Straße dem Ziel am Rathaus Schöneberg entgegensteuern."
Heerstraße Ecke Pichelsdorfer Straße (quasi am heutigen Curry-Pilz). Hier stand bis 1958 eine Verkehrssäule. Es gibt Ideen, diese wieder aufzubauen.
Foto: ArchivDie Verkehrssäule wurde 1937 eröffnet. Der Bus fährt gerade in die Pichelsdorfer Straße. Der Fotograf steht an der Kante der Heerstraße.
Foto: privat/Archiv1975 war Baubeginn (20 Mio D-Mark), im Herbst 1980 war dann Eröffnung der neuen Postzentrale in Spandau - siehe Foto. Dort entstehen 2018 Neubauten.
Foto: Tsp-ArchivDas Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.
Foto: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG/Sigmar WeberDer Fernbahnhof Spandau, 1990. Heute halten hier S-Bahnen, das Bahnhofsgebäude wird anders genutzt.
Foto: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG/Sigmar WeberZu sehen ist der Fernbahnhof Berlin-Spandau in den 90ern, heute: S-Bahnhof Stresow. Rechts der alte S-Bahnsteig, in der Mitte der IC/EC mit Diesellok (vermutlich aus Hamburg), hinter dem Baum ist der Rathausturm zu erkennen. Haben auch Sie historische Spandau-Fotos, die nicht verstauben sollen auf dem Dachboden? leserbilder@tagesspiegel.de
Foto: André GörkeZwei Bahnsteige? Das ist der alte Hauptbahnhof Spandau, heute bekannt als S-Bahnhof Stresow. Das Foto entstand im Sommer 1979. Der Zug kommt aus "Spandau West", rollt nach nach Beusselstraße via Siemensstadt-Fürstenbrunn und Jungfernheide (Danke für den Leserhinweis!). Sie haben auch alte Fotos? Wir freuen uns über Mails an berlin@tagesspiegel.de.
Foto: Bart van't Grunewold - https://www.flickr.com/photos/bartgrunewold/Gefunden auf dem Dachboden: Der alte Fernbahnhof in Berlin-Spandau, fotografiert Mitte der 90er. Von hier ging es nach Hamburg oder mit dem Eurocity gen Süden ("etwa 40 Min später"). Die rumänische Reichsbahn-Lok hatte den Spitznamen "U-Boot". Heute verlaufen hier die ICE-Gleise.
Foto: André GörkeDer Fernbahnhof Berlin-Spandau in den 90er Jahren. Links der verwaiste Bahnsteig (die S-Bahn fährt hier schon lange nicht mehr), darauf eines der markanten Stellwerk. 1997 wurde der Bahnhof abgerissen, die neue Station "Stresow" entstand.
Foto: André GörkeZeppelinstraße, 30er Jahre.
Foto: ImagoUnd auch diese Postkarte von der Zeppelinstraße ist schon einige Jahrzehnte alt.
Foto: TspDas ist doch ... der Jungfernheideweg am U-Bahnhof Siemensdamm. Gefunden im Tagesspiegel-Archiv, von 1982.
Foto: TspJuli 1983. Ein Weg am Havelufer. In Spandau ist ein neuer Grünstreifen fertiggeworden, der bis zur Dischingerbrücke führt. Zugänglich ist er nur von der Straße am Stabholzgarten aus. Später soll der Spaziergang bis zum Ziegelhof möglich sein.
Foto: Tsp ArchivApril 1971. Fotofund im Tagesspiegel-Archiv. Die erste Kindertagesstätte für die Neubausiedlung Heerstraße Nord wird eröffnet - sie entstand am Pillnitzer Weg 6.
Foto: TspDie alte Freybrücke, dargestellt auf einer Postkarte in den 30er Jahren.
Foto: ImagoMärz 1983, Alt-Pichelsdorf. Das Restaurant (heute "Büdnerhaus") vor dem Neubau. Sieht heute genau so aus, nur die Sträucher sind höher.
Foto: Tsp-ArchivAltstadt Spandau, Oktober 1965. Das neue Hertie-Kaufhaus in der Carl-Schurz-Straße wird eröffnet. Heute ist hier alles Fußgängerzone.
Foto: Tsp ArchivGatow, 1900. Dieses Foto zeigt die heutige Gatower Straße - die Häuser rechts stehen noch: das Fachwerkhaus etwa und die ehemalige Post dahinter. Die Straße allerdings ist besser. Das Bild haben wir dem Buch "Spandau bei Berlin in alten Bildern" (Sutton Archiv, 2016) entnommen.
Foto: promoStaaken, 1980. Das Buch zeigt aber nicht nur ganz alte Aufnahmen, sondern auch wenige Ausgewählte aus der jüngeren Vergangenheit - wie dieses von der Grenzkontrollstelle in Staaken, die bis 1982 auch von Radfahrern genutzt werden durfte. Das Bild haben wir dem Buch "Spandau bei Berlin in alten Bildern" (Sutton Archiv, 2016) entnommen.
Foto: promo30er Jahre, Spandau, Jüdenstraße. Das Fachwerkhaus und der Baum dahinter stehen heute noch.
Foto: ImagoSchönen Gruß aus Hohen-Gatow! Eine Postkarte aus der Vergangenheit. Wenn wir uns nicht täuschen, müsste es sich um die Anlagen am Waldschluchtpfad handeln.
Foto: ImagoHeissa, die U-Bahn ist da! Eröffnungsfete im Herbst 1984 (sogar Kanzler Kohl ist gekommen). Das Foto haben wir Tagesspiegel-Altarchiv gefunden.
Foto: TspNa, wo stand 1976 dieses neue Ding? Genau, in Kladow. Das DED-Haus ist aber schon wieder abgerissen.
Foto: TspGatow, 1981. Hier an der Ecke, wo es runter geht zur Badestelle an der Havel, stand mal eine Tankstelle.
Foto: Tagesspiegel-Altarchiv.Staaken, 1955. Westberliner am Kontrollpunkt Staaken auf dem Weg zu dem im Osten gelegenen Friedhof, aufgenommen am 12.11.1955.
Foto: dpaSpandau, 1930. Unten rechts noch mit alter Straßenführung durch die Altstadt vor dem Rathaus (mit Türmchen).
Kladow, Finnhaussiedlung, ca. 1960. Diese Postkarte verdanken wir dem Fundus von Tagesspiegel-Leser Gerhard Bertling. Beachtenswert ist der Bewuchs - heute ist hier alles Grün, voller Bäume.
Foto: privatSpandau, Schönwalder Straße, 1900. Erkennen Sie die Ecke wieder? Auf unsere Frage haben sich viele Tagesspiegel-Leser gemeldet. Einhellige Meinung: "der Bismarckplatz". Wir sagen Danke.
Foto: ImagoSpandau, 1965. Die neue Umgehungsstraße ist fertig (links), aber noch rollt der Verkehr durch die Altstadt (Breite und Carl-Schurz-Straße). Das "Hertie"-Kaufhaus ist gerade im Bau. Statt zehn Fahrspuren gibt es nur fünf vor dem Rathaus. Das Bild haben wir dem Buch "Spandau bei Berlin in alten Bildern" (Sutton Archiv, 2016) entnommen.
Foto: promoDer Bahnhof Spandau, 1914. Das Stellwerk befand sich an der Seegefelder Straße (rechts) Ecke Klosterstraße. Der Bahnhof hieß "Spandau West"; der heutige Bau entstand ab Mitte der 90er. Das Bild haben wir dem Buch "Spandau bei Berlin in alten Bildern" (Sutton Archiv, 2016) entnommen.
Foto: promo+++
Das Rennen: "Mit Klappstühlen und Stullen an der Kladower Kurve"
Tagesspiegel-Kolumnist Ekkehard Schwerck (Kürzel: -erk) machte sich am Tag des Rennens auf den Weg nach Kladow und stellte sich an die Strecke. Lesen Sie hier einen Bericht, der im Tagesspiegel erschienen ist mit der Überschrift "Mit Klappstühlen und Stullen an der Kladower Kurve".
"Die durchaus betagte Frau aus Nikolassee hatte am Vormittag die 1. Etappe der Tour de France an der Wannseebrücke gesehen, aber; "pfft-pfft, da waren die schon vorbei". Deswegen wollte sie sich nachmittags in Kladow die 2. Etappe im Mannschaftszeitfahren ansehen. Ein Mann mit Filmapparat und Klappstuhl hatte vormittags Pech mit dem Apparat, der streikte, nun also nach Kladow, um fotografisch in der 2. Etappe einen zweiten Anlauf zu machen. Beide waren auf der BVG-Fähre Wannsee/Kladow, die gestern Tour-bedingt alle halbe Stunde fuhr und zwar immer mit sehr vielen Passagieren.
"Die Feuerwehr spritzte den Staub vom Ritterfelddamm"
Nach dem Tour-Zeitplan sollten die Radler in Alt-Kladow in die Rennkurve Ritterfeld- und Kladower Damm um 15 Uhr 24 sausen; die unvermeidliche "Werbekolonne" schon eine Stunde eher. Gegen 12 Uhr mittags hatte der Alt-Kladower Kontaktbereichsbeamte schon Posten bezogen, gab unermüdlich Auskünfte darüber, daß von 14 Uhr an hier kein Auto mehr fahren dürfe, die BVG-Busse dann und dann aufhören zu rollen.
1987 - ab über den Kaiserdamm.
1987 - ab über den Kaiserdamm.
Ein altes Ehepaar hatte sich unter hohen Bäumen bei der Kurve auf einer Parkbank eingerichtet, packte Stullenpakete aus und eine Thermoskanne mit Kaffee: "Hier sitzen wir richtig". Ein libanesischer Medizinstudent hatte die Aufgabe, die großen Plastikpolster in der Kurve und an Laternenpfählen aufzureihen für den Fall der Fälle. Auch diese Plastikdinger tragen Werbeaufschriften. Der Student hatte sie aber so aufgereiht, daß die Aufschriften nicht zu sehen waren. Später kam ein Tour-Kommando, das die Schrift wieder ins Blickfeld setzte ...
"Frenetisches Klatschen, als der Postbote vorbeiradelte"
Polizeiwagen rollten an, Beamte wurden an ihre Plätze gestellt, Feuerwehr kam, nahm Aufstellung und montierte auf dem Spritzenwagen ein Stativ. Dann ein Polizeiwagen mit Lautsprecherdurchsage, 13 Uhr 53,: "Bitte keinen Gegenverkehr mehr zulassen". Der letzte BVG-Bus spie Fahrgäste aus. Allmählich strömten Schaulustige herbei mit Klappstühlen, mit Kind und Kegel und einige auch mit Stullenpaketen. Die Rennkurve war an ihren Rändern dicht bevölkert. Die Feuerwehr fegte Staub von der Kurve, ein Postradler kam und wurde frenetisch beklatscht, er dankte hoheitsvoll und schwenkte in den Angerbereich ein. Eine Autofahrerin wurde nicht mehr Richtung Ritterfelddamm gelassen, mußte wenden und machte deutliche Mundbewegungen "die keine frommen Sprüche bedeuten", wie einer ihre Lippenbewegungen las.
Und dann kam der Tross angeschossen
Nun fiel gegen 13 Uhr 30 wie ein Donnerwetter die Werbekolonne mit unsäglichem Lärm in die Kladower Ortsmitte ein. Und hatte die Feuerwehr soeben die Straße gefegt, so wurde sie nun mit Bonbons und unaufgeblasenen Luftballons übersät. Als der Lärmtrupp mit Gehupe und Getröte endlich vorbei war, auch die Werber von "France Soir" sich mit den - von einem als Drohung gedeuteten - Gruß "Auf Wiedersehen, bis nächstes Jahr" verabschiedet hatten, klaubten die Kladower die Bonbons und 1 Ballons von der Straße. Es war eine fidele Stimmung, auch ohne Freßbuden und Bierstände. Und wie man so wandelte, plauderte und wartete, preschte um 15 Uhr 07, kaum einer hatte sie nahen sehen, die Vorhut der Radler heran, pfiff um die Kurve und war weg, ehe sich alle Hälse hatten recken können - sie kamen 17 Minuten eher als im Programm stand."
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Die Bilanz: Gelassenheit - und 40 Fahrgäste im Notverkehr
Und dann war das Spektakel in Spandau auch schon wieder vorbei. In einer Bilanz stand später im Tagesspiegel: "Die mehrstündige Abriegelung von Gatow und Kladow wurde von der dortigen Bevölkerung nach unseren Beobachtungen mit Gelassenheit hingenommen. Lediglich 40 Personen nutzten den von der Polizei eingerichteten "individuellen Notverkehr" mit 24 Fahrzeugen, um die beiden Ortsteile zu verlassen. Sie wurden auf Waldwegen und Nebenstraßen zur Heerstraße gebracht, wo BVG-Busse bereitstanden. Die Transportservice-Benutzer waren laut Polizei meist Bewohner mit dringenden Arztterminen oder Fluggäste, die ihre Maschine in Tegel erreichen wollten. Einige, darunter drei Ärzte, seien auf dem Weg zur Arbeit gewesen, hieß es."
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Immer dienstags: Unser Tagesspiegel-Newsletter für Spandau
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