Preußisches Arkadien : Die Sehnsuchtsorte des Gartenkünstlers
von Andreas ConradBreite Alleen, schön und gut, sie sind in städtischen Parks wohl unvermeidlich. Man will ja nicht nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden. Aber „wie viel angenehmer sind nicht die gekrümmten Gänge der Naturgärten, durch welche man nicht nur den Raum besser benutzt, sondern auch den Plan des Ganzen nicht übersehen kann und fast jeden Schritt etwas Neues erblickt!“ So betonte immer wieder der „Buddel-Peter“, wie Peter Joseph Lenné von den Berlinern angesichts seiner nachhaltigen Grabetätigkeit gerne mal genannt wurde. Man muss hier nicht weit suchen, um sich sein gartengestalterisches Credo vor Augen zu führen, es sich Schritt für Schritt zu erlaufen. Man spaziere nur gemütlich durch den Großen Tiergarten, abseits der Straße des 17. Juni, die schon zu Lennés Zeiten, nebst anderen schnurgeraden Alleen, als Charlottenburger Chaussee das frühere kurfürstliche Jagdrevier durchschnitt. Man beschreite die geschwungenen Wege, verweile an den stillen Gewässern, halte wohl auch inne und gedenke des Herren Peter Joseph Lenné.
Nicht der einzige Vater des Großen Tiergartens, aber doch der, welcher ihm sein heutiges Gepräge gab, der die barock-pfeilgeraden Alleen seines Vorgängers Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff mit einem lockeren Wegegespinst im Stile des Englischen Landschaftsgartens umwob. Am 29. September 1789, an diesem Montag vor 225 Jahren, wurde er in Poppelsdorf bei Bonn geboren, am 29. Januar 1866 ist er in Potsdam gestorben und dort auf dem Bornstedter Friedhof, liegt er auch begraben, Seite an Seite mit seiner Frau.
Peter Joseph Lenné (Gemälde von Karl Joseph Begas d. Ä., um 1850)
Peter Joseph Lenné (Gemälde von Karl Joseph Begas d. Ä., um 1850)
Friederike hieß sie, nicht Karoline – das gibt einen ersten Einblick in Lennés selbstbewussten Charakter. Letztere war die Tochter des Potsdamer Gartendirektors Johann Gottlob Schulze, und es war üblich, dass Lenné als Untergebener und avisierter Nachfolger sich diese als Ehefrau erkor. Aber nicht mit ihm! Tradition hin, Brauch her – die Tochter des Hofgärtners Joachim Voß war Lenné lieber.
Auch gegenüber den Majestäten, unter denen Lenné seine Garten- und Landschaftskunstwerke entwerfen und verwirklichen durfte, schreckte er vor Sottisen, die man ihm leicht hätte übelnehmen können, nicht zurück: „Eure Majestät begreifen immer noch nicht das Geniale meiner Idee!“, soll er Friedrich Wilhelm IV. entgegnet haben, als dieser an Plänen zur Umgestaltung des Parks von Sanssouci nicht gleich Gefallen fand. Erboste Reaktionen? Es sind keine bekannt. Unter drei preußischen Königen hat Lenné gewirkt: Friedrich Wilhelm III., ein ziemlicher Knauserich, der die Pläne zur Umgestaltung des Großen Tiergartens erst wegen zu hoher Kosten ablehnte, so dass Lenné ihm mit Teilplänen austricksen musste; Friedrich Wilhelm IV., dem er ein preußisches Arkadien entwerfen durfte; und zuletzt Wilhelm I., aber da war Lenné schon alt, führte nur noch private Projekte aus, zog sich allmählich zurück.
Blütenpracht auf der Pfaueninsel.
Foto: Thilo RückeisAuch die Pfaueninsel wurde von Lenné gestaltet.
Foto: Thilo RückeisDie Fontäne markiert den höchsten Punkt der Pfaueninsel.
Foto: Thilo RückeisDie Löwen von Glienicke.
Foto: ImagoPreußisches Arkadien in Glienicke.
Foto: ImagoPeter Joseph Lenné (Gemälde von Karl Joseph Begas d. Ä., um 1850)
Foto: WikipediaChrista Hasselhorst: Peter Joseph Lenné - Vom Erschaffen der Landschaft". Edition Braus, Berlin. 144 Seiten, 140 Farbabbildungen, 39,95 Euro (www.editionbraus.de)
Foto: promoDie sanft geschwungenen Teiche und Wasserwege im Berliner Tiergarten sind Lennés Markenzeichen.
Foto: Leif Karpe (aus dem Buch "Joseph Peter Lenné" von Christa Hasselhorst, Edition Braus)Das Chinesische Haus im Park von Sanssouci.
Foto: SPSG/Hans Bach (aus dem Buch "Peter Joseph Lenné" von Christa Hasselhorst, Edition Braus)Morgennebel über dem Teich zwischen Schloss Charlottenhof und den Römischen Bädern in Potsdam.
Foto: SPSG/Hans Bach (aus dem Buch "Peter Joseph Lenné" von Christa Hasselhorst, Edition Braus)Der Schlosspark Charlottenburg mit dem Belvedere.
Foto: Foto: SPSG/Hans Bach (aus dem Buch "Peter Joseph Lenné" von Christa Hasselhorst, Edition Braus)Ein schaffens- und anekdotenreiches Leben, in dem der Spross einer Rheinländischen Gärtnerfamilie zum königlichen Gartengeneraldirektor und Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Künste aufstieg. Die Kulturjournalistin Christa Hasselhorst hat es rechtzeitig zum Jubiläum des preußisch-grünen Zaubermeisters in einem üppig und überaus ansehnlich illustrierten Band gefeiert. Es sei „kein weiteres wissenschaftliches Werk“, sondern eines, „mit dem Menschen für Lennés zahlreiche grüne Kunstwerke begeistert werden sollen“, wie die Autorin zutreffend schreibt, die nach einer knappen Einführung in Lennés Leben 38 von ihm gestaltete Park- und Gartenanlagen vorstellt. Berlin ist mit dem Schlosspark Charlottenburg, der Pfaueninsel, Klein-Glienicke und dem Tiergarten vertreten, Potsdam mit Sanssouci, dem Neuen Garten, Babelsberg, das übrige Brandenburg mit acht weitere Grünanlagen. So ist das Buch eine schöne Anleitung zum Entdecken wenig bekannter Lennéscher Werke wie etwa des Parks von Schloss Marquardt bei Potsdam, der als „arg verwildert“ beschrieben wird. Wie mahnte schon Lenné? „Nichts gedeiht ohne Pflege und die vortrefflichsten Dinge verlieren durch unvernünftige Behandlung ihren Wert.“
Christa Hasselhorst: Peter Joseph Lenné – Vom Erschaffen der Landschaft. Edition Braus, Berlin. 144 Seiten, 140 Abbildungen, 39,95 Euro
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.
Foto: Kitty Kleist-HeinrichNeukölln, Ortsteil Rudow. Von oben nach unten sausen? Geht hier im Süden Berlins immer. Hier gibt es nicht nur Hochhäuser, sondern auch die "Rudower Höhe" und den hübschen Berg "Dörferblick" (eine alte Mülldeponie aus den 50er Jahren mit bestem Blick nach BER). Das Bauwerk, auf dem Wowereit gerade zur Freude der Kinder langfährt, gehört nicht dazu. Apropos Bewegung: Hier endet ja die U7, von dort geht es - irgendwann mal - fix zum BER mit dem Schnellbus. Was wir gelernt haben: Hier hielten sogar in den 50ern noch ganz normale Züge. Am Rhodeländerweg Ecke Groß-Ziethener Chaussee befand sich der Bahnhof (Bahn-Liebhaber sagen: das alte Haus des dortigen Baumarkts ist der Bahnhof ....). Und was macht die Prominenz? Na, die gibt's reichlich. Heinz Buschkowsky, Arno "Dagobert" Funke und Christian Ziege lassen schön grüßen!
Foto: ImagoNeukölln, Ortsteil Buckow. Waren wir da nicht da eben? Nein, das war Rudow (das so mancher ja schon mal so gern verwechselt wie Kladow/Gatow oder Marienfelde/Mariendorf). Die Buckower - und von denen gibt es immerhin 40.000! - leben in einem kuriosen Berliner Ortsteil: Er ist nämlich in zwei Abschnitte (Ost und West) unterteilt, weil die Gropiusstadt 2002 ausgegliedert worden ist. Legendär ist hier vor allem Werner Mette: Herr Mette ist Landwirt und veranstaltet hier das Strohballenfest, was etwas piefig klingt, aber genau deshalb ein Riesenspaß sein kann.
Foto: ImagoNeukölln, Ortsteil Britz. Zugegeben, wir etwas jüngeren West-Berliner erinnern uns natürlich nur an den, pardon!, heißesten Scheiß unserer Schulzeit: das BLUB! Das "Berliner Luft- und Badeparadies" mit Wellenbad, Grotten und allem Pipapo an der Buschkrugallee war in den 80ern bei jedem Kindergeburtstag der Knaller. Leider zog es auch Ratten und andere ungebeten Gäste an, deshalb wurde es nach 20 Jahren geschlossen. Je älter wir wurden, desto mehr entdeckten wir andere, ja, erwachsenere Orte in Britz: Dorfkirche, Schloss Britz (2011 ging es nach vier Jahren Bauzeit wieder in Betrieb), natürlich den Britzer Garten. Der wurde 1985 als Bundesgartenschau angelegt, aber wie gesagt - damals interessierten wir uns noch für andere Dinge in Britz.
Foto: Kitty Kleist-HeinrichNeukölln, Ortsteil Gropiusstadt. Unsere kleine, 96-teilige Reise führt auch in den Süden, zu einem ganz besonderen Berliner Ortsteil: Gropiusstadt. Die Hochhäuser, das Einkaufscenter und all die Geschichten kennt jeder und sieht auch jeder, der in Schönefeld landet. Aber wie sieht's von drinnen aus? Wir blicken hier aus einem der Hochhäuser gen Südwesten, auf Heide und Hügel (in diesem Fall eine alte Mülldeponie). Dahinter ist auch schon Großziethen zu erkennen. Wir sagen's ja immer: Berlin ist einfach schön grün. Man muss nur mal die Augen aufmachen.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Siemensstadt. Zehntausende arbeiteten hier früher, doch der Arbeiterstadtteil ist manchmal etwas in Vergessenheit geraten. Die S-Bahntrasse ist stillgelegt (aber immerhin ein spannendes Ausflugsrevier), so manche Industrieanlage verwildert, statt der Siemens-Arena entstand die O2-World in Friedrichshain. Und doch tut sich hier was: Die Großsiedlung Siemensstadt ist schön saniert und gehört zum Unesco-Erbe. Der SC Siemensstadt behauptet sich tapfer gegen die Großvereine. Es gibt neue Einkaufszentren und auch neue Industrieanlagen. Und wenn der Flughafen Tegel stillgelegt ist, könnte die alte S-Bahntrasse ja den neuen Stadtteil erreichen ... einen schönen Überblick hat man vom 71 Meter hohen Siemensturm.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Kladow. Jetzt sind wir ganz im Spandauer Süden angekommen, einem Ortsteil, den viele "Tagestouristen aus der Stadt", wie Kladower sagen, vor allem mit der BVG-Fähre aus Wannsee erreichen. Es gibt eine Dorfkirche, einen Dorfplatz und trotzdem hat dieser Ortsteil immerhin 15.000 Einwohner. Und es werden mehr. Auf dem Flugplatz Gatow entstehen viele hundert Häuser, ein Landschaftspark ist in Planung, wie wir im Juli 2014 berichtet haben. Wer hier draußen wohnt, schätzt auch die Nähe zu Potsdam . Hier im Bild: der erneuerte Hafen am Havel-Ufer mit der vorgelagerten Insel Imchen (rechts), wo übrigens Wildschweine schon mal ihren Nachwuchs zur Welt bringen (Das Betreten der Insel ist streng verboten!). Wer nie hier war: Hinfahren, am Hafen gibt's zwei, drei Ausflugslokale. Die sind okay.
Foto: ImagoSpandau, Hakenfelde. Wir sind hier ganz oben im nicht immer ganz einfachen Spandau. Wir empfehlen: einen Besuch der Insel Eiswerder, über die alte Stahlbrücke, wo ein Investor Großes vorhat (nicht immer zur Begeisterung der Anwohner). Der Spaziergang führt zu alten Industriearealen, wo einst die West-Berliner Senatsreserve lagerte, über die Havel, rüber zur Wasserstadt - die noch größer werden soll. Lust auf weitere versteckte Ausflugsziele? Dann ab nach Eiskeller (aber nur im heißen Sommer), zur Autofähre nach Tegelort, zu den Laubenpieper-Exklaven zu Mauerzeiten und weiter nach Johannesstift, wo man die Spuren der alten Straßenbahnen noch im Asphalt sieht. Hier in Hakenfelde fuhr ja auch 1967 die letzte West-Berliner Straßenbahn (zum Zoo).
Spandau, Ortsteil Gatow. Das erste, was die Queen von Berlin sah - Gatow war britische Zone - , war dieses hübsche Dorf im Südwesten der Stadt. Denn hier befand sich der Flugplatz Gatow, der allerdings seit 1995 nicht mehr in Betrieb ist und außerdem zu Kladow gehört. Gatow, rund 3700 Einwohner, hat mehr zu bieten: die alte Villa Lemm, wo der britische Stadtkommandant lebte, die Restaurants an der Havel, auch die Riesenfelder sind bekannt und der islamische Friedhof. Und natürlich dieses pompöse Bauwerk, die Bockwindmühle (nahe dem riesigen Sportplatz des SC Gatow). 2008 wurde sie aufgebaut, zur Feier kam - der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Wem es zu dörflich ist: Der Schnellbus fährt fix zum Bahnhof Zoo.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Falkenhagener Feld. Ein eher schwieriges Viertel, seit vielen Jahren schon; in den 60ern entstand hier am Waldrand eine der West-Berliner Großsiedlungen mit all ihren Problemen. Es gibt aber Bürgerinitiativen und ein gutes Quartiersmanagement. Noch leiden viele im Ortsteil auch unter dem Fluglärm - wer in Tegel startet, donnert hier nämlich rüber. Mal abgesehen vom stadtweit bekannten Waldkrankenhaus und dem idyllischen Friedhof in den Kisseln (mit dem Grab des Tierpflegers Thomas Dörflein) ist vielen noch das Spektefeld ein Begriff. "Spekte", so hieß er hier einst ein Bach, der in die Havel mündete und später versandete. Ist auch so eine ganz hübsche Grünanlage.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Spandau. Das Rathaus kennt jeder, die Arcaden (anstelle des ollen Güterbahnhofs), die Altstadt, Florida Eis, die BMW-Motorräder, Hobby Schult, den Weihnachtsmarkt und natürlich den Spandauer SV (Der kickte in den 70ern sogar mal in der Zweiten Liga und verlor gegen einen später nicht unbekannten Club wie Borussia Dortmund nur 0:3 im Westfalenstadion). Und viele kennen natürlich den ICE-Bahnhof, der das längste Bahnhofsdach in ganz Deutschland hat. Übrigens ein Werk der GMP-Architekten (siehe auch BER).
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Staaken - und zwar ganz oben: in 87 Metern Höhe. Auf dem Schutthügel am Rand der Großsiedlung steht die Bruno-H.-Bürgel-Sternwarte, die jeder Spandauer Schüler schon mal besichtigt haben dürfte. Wunderbar ist's hier oben: Hinten das große, ferne Berlin, vorn die Hochhaussiedlungen, die Lauben, das Fort Hahneberg (das schon Hollywood faszinierte), die Wälder Brandenburgs. Hier konnte man früher auf den Mauerstreifen gucken und den Grenzübergang, den viele nutzten, wenn sie nach Hamburg oder Hannover wollten über die B5. Beliebt ist der Berg vor allem bei Rodlern oder Vätern, die Drachsteigen gehen mit ihren Kindern.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Haselhorst. Müssen wir dieses Bauwerk noch vorstellen? Nein, das dürften sogar die Berliner kennen. In Haselhorst befindet sich das bekannteste Spandauer Wahrzeichen - die Zitadelle. Und zwei nicht ganz unbekannte Unternehmen haben hier ihre Berliner Heimat: Die Wall AG etwa oder auch das BMW-Motorradwerk. Daneben stand übrigens viele Jahre ein kleines, nein!, großes Kuriosum: das Spandauer Tor. Es entstand in den 90ern mit vielen, vielen Etagen und noch mehr Glas und war Berlins größte Bauruine - nach 20 Jahren Stillstand wurde der Bau, der nie genutzt wurde, wieder abgerissen.
Foto: ImagoSpandau, Ortsteil Wilhelmstadt. Erinnert der wirklich an Kaiser Wilhelm? Ja, wirklich, seit über 100 Jahren. Ein spannender Ortsteil, an der Havel gelegen, zwischen Industrie, Armut, wunderschöner Natur (die Tieferwerder Wiesen) und bester Wasserlage: an der Scharfen Lanke. Dort, in Pichelsdorf (nicht zu verwechseln mit Pichelsberg, das liegt in Westend), kann man gut essen und noch viel besser spazieren. Wo früher die Briten shoppen oder ins Kino gingen (und sich einst das Kriegsverbrechergefängnis befand), kehrt langsam neues Leben ein im einstigen "Britannia Centre". Und wer den alten Weinhang an der Haveldüne hinter sich gelassen hat, entdeckt vielleicht den Jaczo-Turm im Wäldchen. Ein Türmchen mit Geschichte.
Foto: ImagoKreuzberg-Friedrichshain, Ortsteil Friedrichshain. „Keiner ist gemeiner als der Friedrichshainer“: Ein uralter, einst abschätziger Spruch über die Arbeiter da oben, heute eher eine kernige Liebeserklärung. Friedrichshain (120.000 Einwohner) ist gar nicht so alt. Seinen Namen verdankt der Ortsteil seinem Volkspark, dem ältesten Berlins - mittendrin: der Märchenbrunnen. Denn der Friedrichshain wurde einst zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs des Großen geplant und 1846 von Arbeitslosen angelegt. Als dann 1920 alle möglichen Dörfer, Gutsbezirke und Städte nach Berlin eingemeindet wurden, übernahm man auch den Namen „Friedrichshain“, wie der Friedrichshainer Geschichtsverein schreibt.
Foto: Kitty Kleist-HeinrichFriedrichshain-Kreuzberg, Ortsteil Kreuzberg. Da ist dieses kleine Schildchen im U-Bahnhof Platz der Luftbrücke: Es erinnert an den historischen Bahnhofsnamen. Denn von 1926 bis 1937 hieß dieser U-Bahnhof "Platz der Luftbrücke" - genau! - "Kreuzberg". Was hier passiert, hat oft stadtweite Bedeutung - und deshalb schaut der Tagesspiegel etwas genauer hin in unserem Kreuzberg-Blog. Ach, Kreuzberg wäre sogar mal fast in der Zweiten Fußball-Bundesliga gelandet
Foto: Kai-Uwe Heinrich
Reinickendorf, Ortsteil Wittenau. Hier ist es ist an vielen Stellen so wunderbar geheimnisvoll wie im Märchenland, vor allem in der alten Cité Foch - der Siedlung der französischen Soldaten. Ab den 50ern gebaut, von der Architektur der 70er geprägt, ist dieses Viertel an vielen Stellen verwaist. Früher lebten hier tausende Menschen, gingen zur Schule, ins Kino, ins Einkaufszentrum, ins Hallenbad ... vorbei. Im Sommer 1994 zogen die Alliierten ab. Es blieben viele Erinnerungen und die markanten blau-weißen Straßenschilder wie in Frankreich - Lust auf ein paar Bilder aus dem Berlin der West-Alliierten?. Der Ortsteil wird immer kleiner: Bis Ende der 90er gehörte das Märkische Viertel zu Wittenau und bis 2012 auch Borsigwalde. Sie sind jetzt eigenständige Reinickendorfer Ortsteile. Bekannt ist der Ortsteil auch durch das alte und sehr große Karl-Bonhoeffer-Klinikum.
Foto: ImagoReinickendorf, Ortsteil Konradshöhe, am Ufer der Havel in Reinickendorf. Mini-Ortsteil mit 6000 Einwohner - darunter einst auch Matthias "Verdammt, ich lieb' dich" Reim - und einigen Besonderheiten: Tegelort etwa liegt nicht im Ortsteil Tegel, sondern in Konradshöhe. Von hier legt die Autofähre nach Spandau ab (Ortsteil: Hakenfelde). Bis in die 50er fuhr man mit der Straßenbahn hierher. 1961 erhielten übrigens fast alle Straßen hier in Tegelort Mädchennnamen. Und kennen Sie schon die Geschichte von Frau Krössin, der Igel-Retterin aus Konradshöhe? Hier ist ihre Geschichte.
Foto: ImagoReinickendorf, ganz oben: im Ortsteil Frohnau. Noch so ein schöner Flecken Berlin (17.500 Einwohner), wie Tagesspiegel-Reporter Bernd Matthies schreibt, prima zu erreichen mit der S-Bahn. Wer übrigens aussteigt, sollte mal den Kopf heben: Am 30 Meter hohen "Casinoturm" am S-Bahnhof hängt ein Hirschkopf. Was es hier so zu sehen gibt? Tolle Häuser, viel Wald, Promis (von Hans Wall über Reinhard Mey bis hin zu Farin Urlaub von den Ärzten). Was es hier nicht mehr zu sehen gibt? Das zweithöchste Bauwerk Berlins, den fast 360 Meter hohen Sendemast aus den 70ern. Wurde 2009 gesprengt (hunderte Zuschauer waren damals dabei, wie hier berichtet haben). Da stand aber auch die Mauer nicht mehr, die West-Berlin vom Umland trennte.
Foto: ImagoReinickendorf, Ortsteil: Waidmannslust. Noch so ein Viertel (9000 Bewohner) voller Geschichte. Wahrzeichen ist die evangelische Königin-Luise-Kirche aus dem Jahr 1913, Namensgeber aber ist das Gasthaus "Waidmannslust", das sich einst im Wald (und heute am Waidmannsluster Damm 144) befand. Gegründet wurde das Gasthaus vom Förster namens Ernst Bondick. Nach dem wurde später eine Straße nahe dem S-Bahnhof (den es auch nur dank seiner Intervention gibt) benannt. Und an eben jener Bondickstraße 1 lag die stattliche, gut gesicherte, aber doch vernachlässigte Residenz des französischen Generals bis in die 90er Jahre. Reinickendorf war schließlich Zone der französischen Alliierten, 9000 Franzosen lebten im Bezirk.
Foto: ImagoReinickendorf macht rüber, hier im Ortsteil Tegel. Bundesweit bekannt durch JVA, TXL, aber Berliner wissen: Es ist viel hübscher hier. Die alte Tegeler Hafenbrücke, 90 Meter lang, entstand vor über 100 Jahren und führte rüber ins Ausflugsgebiet am Tegeler See. Früher musste man eine Gebühr zahlen, deshalb die stattlichen Kassenhäuschen an der Brücke. Auf der einen Seite die Wälder, das Gästehaus des Auswärtigen Amtes, das Schloss - auf der anderen Seite die Promenade, die Einkaufszone, das Feuerwehrmuseum. Und wer am S-Bahnhof ist, sollte einen Blick auf ein restauriertes altes Gebäude werfen, das in Frankreich bekannt ist: Vom einstigen Militärbahnhof Gare Française Tegel fuhren die französischen Soldaten bis in die 90er in die Heimat.
Foto: Doris Spiekermann-KlaasReinickendorf, Ortsteil Märkisches Viertel, kurz: MV (benannt nach der angrenzenden Mark Brandenburg). Nach dem Krieg lebten hier im Norden Berlins viele Menschen in erbärmlichen Hütten, seit den 60ern entstand die gewaltige Siedlung mit 17.000 Wohnungen. Bekannt ist das Hochhaus "Langer Jammer" (bis zu 18 Geschosse, 700 Meter lang), das vor einigen Jahren mit ein paar Eimern Farbe neu angestrichen wurde und seitdem angeblich "Champagner-Burg" genannt wird - behauptet die Gesobau (und spricht lieber von "Wohnhausgruppe 907"). Wer die Klischees weglässt, wird sich wundern: Die Realität dort ist besser als der Ruf. Viele Menschen wohnen dort gern und vor allem sehr lange. Paul Würdig ist einer der bekanntesten Anwohner gewesen, er schrieb als Rapper die Liebeshymne "Mein Block". Wir sind damals mit ihm durch seinen Kiez spaziert, haben Menschen getroffen, waren fasziniert vom MV.
Foto: Kai-Uwe HeinrichReinickendorf hat elf Ortsteile - ein besonderer ist Lübars (5000 Einwohner). Ulkig: Mit einem protzigen BVG-Doppeldecker ins verschlafene Dorf über Kopfsteinpflaster zu rumpeln: Pferde, Landwirtschaft, eine Uralt-Telefonzelle aus den 30er Jahren. Wer die alte West-Berliner Mülldeponie (85 Meter) erklimmt im Freizeitpark, sieht die Hochhäuser - das große Berlin ist weit weg. Lübars, da ist's fast wie Urlaub.
Foto: ImagoReinickendorf, Heiligensee. Das ist der - genau! - Heiligensee, Namensgeber des Ortsteils. Das Holzpodest steht versteckt an der Straßenbrücke zwischen Heiligensee und Havel. Was man hier so sieht? Keine Motorboote, die sind nur auf der Havel erlaubt. Und auch sonst ist's idyllisch. 17.000 Menschen leben hier, viele können sich an die Alliierten erinnern - die französischen Soldaten trainierten lautstark bis in die 80er Jahre in "Baumberge", einer Binnendünenlandschaft am Forst. Geologen schnalzen da mit der Zunge! Und sonst? Jeder Autofahrer kennt die "Schulzendorfer Straße", die allererste Berliner Autobahnabfahrt aus Rostock/Hamburg - Willkommen in Heiligensee!
Foto: ImagoReinickendorf, Borsigwalde - der jüngste Berliner Ortsteil (seit April 2012). Er gehörte früher zu Wittenau. Die Borsigwalder sind ein stolzes Völkchen (gut 6500 Einwohner). Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) wurde 1967 hier geboren. Was hier besonders ist? Zum Beispiel das Ortsteilwappen (so was hat ja übrigens auch nicht jeder). Es setzt sich zusammen aus dem Rad einer Dampflok und einem Baum. Diese erinnern an Borsig und den Wald. Der Entwurf stammt übrigens von Gerd Köhncke. Der Lohn: „Als Erinnerung und Preis wurden Herrn Köhncke das Wappenschild und ein Gutschein für ein Essen – natürlich in einem Borsigwalder Restaurant – überreicht.“ Mahlzeit!
Foto: Kitty Kleist-HeinrichBleiben wir kurz in Reinickendorf, nächster Halt: Ortsteil Hermsdorf. Hier gibt's Wald, See, Waldsee, und sogar Erich Kästner hat hier in den 60ern fünf Jahre gelebt. Und nicht nur der: Die Georg-Herwegh-Oberschule im Ort sollen Bengels wie Frank Steffel (CDU), Michael Sommer (Gewerkschafter) und Farin Urlaub (Die Ärzte) besucht haben. Berühmt (und unbedingt einen Ausflug Wert!) ist auch der legendäre "Entenschnabel" im Norden Hermsdorfs: Zu Mauerzeiten ragte eine ostdeutsche Straße (Am Sandkrug) einige hunderte Meter starr nach West-Berlin rein - umrahmt von Mauer, Todeszone, Scheinwerfern. Diese nur wenige Meter breite Streifen sah so aus wie ein, genau, Entenschnabel. Faszinierend dort.
Foto: Kai-Uwe HeinrichReinickendorf, Ortsteil Reinickendorf (7000 Bewohner). Liegt ganz im Süden des Bezirks, nah an Wedding, war früher - klar! - ein Dorf, ist heute aber der städtischste Ortsteil mit all den städtischen Problemen (und dann ist da ja noch die Einflugschneise des Flughafen Tegel). Interessant ist die Weiße Stadt (hier im Bild das "Laubenganghaus". Die Siedlung entstand in den 20ern, gehört heute zum Kulturerbe der Unesco. Eine Reportage finden Sie unter diesem Link.
Foto: Mike WolffMitte, Ortsteil Tiergarten. Hier sind wir am fast vier Kilometer langen - genau! - Tiergartentunnel, der bei herrlichem Frühlingswetter im März 2006 eröffnet worden ist, von Tiefensee und Wowereit. 45 Jahre fuhren die Berliner die ominöse "Entlastungsstraße" entlang durch den Tiergarten; seit 2004 heißt ein Teil davon Yitzhak-Rabin-Straße. Der Ortsteil ist voller prominenter Gebäude, die aber unfairerweise immer "Mitte" zugeordnet wären - egal, ob Reichstag oder Kanzleramt, die auf dem Areal des unter dem NS-Regime (... Germania) planierten Alsenviertels entstanden sind. Zu Tiergarten gehören auch der Stern samt Siegessäule (Loveparade, Fanmeile ff.) und auch der Zoologische Garten (nicht aber der Bahnhof, der liegt in Charlottenburg). Aber kurz zurück zum Tiergartentunnel: Es müsste eigentlich heißen - "zurück zu den Tiergartentunneln": Denn es sind drei Röhren: Fernbahn, Autoverkehr. Und seit August 2009 rollt hier unterirdisch auch die U55.
Foto: dpaMitte, Ortsteil Mitte. Eben waren wir noch im maritimen Hansaviertel, jetzt schon im maritimen Mitte. Gefühlt fließt hier alle paar Meter Wasser. Das Foto (ein Gruß an die maritime BSR in Seemannskluft) entstand an der Littenstraße, wo es bis 1960 eine Brücke gab, die Waisenbrücke - die aber kaputt und nie wieder aufgebaut worden ist. Von hier ist es nicht weit bis zum historischen Hafen (hinten im Bild) und all den Inseln: Fischerinsel, Museumsinsel. Und stehen Dom und das neue Schloss nicht in gewisser Weise auch auf einer Insel? Es gibt übrigens Pläne, den Spreekanal zu reinigen, damit man darin wieder schwimmen kann. Und sonst? Na, es gibt hier noch die eine oder andere berlinische Geschichte (Wo lag noch mal Cölln?) und so manche Sehenswürdigkeit, aber die dürften durchaus bekannt sein. Noch eine Frage zu den Inseln: Wissen Sie eigentlich, wie viele es in Berlin gibt?
Foto: André GörkeMitte, Ortsteil Gesundbrunnen. Oder sollen wir sagen: Jesundbrunnen? Gern, bitte, wird sind ja ooch echte Berliner. Hier hatte Hertha BSC seine Heimat, hier stand die legendäre Plumpe, das Hertha-Stadion, das der Klub verscherbelt hat in den 70ern und wo nun graue Mietshäuser draufstehen. Nur diese Fußballer-Figuren in den Innenhöfen (in diesem Fall mit Stollenschuhen) erinnern noch an die Vergangenheit, als die Massen hier über die Millionenbrücke pilgerten und dann auf dem Uhrenberg "Hahohe" riefen. Besonders berlinisch: Der Humboldthain mit seinem versteckten Rosengarten und dem vergessenen Einheitsdenkmal, das kaum ein Tourist kennt. Die Bahn hat hier 2006 einen neuen ICE-Bahnhof hingebaut, den sie dann aber dann doch nicht in Nordkreuz (wie Südkreuz, Westkreuz, Ostkreuz) einfach umbenannt hat. Gesundbrunnen bleibt doch Jesundbrunn'. Kannste nich' meckern.
Foto: André Görke