„L’avenir“ auf der Berlinale : Wer verliert, gewinnt
von Jan Schulz-OjalaWer dem bereits beeindruckend umfangreichen und verblüffend kohärenten Werk der 35 Jahre jungen Autorenfilmerin Mia Hansen-Løve beikommen will, ist beim Nachdenken über das Verlieren gut aufgehoben. In ihrem Debüt „Tout est pardonné“ (2007) verliert eine junge Familie für eine lange Zeit den Vater, der sich einer anderen Frau zuwendet. Zwei Jahre später inspirierte sie der Freitod des französischen Produzenten Humbert Balsan, der auch ihr Mentor war, zu „Der Vater meiner Kinder“. Und 2011 variierte sie ihre Obsession für Abwesenheitsszenarien in „Eine Jugendliebe“: Eine Frau verliert Jahre ihrer Jugend an einen Mann, der sich ihr immer wieder fundamental entzieht.
So radikal wie keine ihrer früheren Arbeiten
Wie treffend passt dazu ihre schöne, letztes Jahr im Tagesspiegel-Gespräch formulierte Interpretation des Titels ihres vierten Films, in dem ein DJ fast 20 Jahre vertändelt, bis ihm plötzlich kaum eine Perspektive bleibt? „Natürlich ist ,Eden’ auch das Paradies, und das bedeutet grundsätzlich: das verlorene Paradies.“ Und wen wundert es da noch, dass nun, in dem hübsch bibliophil eingebundenen „L’avenir“, auf einem der ersten ins Bild gehaltenen Buchumschläge „Le perdant radical“ zu lesen steht, die Übersetzung von Hans Magnus Enzensbergers „Versuch über den radikalen Verlierer“?
24 Wochen
Das zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund zur Welt kommen. Zwischen anfänglichem Optimismus und wachsenden Sorgen erkennt Astrid, dass sie allein eine aller Leben betreffende Entscheidung treffen muss. Vor drei Jahren hatte die in Erfurt geborene Anne Zohra Berrached mit „Zwei Mütter“ ihr Debüt auf der Berlinale, mit ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg stellt sie nun den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb.
D, 102 Min., R: Anne Zohra Berrached, D: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Maria Dragus
Foto: dpaJeder stirbt für sich allein (Alone in Berlin)
Der in Lausanne geborene Vincenz Perez führt Regie bei der Verfilmung des gleichnamigen letzten Romans von Hans Fallada – einer in Deutschland gedrehten internationalen Koproduktion (Weltmarkttitel: „Alone in Berlin“). Das aufwendig inszenierte, starbesetzte Werk erzählt – nach einem historisch verbürgten Fall – von einem zunächst nazitreuen Berliner Arbeiterehepaar, das mit Postkarten-Flugblättern Widerstand gegen Hitler leistet, nachdem der einzige Sohn im Juni 1940 in Frankreich gefallen ist.
D/F/GB, 97 Min., R: Vincent Perez, D: Emma Thompson, Brendan Gleeson, Daniel Brühl, Lars Rudolph
Foto: BerlinaleBoris sans Beatrice (Boris without Beatrice)
Der frankokanadische Regisseur Denis Côté hat ein Faible für mysteriöse Thriller, in denen die scheinbar domestizierte Natur eine besondere Rolle spielt: In „Vic + Flo haben einen Bären gesehen“, vor drei Jahren im Wettbewerb, hat er das eindrucksvoll bewiesen. Diesmal geht es um die Risse in der Fassade einer Ehe: Der erfolgreiche Mann sieht seine Frau, eine Ministerin, in Depressionen verfallen und muss sich auf einmal der telefonischen Nachstellungen eines Fremden erwehren. Und bald geht es tief nächtens in den Wald.
Kanada, 93 Min., R: Denis Côté, D: James Hyndman, Simone-Elise Girard, Denis Lavant, Isolda Dychauk
Foto: dpaCartas Da Guerra (Letters from War)
In seinem grandiosen Debüt „Der Judaskuß“ (1979) hat der portugiesische Romancier Antonio Lobo Antunes seine Erfahrungen als junger Militärarzt im Angolakrieg literarisch verarbeitet. Vor elf Jahren veröffentlichten seine Töchter die Briefe, die er damals von dort an seine schwangere Frau schrieb. In seinem dritten Spielfilm benutzt Ivo M. Ferreira, geboren 1975 in Lissabon, dieses frühe private Textmaterial des Schriftstellers für einen poetischen Essay in schwarz-weißen Bildern: Signale der Liebe und des Schreckens aus dem letzten großen Kolonialkrieg der Erde.
Portugal, 105 Min., R: Ivo Ferreira, D: Miguel Nunes u.a.
Foto: dpaChang Jiang Tu (Crosscurrent)
Zwölf Jahre sind vergangen, seit Yang Chao in der Cannes-Nebenreihe „Un certain regard“ seinen Spielfilm-Erstling „Lu Cheng“ über ein junges Paar zeigte, das dreimal an den Uni-Eingangsprüfungen scheitert und auf eine große Reise geht. In seinem neuen Film ist ein junger Frachtschiffkapitän nach dem Tod seines Vaters auf dem Jangtse flussaufwärts unterwegs – auch zu spirituellen Quellen. Zufällige Begegnungen sowie poetische und religiöse Erweckungserlebnisse vereinen sich zu einem bildkräftigen, magisch-mythischen Tableau des zeitgenössischen China.
China, 116 Min., R: Yang Chao, D: Qin Hao, Xin Zhi Lei
Foto: dpaEjhdeha Vared Mishavad (A Dragon Arrives)
Mit dem Forums-Beitrag „Modest Reception“ lud der Iraner Mani Haghighi 2012 zum vertrackt absurden Theater unterm Wüstenhimmel. Nun folgt, auf zwei Zeitebenen, die nächste groteske Versuchsanordnung: Nach dem Mord an dem iranischen Premier Hassan Ali Mansur im Januar 1965 wird ein verbannter Polithäftling in einem Schiffswrack erhängt aufgefunden. Ein halbes Jahrhundert später wird nach dem Zusammenhang geforscht. Wahrheit, Lügen, Mysterien: Alles hat hier einen doppelten Boden. Mindestens.
Iran, 107 Min., R: Mani Haghighi, D: Amir Jadidi, Nader Fallah, Homayoun Ghanizadeh, Ali Bagheri
Foto: dpaFuocoammare (Fire at Sea)
Lampedusa: Seit zehn Jahren ist die östlich vor Tunesien gelegene italienische Insel Ziel afrikanischer Flüchtlinge, die sich in Europa ein besseres Leben erhoffen. In seiner Dokumentation beboachtet der in Eritrea geborene Italiener Gianfranco Rosi, der 2013 mit einer eleganten Recherche über die Anwohner des römischen Autobahnrings den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen hatte, ganz ohne Regisseurskommentar die zwei nebeneinander existierenden Welten auf der zum Symbol gewordenen Insel. Mit ihren 20 Quadratkilometern ist sie etwa fünfmal kleiner als Sylt.
Italien/Frankreich, 107 Min., R: Gianfranco Rosi
Foto: dpaGenius
Der Künstler und sein Mentor: Verlagslektor Max Perkins, der Mann mit dem Riecher für junge Genies, nimmt den unbekannten Thomas Wolfe (1900–1938) unter Vertrag. Als dessen Roman „Schau heimwärts, Engel“ überraschend zum Hit wird, misstraut der Autor seinem Lektor. Loben die Leute etwa nur Perkins für sein Gespür, nicht ihn? In seinem Debüt lässt der Londoner Theatermacher Michael Grandage das New York der Zwanzigerjahre wieder aufleben und geht der ewigen Rivalität unter Kreativen auf den Grund.
GB/USA, 104 Min., R: Michael Grandage, D: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce
Foto: dpaHele Sa Hiwagang Hapis
Sein Epos „Norte“ dauerte vier Stunden, „From What Is Before“ knapp sechs, und in Berlin ist er mit acht Stunden dabei: Keine Frage, der philippinische Regisseur Lav Diaz ist eine Meister des Längstfilms. Diesmal begibt er sich auf die Spuren des Nationalhelden und Revolutionärs Andrés Bonifacio – hinein ins späte 19. Jahrhundert und ganz in Schwarz-Weiß.
Philippinen/ Singapur, 482 Min., R: Lav Diaz, D: Piolo Pascual u.a.
Foto: BerlinaleInhebbek Hedi (Hedi)
Wie’s so kommt, wenn man’s immer nimmt, wie’s kommt: ganz anders. Der junge Hedi überlässt seiner Mutter die Brautwahl, der Bruder macht ihm Vorschriften, und ein paar Tage vor der Hochzeit schickt ihn der Chef auch noch auf Dienstreise. Nur was, wenn einer wie Hedi sich dort plötzlich verliebt? Das Debüt aus Tunesien erzählt von den Mühen, zwischen Tradition und Moderne man selbst zu werden.
Tunesien/F, 88 Min., R: Mohamed Ben Attia, D: Majd Mastoura u.a.
Foto: dpaKollektivet (The Commune)
So lässt sich die Ödnis einer Ehe auch bannen: Man hat ein Haus geerbt und lädt ein Dutzend Freunde zum Mitwohnen ein. Auf den Spuren von Lukas Moodyssons Komödie „Zusammen“ (2000) blickt Thomas Vinterberg auf das Kommunenleben der 70er – aus der Kinderperspektive. Hier ist es die 14-jährige Tochter, die aus dem wirren Treiben der Alten ihre eigenen Schlüsse zieht.
DK,S,NL, 111 Min., R: Thomas Vinterberg, D: Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Fares Fares
Foto: dpaMidnight Special
Ein Action-Thriller mit Tiefgang: Mit seinem sonderbar begabten Sohn flieht ein Vater vor einer aggressiven religiösen Sekte und der Regierung. Bereits in Jeff Nichols’ „Take Shelter“ (2011), wo ein Familienvater einen Bunker zum Schutz vor der Apokalypse baute, war zwischen Gegenwart und Science Fiction, zwischen Vernunft und Paranoia kaum mehr zu unterscheiden.
USA, 112 Min., R: Jeff Nichols, D: Jaeden Lieberher, Kirsten Dunst Michael Shannon, Joel Edgerton
Foto: dpaQuand on a 17 ans (Being 17)
Regie-Stammgast André Téchiné (zuletzt 2007 mit „Les témoins“ im Wettbewerb) erzählt von zwei rabiat verfeindeten Gymnasialschülern in einem französischen Pyrenäendorf. Der eine ist Sohn einer Landärztin, der andere – mit maghrebinischen Wurzeln – wurde von Bauern adoptiert. Als sie unter einem Dach zusammenleben müssen, drohen die Verhältnisse zu eskalieren.
F, 116 Min., R: André Téchiné, D: Sandrine Kiberlain, Kacey Mottet Klein, Corentin Fila
Foto: dpaSmrt u Sarajevu (Death in Sarajevo)
Im Hotel Europa in Sarajewo soll mit einem großen Empfang des 100 Jahre zurückliegenden Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedacht werden – da tritt das Personal, das seit Monaten auf den Lohn wartet, in Streik. Danis Tanovic, 2013 mit „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ im Wettbewerb, kehrt mit einer Satire über die europäische Geschichte nach Berlin zurück.
Frankreich /Bosnien, 85 Min., R: D. Tanovic, D: Jacques Weber, Snezana Vidovic, Izudin Bajrovic
Foto: dpaL'Avenir (Things To Come)
Isabelle Huppert (Foto), zur Zeit im Kino zusammen mit Gérard Depardieu in dem melancholischen Wüstendrama „Valley of Love“ zu sehen, ist seit Jahrzehnten eine Ausnahmeschauspielerin des französischen Films: 1955 in Paris geboren, kann sie Einsamkeit und Trauer ebenso überzeugend verkörpern wie Rollen, die sie als mitten im Leben stehenden Familienmenschen zeigen – und immer ist in allem eine Prise flirrenden, kühlen Intellekts. In „L’avenir“ spielt sie eine Publizistin und Philosophielehrerin mit Professoren-Ehemann und zwei erwachsenen Kindern, und plötzlich muss die beruflich wie privat so zuverlässig Umhegte alleine zurechtkommen. Die französische Regisseurin Mia Hansen--Løve, Jahrgang 1981, nach eigenem Bekunden ein „totaler“Fan der Nouvelle Vague und bisher mit sensiblen, auch autobiografisch grundierten Studien über Jugendliche hervorgetreten, erkundet in ihrem fünften Film erstmals das fragile Lebensgefühl der alternden Mütter-Generation.
F/D, 100 Min., R: Mia Hansen--Løve, D: Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Edith Scob
Foto: dpaSoy Nero
Immer wieder abgeschoben aus den USA nach Mexiko, schafft Nero es eines Nachts über den Grenzzaun bis nach Los Angeles. Wie aber US-Staatsbürger werden? Der 19-Jährige verpflichtet sich zum Militär und landet prompt im Krieg – im Mittleren Osten. Nach zwei Gastspielen ist der in Paris lebende Iraner Rafi Pitts mit der Geschichte eines hartnäckigen Kämpfers erneut im Wettbewerb.
D/F/Mexiko, 118 Min., R: Rafi Pitts, D: Johnny Ortiz u.a.
Foto: dpaZero Days
Der amerikanische Dokumentarist Alex Gibney hat sich mit Arbeiten über Steve Jobs und Scientology einen Namen gemacht, nun geht er recherchierend in den Cyberkrieg. Sein Thema ist der Computervirus Stuxnet: Offenbar von den USA und Israel zum Angriff auf das iranische Atomprogramm entwickelt, geriet das Programm bald außer Kontrolle und richtete schweren Schaden an. Ein James-Bond-Stoff aus der Wirklichkeit.
USA, 116 Min., R: Alex Gibney
Foto: dpaZjednoczone Stany Milosci (United States of Love)
Polen, Anfang der Neunziger: Die neue Freiheit ist nur oberflächlich, in der grauen Provinz regieren noch immer die Kirche und alte Familienstrukturen. In seinem dritten Spielfilm erzählt Tomasz Wasilewski in entsättigten Farben von Frauen, die aus der Enge ausbrechen wollen und von einem anderen, sinnlicheren Leben träumen.
Polen, 104 Min., R: Tomasz Wasilewski, D: Dorota Kolak, Julia Kijowska, Magdalena Cielecka
Foto: dpaAußer Konkurrenz: Chi-Raq
Afroamerika meets Altertum: Sehr frei nach Aristophanes’ „Lysistrata“ gehen Frauen in den Sex-Streik, um das Morden zwischen den Straßengangs der Spartans und der Trojans zu beenden. Schauplatz ist die in „Chi-raq“ umbenannte South Side von Chicago, wo in den letzten fünf Jahren mehr Amerikaner durch Waffengewalt umkamen als im gesamten Irak-Krieg von 2003 bis 2011. Spike Lee kämpft nun auf seine Weise gegen die US-Waffengesetze: mit Hip-Hop und Humor.
USA, 127 Min., R: Spike Lee, D: Tenoyah Parris, Nick Cannon, Wesley Snipes, John Cusack, Angela Bassett, Samuel L. Jackson
Foto: dpaAußer Konkurrenz: Des nouvelles de la planète Mars (News from planet Mars)
Der Informatiker und Familienvater Philippe Mars ist ein Gutmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs: Der Sohn lebt plötzlich vegan, die Tochter wird zur Schulstreberin, die Schwester und die Ex-Frau nerven extrem, und als auch noch ein durchgedrehter Kollege nachts seine Hilfe sucht, ist das Chaos perfekt. Dominik Moll („Harry meint es gut mit dir“, „Lemming“) setzt erneut auf schwarzen Humor, anarchistische Attacken auf den ganz normal verrückten Alltag inklusive.
F/B, 101 Min., R: Dominik Moll, D: François Damiens, Vincent Macaigne, Léa Drucker
Foto: dpaAußer Konkurrenz: Hail, Caesar!
Mit „Barton Fink“, dem Gruselspaß über einen Autor mit Schreibblockade am Set, holten sie 1991 die Goldene Palme in Cannes, nun wiederholt sich die Story als Farce: Einem
Studio-Mann für alle Fälle im Hollywood der 50er Jahre basteln die Coen-Brüder einen Drehtag vom Feinsten. Der römische Titelheld wird entführt, und schon hat das Team die Sensationspresse am Hals. Nach „True Grit“ (2011) eröffnen die Coens erneut das Festival. Hereinspaziert und losgelacht!
USA/GB, 106 Min., R: Joel und Ethan Coen, D: Josh Brolin, George Clooney, Jonah Hill, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson
Foto: dpaAußer Konkurrenz: Mahana (The Patriarch)
Zwietracht zwischen zwei Familien und zwei Generationen herrscht unter den Maori-Clans der Mahanas und Poatas, die an der Ostküste Neuseelands von der Schafschur leben. In der Rebellion gegen den autoritären Großvater kommt ein 14-jähriger Spross der Mahana-Sippe dem Geheimnis hinter der Familienfehde auf die Spur. Mit der Verfilmung des Romans „Bulibasha“ von Witi Ihimaera kehrt der 65-jährige Lee Tamahori nach Jahrzehnten in Hollywood in seine Heimat zurück.
Neuseeland, 103 Min., R: Lee Tamahori, D: Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor
Foto: dpaAußer Konkurrenz: Saint Amour
Recht kräftig sind die Beaujolais aus dem Weinbaugebiet Saint-Amour, und recht deftig geht es in der gleichnamigen Bauernkomödie zu. Um den widerspenstigen Sohn an den Hof zu binden, geht der Vater mit ihm statt zu langweiligen Landwirtschaftsausstellungen auf eine richtige Verkostungsreise – mit Wein, Weib und Gesang. Gérard Depardieu spielt eine Hauptrolle, wie in „Mammuth“, womit das Regie-Duo Delépine/Kervern 2010 erstmals auf der Berlinale gastierte.
F/B, 101, R: Benoît Delépine, Gustave Kervern, D: Gérard Depardieu, Benoît Poelvoorde, Chiara Mastroianni
Foto: dpaTatsächlich erzählt dieser fünfte Film der Französin, so radikal wie keine ihrer früheren Arbeiten, geradezu von einer Serie von Verlusten, denen eine Philosophielehrerin an einem Pariser Gymnasium in ihrer schon spürbar überschrittenen Lebensmitte ausgesetzt ist. Ja, wenn das Bild erlaubt ist: ausgerechnet von einer Leere, die – offenkundig und schmerzhaft und zugleich klaglos ertragen – hier ein Leben immer mehr füllt. Wie die Deckfarbe Weiß, die sich, von der Mitte eines Gemäldes her, langsam zum Rahmen hin vorarbeitet und dabei alles doch biografisch verbürgte Bunte zu verschlingen droht.
"Ich habe ein erfülltes intellektuelles Leben"
Nathalie (Isabelle Huppert) lebt mit ihrem Mann Heinz (André Marcon), Lehrer an derselben Schule, und zwei nahezu erwachsenen Kindern gemeinsam unter einem altlinksintellektuellen, mittlerweile komfortabel bourgeois gegen übliche Nöte und Kälte gedämmten Dach. „Ich habe ein erfülltes intellektuelles Leben“, sagt sie einmal, „und das macht mich glücklich“ – und an diesem Glück will sie eindeutig festhalten.
Gianfranco Rosi schaut ganz gerührt auf seinen Goldenen Bären. Sein Film "Fuocoammare" dokumentiert das Leben auf der Insel Lampedusa. Rosi widmete den Film den dortigen Bewohnern, die so offen waren, die dort ankommenden Geflüchteten aufzunehmen.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschJury-Präsidentin Meryl Streep lobte Gianfranco Rosis "Fuocoammare" als einen "mutigen Film", als sie ihm den Goldenen Bären überreichte.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschWurden für ihre schauspielerische Leistung geehrt: Trine Dyrholm und Majd Mastoura.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschMeryl Streep küsst Preisträger Michael Ballhaus, der bereits am 18. Februar den Goldener Ehrenbär verliehen bekam.
Foto: dpaDie Lampedusa-Dokumentation "Fuocoammare" von Gianfranco Rosi gewinnt den Goldenen Bären.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschDen Silbernen Bären gewinnt Danis Tanović mit "Death in Sarajevo" - ein tolles Geburtstagsgeschenk.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschDen Alfred-Bauer-Preis gewinnt Lav Diaz mit "A Lullaby to a Sorrowful Mystery", dem 8-Stunden-Film.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschMia Hansen-Love gewinnt den Silbernen Bären für das beste Drehbuch für den französischen Film "L'Avenir" (Things to come).
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschTrine Dyrholm nimmt für ihre Rolle in "Kollektivet" den Silbernen Bären von Meryl Streep entgegen.
Foto: REUTERSEiner, der es gar nicht fassen kann: Majd Mastoura gewinnt den Silbernen Bären für seine Leistung in "Hedi" und widmet den Preis den Märtyrern der tunesischen Revolution.
Foto: dpa/Michael KappelerTomasz Wasilewski gewinnt den Silbernen Bär für das beste Drehbuch des polnischen Films "United States of Love".
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschMark Lee Ping-Bing bekommt den Silbernen Bären für die Herausragende Künstlerische Leistung Chang für seine Kameraarbeit in Jiang Tu's "Crosscurrent".
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschMohamed Ben Attia und Produzentin Dora Bouchoucha Fourati nehmen für "Hedi" den Preis für den besten Erstlingsfilm entgegen.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschLeonor Teles gewann mit dem Kurzfilm "Batrachian's Ballad" den Goldenen Bären.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschDer Silberne Bär für den besten Kurzfilm ging an Mahdi Fleifel für "A Man Returned".
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschChiang Wei Liang gewann für seinen Kurzfilm "Jin zhi xia mao".
Foto: REUTERS/Hannibal HanschkeDieter Kosslick scherzt auf der Bühne - und ist begeistert vom diesjährigen Wettbewerb.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschAnke Engelke führt auch durch die Abschlussveranstaltung der Berlinale 2016.
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschMrs. President ist eingetroffen: Meryl Streep mit den Jury-Mitgliedern Alba Rohrwacher (r.) und Nick James (l.) zusammen mit Dieter Kosslick.
Foto: REUTERS/Hannibal HanscheDie Jury ist eingetroffen! Clive Owen, Lars Eidinger, Meryl Streep, Malgorzata Szumowska, Alba Rohrwacher, Brigitte Lacombe und Nick James (v.l.)
Foto:REUTERS/Hannibal HanscheDer Lautstärkepegel stieg sofort, als die Jury eintraf - denn Lars Eidinger, Meryl Streep, Malgorzata Szumowska und Alba Rohrwacher (v.l.).
Foto: REUTERS/Hannibal HanscheJury-Präsidentin Meryl Streep und Alba Rohrwacher mit Festivaldirektor Dieter Kosslick und Alba Rohrwacher.
Foto: dpa/Kay Nietfeld"Kollektivet" heißt der dänische Wettbewerbsfilm - vor allem Trine Dyrholm (2.v.l.) hat gute Chancen auf den silbernen Bären! Mit ihr auf dem roten Teppich sind Niclas Bendixen, Anne Gry Henningsen und Regisseur Thomas Vinterberg (v.l.).
Foto: REUTERS/Fabrizio BenschDer italienische Regisseur Gianfranco Rosi ist mit "Fucoammare" im Wettbewerb vertreten.
Foto: dpa/Kay NietfeldGlamouröser Auftritt: Schauspielerin Magdalena Cielecka (Wettbewerbsfilm "United States of Love").
Foto: REUTERS/Hannibal HanschkeJulia Jentsch in einem Hauch von glänzendem Rosa: Die Hauptdarstellerin des einzigen deutsche Wettbewerbsfilms "24 Wochen" auf dem roten Teppich vor der Preisverleihung.
Foto: REUTERS/Hannibal HanschkeJella Haase gewann einen Nachwuchspreis auf der diesjährigen Berlinale. Der Auftritt auf dem roten Teppich wohl genau deshalb betont farbenfroh!
Foto: REUTERS/Hannibal HanscheBerlins Bürgermeister Michael Müller und seine Frau Claudia.
Foto: REUTERS/Hannibal HanscheKameramann Michael Ballhaus mit seiner Frau Sherry Hormann. Ballhaus erhielt in diesem Jahr den goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk.
Foto: REUTERS/Hannibal HanschkeGestern noch beim Teddy-Award, heute bei der Bärenverleihung: Regisseur Rosa von Praunheim (l.) und Freund Oliver Sechting.
Foto: dpa/Kay NietfeldAuch wenn ihr scheinbar längst in die lebensherbstliche Gemütlichkeit hinübergeglittener Mann ihr eines Tages eröffnet, dass er eine andere hat und aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen will. Auch wenn ihre kapriziöse Mutter, die sie mit erpresserischen Anrufen foltert, bald nach dem Umzug in ein Altersheim stirbt. Auch wenn die Kinder längst ihrer Wege gehen. Und ihr Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka), inzwischen Philosophie-Doktorand, seine Zukunft in Paris weggibt für das alternative Wohngemeinschaftsleben in einem idyllisch gelegenen Bauernhaus am Alpenrand. Durchaus denkbar, dass er dort vom Schreiben umsattelt auf die Eselszucht, die Wege des jungen Herrn sind unergründlich.
"Ich will junge Leute dazu bringen, selbst zu denken"
Oder ist es vielmehr umgekehrt so, dass Nathalie durch all diese Verluste gewinnt – jene „radikale Freiheit“, die sie neu zu fühlen beginnt? Vieles spricht dafür, dass Mia Hansen-Løve, Tochter einer Philosophielehrerin und als Regisseurin zumindest im Ansatz autobiografisch arbeitend, genau dort hinwollte: zum zarten Rühmen einer spät gewonnenen Autonomie. Raus aus der Entfremdung der erzwungenen Fürsorge für die alte Mutter (die Szenen zwischen den beiden bersten vor fast ins Schrille hochgezüchteter Komik). Entschieden raus mit dem treulosen Ehemann für immer. Und endlich voran ins Eigene, Bleibende. Wie sagt sie einmal, als Fabien, ihr zarter Schwarm, vorsichtig auf Distanz geht zu ihrer bürgerlichen Existenz? „Revolution? Ich will nur junge Leute dazu bringen, selber zu denken.“
Revolutionäre Attitüde, das war einmal. Stattdessen wird Nathalie zunehmend resolut, ruppig, abgepanzert gegen den Dauerschmerz ins augenblicksweise Asoziale. Mitfühlen soll der Zuschauer nicht in erster Linie mit der immer wieder tragikomischen Heldin von „L’avenir“, sondern eher mitdenken mit ihr. Bloß kein Mitleid, wo der Protagonistin doch so unübersehbar jedes Selbstmitleid fehlt.
Die Rolle ihre Lebens
Tatsächlich hält diese Nathalie eine wachsende Distanz zu allen und allem, und die Kamera von Denis Lenoir rückt sie in sublimer Raumaufteilung unmerklich immer weiter aus dem Bild. Erst ist sie der selbstverständliche Mittelpunkt ihrer Welt, irgendwann sucht sie sich, ausdrücklich eingeladen in gastliche Umgebungen, Plätze seitab – bis in ein hinreißend inszeniertes Finale, das sich schon beiläufig in die Filmgeschichte hineinzaubert. Denn wo behauptet sich, scheint die Regisseurin so leise wie durchdringend zu fragen, der Mensch am tauglichsten, wenn er unweigerlich älter und älter wird? Am Rande.
Manche werden nun sagen, für Isabelle Huppert ist dies die Rolle ihres Lebens. Nur hat die Ausnahmeschauspielerin sich in vielen Filmen bereits entsprechend bewährt - so ist ihr Spiel in „L’avenir“ eher die Altersrolle ihres Lebens. Mia Hansen-Løve hat das Geschehen ganz um sie herum gebaut, mit Schauspielern, die die Szenerie zwar mit Menschenwärme bevölkern, aber bewusst im Hintergrund bleiben. Ein Ensemble von Denkfiguren, die sich bald in Schemen verwandeln. „In all meinen Filmen sehne ich mich, eine Leere zu überwinden“, hat die Regisseurin einmal gesagt. In „L’avenir“ geht sie stattdessen mutig hinein. So viel Raum.
14.2., 9.30 Uhr (Zoo-Palast), 12.15 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 21.30 (HdBF); 21.2., 12 Uhr (Friedrichstadt-Palast)