50 Jahre Bundesliga : Fußball vereint
von Peter von BeckerEs muss am 24. August 1963 wohl um 17 Uhr 01 gewesen sein, als die Fans zum ersten Mal jubelten. Man pfiff damals noch anderthalb Stunden später als heute an. Und bereits nach 58 Sekunden hatte Friedhelm „Timo“ Konietzka für Borussia Dortmund gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesligageschichte erzielt. Vor 50 Jahren.
Von dem historischen Augenblick existiert indes kein Foto und kein Film. Zwar war der Fußball längst ein Magnet der Massen, in der Spitze kamen ins Berliner Olympiastadion zu Hertha BSC damals 85 000 Zuschauer. Aber das Fernsehen hatte zum Beginn dieses neuen Fußballkapitels nur bei zwei der acht Auftaktbegegnungen eine Kamera aufgestellt. Und nicht nur von jenen grauschlierigen TV-Flackerbildern scheinen wir inzwischen Äonen entfernt zu sein.
Die Nummer 1 bei den Torhütern für unsere Experten-Jury ist Sepp Maier. Er gewinnt die Wahl zum besten Bundesliga-Torwart vor Oliver Kahn und Harald "Toni" Schumacher. Bei der Online-Abstimmung sieht das Ergebnis etwas anders aus...
Foto: ImagoHarald "Toni" Schumacher setzt sich in der Umfrage auf der Tagesspiegel-Internetseite durch - vor Sepp Maier und Oliver Kahn. Gut, wenn man auf seine Fans zählen kann.
Foto: dpaAuch auf der Position des offensiven Mittelfeldspielers gehen die Meinungen zwischen Jury und Lesern auseinander. Thomas Häßler ist für unsere Experten der Beste, der Weltmeister aus Wedding siegt vor Mesut Özil und Ze Roberto.
Foto: dpaOnline kann sich Mesut Özil gegen Thomas Häßler durchsetzen, Dritter wird Mehmet Scholl. Ze Roberto schafft es "nur" auf Platz zehn.
Foto: dpaEinhellig fällt das Ergebnis beim rechten Außenverteidiger. Philipp Lahm ist sowohl für unsere Experten als auch bei unserer Online-Abstimmung der beste in der Bundesliga-Geschichte auf seiner Position. Auf den Plätzen gibt es minimale Unterschiede. Während die Jury Berti Vogts vor Manfred Kaltz auf Platz zwei sieht, stimmen die Tagesspiegel-Leser genau andersherum ab.
Foto: AFPDeutlicher geht es kaum. 131 Punkte von möglichen 132 machten Gerd Müller bei unserer Jury zur absoluten Nummer eins in der Sturmspitze, gefolgt von Uwe Seeler (115) und Rudi Völler (94). Auch bei unserer Online-Umfrage ist Gerd Müller (736 Stimmen) für die Tagesspiegel-Leser der beste Stürmer in der Bundesliga-Geschichte, gefolgt von Uwe Seeler (106) und Klaus Fischer (101).
Foto: p-a/ASAGünter Netzer und Wolfgang Overath haben beide gleich viele Punkte (111) bekommen von unseren Experten. Die Wahl zum besten Spiellenker in 50 Jahren Bundesliga gewann jedoch Netzer, weil ihn mehr Jurymitglieder auf Platz eins gesetzt haben. Bastian Schweinsteiger ist mit 95 Punkten der drittbeste Spiellenker. Bei unserer Online-Umfrage gibt es die gleiche Rangfolge, allerdings gewann Netzer (394 Stimmen) hier klar und deutlich vor Overath (153) und Schweinsteiger (129).
Foto: p-a/Sven Simon
Zum besten Linksverteidiger kürte unsere Experten-Jury Paul Breitner, mit 124 Punkten knapp vor Andreas Brehme (116).
Foto: p-a/Sven SimonIm Internet gab es eine Kampfabstimmung um den besten Linksverteidiger: Am Ende setzte sich der frühere Dortmunder Dede vor den Bayern-Spielern David Alaba und Paul Breitner durch.
Foto: dpaUnsere Jury wählte Lucio mit 104 Stimmen zum besten Innenverteidiger/Stopper der Bundesliga, knapp vor Jürgen Kohler (95). Unsere Online-User sahen den "Kokser" auch auf Platz zwei. Doch ganz vorne ist für sie...
Foto: dpa...Karl-Heinz Körbel, (l., hier beim Foto-Shooting mit Jürgen Mohr). "Charly", der für Eintracht Frankfurt 602 Spiele Bundesligaspiele bestritt, bekam in unserer Online-Umfrage 327 Stimmen, 34 mehr als Kohler.
Foto: dpaEindeutig: Sowohl unsere Experten-Jury als auch unsere Online-User wählten Lothar Matthäus zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesligageschichte.
Foto: dpa1977 war Allan Simonsen Europas Fußballer des Jahres. Jetzt hat ihn unsere Experten-Jury zum besten rechten Außenbahnspieler der Bundesliga-Geschichte gewählt.
Foto: p-a/Sven SimonDer beste Bundesligaspieler auf der linken Außenbahn unserer Expertenjury war und ist Stammgast auf dem Münchner Rathausbalkon. Hier ein Beweisfoto aus dem Jahr 1981. Allerdings kam Karl-Heinz Rummenigge (l.) bei unseren Lesern nur auf Rang fünf, sie bevorzugten ...
Foto: p-a/dpaWilli Lippens (l.) als besten Bundesligaspieler auf der linken Außenbahn. Der Holländer, der 242 Bundesligaspiele für Essen und Dortmund bestritt, erhielt 370 Stimmen und verwies Bernd Hölzenbein (349) und Franck Ribery (290) auf die nächsten Plätze.
Foto: p-a/dpaDeutlicher geht es nicht. Von möglichen 132 Punkten zur Wahl des besten Liberos/Innenverteidigers der Bundesliga-Geschichte erhielt Franz Beckenbauer von unserer Jury: 132 Punkte! Auch die Leser sahen Beckenbauer (478 Stimmen) bei unserer Online-Umfrage klar vor Klaus Fichtel (66) und Matthias Sammer (64).
Foto: dpaDer heutige Fußball wirkt unendlich viel schneller, athletischer, dynamischer. Und natürlich ist Fußball auch Big Business. Das erlaubte Höchstgehalt für einen „Lizenzspieler“, so hießen die ersten Halbprofis, betrug vor 50 Jahren 1200 D-Mark im Monat. Nur Hans Schäfer, einer der Weltmeister von 1954 und Kapitän des 1. FC Köln, des ersten Bundesligameisters, und das bereits vom Ausland umworbene Hamburger Mittelstürmer-Idol Uwe Seeler durften dank einer Ausnahmegenehmigung 2500 DM erhalten.
Für die Jungen von jetzt, ob Spieler oder Fan, sind das Märchen aus dem bundesdeutschen Mittelalter (an dem auch die DDR-Zuschauer sehnsüchtig Anteil nahmen). Kaum jemand vermag sich vorzustellen, dass beispielsweise 1860 München und nicht der FC Bayern zu den Gründungsmitgliedern der neuen Liga gehörte, und dass der Gegner der wiederaufgestiegenen Berliner Hertha am heutigen Abend, der Hamburger SV, der einzige Club ist, der seit 1963 immer mitgespielt hat in der deutschen Königsklasse.
Natürlich spiegelt der Fußball als größtes Faszinosum des Globus viel mehr als nur den Sport an sich. Er gehört mit zur Seele einer Gesellschaft. Oft wird er dabei auch mit einem Sinnbild der Politik des Landes verwechselt – so, als hätte das erfolgreiche bundesdeutsche Team von 1972-74 mit der Willy-Brandt-Aufbruch- Ära zu tun gehabt und die Rumpelfußballer zwei Jahrzehnte danach mit der Stagnation der späten Kohl-Zeit. Das ist eine Überfrachtung. Jedenfalls erklärt sich der riskante Angriffsfußball der Löw-Elf jetzt kaum aus dem Regierungsstil der (fußballbegeisterten) Bundeskanzlerin.
Trotzdem signalisiert das in der Bundesliga verkörperte Spiel eine tiefgehende Veränderung der deutschen Gesellschaft. Vor 50 Jahren gab es im deutschen Spitzenfußball gerade eine Handvoll Ausländer. Weiße Ausländer. Inzwischen zeigen die Clubs wie die Nationalmannschaft eine tatsächlich bunte Republik. Die Botschaft des Fußballs lautet: Wir sind ein Einwanderungsland und werden durch Migranten bereichert. Zur Beeinflussung von Mentalitäten und zur Integration trägt das, trotz gelegentlicher Widerstände, vermutlich mehr bei als alle sozialpolitischen Beschwörungen.
Das erste Tor der Bundesliga-Geschichte schoss Dortmunds Timo Konietzka (links) gegen Werder Bremen am 24. August 1963. Konietzka starb in diesem Jahr. Werder Bremen und Borussia Dortmund werden heute Abend das Eröffnungsspiel der 50. Bundesligasaison bestreiten.
Foto: dpaSechs Treffer ins Tor von Sepp Maier zu schießen ist keine leichte Aufgabe. Aber genau das haben die Offenbach Kickers am ersten Spieltag der Saison 1974-75 geschafft. Mit 6:0 schlugen die Offenbacher den damals amtierenden deutschen Meister FC Bayern.
Foto: dpaDer frühere Nationalspieler Klaus Fischer geht 1972 in die Geschichte ein, als er mit Schalke 04 vier Tore am ersten Spieltag schießt. Der Tor-Rekord für den ersten Spieltag steht noch heute.
Foto: dpaUnsinkbar? Als Aufsteiger aus den neuen Bundesländern gewann Hansa Rostock im August 1991 sein erstes Bundesligaspiel mit 4:0 gegen Nürnberg und wurde kurzzeitig Tabellenführer. Neun Monaten später stieg Hansa doch in die 2. Liga ab.
Foto: dpaAm ersten Spieltag der Saison 2001-2002 wurden nur 18 Tore erzielt. Der Negativrekord. Unter anderem spielten der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart ein 0:0 aus. Die höchste Torzahl des ersten Spieltags gelang 1986, als 42 Tore an einem Wochenende geschossen wurde.
Foto: dpaIm August 2002 schlägt Aufsteiger Arminia Bielefeld im ersten Pflichtspiel Werder Bremen mit 3:0. Zwei Jahre später steigt Bielefeld schon wieder ab - Bremen wurde mittlerweile Deutscher Meister.
Foto: dpaSechsmal steht der VfB Stuttgart nach dem ersten Spieltag an der Tabellenspitze. Unter anderem 2005: da schießt Stürmer Cacau einen Hattrick.
Foto: dpaEine Erfolgsgeschichte. 2008 steigt der TSG 1899 Hoffenheim zum ersten Mal in die Bundesliga auf, und holt am ersten Spieltag drei Punkte in Cottbus. In derselben Saison wird Hoffenheim überraschend Herbstmeister, beendet aber die Saison mit dem 7. Platz.
Foto: dpaNur acht Mannschaften wurden bislang Meister, nachdem sie ihr erstes Saisonspiel verloren. Zuletzt gelang dies Borussia Dortmund, die im August 2010 mit 0:2 gegen Bayer Leverkusen unterging. Zwei Jahre später ist der BVB Doppelsieger.
Foto: dpaDas Zweite: Profifußball als Millionenspiel und Entertainment hat mit früheren Arbeitervereinen und uriger Kumpel-Romantik nichts mehr gemein. Das mag man nostalgisch bedauern. Aber dass junge Spieler in dieser neuen Gemengelage auch Popstars sind, hat eine zwischen Männern und Frauen einstmals getrennte Gesellschaft nun auch an Bundesligawochenenden vereint. Die Geschlechter finden beim Fußball – begeistert und kundig – zusammen. Das hätten sich vor 50 Jahren keine und keiner erträumt.