Bayerns Final-Niederlage : Robbens Elfer war nicht tragisch, nur traurig
von Malte LehmingEin klasse Spiel! Die Bayern drückend überlegen, hoch motiviert von Anfang an, konzentriert am Ball, zweikampfstark. So muss Fußball sein. Jetzt kann sie kommen, die Europameisterschaft. Nach diesem Champions- League-Finale darf Deutschland auf den nächsten Titel hoffen. Alle anderen Teams dagegen dürften zittern vor Ehrfurcht und Respekt. Freude? Na klar. Stolz? Auch das.
All das stimmt, bis auf eine Kleinigkeit, besser: eine Reihe von Kleinigkeiten. Arjen Robben verschoss in der Verlängerung einen Elfmeter, Mario Gomez nutzte keine seiner Chancen, Bastian Schweinsteiger traf im Elfmeterschießen nur den Pfosten. Also gewann am Ende der FC Chelsea, die uninspirierte Mauermannschaft. Und ganz Fußball-Deutschland grübelt nun, trauert, bangt, sinnt über Konsequenzen für Verein, Trainer, Nationalmannschaft und Spieler nach.
Die schönsten Szenen vom Finale in München in unserer Bildergalerie:
Die Münchner "krönten" ihr Vize-Jahr dann noch durch das verlorene Champions-League-Finale im eigenen Stadion gegen den FC Chelsea. Inzwischen aber scheint über der Säbener Straße wieder die Sonne, die Bayern sind für 2013 auf Kurs Meisterschaft. Aber das ist eine Geschichte für den nächsten Jahresrückblick.
Foto: ReutersDie Blues aus London hatten sich über die kompletten 120 Minuten auf ihre Defensive konzentriert...
Foto: rtr...und bewiesen im abschließenden Elfmeterschießen die besseren Nerven.
Foto: dapdFür Chelsea-Besitzer Roman Abramowitsch (r.) ging mit dem Gewinn der Champions League ein Traum in Erfüllung.
Die Bayern spielten sich eine Chance nach der anderen heraus, doch der Ball wollte nicht ins Tor.
Foto: dpaDoch in der 83. Minute kam Thomas Müller am zweiten Pfosten zum Kopfball...
Foto: rtr...und erzielte den vermeintlichen Siegtreffer für die Bayern.
Foto: dapdDas Spiel, dass die Bayern bis dahin klar dominiert hatten, schien entschieden.
Foto: rtrDoch in der 88. Minute setzte sich Drogba bei einem Eckball gegen Boateng durch...
Foto: dapd...und erzwang mit einem wuchtigen Kopfballtor die Verlängerung.
Foto: dapdZu Beginn der Verlängerung stand Drogba erneut im Mittelpunkt, als er einen Foulelfmeter an Ribery verursachte...
Foto: afp...den Arjen Robben schoss. Doch Cech parierte.
Foto: afpDie Helden des Abends: Chelsea-Torwart Cech (l.) hielt insgesamt drei Elfmeter und bewahrte sein Team mit etlichen Paraden vor dem Rückstand. Und Didier Drogba (r.) erzielte nicht nur den einzigen Chelsea-Treffer in der regulären Spielzeit, sondern er verwandelte auch den entscheidenden Elfmeter.
Foto: rtrEr halte den Zufall für den wahren Diktator des Weltgeschehens, sei aber vom Glauben an Zusammenhänge nicht ganz abzubringen, schrieb einst Karl Kraus. Jede Geschichte liest sich von ihrem Ende her. Steht am Ende eine Niederlage, verknüpft der Verstand alle vorherigen Informationen zu einer Kausalkette mit dem Ziel, das Erklärungsnarrativ für das negative Ereignis möglichst überzeugend klingen zu lassen: Es musste ja so kommen. Steht am Ende ein Sieg, vollzieht der Verstand dieselbe Operation mit demselben Ziel, bloß für das positive Ereignis – es musste ja so kommen.
Hätte der Niederländer Robben den Elfmeter für Bayern München in der Verlängerung verwandelt (und Chelsea anschließend kein Tor mehr geschossen), wüssten heute alle, warum Deutschland bei der EM haushoher Favorit ist. Die Kühnheit einer solchen Ableitung wäre allein durch den Rausch des Triumphs gerechtfertigt. Das Gesamtnarrativ hätte größere Überzeugungskraft als die Summe der Einzelfaktoren. Nun aber, da Bayern verloren hat, ist von einem Fluch die Rede, von Tragik und Trauma.
Reaktionen zum Spiel in unserer Fotostrecke:
England und Deutschland vereint: Der britische Premier David Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel verfolgten das Spiel in Camp David, wo gerade der G8-Gipfel statt fand. Nach dem Spiel kommentiere die Kanzlerin, die Bayern bräuchten jetzt "viel psychologische Aufbauarbeit".
Foto: ReutersJupp Heynckes (Trainer Bayern München): "Wir haben einfach zu viele Chancen liegen gelassen. Wir haben es nicht verstanden, unsere Chancen zu nutzen. Normalerweise kriegt man gegen eine Mannschaft wie den FC Chelsea nicht so viele Möglichkeiten. Wenn man in der 83. Minute in Führung geht, muss man das auch nach Hause bringen."
Foto: dapdRoberto di Matteo (Trainer FC Chelsea): "Ich glaube, die Bayern haben ein sehr gutes Spiel gespielt heute Abend. Wahrscheinlich haben sie auch mehr Chancen gehabt als wir. Aber schlussendlich, wenn es zum Penaltyschießen kommt, dann braucht man auch ein bisschen Glück und es ist manchmal auch ein bisschen eine Lotterie. Heute Abend waren wir ein bisschen glücklicher als der FC Bayern. Für uns, für unseren Club ist das ein historischer Sieg heute Abend. Es ist das erste Mal, dass wir die Champions League gewinnen. Wir gehen richtig feiern heute Abend."
Foto: rtrThomas Müller (Bayern München): "So ist Fußball, wir haben es in der Vergangenheit schon öfter gesehen, dass am Ende nicht der verdiente Sieger mit dem Pokal dasteht. Das ist schwer in Worte zu fassen. Aber Fußball ist auch nicht alles im Leben."
Foto: dapdChristian Nerlinger (Sportdirektor Bayern München): "Das ist ein absoluter Alptraum. Entsprechend ist die Stimmung in der Kabine. Das ist wie ein schlechter Film. Das ist schwer, in Worte zu fassen."
Foto: dapdMathias Sammer (DFB-Sportdirektor): "Wenn das die Zukunft des Fußballs ist, dann ist das eine Katastrophe. Es ist ungerecht, dass man mit so einer Spielweise, wie Chelsea sie gezeigt hat, Titel gewinnt."
Foto: dapdJoachim Löw (Bundestrainer): "Ich gratulierte dem FC Bayern trotz der Niederlage zu einer klasse Champions-League-Saison. Gegen Chelsea waren sie die bessere Mannschaft über 120 Minuten und hatten die besseren Chancen. Fußball ist manchmal brutal."
Foto: dapdOliver Bierhoff (Manager der Nationalelf): "Das war eine bittere Niederlage für die Bayern. Wir werden die Jungs wieder aufbauen. Mit uns können sie ja noch einen Titel gewinnen."
Foto: dpaStefan Effenberg (l., früherer Bayern-Spieler und TV-Experte): "Das ist eine ganz, ganz bittere Niederlage für die Bayern, die richtig wehtut. Sie haben einfach zu viele Chancen liegen gelassen."
Foto: dapdEin Irrtum. Das Wort „Schicksal“ hat im Deutschen zwei gegensätzliche Bedeutungen. Zum einen steht es für eine höhere Macht, die den Lauf der Dinge lenkt, ohne Veränderungsmöglichkeit durch den Menschen. In diesem Sinne ist die Zukunft das unausweichliche Schicksal der Vergangenheit. Zum anderen steht „Schicksal“ für ein zufälliges Pech oder Glück, den Verkehrsunfall, die sechs Richtigen im Lotto, das gestohlene Fahrrad, die Begegnung mit dem späteren Ehepartner. Es ist das weder Plan- noch Vermeidbare, etwas, das sich der Verfügbarkeit des Menschen entzieht.
Robbens verschossener Elfmeter war traurig, nicht tragisch. Wer das leugnet und eine Niederlage wie diese dramaturgisch überhöht, glaubt im Tragischen schließlich das Traumatische zu erkennen. In einer solchen Lesart wird der Zufallsfaktor Pech nivelliert. Stattdessen dominieren Zerknirschung, Selbstzweifel und das Gefühl des Versagthabens über die einzig angemessene Reaktion: schlichte, tiefe Trauer. Aber nur aus ihr und ihrer Überwindung kann die Kraft erwachsen, es wieder von vorn zu versuchen, wieder ins Risiko zu gehen, auch den nächsten Elfmeter wieder schießen zu wollen. Seinem Los entrinnt keiner. Doch was Pech war, kann Glück werden.
Außerdem ist das doch das Schöne am Sport: Weil am Ende immer alle genau wissen, warum es so kommen musste und was daraus folgt, werden auch alle immer wieder überrascht. Spätestens beim übernächsten Spiel. Freuen wir uns auf die EM? Na klar.