Champions-League-Finale : Bayern München gegen Borussia Dortmund: Mehr als ein Spiel
von Friedhard TeuffelIrrtum, dass ein Fußballspiel neunzig Minuten dauert oder auch mal hundertzwanzig. Das Finale der Champions League ist schon vor Tagen losgegangen mit den Diskussionen, ob nun die Verletzung von Mario Götze zum entscheidenden Nachteil wird und ob der Motivator Jürgen Klopp seine Dortmunder eher zum Sieg treiben kann als der Fußballweise Jupp Heynckes seine Bayern. All das gehört zum Spiel dazu. Und die ohnehin wuchtige Präsenz des Fußballs erlebt gerade einen weiteren Höhepunkt.
Das kann man aufgeblasen finden, aber die heiße Luft verschafft vielen ein wohliges Gefühl. Es bleibt ein Phänomen, wie der Fußball eine Gesellschaft beschäftigen kann, wie viel Energie und Leidenschaft er weckt. Die Einzigartigkeit, dass sich erstmals zwei deutsche Mannschaften im Endspiel der Champions League duellieren und das auch noch im mythenbeladenen Wembley, kann das nicht allein erklären. Gibt es nach dem Wetter ein so verbindendes Gesprächsthema?
Für wen soll man sich entscheiden in einem deutschen Finale der Champions League?
Sebastian Vettel, Formel-1-Weltmeister: "Die Bayern sind unheimlich stark, nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf dem Platz. Aber ich denke, dass die Dortmunder das doch schaffen können und drücke ihnen einen Tick mehr die Daumen. Einen deutschen Sieger wird es ohnehin geben, was natürlich fantastisch ist, gerade nach den letzten drei Jahren. Eintracht Frankfurt ist ja leider noch nicht dabei, da muss ich wohl noch ein bisschen warten wie es aussieht. Deswegen gebe ich diesmal im Finale von London Borussia Dortmund den Vorzug."
Foto: afpFür wen soll man sich entscheiden in einem deutschen Finale der Champions League?
Claudia Roth, Politikerin: "Groß geworden bin ich zwar in Bayern. Doch meine Fußballleidenschaft wurde erst in Dortmund geweckt. Mit Anfang 20 arbeitete ich dort als Dramaturgin am Theater und wohnte lange Zeit im Kreuzviertel direkt neben einer Borussia-Kneipe und unweit des Westfalenstadions. Was wir dort gemeinsam erlebten! Von daher soll bitte Schwarz-Gelb am Sonnabend gewinnen – und erst bei der Bundestagswahl verlieren. Ich tippe auf ein 2:2 nach 120 Minuten und einen 6:5-Sieg nach Elfmeterschießen."
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Für wen soll man sich entscheiden in einem deutschen Finale der Champions League?
Matthias Brandt, Schauspieler: "Mein Tipp fürs Finale? Bitte sehr: die derzeit beste Vereinsmannschaft der Welt, der FC Bayern München, wird verdient gewinnen. Die Bayern spielen den begeisterndsten Fußball, und darüber hinaus gefällt mir, dass sie im Vorfeld dieses Spiels deutlich souveräner und weniger selbstbesoffen auftreten als die Herrschaften vom sogenannten Arbeiterverein Borussia Dortmund. Ist der nicht eigentlich, im Gegensatz zum FC Bayern übrigens, eine Aktiengesellschaft? Und zwar eine, vorsichtig ausgedrückt, recht erfolglose? Egal: Ich freue mich wirklich wahnsinnig auf den Samstagabend. Und wenn die Dortmunder sich etwas mehr auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht, nämlich die neunzig Minuten auf dem Platz, dann stehen die Chancen für ein großartiges, schönes, spannendes Spiel sehr gut."
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Für wen soll man sich entscheiden in einem deutschen Finale der Champions League?
Nico Rosberg, Formel-1-Fahrer: "Ich bin Bayern-Fan, meine Mutter ist Dortmund-Fan. Wir gucken zusammen bei meinen Eltern auf der großen Leinwand, das ist Tradition. Als ich Kind war, waren die immer in der Champions League, so bin ich dann Bayern-Fan geworden. Aber das war eben vor allem, wenn die international gespielt haben. Ich frage mich, ob ich jetzt auch so euphorisch werde, wenn die gegen ein anderes deutsches Team gewinnen. Aber ich denke schon. Letztens hat Angela Merkel gesagt, ich bin für Deutschland. Ich bleibe bei Bayern."
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Frank Lüdecke, Kabarettist: "Servus, liebe Fussballfreunde, ich sehe die Sache so: Man muss jetzt kein Bayern-Fan sein, aber nachdem die Bayern so ein Pech hatten gegen Chelsea, dann vor drei Jahren Pech gegen Inter Mailand und vor allem 1999 dieses Riesen-Pech gegen Manchester United – also da finde ich, sollte das Glück diesmal auf Seiten der Dortmunder liegen."
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Journalist und Satiriker Martin Sonneborn: "Eigentlich ist es mir fast egal, wer gewinnt; es ist halt nicht so spannend wie Spiele gegen Spanier oder Engländer. Aus frühkindlicher Verbundenheit würde ich allerdings Bayern den Titel etwas mehr gönnen. Und natürlich gibt es spektakulärere Bilder, wenn nicht Hoeneß, sondern Klopp sich anschließend die Haare rauft."
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Für wen soll man sich entscheiden in einem deutsch-deutschen Finale der Champions League?
Andreas Maier, Schriftsteller : "Ich will eigentlich zurzeit nichts mehr mit Fußball zu tun haben. Nach dem letzten Bundesliga-Spieltag stehe ich jetzt noch wie unter Drogen. Ich hatte eine Veranstaltung in Österreich, saß auf der Bühne, vor mir das Telefon mit den Zwischenständen. Ich las Thomas Bernhard, Frost. Währenddessen spielte Eintracht Frankfurt um Europa. Es geht kaum schlimmer. Ich bin am Ende. Das Finale zu schauen ist für mich nun wie Urlaub. Ich wünsche mir ein 3:3 oder gar 4:4 und natürlich ein Drama-Ende bis zum letzten Elfer. Und noch irgend so ein tragischer Großer, der das versemmelt. Also ein Spiel, nachdem man mich bei der Eintracht wiederbeleben müsste. Aber ich wäre vermutlich einfach endgültig tot."
Es kommt einfach viel zusammen, angefangen beim Spiel selbst. Das hat sich verändert zur athletischen und strategischen Disziplin. Und wenn alle Spieler in Bewegung sind, der Ball von Fuß zu Fuß rast und am Ende im Tor landet, entsteht manchmal ein wahrer Rausch auf Gras. Die Berufsfußballer leben ihre Gefühle inzwischen offener auf dem Platz aus, das macht es für das Publikum noch reizvoller, sich Lieblinge und Unliebsame auszusuchen. Auch das Publikum hat sich verändert, es umfasst neue Milieus, sucht mehr das Massenereignis und findet es besonders einfach beim Fußball mit seinen Public Viewings und Fanmeilen.
Im Fußball gibt es längst das Kerneuropa
Bei so viel Präsenz hat das Allgemeinwissen immer mehr zugenommen, gerade auch befördert durch die UEFA Champions League. So wie es möglich ist, ein Fußballspiel in der Nacherzählung in wenigen Szenen zusammenzufassen, so lässt sich der europäische Vereinsfußball fokussieren. Man muss nicht mehr Steaua Bukarest und Ajax Amsterdam kennen, mit dem Grundwissen über Real Madrid, Barcelona, Manchester United, Juventus Turin und ein bisschen Bundesliga lässt sich schon eine abendfüllende Diskussion bestreiten. Im Fußball gibt es längst das Kerneuropa. Die Champions League hat es hergestellt, sie hat den Markt verknappt und dadurch die Aufmerksamkeit erhöht.
Irrtum übrigens auch, dass der Fußball einzelne Geschichten schreibt. Es sind ganze Fortsetzungsromane. In diesem Finale etwa ist die Vergangenheit sehr präsent mit zwei Finalniederlagen der Münchner aus den vergangenen Jahren, die es jetzt zu vergessen gilt. Schon ist vom Schicksal einer vom Scheitern bedrohten Spielergeneration zu lesen. Starker Stoff. Das entscheidet den European Soccer Contest auch vom Eurovision Song Contest, der mit neuen Darstellern jedes Mal wieder von vorne losgeht. Der Fußball ist eine Schatzkiste von geteilten Erlebnissen. Mit jedem Spiel wird sie weiter befüllt, mit einem Finale wie diesem in besonderem Maß.
Der größte Irrtum ist wohl, dass Fußball nur Fußball ist. Er wäre nie so reich, mächtig und berühmt geworden, wenn er nicht auch noch Klischees mitspielen lassen würde. Diesmal sind es die des Arbeiterklubs aus dem Ruhrgebiet gegen den stinkreichen Dominator aus dem eigensinnigen Bayern. Ist es Zufall, dass die von der Schuldenkrise geplagten Länder aus Italien und Spanien nicht im Finale sind? Ganz egal, ob da etwas dran ist: Der Fußball macht das Mitfühlen und Mitreden leicht. Und wenn der Schiedsrichter abpfeift, geht es immer noch weiter.