Fans und Finale : Für Hertha geht es weiter, immer weiter
von Lorenz MaroldtAm Tag des Abschlussfests, dem Endspiel der Champions League, steckt diese seltsame Saison, die eigentlich an ihr Ende gekommen ist, noch immer fest zwischen zwei berühmten Fußballzitaten: „Aus! Aus! Aus, aus, das Spiel ist aus!“, rief der Reporter Herbert Zimmermann am Nachmittag des 4. Juli 1954, als Deutschland mit dem Abpfiff des Schiedsrichters Weltmeister geworden war. „Weiter, immer weiter!“, rief Oliver Kahn am 19. Mai 2001, als der FC Bayern in Hamburg durch ein Tor in der vierten Minute der Nachspielzeit doch noch Deutscher Meister wurde.
Die Bayern kennen sich aus mit Toren in der Nachspielzeit; im Finale 1999 kassierten sie gleich zwei davon gegen Manchester United, und aus dem scheinbar sicheren Sieg wurde binnen Sekunden eine bittere Niederlage. United wiederum hat soeben im letzten Moment die englische Meisterschaft an den Lokalrivalen City verloren, der ebenfalls nach der neunzigsten Minute noch zweimal traf. Ja, es kann ankommen auf die letzten Sekunden, den letzten Schwung, die letzte Konzentration. Dies aber wurde Hertha beim Relegationsspiel genommen, Düsseldorf rief zu früh „Aus! Aus! Aus!“. Und deshalb läuft die Saison jetzt weiter, immer weiter, bis zur nächsten Instanz.
Für beide Vereine ist das Verfahren eine Qual, und erst recht ist es das für die Fans – besonders für die von Hertha. Es bleibt etwas Peinliches, Schamvolles, Unsportliches hängen. Das Gejammer der Spieler einerseits, die Behauptung von Todesangst, und auf der anderen Seite die Aussagen des Schiedsrichters, von ebenjenen Spielern geschlagen und frech beleidigt worden zu sein, dann die Bengalowürfe aus dem Hertha-Block auf den Platz – so will man nicht wirklich gewinnen, schon gar nicht am grünen Tisch.
Die chaotischen Szenen vom Spiel in Düsseldorf sehen Sie hier:
Randale, bengalisches Feuer, Tanz auf dem Rasen: Die Düsseldorfer Fans finden es lustig. Schiedsrichter und Polizei nahmen die Tumulte, die das gesamte Spiel begleiteten, ernster.
Foto: AFPPolitiker und Polizei fordern nach der Eskalation auf dem Spielfeld nun schärfere Sicherheitsmaßnahmen.
Foto: dpaAuch die Spieler können sich über die überschäumende Euphorie der Fans nicht so richtig freuen.
Foto: AFPNach dem Skandalspiel in Düsseldorf denkt Hertha BSC offenbar über Protest nach.
Foto: AFPUnterdessen spottet die Netzgemeinde über den unfassbaren Fußballabend und die Leistung des Berliner Vereins.
Foto: AFPWarten, bis das Feld wieder geräumt ist. Noch vor dem Schlusspfiff stürmten Düsseldorfer Fans das Spielfeld, die Partie musste für 20 Minuten unterbrochen werden und stand kurz vor dem Abbruch. Sehen Sie die chaotischen Szenen hier in unserer Bildergalerie.
Die fans feierten inklusive Feuerwek, obwohl das Spiel noch nicht beendet war.
Nach dem regulären Ende des Spiels starteten die Feiern dann erneut, die Spieler der Düsseldorfer mittendrin.
Foto: dapdGrenzenlose Freude, die Hertha-Spieler waren zu diesem Zeitpunkt längst endgültig in der Kabine verwschwunden.
Neben Trikots und Tornetzen wurde natürlich auch der Rasen als Souvenir gerne mitgenommen. Schon während der Spielunterbrechung hatte ein Fan einen Elfmeterpunkt aus dem Rasen ausgeschnitten.
Foto: dapdDas Spiel läuft noch, als Düsseldorfer Fans bereits den Platz stürmen. Zu diesem Zeitpunkt fehlt Hertha nur ein Tor, um doch noch die Klasse zu halten.
Foto: dpaEinige Spieler der Düsseldorfer versuchen, die Fans davon zu überzeugen, in ihren Block zurückzukehren.
Foto: dpaSchiedsrichter Wolfgang Stark unterbricht das Spiel für mehrere Minuten, ehe es dann doch noch auf dem Rasen zu Ende geht.
Foto: dpaZuvor hatten die Sicherheitskräfte vergeblich versucht, den Düsseldorfer Fans das Betreten des Platzes unmöglich zu machen.
Foto: dapdAuch nach dem endgültigen Abpfiff hatten Polizei und Ordner noch reichlich zu tun.
Foto: ReutersFestnahmen inklusive.
Foto: ReutersMitte der zweiten Halbzeit hatten bereits die Hertha-Fans für eine längere Unterbrechung gesorgt, als sie Bengalos auf den Rasen warfen.
Foto: dpaFlucht vor dem Feuer.
Foto: dapdIn der Hitze des Gefechts gerieten auch Spieler und Verantwortliche aneinander.
Foto: dpaBilder der Chaoten in den Fanblocks.
Foto: dapdFrustration bei den Hertha-Spielern
Foto: dpaThomas Kraft ist sichtlich genervt.
Foto: ReutersKaum war auf der einen Seite das Feuer "gelöscht", ging es auf der anderen schon wieder weiter.
Foto: dapdWas hat das noch mit Fußball zu tun?
Foto: ReutersAuch der Heimweg verlief für die Hertha-Fans alles andere als ruhig: Nach dem Abstieg von Hertha ist ein Sonderzug am Mittwochmorgen mit Fans auf der Rückfahrt von Düsseldorf kurz vor Spandau durch eine Notbremsung gestoppt worden.
Foto: dpaEiner der 760 Fans im Zug habe die Notbremse gezogen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.
Foto: dpaDaraufhin hätten alle Fans den Zug, der mit den ersten Wagen im Bahnhof Spandau zum Stehen kam, verlassen.
Foto: dpaDem Sprecher zufolge sollte der Zug ursprünglich bis zum Berliner Hauptbahnhof durchfahren, um dort die Personalien der Fahrgäste aufnehmen zu können.
Foto: dpaIn dem Zug seien mehrere Fenster und Türen eingeschlagen worden, hieß es.
Foto: dpaJetzt werde Strafanzeige gegen unbekannt gestellt.
Foto: dpaUnd doch war kaum etwas anderes möglich für die Führung des Vereins, als Einspruch einzulegen gegen die Wertung des Spiels. Zum einen, weil das Ende so offensichtlich irregulär war, so gefährlich, zum anderen, weil nicht nur Spieler nicht aufgeben sollten, sondern auch nicht ihr Unternehmen. Die Dinge laufen zu lassen, die nochmals letzte Chance nicht zu ergreifen, wäre vereinsschädigendes Unterlassen gewesen. Der Schaden fürs Image war ja ohnehin schon gegeben. Da müssen jetzt alle durch, das Management, die Spieler – und die Fans.
Aber wer geht da noch mit? Und wer kommt wieder? Es passt zum stürmischen Finale dieser Saison, dass die Fragen zum Verhältnis der Fans zu den Vereinen – und das der Vereine zu ihren Fans – nicht nur in Berlin wieder neu gestellt werden. Die Vereine haben sich jedenfalls in den vergangenen Jahren zu sehr um den Familienblock gekümmert und zu wenig um die Fackelträger gegenüber. Dass sie alle zusammen in Düsseldorf auf den Rasen rannten, gehört zur Ironie der Geschichte. Und es passt auch, dass am Ende dieser Saison ausgerechnet der selbstherrliche DFB, der die Vereine nach undurchsichtigen Kriterien für das Fehlverhalten ihrer Fans bestraft, über Auf- und Abstieg entscheidet. Ein einziges Spiel hat der Verband selbst ausgerichtet: das Pokalfinale – bei dem in beiden Kurven die Bengalos brannten.
Wir würden nie zum FC Bayern München gehen, singt Fortuna-Düsseldorf- Fan Campino von den Toten Hosen. Ja, Bayern-Fans haben es auch nicht immer leicht. Aber die Bayern sehen wird er heute bestimmt auch, im Finale gegen Chelsea. Seinen eigenen Verein hat Campino übrigens bis hinunter in die vierte Liga begleitet. Denn auch nach dem Aus geht es irgendwie weiter, immer weiter.