Würdigung einer Fast-Legende : Michael Ballack: Rasant, pompös, schleppend
von Robert IdeDie Unvollendete, die berühmteste Sinfonie von Franz Schubert, umfasst zwei Sätze. Einen schwungvollen ersten mit rasanten Themenwechseln und Temposprüngen, und einen zweiten eher pompöserer und doch irgendwie schleppender Art. Der Unvollendete, der berühmteste deutsche Fußballer der Neuzeit, hat in seiner Karriere diese beiden Phasen ebenfalls durchlebt. Das Finale furioso ist dem furiosen Michael Ballack, der nun seine Schuhe aus dem Spind wirft, verwehrt geblieben.
Der deutsche Fußball der Neuzeit, also jener nach der vollzogenen (wenn auch kaum geglückten) Spielvereinigung aus Ost und West, trägt eine stille Tragik in sich. Es ist die Tragik des Michael Ballack. Deutschland spielt schön und kombiniert unter Anleitung von Bundestrainer Joachim Löw wieder zügig und mit Zug, Deutschland kann schuften, wenn es drauf ankommt und hat auch mal Glück, wenn es ins Elfmeterschießen geht; aber dass am Ende immer die Deutschen gewinnen, kann man seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr behaupten.
Joachim Löw, Bundestrainer:
„Mit Michael Ballack beendet ein großer Fußballer, der auf der ganzen Welt bekannt ist, seine Karriere. In der Nationalmannschaft habe ich Michael stets als Stütze und sehr guten Spieler mit überragenden Qualitäten schätzen gelernt. Auf dem Platz strahlte er immer eine große Dominanz aus, für den Erfolg hat er alles getan. Für die Zukunft wünscht ihm die gesamte Nationalmannschaft inklusive der Betreuer alles Gute.“
Foto: dapdWolfgang Niersbach, DFB-Präsident:
„Michael Ballack war ein außergewöhnlicher Spieler, der für den DFB und den Stellenwert des gesamten deutschen Fußballs enorm viel geleistet hat. In der Nationalmannschaft hat er über viele Jahre herausragende Leistungen gezeigt, unvergessen bleibt dabei für uns alle insbesondere die WM 2002 in Japan und Südkorea. Es wäre schön, wenn Michael mit seiner großen Erfahrung dem Fußball erhalten bleibt, in welcher Funktion auch immer.“
Foto: dapdOliver Bierhoff, Teammanager Nationalmannschaft:
„Es ist immer schade, wenn eine große Karriere endet. Andererseits tun sich damit immer auch neue Chancen auf. Michael Ballack gehört zu den verdienten National- und absoluten Ausnahmespielern, der viele Jahre ein prägendes Gesicht war. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, sind wir uns stets mit gegenseitiger Wertschätzung begegnet, wie es sich unter Sportlern gehört. Ich wünsche Michael Ballack für die Zukunft Zufriedenheit, viel Spaß und alles Gute. Er kann mit Stolz auf seine Laufbahn als Fußballer zurückblicken.“
Foto: dapdThomas Bach, DOSB-Präsident:
„Mit Michael Ballack geht ein großer Fußballer vom Platz, der nicht nur die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft sondern auch den 1. FC Kaiserslautern, Bayer Leverkusen, den FC Bayern München und Chelsea London zu herausragenden Erfolgen und nationalen Titeln geführt hat. Auch wenn ihm der große internationale Titel verwehrt geblieben ist, ist er ein Champion des Fußballs.“
Foto: dapdHans-Joachim Watzke, Geschäftsführer Borussia Dortmund:
„Er war einer der Größten, die der deutsche Fußball je hervorgebracht hat. Ich ziehe meinen Hut vor ihm und finde es gut, dass er jetzt aufgehört hat und nicht noch drei Jahre irgendwo in der Provinz drangehängt hat.“
Foto: dapdOlaf Marschall, ehemaliger Nationalspieler:
„Michael hat eine außergewöhnliche Karriere hinter sich, war Kapitän der Nationalmannschaft und hat Großes für den deutschen Fußball geleistet. Es wäre schön gewesen, wenn er noch ein Jahr drangehängt hätte. Aber irgendwann muss auch Schluss sein, und er ist in einem Alter, wo es okay ist, aufzuhören. Wir haben als Spieler tolle Zeiten zusammen verbracht, und vielleicht laufen wir uns in der einen oder anderen Funktion ja noch mal über den Weg.“
Foto: dapdBerti Vogts, ehemaliger Bundestrainer:
„Ich glaube, er hat erkannt, dass er nicht mehr für einen großen Club spielen kann. Sein Karriereende ist richtig. Was soll er in Australien? Viele Australier wollen in Europa spielen. Wie sieht das denn aus, wenn er nun nach Australien gegangen wäre? Vielleicht hätten ihm noch zwei Jahre in den USA gut getan. So wie David Beckham. Ich hoffe, dass Michael dem deutschen Fußball erhalten bleibt - als Manager oder Trainer. Das traue ich ihm zu. Es wäre schade, wenn der deutsche Fußball ihn verliert. Er hat Großes für ihn geleistet.“
Foto: dapdHeribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender Eintracht Frankfurt:
„Er war ein großer Spieler, der torgefährlichste Mittelfeldspieler, den die Bundesliga je hervorgebracht hat. Auch in der Nationalmannschaft hat er großartigen Fußball gespielt. Jetzt ist aber der richtige Zeitpunkt für ihn gekommen, seine Profi-Laufbahn zu beenden. Michael Ballack hat es nicht nötig, in Asien oder Amerika herumzuturnen. Er sollte jetzt seinen Trainerschein machen und seine zweite Karriere im Fußball beginnen.“
Foto: dapdThorsten Fink, Trainer Hamburger SV:
„Er ist ein großer Spieler, der den deutschen Fußball jahrelang geprägt hat. Schade, dass er geht. Aber er hatte eine großartige Karriere und kann stolz darauf sein.“
Foto: dapdMatthias Steiner, Gewichtheber-Olympiasieger:
„Ich glaube, das ist die richtige Entscheidung, die er getroffen hat. Fußball spielen soll Spaß machen, wenn er sich quälen muss, bringt ihm das nichts. Er hat uns tollen Fußball beschert. Ich sehe ihn als großen Fußballer. Das sollte als bestimmender Eindruck bleiben.“
Foto: dapdSven Ottke, ehemaliger Box-Weltmeister:
„Er hatte eine tolle Karriere, das Ende war ja absehbar. Aber es ist schade und sehr undankbar, wie es zum Schluss gelaufen ist, sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei Leverkusen. Er hat den deutschen Fußball über viele Jahre geprägt. Ich wünsche ihm alles Gute.“
Heiner Brand, Sportdirektor des Deutschen Handball-Bundes und Weltmeister-Trainer:
„Vor dem, was er fußballerisch geleistet hat, habe ich allergrößten Respekt. Bis 2010 war er eine der dominierenden Persönlichkeiten, auch wenn er nicht immer von allen gut gelitten war, aber das musste er auch nicht. Der Abschied hat mich geschmerzt, wie das gelaufen ist.“
Foto: dapdSogar der letzte EM-Titel 1996 zählt in den Köpfen und Herzen vieler Fans nur halb, denn damals pflügten die Mannen mit dem Bundesadler auf der Brust noch an Berti Vogts' Terrierleine über den Platz. Der 1990 in stillem Titeltriumph über den Rasen synfonierenden Franz Beckenbauer bleibt deshalb der letzte Fußballheld aller Generationen; der allseitig vorbereitende, verwandelnde, freistoßende und schnellfußige Michael Ballack stand immer kurz vor dieser Krönung. Doch er hat trotz aller erzwungenen Siege den letzten Schritt zur Legende nicht geschafft (vielleicht auch deshalb, weil er darüber seine Leichtigkeit verlor) – die deutsche Nationalmannschaft, die lange so sehr an seinen Beinen hing und sich bei der WM 2010 mit jugendlicher Leichtigkeit von ihm emanzipierte, teilt Ballacks Schicksal. Das ist natürlich nicht weiter schlimm – schlimm war der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke -, aber es ist doch schade und nicht nur für Fans des synthetischen Leders ein Grund zum Grübeln.
Wenn Sport der Spiegel der Gesellschaft ist, und wenn Fußball dabei der Tagesspiegel ist, dann war Michael Ballack das ideale Gesicht hinter der Mattscheibe, in der sich die Gesellschaft anhand ihrer Stars selbst erkennt. Der in Chemnitz entdeckten Fußballer aus Karl-Marx-Stadt spielte sich nach oben, also tief hinein in den Westen, und löste doch die Frage aus, ob Ostdeutsche wirklich führen können – eine Frage, die Angela Merkel trotz gegenteiliger Fakten heute noch gestellt wird.
Später dann war Ballack eine Chiffre für das glatte Gegenteil: der Anhängigkeit eines Kollektivs, das sich jetzt Team nennt, von einer Person – ihrem Kopf, ihrem Können. Wie oft riss Ballack allein alles raus, und wie allzu oft verließen sich die anderen darauf?
Das Abschiedsspiel von Michael Ballack soll am 5. Juni in Leipzig auch zum öffentlichen Friedenschließen mit Bundestrainer Joachim Löw dienen. Das Motto der Veranstaltung lautet: "Ciao Capitano". Sehen Sie hier die Stationen der Karriere von Michael Ballack in Bildern.
Foto: dpaIn Sachsen begann die Fußballkarriere des gebürtigen Görlitzers Michael Ballack, hier soll sie auch enden. Anfang 2013 hat Ballack in Chemnitz, der Stadt seines ersten Profiklubs, an einem Hallenturnier teilgenommen.
Foto: dpaKindheit und Jugend im Osten: Michael Ballack begann seine Karriere beim Chemnitzer FC, bevor Otto Rehagel ihn 1997 zum soeben in die Bundesliga aufgestiegenen 1. FC Kaiserslautern holte. Dort war Ballack am sensationellen Meisterschaftsgewinn beteiligt, der dem FC als erstem Aufsteiger in der Geschichte der Bundesliga gelang.
Foto: dpa1999 wechselte Michael Ballack zu Bayer 04 Leverkusen, wo ihm sein endgültiger sportlicher Durchbruch gelang. Im Jahr 2000 erlitt er hier jedoch seine erste schwere Niederlage: Leverkusen benötigte am letzten Spieltag gegen den Außenseiter SpVgg Unterhaching lediglich ein Remis, um den Meistertitel zu gewinnen. Doch ein Eigentor von Ballack führte zur Niederlage und zum Verlust des sicher geglaubten Titels.
Foto: dpaIn der Saison 2001/02 schießt Michael Ballack 17 Meisterschaftstore und wird Deutschlands Fußballer des Jahres.
Foto: dpaDas Jahr 2002 begründete aber auch Ballacks Ruf als ewiger Zweiter. In Meisterschaft, Pokal und Champions League holte er mit Bayer Leverkusen jeweils Platz zwei. Der damalige Weltstar Zinedine Zidane (links) schoss das entscheidende Tor für Real Madrid im Champions-League-Finale von Glasgow. Danach wurde Ballack noch ein viertes Mal in diesem Jahr Zweiter: Mit der Nationalelf unterlag er im WM-Finale Brasilien.
Foto: dpaVon 2002 bis 2006 spielte Michael Ballack beim FC Bayern München. In insgesamt vier Spielzeiten für den Rekordmeister gewann Ballack drei „Doubles“ aus deutscher Meisterschaft und DFB-Pokalsieg und schoss in 135 Spielen 47 Tore. Trotzdem wurde immer wieder über seine Leistung diskutiert und kritisiert, er habe mit dem Wechsel zu einem bedeutenden internationalen Verein geliebäugelt, anstatt seine Loyalität zu den Bayern zu erklären.
Foto: dpaDas "Sommermärchen" und der dritte Platz bei der WM 2006 war Michael Ballacks Sternstunde. Er wurde zum "Man of the Match" gewählt.
Foto: dpa2008 verpasste die deutsche Nationalmannschaft mit Michael Ballack als Kapitän den zum Greifen nahen Sieg der Europameisterschaft.
Foto: dpa2006 bis 2010 spielte Michael Ballack beim FC Chelsea und wurde Topverdiener der englischen Premiere League. Hier begann das lange Ende seiner Karriere: Durch ein Foulspiel durch Kevin-Prince Boateng im englischen Pokalfinale 2010 zog er sich einen Innenbandriss zu und fiel als Spieler der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2010 in Südafrika aus. Seinen Platz als Mannschaftskapitän nahm Philipp Lahm ein.
Foto: dpaJe länger er ausfiel, umso schlechter wurde die Stimmung: Löw setzte auf Lahm als Kapitän, Ballack fühlte sich ausgebootet. Hinterher gab es Streit um Ballacks Abschiedsspiel, das er als "Farce" ablehnte.
Foto: dpaFür die letzten zwei Jahre seiner Karriere kehrte Michael Ballack 2010 nach Leverkusen zurück. Doch sein Ende Juni 2012 auslaufender Vertrag wurde nicht verlängert.
Foto: dpaIm Oktober 2012 kündigte Ballack das Ende seiner aktiven Fußballkarriere an - nach über 100 Bundesligaspielen, 98 Länderspielen, davon 55 als Kapitän der Nationalmannschaft.
Foto: dpaBeim Sommernachtsmärchentraum 2006 tauchte dann die nächste Frage auf: Geht’s auch ohne Macker? Gerhard Schröder war gerade abgewählt; und Ballack, der keine Lust hatte, einen dritten Platz zu feiern, wurde von seinen Gefolgsleuten überstimmt - hinter Poldi und Schweini tanzte er auf der Berliner Fanmeile hinterher.
Ballack hatte die Stimmung unterschätzt, seine zweite Karrierephase begann: Er nahm sich desto wichtiger, umso weniger wichtig ihn die anderen nahmen. Bundestrainer Joachim Löw ließ ihn aussortieren durch die faktische Macht des Generationenwechsels, nicht durch die Kraft eigener offener Worte.
Und auch dahinter verbarg sich eine gesellschaftliche Frage: Wie geht Deutschland mit seinen Alten um? Das Gesicht, das Michael Ballack im Spiegel sah, war nicht mehr das, das die meisten anderen um ihn herum in ihm sahen. Es ist gut, dass Ballack seine Karriere nun selbst abblendet, bevor er zum deutschen Ailton wird. Denn das hat ein Großer wie er, eine Fast-Legende auf dem Platz, nicht verdient.
Der dritte Satz von Franz Schuberts unvollendeter Sinfonie bricht unvermittelt ab. Übrig bleiben ein paar Töne ohne Ziel und die Erinnerung daran, etwas Großes erlebt zu haben. Diese Erinnerung an Michael Ballack wird bleiben.