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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Da ist das Ding! Die Mitte Berlins findet sich bei 52 Grad, 30 Minuten und 10,4 Sekunden nördlicher Breite und 13 Grad, 24 Minuten und 15,1 Sekunden östlicher Länge. Anders gesagt: im Gebüsch neben einem Sportplatz.

Reise zum Mittelpunkt Berlins Am Ruhepol

Die Frau in der Wäscherei überlegt. Sie überlegt lange. Ihr Blick geht zur Decke des Bungalows an der Ritterstraße, „Chemische Reinigung und Wäscherei Fischer & Thiele – seit 1918“, so stand es draußen über dem Eingang. Auf dem Tresen liegt ausgebreitet ein weißer Pelzmantel, einer, wie ihn nur Frauen über 60 tragen.

„Also, da gehen Sie jetzt hier runter“, sagt die Frau schließlich und zeigt vage zur Tür hinaus, „immer am Sportplatz lang, und dann rechts rein.“ Seitliche Handbewegung. „An der Ecke, da ist so ein Ding im Boden, mit Berlin drauf.“ Sie lässt die Hand sinken. "Das müsste’s eigentlich sein. Ich wüsste nicht, wo sonst." Dann beginnt sie wieder damit, den Damenpelz zusammenzulegen. Die Tür fällt ins Schloss.

Googelt man „Die Mitte Berlins“, sind die ersten Resultate: zwei Lokalzeitungsbeiträge über das neue Humboldtforum im Stadtschloss; eine Seite des Senats für Stadtentwicklung zum gleichen Thema; ein PDF-Dokument der Partei „Die Linke“: „Die Mitte Berlins ist für alle da!“; das Buch „Die Bedeutung des Berliner Stadtschlosses für die Mitte Berlins“, Amazon-Bestseller-Rang Nr. 3 434 532; ein Hinweis auf die Karfreitagsprozession der Evangelischen Kirche Berlins; der Umweltpreis „Grüne Ideen für die Mitte Berlins“; eine Fahrradtour von der Kantstraße zur East-Side-Gallery; ein RBB-Beitrag mit dem Titel „Die Kontinuität des Nebeneinanders“; ein Hinweis auf eine Podiumsdiskussion der Akademie der Künste; die Berliner Landing-Page des Privatbetten-Anbieters Airbnb; eine Liste der „besten Restaurants“ der Stadt; die Ankündigung für den Faschingsumzug des Festkomitees Berliner Karneval e. V. beziehungsweise dessen Absage: „Leider muss dieser Zug ausfallen!“ Das ist es also, was das Internet unter dem Herzen dieser Stadt versteht.

Und das ist es, was Geografen darunter verstehen: N52° 30’ 10,4, E13° 24’ 15,1. Der sogenannte „Flächenschwerpunkt“ Berlins, mathematisch berechnet anhand von hunderten Vektorenpunkten an der Außengrenze. Jede Stadt, jede Fläche hat solch einen Mittelpunkt – in London soll es die Reiterstatue von Charles I. am Trafalgar Square sein, in München liegt er direkt neben der berühmten Frauenkirche. Und in Berlin? Wenn die Stadt eine Laubsägearbeit wäre, wo könnte man sie auf der berühmten Stecknadel balancieren, ohne dass sie in eine Richtung wegkippt? Und, weit wichtiger noch: Wie sieht es da aus, in der Nachbarschaft, im Drumherum?

Der Weg zum Mittelpunkt Berlins, 52 Grad, 30 Minuten und 10,4 Sekunden nördliche Breite, 13 Grad, 24 Minuten und 15,1 Sekunden östliche Länge, führt die Lobeckstraße runter, immer am Sportplatz lang, und dann rechts rein.

Es ist dann sofort eine Riesenenttäuschung.

Eine winzige Granitplatte auf vier Steinstummeln. „Hier befindet sich der Mittelpunkt Berlins“, kleine Versalien in Bürokratensprache: „Flächenschwerpunkt in den Grenzen von 1996 – Vermessungsamt Kreuzberg“, und dann hat auch noch irgendein Chaot quer über den Umriss der Stadt ein paar unleserliche Linien gesprüht, gelb und grün, kreuz und quer. Wenn das ein Name sein soll, eine Signatur, dann kann man sie nicht lesen. Tja, unbekannter Sprayer, du wirst auch weiter unbekannt bleiben. Désolé.

Der Stein ist das eine, seine Lage noch mal das ganz andere. Er duckt sich regelrecht in die Weggabelung, nur ein paar Meter vom Metallzaun weg, der den Sportplatz begrenzt. Hier trifft Fußweg auf Fußweg, zwischen ein paar Büschen, in sicherer Entfernung von der Straße, inmitten brauner Erde und ein paar Haufen Hundescheiße. Der Mittelpunkt Berlins ist exakt so positioniert, dass er geschätzt keinem einzigen Menschen jemals auffällt.

Die Straßen um den Sportplatz. Das ist erst einmal die Alexandrinenstraße, grobe Nord-Süd-Richtung, zwei Querstraßen weiter stößt sie auf die Oranienstraße. Zum anderen die Ritterstraße, die nördlich des Fußballfelds verläuft, von der wiederum die winzige Jakobistraße auf den Backsteinturm der gleichnamigen Kirche zuläuft. Und eben die Lobeckstraße.

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Das Tor zur Mitte. Von der Wäscherei Fischer & Thiele gelangt man geradewegs zum Mittelpunkt.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Tor zur Mitte. Von der Wäscherei Fischer & Thiele gelangt man geradewegs zum Mittelpunkt.

Ein erster Blick nach oben. Es ragen, gut sichtbar, drei Hochhaustürme aus dem Viertel, Sozialbau der 60er und 70er Jahre, je einer westlich, südlich und östlich des Sportplatzes, 16 Stockwerke, wie drei zu lang geratene Eckzähne. Es sieht also erst mal ein bisschen schmuddelig aus. Berliner Skyline. Beim Gang durch die Straßen entdeckt man dann die kleineren Mehrfamilienhäuser dazwischen. Sorgfältig stehen sie die Lobeckstraße entlang im Grün, auch im Norden der Alexandrinenstraße, fein säuberlich von der Straße abgewinkelt, 45 Grad. Nachkriegsklötzlein. Persil. Lenor. Bosch. AEG. Siemens. Made in West-Germany. Verblasste Farben des kleinen Bürgertums schimmern durchs Grün. Steht da hinten ein Opel Rekord?

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Idyll im Herzen der Stadt. Vom Turm der Jacobikirche blickt man über das Viertel zwischen Lobeck- und Alexandrinenstraße. Der Mittelpunkt Berlins befindet sich unmittelbar rechts hinter dem Sportplatz.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Idyll im Herzen der Stadt. Vom Turm der Jacobikirche blickt man über das Viertel zwischen Lobeck- und Alexandrinenstraße. Der Mittelpunkt Berlins befindet sich unmittelbar rechts hinter dem Sportplatz.

Am besten ist das zwiespältige Gefühl, das dieses Viertel heute im Erstbesucher auslöst, vielleicht durch zwei winzige Bilder zu beschreiben: das des Kastenfernsehers, der vornüber im Grünstreifen hinter dem Sportplatz liegt, Glasscherben um Löwenzahn; und das des „Motz“-Verkäufers, der kurz vor Ladenschluss vor dem kleinen Kaiser’s steht, dem einzigen Supermarkt hier, Alexandrinen- Ecke Ritterstraße, Zeitung vor der Brust, und einigermaßen gut gelaunt ein Schwätzchen hält.

Es ist kein klassischer Brennpunkt, ergibt die Recherche, das Quartiersmanagement Wassertorplatz endet östlich der Lobeckstraße, und trotzdem färbt sich die Karte des Monitoring Soziale Stadtentwicklung rings um den Sportplatz meist rot bis dunkelrot: überdurchschnittlich viele Langzeitarbeitslose, überdurchschnittlich viele Sozialwohnungen, hoher Ausländeranteil. Laut Mietspiegel ist durchgehend „einfache Wohnlage“, unterste von drei Stufen. Aber wie wurde nun, was hier heute ist, in dem Viertel, wo zwischen Friedrichstraße im Westen und Kreuzberger Zentrum im Osten immer schon Durchgangsgegend, aber vor dem Krieg noch deutlich mehr Leben war?

„Die Katastrophe hier ist größer als die von Dresden. Nur fällt das in der Großstadt nicht auf.“ Der Kirchwart guckt von seinem Turm, St. Jacobi, gute Übersicht, 48 Meter über der Stadt, der Blick geht weit, bis in die Vergangenheit. „Wiederaufbau“, sagt der Kirchwart, „oben an der Otto-Suhr-Siedlung fing es an, 1957, und nach unten ging es weiter.“ Der Kirchwart zeigt über den Sportplatz, zum rechten der drei Wohntürme, Franz-Künstler-Straße 2, Ecke Alexandrinenstraße, die Mittagssonne fällt steil durch die Drahtmaschen des Turmgitters.

War also alles zerbombt, damit geht es schon mal los. Der Mitte von Groß-Berlin, der Mitte des Großdeutschen Reichs, wurde in den letzten Kriegsjahren auf schlimmste Weise ihre Lage bewusst, eingequetscht damals zwischen dem Zeitungsviertel am südlichen Ende der Friedrichstraße auf der einen und den Textilfabriken und den Metallverarbeitern auf der anderen Seite, die Butzke-Werke lagen direkt um die Ecke, Ritterstraße 26. Es blieb nicht viel übrig, nicht vom Viertel und nicht von St. Jacobi, wo nur die Außenmauern überlebten und – wie durch ein Wunder – das Jesus-Mosaik hinter dem Altar.

Andreas Korn, Kirchwart der evangelischen Kirchengemeinde St. Jacobi Luisenstadt, 1 650 Glieder, Tendenz sinkend, ist ein 52 Jahre alter Berliner mit gemütlich-stämmiger Figur, Kinnbart und auf die Haare geschobener Brille. Zum grünen Pulli trägt er Jeans und Nike-Schlappen mit schwarzen Socken. „Es war hier einigermaßen vermurkst“, sagt Korn, der die Gegend, die Gemeinde schon länger kennt als seit seinem Amtsantritt vor 25 Jahren. Am Hermannplatz ist er aufgewachsen, sind nur drei Stationen, 200 Meter von hier liegt der Moritzplatz, wo die Geschäftigkeit Kern-Kreuzbergs losgeht.

„Die Flächen sind alle vorgehalten worden für den Innenstadtring. Die Idee war: Wenn man hier mal eine Auffahrt bauen will, reißt man einfach die Sportplätze weg. Deswegen ist der Bereich so tot.“ Andererseits gibt es deshalb auch heute noch so viel Platz für all die Bäume, „das hier ist unsere grüne Mitte“, sagt, lachend, der Kirchwart. Korn ist in seinen Schilderungen nun schon weit in der West-Berliner Nachkriegsgeschichte, der Kirchwart geht die paar Schritte zur Nordseite und zeigt auf eine Häuserzeile, vielleicht 200 Meter entfernt. „Da hinten, wo das orangene Haus ist, da war schon die Mauer. Sehen Sie’s?“

St. Jacobi ist eine wunderschöne Kirche, 1844/45 von Friedrich August Stüler erbaut, dem großen preußischen Baumeister, eine Backstein-Basilika, romanisch angehaucht, ein Stück Toskana mitten in Kreuzberg, an der Kirchenwand wächst Wein. Das Problem ist nur: Die Kirche nimmt trotzdem kaum jemand wahr. Pfarrer Volker Steinhoff sitzt in seinem Büro im Seitenflügel und sagt einen dieser Sätze, die Journalisten gerne hören: „Ich kann ihnen ja mal was verraten.“

Steinhoff, der mit seinem grauen Stoppelbart und Halstüchlein ein bisschen aussieht wie eine Kreuzberger Version des Survival-Spezialisten Rüdiger Nehberg, spricht mit der Gelassenheit des designierten Pensionärs. Seit Anfang des Jahres ist er 65, aber er wirkt so fit, als wäre er 45. Den Sommer wird er in Brasilien verbringen, ein bisschen Fußball gucken, das Land genießen, zwei Monate bleibt er da, es gibt sicher schlechtere Orte, um in den Ruhestand zu starten.

Pfarrer Steinhoff verrät jetzt also was: „Die Willkommensbriefe“, sagt er, „die wollen wir am liebsten gar nicht mehr losschicken.“ Denn die Austrittserklärung der Zugezogenen kommen meist postwendend, mit bestem Dank, dass Sie uns erinnert haben. Voll sei die Kirche nur an Heiligabend, sagt Steinhoff, dann aber bei allen drei Gottesdiensten.

„Die Lobeckstraße war lange eine unsichtbare Grenze“, sagt der Pfarrer und steigt damit gleich tief in die Thematik ein, die der Gemeinde St. Jacobi zu schaffen macht. Die Deutschen, die hier wohnen, sind alt, sie sterben langsam weg, und die, die in den letzten Jahren hergezogen sind, türkische, arabische Familien, die von jenseits der unsichtbaren Grenze, aus dem sich rasant verteuernden Altbau-Kreuzberg herüberkommen, sind – logisch – nicht unbedingt die klassische Zielgruppe einer evangelischen Kirchengemeinde.

Steinhoff erzählt von Hausbesuchen in der Otto-Suhr-Siedlung, in denen „die Alten“, also die alten Deutschen, die kleinen Beamten, die hier teils seit 50 Jahren leben, davon erzählen, wie das nun so ist mit den Migranten von drüben. Was mitschwingt, zwischen den Zeilen: wie fremd sich diese beiden Welten, die sich nach dem Krieg so ganz und gar unabhängig voneinander entwickelt haben, noch immer sind.

Die Verschlafenheit der Gegend hier ist aber die gleiche geblieben, es gibt kein Zentrum, keine ernsthafte Infrastruktur außer ein paar Emma-Läden, die Nachbarschaft lag schon immer im toten Winkel zwischen Oranienstraße, Prinzenstraße und der U1-Trasse im Süden. „Wenn die Geschäfte zumachen, ist es ein Dorf“, sagt Kirchwart Korn. Hochzeitsfeiern in den Räumen der Gemeinde? Undenkbar. Ab 22 Uhr ist Ruhe, und die wird auch durchgesetzt von den lieben Nachbarn. Es ist ruhig, und es wird immer ruhiger. „Früher haben sie am 1. Mai noch die Randalierer ins Viertel getrieben“, sagt der Kirchwart, das ist aber auch schon lange vorbei. Sein Auto muss heute keiner mehr umparken.

Es verändert sich was, das schon, nur bislang nicht zugunsten der Kirchengemeinde. „Der ganze Grenzstreifen wird zugebaut mit Luxuswohnungen“, sagt der Pfarrer und deutet vage zur Wand seines Büros, hinter der die Oranienstraße liegt und dann das alte Mauergebiet, dahinter der Ostteil der Stadt, der hier, der räumlichen Nähe zum Trotz, mal so gar kein Thema ist. „Das Problem ist nur, die gehören alle zu Marien, nicht zu uns.“ Schallend lachender Pfarrer. Was will man machen? „Wobei, das kann sich ändern“, schiebt der Kirchwart kämpferisch ein, „wenn wir Zuzugsgebiet werden und die ganzen Familien kommen.“ Ist also gar keine so schlechte Sache, die Gentrifizierung, so rein aus Gemeindesicht.

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Gelassen im Wandel. Kirchwart Andreas Korn und Pfarrer Volker Steinhoff erleben in der Jacobikirche, wie die Zahl der Gemeindemitglieder stetig schrumpft - und sich das Haus zum Kulturort entwickelt.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Gelassen im Wandel. Kirchwart Andreas Korn und Pfarrer Volker Steinhoff erleben in der Jacobikirche, wie die Zahl der Gemeindemitglieder stetig schrumpft - und sich das Haus zum Kulturort entwickelt.

Das Grundproblem aber bleibt: Die Berliner haben mit der Kirche nicht mehr viel am Hut. „Aber wenn wir hier Paul Lincke spielen“, sagt Steinhoff, „dann sitzen 90 Leute im Garten“. Der Ausblick des Pfarrers weist auf eine eher profane Zukunft hin: „Wir werden immer stärker zur Kulturkirche.“ Der Stüler-Bau sei „toll geeignet“ für Ausstellungen, eine starke Konzertarbeit habe man hier ohnehin seit Jahren. Das wollten sie weiter ausbauen.

500 Meter die Alexandrinenstraße hinunter sind sie, was das angeht, schon deutlich fortgeschritten.

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Die neue Zeit. In der entweihten Kirche St. Agnes haben die Däninnen Kristina Siegel und Rhea Dall (r.) ihre Galerie „Praxes“ eröffnet. Sie schätzen die Ruhe – und den Überraschungseffekt für Besucher.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die neue Zeit. In der entweihten Kirche St. Agnes haben die Däninnen Kristina Siegel und Rhea Dall (r.) ihre Galerie „Praxes“ eröffnet. Sie schätzen die Ruhe – und den Überraschungseffekt für Besucher.

Auf der Terrasse des Gemeindehauses von St. Agnes stehen Beck’s-Kisten unter einer Plastikplane. Die Überbleibsel der letzten Vernissage. Alexandrinenstraße 118–121, das ist mittlerweile eine feste Adresse in der Berliner Kunstszene. Vor gut zwei Jahren hat der Galerist Johann König die Gebäude der früheren katholischen Gemeinde gekauft. Seit Ende 2011 sind hier, zwischen den Sozialbauten der Alexandrinenstraße, die klangvollen Namen des neuen Berlin zu Gast: Fashion Week. Tanz im August. Berlinale. In die Gemeindegebäude sind Architekten eingezogen, Galerien, eine Kita, im Hof hat der „Kirchwirt“ seine Tische aufgestellt, rot-weiß karierte Tischdecken drauf, Holzstühlchen drum herum. Das klassische Retro-Vintage-Sechziger-Ding eben.

St. Agnes, 1967 eingeweiht, war damals ein experimenteller Neubau, der Kirchturm wirkt so, als habe ein Riesenbaby zwei seiner Bauklötze aufeinandergestapelt, einen länglichen und einen quadratischen. Nach zukunftsweisenden Maßstäben entstand hier die Gemeinde, die 60er, das war ein Aufbruchsjahrzehnt auch für die Kirchen, aber der Zeitgeist war noch ein bisschen schneller als gedacht, und die meisten Gläubigen nahm er gleich mit. Und dann kamen die Künstler.

„First we take Manhattan, then we take Berlin“, sagt Rhea Dall, und das ist natürlich auch ein bisschen ironisch gemeint. Ironie ist ja vielleicht das wichtigste Erkennungsmerkmal des beuteltragenden Klischee-Großstädters, und auf den ersten Blick sehen Dall und ihre Kodirektorin Kristine Siegel, untertassengroße Brillengläser die eine, blonder Cat-Power-Pony die andere, auch genau so aus, wie man sich junge Kunstschaffende in Berlin eben so vorstellt.

„Praxes“, steht auf den Visitenkarten, „Center for Contemporary Art“. Das Logo ist ein schlichtes X, ein umgekipptes Kreuz also. „Praxes“, das sind: zwei schlichte weiß gestrichene Räume mit niedrigen Decken, durch eine Holztreppe miteinander verbunden. Die gängige „New York in Berlin“-Ästhetik hätten sie bewusst abgelehnt, sagen Dall und Siegel, statt schmuddelig, rau, fabrikartig mit hohen Decken und Graffiti an den Wänden wollten sie es eher klassisch. Im Obergeschoss teilen sich die beiden ein winziges, vollgestelltes Büro.

Dall und Siegel kommen aus Dänemark, beide haben an der Uni Kopenhagen einen Lehrauftrag, der ihre Rechnungen bezahlt und ihnen den Rücken freihält, richtig kennengelernt aber haben sie sich in New York, daher das Leonard-Cohen-Zitat. Vor Berlin haben sie dort gearbeitet, wo alles in der Kunstwelt zusammenläuft, Siegel im MoMA, Dall im Guggenheim. Und jetzt sitzen sie in der Alexandrinenstraße, schräg gegenüber vom Sportplatz und dieser Plakette, die keiner kennt, und erzählen, wie die Techniker von O2 dreimal am Haus vorbeigefahren waren, bevor sie endlich diese neue Galerie gefunden haben, die doch – logisch, bei dem globalen Business – so dringend Internet brauchte.

Und es ist auch kein Zufall, dass sie gerade hier gelandet sind, mittendrin, perfekt erreichbar aus Neukölln, Kreuzberg, Mitte, aber doch am Rand von allem, in ruhiger Lage. Es ist das Ergebnis einer genauen Standortanalyse, eines, das immer noch manche überrascht. „Gerade unsere internationalen Besucher erwarten immer ein anderes Kreuzberg, als sie es hier finden“, sagt Siegel, die selbst in diesem „anderen Kreuzberg“ lebt, dem, das alle kennen, am Viktoriapark; da, wo was los ist.

Das Konzept von „Praxes“ ist auch eine Art Entschleunigung. Jedem der Künstler, die hier ausstellen, räumen sie einen Zyklus von sechs Monaten ein. Wie viele verschiedene Ausstellungen währenddessen gezeigt werden, entscheidet allein der Künstler. Kann sein: zehn. Kann sein: nur eine. In New York oder London, sagen sie, inmitten all der Hektik, würde das nicht funktionieren. „Die Künstler, mit denen wir arbeiten“, sagt Kristine Siegel, „sind nicht die, die gerade in aller Munde sind. Es geht uns darum, das Zentrum der Kunstwelt zu expandieren.“ Zur Not eben in den Schatten der Sozialtürme an der Alexandrinenstraße.

Dass sie dabei Teil der Gentrifizierung sind, die nun, mit ihnen, auch langsam hier anklopft, daraus machen die beiden Kuratorinnen keinen Hehl. Als Problem wollen sie das nicht verstanden wissen. „Die Gegend boomt nicht“, sagt Kristine Siegel. „Prada wird nicht in der Alexandrinenstraße einziehen, jedenfalls nicht mehr dieses Jahr.“ Erheiternde Vorstellung. Ein Problem werde es erst dann, sagt Siegel, wenn es nur noch um „Streamlining“ gehe, um Stromlinienförmigkeit. Das hier ist kein neues Brooklyn, noch nicht, hier schlägt noch der langsame Puls, in den sie sich damals, Anfang der Nullerjahre in anderen Teilen der Stadt verliebt haben. In Prenzlauer Berg. Oder in Mitte.

Schwer vorstellbar, trotz dieser Beispiele, dass es diesem Anti-Zentrum schon bald genauso gehen könnte wie jenen Kiezen, die sich in Zuzug und Aufwertung längst ein bisschen selbst verloren haben. Hier ist man doch noch, wer man ist. Oder?

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Als habe ein Riesenbaby Bauklötze aufeinandergestapelt: St. Agnes in der Alexandrinenstraße.

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Als habe ein Riesenbaby Bauklötze aufeinandergestapelt: St. Agnes in der Alexandrinenstraße.

Nun ja. Hinten auf dem St.-Agnes-Campus zieht jetzt die New York University ein, die Kita muss weichen. Die NYU, sagen die „Praxes“-Macher, sei der größte Landbesitzer in Manhattan. Eine Information, die irgendwie nicht wirklich Mut macht beim Verlassen von St. Agnes, Ex-Kirche.

Aber jetzt noch mal ganz tief rein, zum Kern des Ganzen. Noch mal die Straße queren, den Fußweg hinein, an der Plakette vorbei und auf der anderen Seite auf das Gelände, das dem Mittelpunkt Berlins am nächsten liegt. Auf den Lobecksportplatz. Zum BFC Südring.

Renate und Eddy warten schon.

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Die Dinge zusammenhalten. Renate Reiche und Edmund Will (dahinter) schmeißen beim BFC Südring den Laden. Integration funktioniert bei ihnen gelegentlich mit harter Kante - und immer ganz nebenbei.

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Die Dinge zusammenhalten. Renate Reiche und Edmund Will (dahinter) schmeißen beim BFC Südring den Laden. Integration funktioniert bei ihnen gelegentlich mit harter Kante - und immer ganz nebenbei.

Viertel werden zerbombt, ganze Städte eingemauert, aber Sportvereine überleben. Und so ist es wohl kein Zufall, dass der Mittelpunkt dieser Stadt näher am Grundstück eines Fußballclubs liegt als an irgendetwas anderem.

Vor bald 80 Jahren haben sie den BFC Südring gegründet, aber eigentlich ist er noch älter, den Vorgängerverein SpVgg Fichte hatten die Nazis aufgelöst. Direkt nach dem Krieg haben sie immerhin Berliner Stadtliga gespielt, vor zehn Jahren noch Landesliga. Heute kämpfen die „Roten Teufel“ vom Südring um den Klassenerhalt in der Kreisliga A. Anders als, um hier Verwechslungen vorzubeugen, der BSC Eintracht Südring, seit 1950 abgespalten, der seine Landesliga-Spiele an der schicken Bergmannstraße in Kreuzberg 61 austrägt.

„Wen wir hier so haben? Ausländer, hauptsächlich.“ Renate Reiche, erste Vorsitzende des BFC Südring, 602 Mitglieder, Tendenz sinkend, ist eine groß gewachsene Frau, die nicht um die Dinge herumredet: „Ich bin so ein Mensch: 44 Jahre beim Finanzamt, 44 Jahre Konto bei der Sparkasse, 37 Jahre verheiratet. Ich bin niemand, der sich laufend irgendwo anders orientiert. Was mich stört, versuche ich zu ändern.“

Seit 28 Jahren engagiert sich Reiche, Trainingsjacke über grüner Bluse, hier im Verein, im Prinzip jeden Tag, unter der Woche ab sechs abends, am Wochenende ganztags, da sind ja die Spiele. Als „Vollbetreuerin“ bezeichnet sie sich selbst, um die erste A-Jugend kümmert sie sich auch noch, inklusive Trikots waschen, ansonsten macht sie alles, was so anfällt: „Sozialarbeit, Einkaufen. Gestern habe ich hier hinterm Tresen sauber gemacht, weil mir das nicht so gefallen hat.“

Die Geschäftsstelle ist gleichzeitig Vereinsgaststätte und Konferenzzimmer, es gibt nur den einen Raum, dunkles Holz an den Wänden, Silberpokale auf Regalbrettern, hier wird auch abends um acht noch Kaffee getrunken, aus Henkeltassen natürlich und pechschwarz. Von den Kanten der Pressholztische blättert die Beschichtung.

Der BFC Südring, echter Berliner Verein, ist chronisch klamm. „Aber schuldenfrei“, sagt Renate Reiche. Ein Großteil der Mitgliedsbeiträge, 13 Euro pro Monat, ermäßigt zehn, komme ja ohnehin direkt vom Amt. Achselzuckende Renate Reiche: „Da staunt man, mit was die hier so vorgefahren kommen, und die sind dann Hartz IV.“

Aber was soll man sich da groß aufregen? Es ist, wie es ist. Sicher, sie bräuchten dringend ein paar mehr Ehrenamtliche, es wäre auch schöner, wenn die Eltern der Jugendspieler sich öfter zeigen würden, abends, am Wochenende, „aber die sitzen eben lieber in der Teestube“.

Die Puderschicht der Political Correctness brauchen sie hier nicht, sie gehen ja auch so korrekt und anständig miteinander um, dafür sorgt schon die Vorsitzende. „Herr Reiche, nehmen wir mal die Schuhe vom Tisch. Wir haben Besuch!“ Ein lautes Lachen hinterher, das entkrampft vieles, und Renate Reiches Sohn, ein erwachsener Mann, nimmt seine Töppen vom Tisch. Kurz darauf kommt ein A-Jugend-Spieler herein und gibt allen höflich die Hand. „Ich nehm’ mir kurz den Ball, ja?“ – „Ja, du kannst ihn dir auch länger nehmen.“ Lachen. Gute Laune auf der Geschäftsstelle.

„Wir haben uns sehr viel Vertrauen erarbeitet“, sagt Renate Reiche. Deshalb hörten ihnen die Kinder und Jugendlichen zu, sagt sie, egal aus welchem Elternhaus sie kämen. Zwei geistig Behinderte haben sie auch, große Konzepte braucht es nicht, die Integration passiert hier einfach so, fast nebenbei. Indem sie alle dazugehören, als Betreuer, egal als was, Hauptsache dabei und nicht alleine in der Ecke. „Es ist nicht immer heile Welt“, sagt Renate Reiche, „ab und zu muss man auch eingreifen und die Stimme erheben.“ Und dann bringt sie die Bilanz der letzten 28 Jahre in einen Satz: „Das ist hier die Oase. Hier ist Friede. Jeder kann sich sicher wiegen.“

Draußen auf dem Hauptplatz macht sich die erste Mannschaft warm. „Vollgas, Männer, komm, komm, komm“, Trikots von Barcelona, Chelsea, Real Madrid und den Füchsen Berlin. Sami Khediras goldene Rückennummer löst sich ab.

Eddy geht die Mannschaft durch. „Arab, also arabischer Herkunft, das sind ja viele verschiedene Länder, türkisch, halb deutsch, halb Italiener, deutsch komplett, polnisch, und ... ach, wat is denn eigentlich der Sami, der heute mittrainiert? Ex-Jugoslawien, glaub’ ich.“

Edmund Will, genannt Eddy, zweiter Vorsitzender, trägt beigefarbene Sommerjacke über Karohemd, ist mit 30 Jahren noch zwei länger im Club als Renate Reiche und lacht noch ein bisschen öfter als sie. Fast jeder seiner Sätze endet mit einer Pointe. Eddy wohnt in einem der 16-Geschosser, Franz-Künstler-Straße 2, Ecke Alexandrinen, 13. Etage, 50 Quadratmeter, 400 Euro warm, mit Blick auf den Platz. „Mischbevölkerung“, so nennt Eddy die Bewohner seiner Platte, von denen er aber kaum einen kennt, hat ja jeder seine eigene Tür und seinen eigenen Balkon. Wenn Eddy sich auf seinem über die Brüstung lehnt, dann sieht er links das Rote Rathaus und rechts die Radarstation von Tempelhof. „Mein Panoramablick“, sagt er. Aber dass das hier der absolute Mittelpunkt der Stadt sein soll, davon hat er auch erst erfahren, als sie damals die Marmorplatte montiert haben. Geändert hat der kleine Stein ja eh nichts.

„Hier waren schon immer nur Wohnungen“, sagt Eddy. „Kiez, das ist Yorckstraße, Bergmannstraße, Marheineke, 36, Kotti. Hier ist zwar Neubau, aber kein richtiger Kiez.“ Es ist hier, wie es ist. Man bleibt auf dem Boden. Was willst du auch noch höher hinaus, wenn du eh schon im 13. Stock wohnst, mit Blick über die halbe Stadt?

Renate Reiche sagt: „Wir haben schon eine Menge Träume, die sich aber nie erfüllen werden.“

Eddy wünscht sich: „Dass der Verein so geführt wird wie jetzt, mit Schwerpunkt auf die Jugend.“ Der Rest? Ergibt sich. „Mal steigt man auf, mal steigt man ab.“ Achselzucken. Kaffeeschluck.

„Wir haben eine gute Truppe, erste Männer, von denen versprechen wir uns einiges“, sagt Renate Reiche. „In Zukunft.“ Aber erst mal nicht absteigen jetzt. Bis die Zukunft da ist, leben sie ihr Leben, ein erfülltes, kleines, gutes Leben, 100 mal 70 Meter groß, und der eine Torwart sieht immer den Fernsehturm.

Aus dieser Perspektive, das Vereinsheim im Rücken, scheint alles aus dem grünen Band der Bäume zu wachsen: der Campanile von St. Jacobi, Eddys Turm und, viel größer, als man sich das vorgestellt hätte, eben der Fernsehturm, im Ostteil der Stadt, der hier kein Thema ist, blinkend im Abendlicht, ewiger Bezugspunkt für fast alle in dieser Stadt und von hier aus gesehen die größte Eckfahne der Welt.

Es ist ein echter Berliner Horizont.

Und so ist dann dieser sympathisch-verratzte Anti-Kiez rings um den Lobecksportplatz am Ende doch die treffendste Metapher auf den so gern zum Mysterium aufgeblähten Scheinriesen Berlin. Diese Stadt ist wie ihr Mittelpunkt: ein halb verborgener Raum mit ein paar Träumen und viel Alltag, ein bisschen grün, ein bisschen grau, ein bisschen Lincke, ein bisschen Vernissage, ein Ort, an dem Migranten und Deutsche, Junge und Alte nebeneinander herleben, in den gleichen Türmen, Tür an Tür, meist friedlich und ein bisschen auch zusammen, ein Ort, der sich immer noch mehr wälzt als wandelt.

Berlin, das ist ein grüner Park mit Blick auf den Fernsehturm, der von Weitem riesig wirkt.

Berlin, das ist ein Kreisligaclub im Zentrum der Welt.

Und so ist es dann fast ein bisschen schade, dass man hier wieder wegmuss, die Lobeckstraße rauf, am Wäscherei-Bungalow vorbei, über die Oranienstraße zum lauten Moritzplatz und runter in die U-Bahn-Station, wo schon ein gelber Zug wartet, der einen wieder mitnimmt, zurück in die Stadt.

Johannes Ehrmann hat dieser Tage den Theodor-Wolff-Preis gewonnen. Mit einer Essay-Reportage über den Wedding. Der Text über den Mittelpunkt Berlins erschien - ebenso wie der Wedding-Essay - in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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