Abo Abonnement
Foto: Britta Pedersen/dpa
Foto: Britta Pedersen/dpa

Models präsentieren eine Kreation des Designers Guido Maria Kretschmer.

Fashion Week in Berlin Weniger Modenschauen, mehr Geschäft

Guido Maria Kretschmer freut sich, endlich ist mal was für seine Mutter dabei. Seit er mit einem Hamburger Versandhaus zusammenarbeitet, zeigt er bei seiner Modenschau auch ganz normale Sachen und nicht nur die aufwendigen Fummel für seine Lieblingspromis wie Daniela Katzenberger. Sie und andere künstlich verschönerte Damen saßen bei der ersten Modenschau der Fashion Week im E-Werk an der Wilhelmstraße in Mitte ganz vorne. Kretschmer durfte am Montagabend schon mal auf den Laufsteg, bevor es heute richtig losgeht mit den Modenschauen. „Pre-Opening“ nennen das die Organisatoren der Mercedes-Benz Fashion Week.

E-Werk statt Zelt auf der Straße des 17. Juni

PR-Sprech haben sie drauf. Im Juli 2017 erklärten sie sich selbst für gescheitert. Nach zehn Jahren hatte Mercedes-Benz bekanntgegeben, dass sie die Modenschauen nicht mehr finanziell unterstützen wollten, die erst am Brandenburger Tor, später am Bebelplatz und noch später auf der Straße des 17. Juni für mehr Ärger als Vergnügen gesorgt hatten. Und wie das in Berlin so ist, wird seitdem davon gesprochen, dass damals deshalb die ganze Modewoche kurz vor dem Aus stand.

Das Ganze ist eine Posse: Kurze Zeit später erklärte niemand anderes als Mercedes-Benz, nun Geld für ein neues, relevantes Format geben zu wollen. Im Januar 2018 feierte man sich für die gelungene Wiederauferstehung der Fashion Week. Der Name Mercedes-Benz Fashion Week war geblieben, Logo und Standort hatten sich geändert. Das E-Werk befindet sich hinter einem Parkplatz gegenüber dem Finanzministerium, da kommt die Mode niemandem in die Quere.

Yoga-Stunden für alle

So entspannt ist es am neuen Ort, dass auf dem Parkplatz jetzt sogar Yoga-Stunden für alle angeboten werden. So viel positives Feedback habe es im Januar 2018 gegeben, dass man sich nun noch weiter der Öffentlichkeit öffnen wolle, verkündet die Presseabteilung von Mercedes-Benz. Das bedeutet für diese Woche: Fressbuden, Kartenverlosungen und Public Viewing – die reinste Mode-Fanmeile. Im E-Werk zeigen von heute bis Donnerstag 16 Designermarken ihre Kollektionen. Modisch relevant ist das wenigste davon. Bei Firmen wie Riani oder Sportalm Kitzbühel geht es schlicht darum, sich und seine Fangemeinde zu feiern, dabei Bilder zu produzieren, die in die Welt hinausgeschickt werden und ein Beweis für den Erfolg der eigenen Marke sind, weil man eben eine eigene Schau auf der Berliner Fashion Week hat.

Vor dem Relaunch der Mercedes-Benz Fashion Week konnte man im profillosen Durcheinander immer auch junge Nachwuchsdesigner entdecken. Jetzt ist die Veranstaltung so aufgeräumt, dass es keine Überraschungen mehr gibt. Lediglich fünf Berliner Designer sind geblieben, drei davon werden vom Berliner Senat finanziert.

Aber zum Glück ist die Mercedes-Benz Fashion Week nur ein Teil der ganzen Berliner Modewoche. Die Fachbesucher kommen wegen der Messen in die Stadt. Und auch da wird es einem inzwischen einfach gemacht: Der Platzhirsch Premium besitzt inzwischen einen Großteil der Messen, von der Skaterplattform Bright über die Sportswear-lastige Seek bis hin zur Hauptveranstaltung im ehemaligen Postbahnhof am Gleisdreieck, die mit mehr als 1000 Ausstellern fast das ganze modische Spektrum umfasst. Als Pendant gibt es die unabhängige Panorama auf dem Berliner Messegelände, die kommerzielle Marken aufnimmt, die nicht ins Konzept der Premium passen.

Auch wenn es den Einzelhändlern in Deutschland nicht wirklich gut geht – nach Berlin müssen trotzdem viele kommen, um sich zu informieren. Und vielleicht neue, kleine Marken zu finden, mit denen sie Kunden in die Läden locken können. Dabei dürfte auch die einzige deutsche Messe für nachhaltige Mode, Green Showroom, die sich langsam aus der Ökonische herausbewegt, eine immer wichtigere Rolle spielen.

Salon im Kronprinzenpalais öffnet

So richtig Fahrt nimmt die Modewoche erst am Donnerstag auf, dann beehrt Hugo Boss die Stadt mal wieder mit einer Schau. Da die Sause weit weg am Rand von Berlin in Weißensee stattfindet, wird das Unternehmen wohl wie gewohnt klotzen, um seine Gäste für die weite Anreise zu entschädigen. Vielleicht ja wie beim ersten Berliner Auftritt vor 15 Jahren, als die Models durch ein Wasserbecken liefen und das Buffet auf meterlangen Eisblöcken serviert wurde. Das war der Auftakt für eine ganze Reihe von bombastischen Boss-Modeinszenierungen, die vor allem eines bewirken sollten: alle anderen in den Schatten zu stellen. Immerhin organisiert der Berliner Designmatador Michael Michalsky nach einer Pause wieder eine Stylenite im Tempodrom und beendet Freitagnacht die Modewoche mit einer Party.

Wer inhaltlich auf Interessantes aus Deutschland hofft, der braucht sich erst am Freitag auf den Weg nach Berlin zu machen. Dann öffnet der Berliner Salon im Kronprinzenpalais für fünf Stunden. Selbst Zugpferde wie die Mannheimer Designerin Dorothee Schumacher, die bisher immer mit einer eigenen Schau in Berlin war, beschränken sich dieses Mal darauf, ihre Entwürfe in der Gruppenausstellung zu präsentieren.

Wie auch viele Berliner Designer, die dieses Mal eine eigene Etage im Palais bekommen haben. Im ersten Stock versammeln sich 14 Designer und Labels aus der Stadt wie Mykita, Marina Hoermanseder, Dawid Tomaszewski und William Fan. Hinter der gebündelten Präsentation der Berliner Mode steckt die Senatsverwaltung für Wirtschaft, die mit Geld aushilft. Mehr wollte der Senat nicht verraten, Fragen zu Strategie, Ausrichtung und Zukunft des Berliner Modestandorts blieben unbeantwortet.

Dass rund ein Dutzend Berliner Designer, die sonst die Modewoche zu einer Heimvorstellung nutzten, einfach gar nicht im Programm auftauchen, ist ein wenig beunruhigend. Unter anderem fehlen Malaikaraiss, Vladimir Karaleev, Hien Le, Michael Sontag, Esther Perbandt. Wenn man jenseits der Messen von Relevanz sprechen will, braucht es die eigenen Designer, die mit ihren Entwürfen das Salz in der Suppe sind.

Mehr zu Mitte
Outbrain