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Foto: picture alliance / Jörg Carstens
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Ferdinand von Schirach liebt die Stadt. Trotz und wegen ihrer Makel.

Ferdinand von Schirach Warum man heute nur in Berlin leben kann

Ferdinand Schirach

Nirgendwo auf der Welt gab es so viel Leid und so viel Strahlendes wie auf den 900 Quadratkilometern dieser Stadt. Hier baute Schinkel seine herrlichsten Gebäude und es gibt Scheusslichkeiten wie das Kaufhaus Alexa. Hier wohnten Fontane, Kleist, Musil, Tucholsky und mein geliebter Erich Kästner. Gleichzeitig zerstückelte hier der Schlachtergehilfe Carl Großmann fast 100 Frauen und Gerhard Hirschfeld betrieb hier schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Drogenhandel – weit größer als alles, was wir heute kennen. In Berlin gibt es über 500 Kirchen und hier steht das größte Gefängnis Europas. In dieser Stadt leben Liebende und Mörder, es gibt die schönsten Plätze und manche Straßen sehen aus wie in Osteuropa.

Wir haben drei Opernhäuser und bereits in den 20er Jahren wurden in den Klubs alle auch nur denkbaren sexuellen Wünsche erfüllt. Hier herrschen jetzt strenge Rauchverbote, aber in vielen Restaurants werden um 23 Uhr Untertassen auf den Tisch gestellt, die man als Aschenbecher benutzen kann. Marzahn ist ein Alptraum in Beton, aber dort gibt es auch diesen stillen Steingarten eines Zen-Meisters, vielleicht der schönste ausserhalb Japans.

Die preussische Aktenordnung wurde hier erfunden, aber nirgendwo sonst wartet man so lange auf eine Autozulassung. In Berlin wurde das letzte Todesurteil vollstreckt, aber hier fand auch die glücklichste Fussballweltmeisterschaft statt. In dieser Stadt wohnen die unverschämtesten Taxifahrer und die freundlichsten Kellnerinnen, die schlimmsten Wohnungsmakler und die schönsten Frauen. Die Menschen hier sind laut und grob, sie essen Currywurst und Fischeintopf, sie schimpfen über den Schnee genauso wie über die Hitze im Sommer und alle, wirklich alle, scheinen einen Hund zu haben.

Aber am Ende haben diese Berliner die Mauer überlebt, über 450 000 Ausländer aus 189 Staaten leben in dieser Stadt und fast alle sind im Sinne Friedrichs wirklich tolerant, sie lachen über sich selbst und sie ertragen sogar die lächerlichen Autokolonnen der Politiker – so lange nur die S-Bahn wieder fährt. Berlin ist wie der Mensch, der alles ist: Er komponiert den Tristan und fliegt ins Weltall, er tötet seine Geliebte und beginnt einen Krieg. Und genau deshalb kann man heute nur hier leben – Berlin ist der Liebling der Götter, über den Goethe sagt:

Alles geben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz.
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Leiden, die unendlichen, Ganz.

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