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Foto: Foto: Claudia Kleine/ IMAGO
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Die Premiere von "Pünktchen trifft Anton" im Jahr 2012

Kinder- und Jugendtheater in Berlin-Mitte Fünf Liebeserklärungen an das Berliner Grips-Theater

Claudia Kleine

Eva-Maria Bartholomäus, 53, langjähriger Grips-Fan: Sollte es das Grips eines Tages nicht mehr geben, für Eva-Maria Bartholomäus wäre es eine Horrornachricht. „Berlin ohne Grips fände ich ganz furchtbar“, sagt die 53 Jährige. Sie ist ein echter Fan und das schon seit Jahrzehnten.

Ihren ersten Besuch im Grips erlebte sie, als sie selbst noch ein Grundschulkind war. 1974 besuchte sie mit ihren Klassenkameraden das Stück „Doof bleibt doof“. Es gefiel ihr: „Besonders der Song ‚Doof gebor’n ist keiner‘ ist hängengeblieben“, erzählt sie. Sie sei keine Leuchte in der Schule gewesen und der Song habe ihr Mut gemacht: „Ich dachte, oh cool, aber doof geboren bin ich nicht. Wenn ich mich hinsetze, dann kann ich auch was lernen. Das fand ich super.”

Zuhause sang sie den Song immer wieder vor sich hin. Ein erneuter Besuch im Grips ließ vorerst allerdings auf sich warten. „Theatergänger waren damals bei uns in der Familie nicht angesagt“, sagt sie. Erst in der 8. Klasse kam sie erneut durch die Schule zu einer Gripsvorstellung. Das Stück: ‚Die schönste Zeit im Leben‘. Bartholomäus war begeistert: „Ich dachte: Whow, das ist Theater? Cool!“

Insgesamt 20 Mal sah sie sich das Stück an. „Ich bin immer wieder rein und fand es irre, die Feinheiten zu beobachten. Jede Vorstellung ist ja doch ein bisschen anders“, erzählt sie. Durch die vielen Besuche konnte sie den Text irgendwann vollständig mitsprechen. Seitdem hat sie sich jedes Stück im Grips angeschaut.

Sie ging auch in andere Theater, sah sich andere Stücke an. „Aber begeistern tut mich einfach das Grips-Theater“, sagt sie. Der Unterschied sei, dass das Grips aus ihrer Sicht einfach näher an der Zeit dran ist. „Und zwar ohne den erhobenen Zeigefinger.“

Als sie in der zehnten Klasse war, habe sie sogar einmal Fanpost an das Grips gesendet. „Ich habe aus Salz-Mehlteig diese Gripsmännchen gemacht und habe sie dann dem Grips geschickt“, erzählt sie. Den selbstgemachten Figuren legte sie auch einen Hinweis bei, an welchem Tag sie wieder im Grips zur Vorstellung kommen würde.

Was sie dabei nicht für möglich hielt: Einer der Schauspieler sprach sie tatsächlich darauf an und nahm sie mit zu den anderen Schauspielern, denen sie nun allen einmal die Hand schütteln durfte. „Im Nachhinein denke ich, oh Gott, wie peinlich, aber damals war das toll“, erzählt sie lachend.

"Tolle Atmosphäre hinter der Bühne"

Pete Gilbert, 64, Künstlerisches Betriebsbüro und Mann für alle Fälle: Wenn man Pete Gilbert fragt, was er am Grips-Theater einzigartig findet, dann ist es die Atmosphäre auf der Bühne. Der Engländer lernte das Grips-Theater Anfang der 80er Jahre bei einem Gastspiel in London kennen und übernahm im Anschluss auch gleich für ein paar Wochen eine Regieassistenz in Berlin. Danach stand für ihn fest: Er muss beim Grips arbeiten.

„Die Gesichter der Leute, wenn sie nach der Vorstellung aus dem Saal rauskommen, haben mir imponiert. Ich dachte, es ist toll, Menschen so zu unterhalten, aber auch noch mit etwas Ernstem, was dahinter steckt. Ich wollte auch ein Teil davon werden“, erzählt er.

Bis sich dieser Traum erfüllte, verging etwas Zeit. Erst nach zweieinhalb Jahren rief Grips-Chef Volker Ludwig ihn erneut an. Pete Gilbert sollte ein neues Stück ins Englische übersetzen, was Ludwig nach Dublin verkauft hatte. Es war Linie 1.

Nachdem die Übersetzung fertig war, standen drei Wochen Proben in englischer Sprache an. „Die Sprachfähigkeiten der Grips-Schauspieler waren sehr unterschiedlich. Wir hatten drei, vier, die sehr gut englisch gesprochen haben, aber wir hatten auch einen Schauspieler dabei, der kein Wort Englisch konnte“, erinnert sich Gilbert.

„Ich habe ihm dann alle Rollen auf einen Kassettenrekorder gesprochen“, erzählt er. Die habe der Schauspieler genutzt um in den Sommerferien seinen Text zu lernen. Und es klappte. „Er hat tatsächlich ein dreistündiges Stück auf Englisch gespielt.“ Seit dieser Zeit ist Gilbert fest mit den Grips verbandelt – mit stets wechselnden Aufgaben. Lange Zeit sei er auch derjenige gewesen, der angerufen wurde, wenn ein Schauspieler erkrankte oder mitten in der Nacht eingebrochen wurde.

Das führt schon mal zu komischen Situationen: „Einmal war ich gerade auf einer Verkleidungsparty, zu der ich als Dracula gegangen bin“, erzählt er. Um die Kriminalpolizei nicht so lange warten zu lassen, entschied er sich, direkt zum Grips-Theater zu fahren. So kam es, dass sich die Beamten um drei Uhr nachts von einem Vampir die Tür aufschließen ließ. „Mit rotem Umhang und total weiß geschminkt.“ Da er den Schlüssel und seinen Ausweis dabei hatte, habe man ihn aber ernst genommen.

Heute ist er für die logistische Planung des Theater-Spielplans zuständig. Dass seine Aufgaben stets wechselten, hat ihn nie gestört: „Das macht ja Spaß“, sagt er und lacht. Außerdem hat ihm das Grips auch zu seinem privaten Glück verholfen. Gleich zu Beginn lernte er die West-Berliner Schauspielerin Claudia Balko kennen, die er später heiratete. „Inzwischen sind wir dreißig Jahre zusammen.“

Sedija Husak, 53, Maskenbildnerin: Für die Maskenbildnerin Sedija Husak, ist das Grips vor allem eins: Familie. „Das klingt vielleicht wie eine Phrase, aber besser kann ich das nicht beschreiben“, sagt sie. In den 90er Jahren kam die gebürtige Bosnierin an das Berliner Kinder- und Jugendtheater, damals noch mit dem Status als Geflüchtete. „Ich kam nach Berlin, war allein, weit weg von meiner Familie und meinem Land“, erzählt sie. Doch im Grips habe sie sich heimisch gefühlt und das gilt bis heute. „Wir arbeiten viel, weil wir so klein sind und mit wenig Menschen viele Produktionen stemmen müssen. Aber das andere, das Private, das bringen wir auch immer mit. Und vor allem wird viel gelacht“, sagt sie.

In der Maske erlebe sie ständig komische Situationen. Eine Zeit lang seien zum Beispiel regelmäßig erfundene Geburtstage gefeiert worden. „Wenn jemand reinkam, haben wir gesagt, ,ah du hast heute Geburtstag’ – und dann glaubte das erstmal die Hälfte“, erzählt sie. Und auch jene, die wussten, dass es nicht stimmte, seien darauf eingestiegen, hätten gratuliert und Getränke geholt, erzählt Husak. Einmal habe eine Schauspielerin zu einem erfundenen Geburtstag sogar einen Kuchen mitgebracht. „Es vergeht kein Tag, an dem ich hier nicht lache“, resümiert sie.

Dass das Arbeitsklima am Grips so gut ist, liegt ihrer Meinung nach auch an der Struktur. „Wir entscheiden selbst über unsere Arbeitszeiten und über unsere Arbeit“, erzählt sie. Das sei am Grips schon immer so gewesen. „So arbeitet man natürlich viel lieber und die Arbeit fällt nicht so schwer.“ Auch sonst habe man mehr Freiheiten: Als ihr Sohn noch ein Jahr alt war, habe sie im Maskenraum einfach ein Reisebett aufgestellt. Darin spielte er, während sie arbeitete. Niemand habe sich daran gestört. „ In anderen Häusern würde man vielleicht gar nicht auf die diese Idee kommen.“

Klare politische Haltung

Anna-Sophie Fritsche, 29, Theaterpädagogin: Das besondere am Grips ist für Anna-Sophie Fritsche ganz klar die Bedeutung der Theaterpädagogik. „Es ist ganz besonders an diesem Haus, dass die Theaterpädagogik so eine Kraft und auch personelle Stärke hat“, sagt sie. Sie ist eine von aktuell sechs Theaterpädagoginnen, „die am Haus eine hohe Wertschätzung erfahren.“ Sie könne sich daher keinen besseren Ort vorstellen, um als Theaterpädagogin zu arbeiten.

„Das hat auch viel mit meinem Selbstverständnis von Theater zu tun“, sagt sie. Theater sei für sie nicht nur ein Ort zum gucken, sondern ein Ort zum selber aktiv werden.

Dass das Grips als Theater auf Kinder und Jugendliche fokussiert ist und zudem eine klare politische Haltung hat, sieht sie als zusätzlichen Bonus an. „Es wird eben nicht nur Kinder- und Jugendtheater gemacht, um andere Zielgruppen anzusprechen und die Verkaufszahlen zu stärken“, sagt sie. Dahinter stehe auch die Überzeugung, dass junge Leute angesprochen werden sollen, „um sich zum emanzipierten Menschen zu entwickeln“.

Diese Grundhaltung, Theater aus einer Überzeugung heraus zu machen, um in der Gesellschaft etwas zu bewirken, sei für sie ein Grund, hier zu arbeiten.

Auch die Tatsache, dass das Grips nicht nur eine linkspolitische Botschaft vermitteln wolle, sondern diese auch in seiner Struktur versucht umzusetzen, überzeugt sie. „Gerade weil viele Theaterstrukturen sehr hierarchisch strukturiert sind.“ Am Grips werden hingegen alle künstlerischen Entscheidungen durch ein Gremium getroffen, in dem Vertreter aus allen Abteilungen sitzen. „So hat man das Gefühl, durch seine Abteilung auch Impulse zu geben“, sagt sie.

Die flachen Hierarchien am Grips haben allerdings auch ihre Schattenseiten. Als Anna-Sophie Fritsche vor ein paar Jahren ans Grips kam, war nicht alles so, wie sie sich das bei dem renommierten Theater vorgestellt hatte. „Das Grips hat nicht die klare Strukturiertheit, die man von dem Namen erwartet. Man muss sich einarbeiten, in das Gefüge Grips“, sagt sie. So könne man zum Beispiel nur wissen, wie Aufgaben verteilt sind, weil das schon immer so gemacht wurde. Das sei am Anfang eine Herausforderung gewesen. „Aber man wird dafür herzlich aufgenommen.“

"Ein Stück Humanismus"

Thomas Keller, 54, Musikdramaturg und Saxophonist: 50 Jahre Grips? Machen wir doch hundert draus! Solange sollte es das Grips aus der Sicht von Thomas Keller zumindest auf jeden Fall noch geben. „Es ist einfach ein Stück Humanismus, und auf den können wir gerade in der heutigen Zeit überhaupt nicht verzichten. Wir brauchen viel mehr davon“, meint er.

Außerdem sieht er noch einen anderen Grund, warum das Grips weiter existieren muss: „Wir haben im Schauspiel und in der Musik und auch in der Theaterpädagogik so viele spannende, junge neue Leute hier“, sagt er. „Diese Menschen sind es einfach wert, dass das Publikum auch weiter kommt und sich anguckt, wie diese Menschen unsere Welt sehen“, sagt er.

Der Saxophonist, der heute vor allem als Musikdramaturg am Theater arbeitet, steht voll und ganz hinter dem Grips. Kein Wunder, immerhin ist er schon seit über 30 Jahren dort tätig.

Alles begann im Jahre 1986, da war er gerade 21 Jahre alt. Es war die Zeit kurz vor der Premiere von Linie 1. „Ich lag frühmorgens im Bett in meiner Wohnung und es klingelte das Telefon“, erzählt Keller. Am Apparat war ein Musikerkollege. „Er fragte: „Du sag mal, hast du nicht Lust, da in diesem neuen Musical zu spielen am Gripstheater, das wird bestimmt ein ganz großes Ding.“

Er sei zu dieser frühen Stunde noch gar nicht richtig Herr seiner Sinne gewesen, aber als der Kollege erzählt habe, dass es sich um ein Stück handele, bei dem Schauspieler singen, war er angefixt. Er sagte schlaftrunken zu.

Was für ein Riesenerfolg das Musical werden würde, ahnte er nicht. „Erst im Nachhinein habe ich bröckchenweise realisiert, worauf ich mich da eingelassen habe“, erzählt Keller. Durch das Musical habe er auf Tourneen tatsächlich die ganze Welt gesehen.

Auch nachdem der Erfolg von Linie 1 abebbte, blieb Keller dem Theater treu und hat es nie bereut. „Was ich total bereichernd finde, ist, dass wir einfach immer wieder Generationenwechsel im künstlerischen Personal haben“, sagt er. Das sei auf eine sehr angenehme Weise fordernd. „Die Zusammenarbeit mit diesen Menschen ermöglicht es mir fortlaufend, meinen Blick zu überprüfen und nicht in vorgefertigten Denkmustern träge stecken zu bleiben“.

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