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Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Selbst beste Kitas können nicht alle sozialen Benachteiligungen ausgleichen.

Kinderbetreuung in Berlin Die Qualität der Kitas ist wichtiger als Gebührenfreiheit

Berlin geht voran. Die Hauptstadt ist das erste Bundesland, in der Kitas ganz kostenlos sind – auch die 16.000 Kinder, die jünger als ein Jahr sind, müssen nicht mehr zahlen. Andernorts sieht es anders aus – in jedem dritten Bundesland gibt es keinerlei Beitragsfreiheit. Ausgerechnet das hochverschuldete Berlin leistet sich das, werden manche murren. Doch Berlin hat eben größere soziale Probleme als heile ländliche Räume. Die Diskussion ist auch längst weiter. Es ist kein Wunder, dass Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, als vormalige Neuköllner Bürgermeisterin vertraut mit sozialen Problemen, als erstes ein Gute-Kita-Gesetz auf den Weg brachte, um die Bedingungen für pädagogische Arbeit bundesweit zu verbessern.

Für Berliner Eltern klingt die Kostenlos-Kita eher zynisch, solange sie daran verzweifeln, überhaupt einen Platz zu finden. Berechtigt bleibt auch die Frage, ob besser verdienenden Eltern nicht zuzumuten ist, für eine gute Betreuung einen angemessenen Betrag zu zahlen – weil es nicht um kostenlose Billigbetreuung gehen kann, sondern um qualitätsvolle Angebote und kleine Betreuungsgruppen.

Jenseits dessen, dass ausreichend Kita-Plätze unverzichtbar sind für eine gelungene Vereinbarkeit von Familie und Beruf, werden Kindertagesstätten aufgerüstet zu frühkindlichen Bildungsstätten. Es geht immer stärker um einen pädagogischen Auftrag, nicht um Spiele in der Sandkiste. Das ist nicht nur in Deutschland zu beobachten, sondern etwa in Frankreich, wo kürzlich die Schulpflicht für Dreijährige beschlossen wurde.

Viele Eltern fühlen sich bedrängt

Immer früher starten ins lebenslange Lernen – manche Eltern empfinden das als eine problematische Ökonomisierung der Kindheit und eine Verschiebung der Aufgaben von Familien in die Institutionen. Sie fühlen sich zusätzlich bedrängt, wenn nun Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel eine Kita-Pflicht fordert. Es ist ein Indikator des gesellschaftlichen Wandels, dass dies vom rot-rot-grünen Berliner Senat abgelehnt wird, die öffentlichen Reaktionen aber weit milder ausfallen als 2010, als der SPD-Querdenker Heinz Buschkowsky für die gleiche Forderung wütende Empörung erntete.

Dennoch wäre es falsch, diese Debatte voranzutreiben. Wer die grundgesetzliche Erziehungsfreiheit der Eltern angreift, löst damit nur bitteren Streit aus, der nicht erfolgreich sein kann. Diese Energie ist an anderer Stelle sinnvoller. Es geht nicht um den Angriff auf Elternrechte, sondern darum, Kitas so attraktiv zu machen, dass Eltern sich dafür entscheiden.

Ein möglichst früher Kita-Besuch ist wichtig, um soziale Kompetenzen und Früh-Bildung zu fördern. Kinder aus Migrantenfamilien liegen teilweise schon am Tag der Einschulung hoffnungslos zurück auf dem Weg in ein erfolgreiches Berufsleben in einer hochtechnisierten Wissensgesellschaft, wenn in bildungsfernen Familien die Kindheit vor türkischen TV-Sendern verbracht wird.

Nun gibt es in Berlin sogar schon einen verpflichtenden Kita-Besuch: Kinder, die gravierende Sprachprobleme haben, müssen eineinhalb Jahre vor der Einschulung eine Kita besuchen – was sie nicht tun, weil Berlins Behörden dies nicht durchsetzen. Wer das nicht ändert, braucht über Qualitätsoffensiven nicht zu reden. Richtig bleibt aber, klare Kriterien für Entwicklungsdefizite zu entwickeln, bei denen auch ein früher Kita-Besuch verpflichtend wird.

Zu warnen ist aber davor, Kindertagesstätten mit idealisierten Heilserwartungen zu überfordern. Auch personell gut ausgestattete Kitas und bestens qualifizierte Erzieher können soziale Benachteiligungen und bildungsferne Familienverhältnisse nicht komplett kompensieren. Obwohl in Berlin weit über 95 Prozent aller Kinder eine Kita besuchen, verzeichnen Berlins Schulen bei Leistungsvergleichen immer noch miserable Lernerfolge. Kitas können eben kein Reparaturbetrieb des Kapitalismus sein. Daran würde auch eine allgemeine Kita-Pflicht nichts ändern; nur die Verantwortung der Gesellschaft würde auf wohlfeile Weise bei den Kleinsten an der Garderobe abgegeben.

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