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Foto: Davids/Sven Darmer
Foto: Davids/Sven Darmer

Zuletzt wurde eine Leinwand mit dem Foto der allerersten Vorstellung am Kurfürstendamm vor die Bühne gezogen – die Zuschauer von damals und von heute Auge in Auge.

Komödie am Kurfürstendamm Der Vorhang zu und alle Fragen offen

Zum Abschied eine Premiere: „Weißalles und Dickedumm“, von Coline Serreau, gegeben am 2. Oktober 1993 im Schillertheater – der allerletzte Vorhang, die Abschiedsvorstellung des traditionsreichen Ensembles, womit das Theater als Bau zwar nicht verschwunden war, als Institution aber schon.

Ein Gedanke, der sich aufdrängte an diesem 27. Mai 2018, anlässlich der allerletzten Aufführung in der Komödie am Kurfürstendamm. Denn wenngleich es damals ein Sonnabend war und diesmal eben ein Sonntag; wenngleich, in Umkehrung der damaligen Situation, nicht die Institution, aber sein langjähriges Haus verschwindet – die Parallelen sind doch frappant, und im Mittelpunkt steht hier wie dort eine Frau in einer Hosenrolle: Katharina Thalbach.

Gerade ihr muss das seltsam-beklemmende Gefühl des Abschiednehmens bekannt vorkommen, stand sie doch, wie nun in der Komödie, bereits vor 25 Jahren in der Hauptrolle auf der Bühne - diesmal als Theaterdirektor Emanuel Striese und dessen Frau in der 1884 in Stettin uraufgeführten Komödie „Der Raub der Sabinerinnen“ von Franz und Paul von Schönthan, in der Bearbeitung von Curt Goetz.

Das Damals und das Heute Auge in Auge

Doch obwohl die Erstaufführung schon mehr als ein Jahrhundert zurückliegt, obwohl der Abend ein Schlussakt war, herrschte am Sonntagabend anfangs doch geradezu Premierenatmosphäre. Vor Aufführungsbeginn sah man die Besucher vor dem Theater stehen, angeregt plaudern und die hier traditionelle Himbeerbowle schlürfen.

Auch viele Prominente nahmen Teil am Abschiednehmen: Etwa die Schauspieler Simone Rethel, Christoph Ohrt und die Comedian Gayle Tufts. Ungewöhnlich dagegen die vielen Handybilder, die gemacht wurden – letzte digitale Erinnerungen an einen traditionsreichen Theaterbau.

Ein Bild schießen ließ kurz vor der Aufführung dann auch Theaterdirektor Martin Woelffer. Von der Bühne aus porträtierte eine Fotografin das Publikum – genau so ein Foto war bei der allerersten Aufführung in den 20er Jahren aufgenommen worden, das ganz zum Schluss vor die Bühne gezogen wurde: Das Damals und das Heute Auge in Auge.

Bis zur nächsten Veranstaltung des Ensembles werden nun einige Monate vergehen. Voraussichtlich am 23. September wird die Komödie in ihrer Ausweichspielstätte, dem Schillertheater, den Vorhang öffnen können. Und bis Direktor Woelffer mit seinem Haus an den Kurfürstendamm zurückkehren kann, werden sogar Jahre vergehen. Eine Freundin des Hauses, Inge Görmer, zeigte sich darüber am Abend traurig. „Das ist wirklich sehr, sehr bedauerlich“, sagte sie.

„Fast hätte ich gesagt: so ein schönes Ende!“

Görmer hatte die Karten für die Aufführung im Winter von ihrer Tochter Janka zum Geburtstag geschenkt bekommen – und war gemeinsam mit ihr erschienen. „Das erste Mal habe ich eine Aufführung im Haus kurz nach der Wende gesehen“, erinnert sich die Ost-Berlinerin.

Seitdem wohnte sie einem ganzen Dutzend Aufführungen bei. Keine Frage, sie wird das Theater vermissen. Im September dürfte von der alten Theaterherrlichkeit am Kurfürstendamm kaum noch etwas übrig sein – das zweite Gebäude am Boulevard mit schier endlos langer Kulturtradition ist damit verloren. Erst traf es die Überreste des Gloria-Palasts, in dessen Vorgängerbau einst Marlene Dietrich die Premiere von „Der Blaue Engel“ feierte. Nun also sind Theater und Komödie am Kurfürstendamm dran.

Eine Trauerveranstaltung, das wurde am Abend schnell klar, sollte der Sonntag dennoch nicht werden: Das Publikum lachte viel und amüsierte sich. Noch bevor das erste Wort im Stück fiel, spendeten die Zuschauer den ersten Beifall. Auch im weiteren Verlauf gab es keinen Grund zur Klage: Die großartige Katharina Thalbach erspielte sich immer wieder Szenenapplaus an diesem Abend. Nur ein einziges Mal fiel sie für einen Moment aus ihrer Rolle, wenngleich mit der Bühnenstimme: Als sie eine Zuschauerin darum bitten musste, für die Zeit der Vorstellung vom Fotografieren abzusehen.

Als dann die letzte Szene gespielt war, endete der Abend mit begeistertem, bald rhythmischem Beifall, selbstverständlich im Stehen – und mit Tränen vorne auf der Bühne und auch im Zuschauerraum. Niemand anderes brachten den Verlauf des Abschiedsabends wohl besser auf den Punkt, als Jürgen Wölffer, der ehemalige Chef des Hauses und Vater des amtierenden Theaterdirektors: „Fast hätte ich gesagt: so ein schönes Ende!“

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