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Foto: privat
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Fritz Becker (1923-2018) am 25. Jahrestag der Luftbrücke 1974 auf dem Flughafen Gatow.

Nachruf auf Fritz Becker (Geb. 1923) Der Koch der Luftbrücke

Arbeitslos? Da hätten wir was: Küchenchef am Flugplatz Gatow. Trauen Sie sich das zu?“ Ein Vormittag Ende Juni 1948, die Sonne strahlte, der junge Koch Fritz Becker sprach beim Landesarbeitsamt vor. Zwei Jahre zuvor war er aus dem Krieg gekommen. Küchenbataillon hinter der Ostfront, Feldküche an der Westfront, am Ende mit der Waffe ganz vorn, schwer verwundet und schließlich in Gefangenschaft.

Seine Referenzen waren erstklassig, Ausbildung im „Restaurant Franziskaner“, Volontariat im „Hotel Adlon“ und nach der Heimkehr dienstverpflichtet im „Harnack-House“, dem Offiziersclub der amerikanischen Militärregierung. Die Dahlemer Villa, in der Politiker und Diplomaten verkehrten, beeindruckte Fritz, obwohl er als Sohn eines Herzoglichen Hoftraiteurs im „Kempinski“, Leipziger Straße einen gewissen Glanz durchaus kannte. Er erforschte die Geheimnisse der amerikanischen Lebensart, bewirtete General Eisenhower und Hildegard Knef. Wirklich stolz war er aber auf eine andere Entdeckung. Die bildschöne Annelies servierte auf reizend kokette Art und hielt ihre Zigarette in den gemeinsamen Pausen so hinreißend mondän – und das Beeindruckendste: Sie entschied sich für Fritz. Eigentlich wollten alle deutschen Mädchen nur mit den Amis gehen. Noch im selben Jahr kam Dagmar Rosemarie zur Welt.

"Huhn Maryland" - für einen Preußen ein exotisches Gericht

„Um überhaupt kochen zu können, mussten wir uns erst einmal mit Fahrenheit-Graden vertraut machen. 0 Grad Celsius sind 32 Grad Fahrenheit. Dann die beliebten Pies und Relishs, dick eingekochte Kompositionen aus Früchten und Gemüse, mal süß, mal sauer-scharf. Der Fantasie waren kaum Grenzen gesetzt, wir hatten ja auch kein Kochbuch.“ So hat er es mal in einem Interview erzählt. Wenn sich Generalgouverneur Lucius D. Clay ansagte, improvisierte Becker dessen Lieblingsgericht „Huhn Maryland“. Für einen Preußen ein äußerst exotisches Rezept. Die Hühnerbrüste wurden mit Senf bestrichen und in Semmelbröseln gebraten, dazu gebackene Bananen, Zuckermais, Grilltomaten und Speck.

In Gatow kochte man einfacher. Und doch wurde diese Arbeit zur prägendsten Erfahrung des späteren Spitzenkochs. Noch am selben Tag, an dem er beim Arbeitsamt war, ging es los. Mit sechs Köchen und 15 Küchenhilfen versorgte er 3000 Helfer, die in drei Schichten rund um die Uhr die Flugzeuge der Alliierten Luftbrücke entluden. In Hochzeiten landete alle zweieinhalb Minuten ein Rosinenbomber auf den Flughäfen Gatow, Tempelhof und Tegel. „Unsere zehn großen Kessel sind niemals kalt geworden, das Essen wurde in Thermophoren zu Nissenhütten am Rande der Landebahnen gebracht, die als Kantinen dienten. Gekocht haben wir Eintöpfe aus britischen Konserven, zum Beispiel Brühnudeln mit Rindfleisch, Pichelsteiner Gemüsetopf oder Löffelerbsen mit Fleischeinlage. Nur das Salz war immer knapp. Etwa eine Million Portionen waren es bis zum Ende der Luftbrücke, als die Sowjets ihre Blockade ergebnislos aufgeben mussten.“

Mit seiner Frau schrieb er Kochbücher

Ob Fritz Becker ein Ausnahmekünstler am Herd war, können die Nachgeborenen nicht mehr sagen. Sicher ist, er war ein Historiker und Archäologe der Küchenkultur. Nach seiner Karriere als Küchendirektor mit Stationen in Österreich, Frankreich und Deutschland, dekoriert mit Auszeichnungen und Goldmedaillen, als kulinarischer Ausrichter glanzvoller Pressebälle, begann er mit seiner Frau Kochbücher zu schreiben, die mehr als reine Rezeptsammlungen waren. In der Staatsbibliothek verbrachte er Monate damit, die Menüs der alten Ägypter und Römer zu erforschen. Gesottene Kraniche, Muschelwürstchen und mit Milch gemästete Purpurschnecken, „die römische Küche ähnelt in ihrer Verspieltheit und Raffinesse der französischen verblüffend“. Beckers „Kochbuch aus Berlin“ liefert dekorative Fettflecken gleich mit und ist gespickt mit klugen handschriftlichen Notizen des Autors.

„Kochbücher sind Kulturdokumente, die ihre Zeit in mancherlei Hinsicht besser und eindrucksvoller schildern als viele Geschichtsbücher. Mögen letztere nie ganz frei von Vorurteilen sein, die Kochbücher sind es bestimmt."

Fritz Becker lebte in Kreuzberg, 94 Jahre lang, obgleich er dem Klischee des Kreuzbergers so wenig entsprach: Geprägt vom Geist der Disziplin und der hierarchisch geführten Großküche, nicht reich an Geld und Gütern, aber überaus sicher in Stilempfinden und höflichem Umgang. Nie hätte er seine kleine Wohnung in der Naunynstraße ohne Anzug und Krawatte verlassen. Beim türkischen Gemüsehändler wurde er geradezu verehrt, mit seinem Nachbarn, einem Hippie, pflegte er ein entspanntes Verhältnis. So lange die Menschen einen Blick für die anderen und Respekt hatten, war es ihm egal, wie sie lebten, und wo sie herkamen. Was ihn deprimierte, waren die Rücksichtslosigkeit und die allgegenwärtige Verdrängung: „In Berlin ist kein Platz mehr für alte und arme Menschen.“

In einem sorgsam gepflegten Aktenordner finden sich neben Zeitungsartikeln über ihn Einladungen zu Luftbrückenjubiläen im Dutzend. Willy Brandt und Klaus Schütz hatten sie noch persönlich unterschrieben, seit Eberhard Diepgen kamen Vordrucke.

„Ich habe diese Stadt mit aufgebaut, und jetzt ist kein Platz mehr für mich“, schrieb Fritz Becker. Vielleicht zwang ihn sein Pflichtbewusstsein dazu, länger zu leben, als er es eigentlich wollte. Aber er hatte Glück. Als er an Ostern einschlief, waren Vertraute und Freunde an seiner Seite.

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