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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.

Notaufnahmen in Berlin Herz, Ärzte und Versagen

Bevor Aymeric am 17. Februar 2013 in sein neues Leben aufbricht, geht er in den Weinkeller seiner Eltern und steckt eine Flasche ein. Es ist ein französischer Rotwein, Jahrgang 2007. Aymeric, der Hamburger, hat in Berlin gerade eine Wohngemeinschaft gefunden, zum Einstand will er mit seinen drei Mitbewohnern anstoßen, auf die WG, auf eine neue Zeit, auf Berlin. Doch dazu kommt es nicht. Rund 48 Stunden nach seiner Ankunft in Berlin ist Aymeric tot.

Aymeric wurde 25 Jahre alt. Auf die Welt kommt er am 21. Oktober 1987 in Rio de Janeiro, als zweiter von vier Söhnen. Sein Vater ist Reeder, seine Mutter Französin, er wächst in Hamburg auf. Dort, in einer Gründerzeitvilla in Harvestehude sitzen die Eltern an einem sonnigen Morgen mehr als ein Jahr nach seinem Tod. Zwischen ihnen auf dem Sofa ist so viel Platz, als hielten sie ihn frei für jemanden, dessen Rückkehr sie jeden Augenblick erwarten. Das Bild über ihnen ist schreiend rot, ihr Schmerz ist still.

„Er konnte beeindrucken“, sagt der Vater.

„Er konnte berühren“, sagt die Mutter.

„Er hatte Kampfgeist“, sagt er.

„Er hatte Persönlichkeit“, sagt sie.

„Zum Glück ist es schnell gegangen“, sagt er. Sie schüttelt den Kopf. „Ein paar Minuten sind unendlich lang, wenn man weiß, dass man sterben muss. Es war eine furchtbare Qual.“

Die Geschichte eines Aufbruchs, der zugleich ein Ende war

Jedes Jahr ziehen fast 90.000 Menschen nach Berlin, fast die Hälfte von ihnen zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie kommen, weil sie zur Stadt passen und die Stadt zu ihnen. Beide sind im Werden und Wachsen begriffen, und für beide gilt: Was heute ist, kann morgen schon ganz anders sein. Aymeric war einer von ihnen. Seine Geschichte ist die eines Aufbruchs, der zugleich sein Ende war. Ihm blieben nur zwei Tage in Berlin, dann starb er. An einer Herzmuskelentzündung, wie die Obduktion ergab. Und das obwohl er einen niedergelassenen Arzt und zwei Rettungsstellen aufgesucht hatte. Rekonstruiert man die letzten 48 Stunden seines Lebens, erfährt man einiges über die Schattenseiten Berlins und die Tücken der Notfallversorgung in einer Großstadt.

„Es hätte doch nur eine Blutentnahme, ein EKG gebraucht“, sagt Aymerics Vater, und dieses Mal nickt die Mutter und sagt: „Vielleicht würde er dann heute noch leben.“

Aymeric hat Internationales Management studiert, zwei Jahre in Marseille, zwei Jahre in Bremen, zum Abschluss fehlt ihm noch ein sechsmonatiges Praktikum, er will es in Berlin machen, bei einem Internet-Start-up. Am 18. Februar soll es losgehen, über Freunde und Facebook findet er ein Zimmer, die letzten Tage vor dem Praktikumsbeginn verbringt er in Hamburg. Am Freitag isst er mit seiner Familie, am Samstag geht er mit Freunden aus, Reeperbahn, der vertraute Klüngel, es wird eine lange Nacht. Am Sonntag geht er zu einem Freund, sie matten vor sich hin und schauen einen dieser Filme, an deren Titel man sich danach nicht mehr erinnern kann. „Ich bin so fertig, ich habe überhaupt keine Lust loszufahren“, sagt Aymeric, geht dann aber doch nach Hause, packt seinen Rucksack, verabschiedet sich von seiner Mutter und steigt um 19.06 Uhr in den ICE 893. Ankunft in Berlin: 20.48 Uhr.

Rückenschmerzen? Wahrscheinlich zu viel am Schreibtisch gesessen

Sein Freund sagt, er habe Aymerics Erschöpfung nicht so ernst genommen, erledigt von der Nacht zuvor seien sie alle gewesen. Erst später sei ihm klar geworden, dass Aymerics Müdigkeit ein Anzeichen seiner Herzmuskelentzündung gewesen sei. Die Krankheit wird meist durch Viren ausgelöst und ist tückisch, weil ihre Symptome schwer zu deuten sind. Oft klagen die Betroffenen anfangs über ein Gefühl der Schwäche, die Herzschmerzen können bis in den Rücken und die Arme ausstrahlen. Aymeric war ohnehin angeschlagen: 2011 hatte man bei ihm Asthma festgestellt, 2012 hatte er Keuchhusten und verlor sechs Kilo an Gewicht. 2013 soll alles anders werden. Er fühlt sich besser, er geht nach Berlin, doch kaum hat er Anfang Februar seine Möbel dorthin geschafft, fangen die Rückenschmerzen an. Wahrscheinlich zu viel am Schreibtisch gesessen, denkt er und macht einen Termin bei einem Orthopäden in Hamburg, der ihm eine Spritze gibt und ein „funktionelles Thorakalsyndrom nach Überlastungssituation“ diagnostiziert. Am Samstag vor seiner Abreise geht Aymeric, der wieder fit werden will, im Hamburger Innocentiapark joggen. Der Freund, der dabei war, sagt, Aymeric habe schon bald eine Pause machen müssen.

Foto: privat

Türkei, 2011. Dass Aymeric knapp zwei Jahre später starb, lasten die Eltern Berliner Krankenhäusern an, vor allem der Charité.

Foto: privat

Türkei, 2011. Dass Aymeric knapp zwei Jahre später starb, lasten die Eltern Berliner Krankenhäusern an, vor allem der Charité.

Aymeric, so sagt es sein Freund, war gern ein wenig anders als der Rest. So liebte er es, unter Hamburger Freunden den Franzosen zu geben. Er weigerte sich dann, Bier zu trinken, und sagte, das sei nur was für Germanen. Und er sprach davon, eines Tages in sein Geburtsland Brasilien zurückzukehren. Doch zunächst zieht er 256 Kilometer südostwärts, auch das eine ganz andere Welt. Anfang Februar, als er schon mal seine Möbel von Hamburg nach Berlin bringt, fährt er abends zum Berghain, kommt nicht rein und verbringt dafür die halbe Nacht in einem anderen Club, der Wilden Renate. Seine Wohngemeinschaft ist in Kreuzberg, nahe Curry 36, der stadtbekannten Imbissbude, direkt unterm Dach. Die Fenster seines Zimmers zeigen auf Hinterhöfe. Seine persönlichen Sachen wie den Laptop mit der Musik haben die Eltern nach seinem Tod abgeholt, sie hören nun oft Aymerics Lieblingsmusik, zum Beispiel Paul Kalkbrenners „Sky and Sand“ vom Album „Berlin Calling“. Aymerics Möbel – ein schwarzer Schreibtisch, ein Holzbett, ein Schrank von Ikea – blieben in Kreuzberg. Sein Mitbewohner Max weiß noch, wie Aymeric versuchte, den Schrank aufzubauen. Ein Brett lag auf ihm, ein anderes lehnte an ihm. „Brauchst du Hilfe?“, fragte Max. „Danke, ich kriege das schon hin“, sagte es unter den Brettern heraus. Max half trotzdem. Ein bisschen redeten sie. Über die digitale Welt und die Chancen, die sich da bieten. Als Freunde von Max kamen, sagte Aymeric nur noch wenig. Er habe, sagt Max, wahnsinnig nett und schüchtern gewirkt, wie einer, der Zeit brauche, um aufzutauen. Heute wohnt ein Amerikaner in Aymerics Zimmer. Wem die Möbel gehört haben, hat Max ihm lieber nicht erzählt.

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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.

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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.

Als Aymeric am Abend des 17. Februar 2013 endgültig in Berlin eintrifft, sind seine Mitbewohner Max, Lucas und Lea nicht da. Er verbringt den Abend allein. Am nächsten Morgen geht er um halb neun aus dem Haus, läuft am Gleisdreieckpark vorbei und unter der S-Bahn-Brücke hindurch, steigt die metallenen Stufen zum Bahnhof Yorckstraße hinauf. Die Fenster in dem Gang, der zu den Gleisen führt, sind so voller Graffiti, dass man nicht hinausschauen kann, später in der Bahn wird Aymeric mehr von der Stadt sehen. Am Bahnhof Friedrichstraße steigt er um, noch eine Station zum Hackeschen Markt, vorbei an Grimm-Bibliothek und Museumsinsel. Um Punkt Neun ist er dann bei Hellofresh, Start-up aus dem Hause Rocket Internet der Samwer-Brüder.

Während Zalando, ein anderes Unternehmen der New-Economy-Millionäre, den Menschen die Kleidung nach Hause bringt, liefert Hellofresh das Essen. Die 2012 gegründete Firma verschickt Lebensmittelboxen mit Rezepten, auf der Webseite wird Hellofresh als „Next Big Thing“ bezeichnet. Ein Freund sagt, dass Aymeric genau deshalb nach Berlin wollte – weil er jung war und was reißen wollte und ein saturiertes Hamburger Traditionsunternehmen da nicht so gepasst hätte. Hellofresh wächst so rasant, dass die Computerplätze im Büro kaum reichen. Deshalb hat Aymeric an diesem Montag seinen Laptop dabei. Er soll das Supply Chain Team unterstützen. Der Teamchef Lennart, der ihn aus dem einstündigen Telefoninterview kennt, schickt ihm Exceltabellen und Datensätze auf den Rechner. Aymeric sitzt anderthalb Meter vom Fenster entfernt. Er könnte auf den Hackeschen Markt hinuntergucken, aber er schaut nur auf die Zahlenkolonnen. In welchen Intervallen Lebensmittel nachbestellt werden, wie viele Mitarbeiter die Boxen bestücken, wie viel Verpackungsmaterial man braucht, das alles muss er sich einprägen. Den nächsten Tag soll er im Lager verbringen. Gefragt habe Aymeric nichts, sagt Lennart, dafür ein paar Mal fragend geguckt.

„Mensch, du siehst ja aus wie der Tod auf Latschen!“

Mittags geht Aymeric mit seinen Kollegen im Restaurant „Oliva“ essen. Ein gutes Jahr später sitzt Isi, rot gefärbte Haare und Pfauenfederschmuck, wieder da, ein Tisch links an der Wand, unter dem goldenen Spiegel, derselbe Platz wie damals. Sie habe Aymeric die Lasagne empfohlen, „und er“, sagt sie staunend, „hat sie ganz aufgegessen, dabei sind die Portionen riesig“. Während Aymeric isst, erzählt Isi ihm von ihrer Hochzeit, er erzählt ihr von seinen Reisen, dann finden sie als gemeinsames Thema Berlin. Die Stadt, sagt Isi, habe Aymeric wegen ihres freien Gefühls gefallen, „man geht durch die Straßen, trifft 200 Menschen und niemand erinnert sich an einen“. Dass sie sich so gut an Aymeric erinnere, liege daran, sagt Isi, dass er „irgendwie anders“ gewesen sei. Als sie ihm sagte, dass er sie an Robert Pattinson aus der TV-Serie „Twilight“ erinnere, „da hat er nur so zur Seite weggegrinst“. Und so etwas sei selten. „Es gibt in der Start-up-Szene so viel lautes Lachen, aber Menschen, die einfach nur still lächeln, die gibt es kaum.“ Nach dem Essen holen sich Isi und Aymeric im Café gegenüber einen Latte macchiato, und während sie warten, sieht Isi ihn noch einmal an. Blass ist er, schrecklich blass. „Mensch, du siehst ja aus wie der Tod auf Latschen!“, ruft Isi, und da ist es wieder, sein stilles Lächeln.

Als Aymeric abends nach Hause kommt, kochen Lucas und seine Freundin gerade. Sie fragen Aymeric, ob er mitessen will, er schüttelt den Kopf. Er sei total erledigt, er müsse wohl erst einmal reinkommen in die Arbeit. Später hört Lucas, wie Aymeric erst mit jemandem spricht und dann die Wohnung verlässt. Lucas wundert sich, dass Aymeric noch einmal rausgeht, obwohl er so erschöpft ist, aber lange denkt er nicht darüber nach, er kennt Aymeric ja noch nicht gut.

Aymeric hat mit seiner Mutter telefoniert. Nach seinem Tod wird sie dieses und alle weiteren Gespräche, die sie mit ihrem Sohn in seinen letzten Lebenstagen führt, in einem DIN-A4-Heft niederschreiben. Zeit und Dauer überträgt sie aus dem Handy, die Inhalte notiert sie aus dem Gedächtnis, und all das auf Französisch, weil sie in dieser Sprache miteinander redeten. An diesem Vormittag in Hamburg, an dem sie und ihr Mann von Aymeric erzählen, übersetzt sie ihre Eintragungen.

Nachrichten aus der Notaufnahme

Anruf von Aymeric, 18. Februar, 21.30 Uhr: „Mama, ich habe so große Schmerzen im Rücken, im Oberkörper, in den Armen, ich habe auch schon Voltaren genommen, aber es ist noch schlimmer geworden.“ Die Mutter rät ihm, in die Klinik zu fahren.

Anruf von Aymeric, inzwischen in der Notaufnahme vom Klinikum am Urban, 22.13 Uhr: „Mama, ich weine vor Schmerzen.“ Die Mutter sagt, er solle sich an eine Schwester wenden.

Anruf bei Aymeric, 22.39 Uhr: „Ich habe eine Schwester gesprochen, aber ich muss weiter warten. Ich weine, aber sie laufen einfach vorbei.“

Anruf von Aymeric, 23.35 Uhr: „Ich warte immer noch, ich habe immer noch starke Schmerzen.“

Anruf von Aymeric, 23.56 Uhr: „Mama, ich gehe. Ich bin todmüde, ich muss um sieben Uhr im Lager sein, ich kann nicht die ganze Nacht hier verbringen. Ich gehe morgen nach der Arbeit zu einem Orthopäden.“

So die Dokumentation der Mutter. Wenn man den Krankenhausbericht liest, ergibt sich ein anderes Bild. Zwar stimmen die Eckdaten überein – gegen 21.44 Uhr kommt der Patient, um 22.25 Uhr spricht er mit der Pflegekraft, um 23.55 Uhr geht er ohne Arztkontakt –, doch die entscheidenden Details klingen anders. Von einem aufgelösten jungen Mann, von quälenden Schmerzen in Rücken, Oberkörper und Armen ist nicht die Rede, stattdessen steht da als Grund des Kommens: „Unwohlsein nach Voltareneinnahme.“ Auf Nachfrage sagt eine Sprecherin der Klinik, man könne sich zum Fall nur äußern, wenn man ein wissenschaftliches Gutachten vorgelegt bekomme, aus dem hervorgehe, dass das Recht von der Schweigepflicht zu entbinden bei einem volljährigen Toten auf seine Erben übergehe. Einen Tag später gibt es dann ein allgemeines Statement: „Um jeden Patienten in unseren Rettungsstellen bestmöglich medizinisch zu versorgen, schätzen unsere eigens dafür ausgebildeten Mitarbeiter die Schwere und die Dringlichkeit einer Erkrankung jedes Patienten ein. (...) Wenn sich ein Patient entscheidet, eines unserer Krankenhäuser vor oder während einer ärztlichen Behandlung zu verlassen, haben wir auf den weiteren Verlauf keinen Einfluss mehr.“

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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.

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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.

Die Ersteinschätzung von Patienten ist ein großes Thema, so überlaufen wie die deutschen Rettungsstellen sind. Bundesweit gibt es etwa 1000, jedes Jahr werden sie von mehr als 20 Millionen Menschen aufgesucht. Viele sind in Not, aber manche kommen auch, weil sie außerhalb der Arbeitszeiten keinen Termin beim Arzt bekommen oder es praktisch finden, an einem Ort zu sein, wo sie gleich geröntgt werden können. „Die Rettungsstellen werden überschwemmt von Feld-, Wald- und Wiesen-Problemen“, sagt Paul Brandenburg, Mediziner und Autor des Buches „Kliniken und Nebenwirkungen“. Den Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte nehmen jährlich bundesweit nur 3,9 Millionen Menschen in Anspruch. Sein Angebot ist aber auch begrenzt: In Berlin zum Beispiel gibt es für Erwachsene lediglich eine allgemeinmedizinische Bereitschaftspraxis und die schließt am Wochenende um 22 Uhr. Danach kann man nur noch einen Arzt nach Hause rufen.

Umso wichtiger ist es für die überlasteten Rettungsstellen, ihre Krankenpfleger so auszubilden, dass sie in der Lage sind zu entscheiden, wer im vollen Wartezimmer den Arzt zuerst sehen soll. In England wurde dazu das Manchester Triage System entwickelt, heute wenden es auch rund 200 deutsche Rettungsstellen an. In Berlin übernimmt die Weiterbildungsakademie der Charité die Schulungen. Vereinfacht ausgedrückt bekommen die Pfleger 50 Entscheidungsbäumchen – Diagramme genannt – an die Hand, für jedes Beschwerdebild, mit dem man es in der Rettungsstelle zu tun haben kann, eins. Zum Beispiel Kopfschmerz: Da soll der Pfleger unter anderem fragen, ob der Nacken steif ist, man erbrechen muss, eine empfindliche Kopfhaut bekommen hat oder den Stuhlgang nicht mehr kontrollieren kann, und je nachdem, wie die Antworten ausfallen, wird der Patient einer Dringlichkeitsstufe und Farbe zugeordnet. Wer Rot kriegt, muss sofort einen Arzt sehen, wer Orange bekommt innerhalb von zehn Minuten, Gelb innerhalb von 30, Grün innerhalb von 90 und Blau innerhalb von 120 Minuten. Die Einschätzung selbst sollte nicht länger als zwei Minuten dauern.

Mehrstündige Wartezeiten sind in Rettungsstellen häufig

Das klingt effizient, doch ist die Frage, ob das System hält, was es verspricht. Meist sind Symptome diffus, bei Aymeric hätten vier Diagramme durchgearbeitet werden müssen, Extremitätenprobleme, Rückenschmerzen, Thoraxschmerzen und Unwohlsein, dabei wäre die Schlange der Wartenden immer länger geworden. Und selbst wenn sich der Pfleger trotzdem die Zeit genommen hat: Im Rückenschmerz-Diagramm, Aymerics erstem Symptom, wird eine mögliche Herzerkrankung nicht erwähnt. Und so wird Aymeric als Gelb, dritte Dringlichkeitsstufe, markiert. Das heißt, er soll innerhalb von 30 Minuten von einem Arzt gesehen werden. Gut zwei Stunden später, um 23.55 Uhr ist das immer noch nicht passiert und Aymeric geht nach Hause. Er telefoniert noch einmal mit dem Freund, mit dem er am Samstag joggen war. Es geht mir richtig schlecht, sagt Aymeric, jetzt mal Schluss mit dem Rauchen, sagt sein Freund, ja, das sowieso, sagt Aymeric. Dann legen sie auf.

Mehrstündige Wartezeiten sind in Rettungsstellen auch bei gelben Fällen keine Seltenheit, gerade in einer Stadt wie Berlin. In die Notaufnahmen hier kommen jährlich mehr eine Million Menschen. Die Ärzte stecken in einem Dilemma: Einerseits müssen sie sorgfältig arbeiten, andererseits müssen sie viel zu viele Patienten sehen. Dass einer, der vor Schmerzen weint, das Krankenhaus verlässt, weil er am nächsten Tag früh aufstehen muss, ist kaum zu verstehen. Hätte Aymeric an diesem Abend mehr Geduld gehabt, könnte er heute noch am Leben sein. Seine Mutter sagt, sie habe ihm zum Bleiben überreden wollen, habe ihm zugeredet, die Arbeit abzusagen, aber er habe gesagt: Nein, das ist mein zweiter Tag, da kann ich nicht fehlen. Aymeric habe beruflich eben durchstarten wollen, sagt ein Freund, erst wollte er ein paar Jahre Erfahrungen sammeln, dann selbst etwas gründen. Und dann erzählt er die Geschichte, wie Aymeric im Urlaub mal einen Skistock ins Gesicht bekam. Richtig übel habe das ausgesehen, aber Aymeric habe sich kaum beschwert.

Am Dienstag, den 19. Februar 2013, geht Aymeric so früh aus dem Haus, dass sein Mitbewohner Lucas noch schläft, und steigt in die Ringbahn. Er fährt vorbei an Mietskasernen und Kleingärten, in denen Regenbogenfahnen flattern, „The show must go on“ ist an die Wand eines Bahnhofs gesprüht, danach verlaufen die Gleise eine Weile parallel zum Stadtring, auf dem große blaue Schilder nach Hamburg weisen. Am S-Bahnhof Beusselstraße steigt Aymeric aus. Er läuft über die Beusselbrücke, Baujahr 1970–71, die hier angeketteten Fahrradleichen wirken nicht viel jünger, und runter zum Großmarkt, vorbei am weißen Pförtnerhäuschen und am Fruchthof, wo zerquetschte Orangen auf dem Boden liegen. Im Lager ordnet er Lebensmittel und packt ein paar Kisten, mittags geht er mit seinem Kollegen Lennart eine Bockwurst essen. „Alles was das Herz begehrt“ steht über der Tür der Imbissbude, in den Fenstern hängen Vorhänge. Aymeric sei verhalten gewesen, sagt Lennart, am Nachmittag habe er dann darum gebeten, früher gehen zu können. Er habe solche Rückenschmerzen, er müsse zum Arzt. „Gute Besserung und bis morgen“, sagt Lennart, „ja, bis morgen“, sagt Aymeric.

Ärzte versuchen, Patienten rasch wieder loszuwerden

Anruf von Aymeric, 19. Februar, 16 Uhr: „Mama, die Arbeit war ein Albtraum.“ Er habe mehrere Ärzte durchtelefoniert, nun habe er endlich einen Orthopäden gefunden, der einen Termin frei habe, gleich jetzt, um 16.30 Uhr.

Seine Praxis hat der Orthopäde in einer Straße in Kreuzberg mit vielen Restaurants. An einem anderen Tag wäre Aymeric hier vielleicht mit seinen Freunden essen gegangen, an diesem geht er über einen Hof und dann hoch in den vierten Stock. Im Wartezimmer hängt ein Bild vom Fernsehturm, im Behandlungsraum eine Schautafel zum Kreuzbandriss. Auf den Fall angesprochen sagt der Arzt im ersten Moment, er könne sich nicht an Aymeric erinnern, im zweiten ist er schon aufgestanden, „es gab nichts Auffälliges“, ruft er und läuft zur Hintertür. Besonders lang hat er Aymeric an jenem Tag nicht untersucht. Um 16.50 Uhr ruft Aymeric seine Mutter schon wieder an. Es sei nichts Orthopädisches, er solle zum Neurologen, der Arzt habe ihm einen empfohlen. Auf der Überweisung, die er mitbekommt, steht: „Parästhesie und starke Schmerzen beide UA“. Also: Empfindungsstörung in den Unterarmen.

Dass Aymeric die Praxis so schnell wieder verlässt, hängt vielleicht auch mit etwas zusammen, was den komplizierten Namen Regelleistungsvolumen-Fallzahl trägt. Danach bekommen die Berliner Orthopäden derzeit nur 26,49 Euro pro Patient und Quartal, egal wie oft einer in diesen drei Monaten kommt. Ein Arzt wird also nicht dafür bezahlt, wie viel Zeit er mit einem Kranken verbringt und wie genau er hinhört, wenn der seine Geschichte erzählt, sondern er muss, wenn er etwas verdienen will, vielmehr versuchen, jeden Patienten rasch wieder loszuwerden.

Anruf von Aymeric, 19. Februar, 17.15 Uhr: „Der Neurologe hat keinen Termin frei“, sagt Aymeric. „Nimm ein Taxi und fahr in die Charité“, sagt die Mutter da, das größte Uniklinikum Europas hat auch in Hamburg einen guten Ruf.

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Vielleicht hat der Taxifahrer noch gefragt: „Charité, ja, gut, aber welche denn?“, und vielleicht hat Aymeric dann mit den Schultern gezuckt. Woher hätte er wissen sollen, dass Berlin nicht nur zwei Zoos und drei Opern, sondern auch drei Charité-Standorte hat. Und vielleicht hat sich der Berliner am Steuer dann ein bisschen gefreut, einen ortsunkundigen Hamburger in seinem Wagen sitzen zu haben, denn er ist mit ihm nicht die fünf Kilometer zur Charité in Mitte gefahren, sondern er hat ihn zum 12 Kilometer entfernten Charité-Standort in Steglitz, zum Benjamin-Franklin-Klinikum, gebracht. Dort geht Aymeric zum Raum mit der Aufschrift „E601, Aufnahmebereich, Erste Hilfe“. Rechts daneben ist der Eingang zur Rettungsstelle, „Chest pain unit“, steht darüber. Aymeric ist also am richtigen Ort – wäre da nur nicht diese Überweisung in seiner Tasche.

Eigentlich sollte ein Überweisungsschein in einer Notaufnahme gar keine Bedeutung haben. Eine Rettungsstelle funktioniert nämlich wie ein Trichter. Ganz oben, wo der Trichter möglichst breit ist, kommen die Patienten rein. Sie beschreiben ihre Symptome, und die Ärzte ziehen alle möglichen Ursachen in Betracht. Dann prüfen sie ihre Verdachtsdiagnosen mittels der gängigen Untersuchungsmethoden wie Blutbild, EKG und bildgebenden Verfahren. Je mehr die Rettungsstelle dabei erfährt, desto schmaler wird der Trichter und desto weniger mögliche Erklärungen gibt es. Schließlich landet der Patient beim zuständigen Facharzt, wird dort angemessen behandelt und im besten Fall schnell wieder gesund. Als Aymeric am 19. Februar 2013 in die Charité-Rettungsstelle kommt, läuft es anders. Der Pfleger, der Aymeric um 17 Uhr 58 aufnimmt, verlässt sich auf den Orthopäden und notiert, dass Aymeric einen Neurologen sehen solle. Aber trotzdem könnte noch alles ein gutes Ende nehmen.

Sechs Tage, vier Ärzte, kein Befund

Lange warten muss Aymeric an diesem Abend zumindest nicht und der Neurologe macht eine gründliche neurologische Untersuchung. Die Ergebnisse hält er im Erste-Hilfe-Schein mit der Nummer 40006226.01 fest. Die Mimik sei intakt, es gebe keine Sensibilitätsstörung im Gesicht, der Würgereflex sei auslösbar, steht da unter anderem. Insgesamt: „Klinisch neurologisch opB“. OpB, das heißt: Ohne pathologischen Befund. Und damit hat der Arzt auch recht. Aymeric hat ja wirklich kein neurologisches Problem.

Trotzdem unterlässt der Arzt etwas Entscheidendes. Aymeric hat ihm seine gesamte Krankengeschichte erzählt, und der Arzt hat sie sorgfältig im Erste-Hilfe-Schein notiert: „Rückenschmerzen, chiropraktisches Manöver beim Orthopäden am Donnerstag, Spritze bekommen. Ein Tag danach Schmerzen in den Unterarmen. Gestern im KH (Kreuzberg) wegen Schmerzen am ganzen Oberkörper nach Voltareneinnahme, viel stärker als heute. Schmerzen eher tiefliegend, schwere Arme, subjektiv geschwollen.“ Und bestimmt hat er auch die Überweisung des Orthopäden gesehen. Er weiß also, dass der junge Mann, der vor ihm steht, innerhalb von sechs Tagen vier Ärzte aufgesucht hat, und gewiss nicht wie einer aussieht, der sich nicht besser zu beschäftigen weiß. Eine Erklärung für Aymerics Beschwerden, die in sein Fachgebiet fällt, hat er nicht gefunden, aber es gibt ja auch noch zahlreiche andere nicht neurologische Erkrankungen, und deshalb könnte der Arzt nun einen Kollegen hinzuziehen, seinen Vorgesetzten anrufen oder einen Internisten verständigen. Mit anderen Worten: Er könnte Aymeric zurück in den Filter schicken. Aber das tut er nicht. Er schickt Aymeric nach Hause und schreibt in das Diagnosefeld des Erste-Hilfe-Scheins: „Schmerzen in den Extremitäten: Unterarm.“ Fast genau so stand es auch in der Überweisung des Orthopäden. Aymeric kommt also mit etwas, was wie eine Symptombeschreibung klingt, und geht damit auch wieder. Dabei kann nur eine korrekte Diagnose Leben retten.

Anruf von Aymeric, 19. Februar, 19.14 Uhr: „Mama, der Arzt hat nichts gefunden. Wenn es nicht besser wird, soll ich zum Hausarzt.“ Die Mutter ist einerseits noch besorgt, aber auch beruhigt. Schließlich wurde ihr Sohn in der Charité untersucht. Trotzdem fragt sie, ob sie nach Berlin kommen soll oder er nach Hamburg kommen will. Morgen, sagt er, morgen besprechen wir alles. Er klingt erschöpft, frustriert – kurzatmig, sagt sie. Sie legen auf. Das Gespräch hat sechs Minuten gedauert, danach enden die Aufzeichnungen im Heft der Mutter.

Aymerics Eltern haben Strafanzeige gestellt

Warum der Neurologe der Charité keine weiteren Untersuchungen angestoßen hat, darüber kann man nur spekulieren. Möglich, dass er sich davon beeinflussen ließ, dass Aymeric glaubte, seine Schmerzen gingen vom Rücken aus. Auf eine schriftliche Nachfrage reagiert der Neurologe nicht – Aymerics Eltern haben Strafanzeige gegen ihn gestellt. Aber eigentlich geht es auch nicht so sehr um ihn, sondern mehr um die Organisation der Rettungsstellen überhaupt. Viele von ihnen beschäftigen Rotanden. Im Benjamin-Franklin-Klinikum etwa arbeiten nur zwei Ärzte fest in der Notaufnahme, der Rest sind Rotanden, Ärzte in der Weiterbildung zum Facharzt, die von den inneren, chirurgischen und neurologischen Stationen dazukommen, länger als ein halbes Jahr muss keiner von ihnen bleiben. Die Mediziner aller anderen Fachrichtungen werden lediglich unterstützend für einzelne Fälle herbeigerufen.

Das heißt, dass ausgerechnet das Krisenzentrum eines Krankenhauses auf feste Teams verzichtet. Das heißt auch, dass ausgerechnet hier oft Anfänger arbeiten, gerade am Abend, in der Nacht und am Wochenende. Diejenigen, die höher in der Hierarchie sind, die erfahrenen Fachärzte, haben dann meist Hintergrunddienst – das heißt sie sind zu Hause, aber telefonisch erreichbar.

Der Leiter der Benjamin-Franklin-Rettungsstelle bestreitet das. „Es werden keine Berufsanfänger eingesetzt“, sagt er bei einem Termin in seinem Büro, auch der ärztliche Leiter der Klinik für Neurologie ist dabei. In dem fast zweistündigen Gespräch werden sich die beiden noch genauer äußern, aber am nächsten Tag wird die Kliniksprecherin eine E-Mail schicken, in der man zur vagen Erstaussage zurückkehrt: „Es werden keine Berufsanfänger auf der Rettungsstelle eingesetzt.“ Auch zur Mindestbesetzung der Rettungsstelle, der üblichen Zahl der Rotanden gibt es keine konkreten Angaben. Dafür schickt die Klinik eine Stellungnahme zum Fall, in der unter anderem steht: „Die Rettungsstelle der Charité war zum Zeitpunkt des Vorfalls und ist selbstverständlich sachlich und personell so ausgestattet und organisiert, dass ein interdisziplinäres Zusammenwirken jederzeit gegeben war und ist.“ Außerdem wird darauf verwiesen, dass auf Seite 25 des im Rahmen der Ermittlungen erstellten medizinischen Gutachtens stehe, dass Aymerics Erkrankung „außerordentlich selten, ja geradezu eine Rarität“ gewesen sei.

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Was im selben Gutachten drei Seiten weiter steht, wird in der Stellungnahme nicht erwähnt. „Der entscheidende Fehler“, heißt es da, „wurde (...) in der Ersten Hilfe der Charité, Benjamin Franklin, gemacht. Wenn der Verstorbene von einem (...) Arzt in der neurologischen Ausbildung gesehen wurde, wäre es zwingend notwendig gewesen, dass ein erfahrener neurologischer Kliniker in diesem schwierigen Fall hätte involviert werden müssen. Diese Absicherung durch einen erfahrenen Oberarzt ist in einer Notaufnahme einer letztinstanzlichen Klinik (...) notwendig und entspricht (...) dem klinischen Standardvorgehen.“ Und an anderer Stelle steht: „Insbesondere wäre eine internistische Notfalluntersuchung zu diesem Zeitpunkt zwingend notwendig gewesen.“ Es sei unerklärlich, weshalb weder EKG noch Ultraschalluntersuchung des Herzens veranlasst worden seien.

Zur Qualifikation des Neurologen, der Aymeric untersuchte, will sich die Klinik nicht äußern. Fest steht nur, dass es sich bei ihm um einen Assistenzarzt handelte, womöglich noch in der Weiterbildung, seine Doktorarbeit legte er erst im Oktober 2013 vor. In einem Brief an Aymerics Eltern lobte ihn sein Vorgesetzter, und bestimmt hat er damit auch recht und dieser Arzt ist ein sehr fähiger Neurologe. Nur heißt das noch lange nicht, dass er sich auch für die Rettungsstelle eignet.

In den vergangenen Jahren hat sich die Medizin immer weiter von der Tätigkeit weg entwickelt, die eigentlich ihr Herzstück ist. Nämlich Rettung von Leben. Notfälle. Viele Ärzte streben eine Spezialisierung an. Eine Rettungsstelle dagegen benötigt Allrounder, die risikoorientiert handeln und das Denken aller Fachrichtungen in sich vereinen. Kommt beispielsweise ein alter Mann mit gebrochenem Schenkelhals ins Krankenhaus, darf der Arzt nicht nur wie ein Chirurg auf die Fraktur schauen, sondern muss auch wie ein Kardiologe überlegen, ob der Mann vielleicht gestürzt ist, weil er eine Herzrhythmusstörung hat. Eine Studie zeigt, wie wichtig dieser generalistische Ansatz ist: Nachdem man die Daten aller Menschen, die innerhalb eines Jahres in zwei Berliner Notaufnahmen gekommen waren, analysiert hatte, stellte man fest, dass 66 Prozent von ihnen keine diagnosespezifischen Symptome hatten. Darum, so die Schlussfolgerung der Verfasser, sei es wichtig, dass man Menschen gründlich untersuche, bevor sie einen Spezialisten sähen. Mitverfasst hat diese Studie Rajan Somasundaram, Leiter der Benjamin-Franklin-Rettungsstelle, veröffentlicht wurde sie ein Jahr vor Aymerics Tod. Umgesetzt wurden diese Erkenntnisse am 19. Februar 2013 nicht.

Zurück in Kreuzberg geht es Aymeric schlechter. Seine Mitbewohner sind nicht da, er geht in den Hausflur. Es ist nicht lang her, da hat er seine Möbel die blaue Linoleumtreppe hinaufgetragen, nun steigt er sie wieder hinunter. Erst zehn Stufen, dann ein Absatz, dann noch einmal elf, dann ist er beim Nachbarn. „Können Sie die Feuerwehr verständigen? Ich kriege keine Luft mehr“, sagt Aymeric. Der Nachbar greift zum Telefon, sein Anruf geht um 19.41 Uhr bei der Feuerwehr ein. Aymeric läuft zum Fenster und beugt sich so weit hinaus, dass er fast rausfällt, und das alles, um ein bisschen Luft zu bekommen. In diesem Moment erscheint Aymerics Mitbewohner Lucas, er ist gerade nach Hause gekommen und hat die offenen Wohnungstüren gesehen, „Aymeric!“, ruft er, doch Aymeric ist nicht mehr ansprechbar, er sackt auf den Teppich, der Nachbar beginnt mit Mund-zu-Mund-Beatmung.

Sie kämpfen zu zehnt um Aymerics Leben

Der Rettungstrupp, der um 19.48 Uhr, sieben Minuten nach dem Anruf, eintrifft, ist groß. In einem Wagen sitzen ein Rettungssanitäter und ein Rettungsassistent, im anderen die Notärztin und ihr Assistent, für sie ist es einer der ersten Fälle an diesem Tag, ihre Schicht wird bis sieben Uhr morgens gehen. Oben angekommen versetzen sie Aymerics Körper mit einem Defibrillator Stromstöße, sie versuchen es mit dem Beatmungsgerät, sie geben ihm eine Herzdruckmassage – 30-mal hintereinander drücken, mit einer Frequenz von 100- bis 120-mal pro Minute und einer Drucktiefe von fünf bis sechs Zentimetern, kurze Pause, zwei Mal über Mund und Nase beatmen und wieder von vorne. Weil man dafür viel Kraft braucht, kommen sechs Feuerwehrleute als Verstärkung, sie kämpfen nun zu zehnt um Aymeric. Lucas sitzt währenddessen auf der Treppe, er hört das Piepsen des Defibrillators, irgendwann kommt die Notärztin mit Tränen in den Augen hinaus.

„Wir haben fast alle geweint“, sagt sie am Telefon mehr als ein Jahr später. „Es war einfach furchtbar, normalerweise werde ich zu alten Leuten oder Unfällen gerufen.“ Im Grunde habe Aymeric schon nach einer halben Stunde keine Chance mehr gehabt, aber sie hätten es weiterprobiert, länger als sonst, „wir dachten einfach, so ein junger Mensch, das kann doch nicht sein“. Nach etwa einer Stunde geben sie auf. Im Polizeibericht ist als Sterbezeit 20.53 Uhr vermerkt.

An jenem Vormittag gut ein Jahr später in Hamburg sind Aymerics Eltern umgeben von Unterlagen – da ist das Heft der Mutter, da sind die Krankenhausberichte. Die Staatsanwältin hat die Ermittlungen eingestellt, da man dem medizinischen Gutachten zufolge nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen kann, ob der am Dienstag schon schwer kranke Aymeric selbst bei richtiger Behandlung noch hätte überleben können. Aymerics Eltern haben dagegen Beschwerde eingelegt. Der Neurologe, der Aymeric sah, hat ihnen einen Brief geschrieben, er klang ehrlich verzweifelt. Aber auch das bringt den Eltern den, der zu der Musik tanzte, die sie nun hören, nicht zurück. „Es wäre“, sagt die Mutter, „fast einfacher gewesen, wenn er einen Verkehrsunfall gehabt hätte, dann wäre es Schicksal gewesen, aber so“, sie schüttelt den Kopf. „Die Ärzte haben versagt und dadurch eine glückliche Familie zerstört.“

Dass ihr Sohn in Berlin drei Mal Hilfe gesucht hat und nun trotzdem nicht mehr lebt, ist das, was sie verzweifeln lässt. Da war die erste Notaufnahme, wo er zwei Stunden wartete, da war der Orthopäde, der guckte und sagte, es sei nichts Orthopädisches, da war der Neurologe in der zweiten Notaufnahme, der guckte und sagte, es sei nichts Neurologisches. Vielleicht, sagt die Mutter, habe sie ihrem Sohn nicht gut geraten. „Vielleicht hätte ich ihm sagen sollen: Leg dich auf den Boden, mach ein Theater, schrei.“ Ihr Sohn tat das alles nicht, er fuhr stattdessen nach Hause und starb. „Das ist doch alles falsch“, sagt die Mutter und zeigt auf die Berichte, „warum kann eine Notaufnahme nicht unterscheiden zwischen sehr kranken und anderen Leuten? Warum hat man nicht mal sein Blut untersucht oder sein Herz abgehört? Warum sieht ein Arzt nur noch seinen kleinen Bereich und nicht den ganzen Menschen? Warum bittet einer, der nicht weiter weiß, keinen Kollegen um Hilfe? Wie kann das sein, diese Kette von Fehlern, mitten in Deutschland?“

Sollte es Fachärzte für Notfallmedizin geben?

Fehler passieren immer wieder. Auch in der Medizin wird man das nicht ändern können. Das Erschreckende ist jedoch, dass die deutschen Ärzte genau dort, wo Fehler besonders schwer wiegen, nämlich in der Notfallmedizin, keine Anstalten machen, diese zu minimieren. Schon lange fordert die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) die Einführung eines Facharztes für Notfallmedizin, in anderen Ländern gibt es ihn schon (Update im Mai 2014: Berlins Gesundheitssenator und die Ärztekammer wollen eine Zusatzausbildung als Akutmediziner in den Rettungsstellen einführen. Berlin wäre dabei Vorreiter in Deutschland).

. Ein solcher Facharzt würde eine fünfjährige Ausbildung durchlaufen, um einen Notfall über Fächergrenzen hinweg diagnostizieren zu können. In Aymerics Fall hätte er gleich gewusst, dass die Beschwerden durch eine neurologische, aber auch durch eine rheumatische Erkrankung, eine Entzündung der Muskulatur, ein Problem in der Halswirbelsäule oder etwas am Herzen ausgelöst sein könnten. Und er hätte alle diese Möglichkeiten mit den entsprechenden Untersuchungsmethoden überprüft.

Doch so sinnvoll das auch klingt: Die übrigen Fachärzte, allen voran die Chirurgen, wehren sich gegen den Spezialisten für Notfallmedizin. Von einem qualitativen Rückschritt ist die Rede. Es geht aber vermutlich auch um ökonomische Interessen: Für ein Krankenhaus ist die Rettungsstelle das Haupteingangstor für Patienten, rund 50 Prozent der Menschen, die in die Erste Hilfe kommen, werden stationär aufgenommen, und belegte Betten sind das, womit die Stationen ihr Geld verdienen. Doch auf welche ein Kranker kommt, ist oft Auslegungssache. Hat einer einen infizierten diabetischen Fuß, kann er auf der inneren oder chirurgischen Station landen. Die Entscheidung treffen diejenigen, die die Rettungsstelle leiten, in Deutschland sind das meist Chirurgen oder Internisten. Und diese Möglichkeit, Patientenströme in ihrem Sinne zu lenken, wollen sie nicht aufgeben. Im Sinne der Patienten ist das nicht immer. Aymeric zumindest hätte einen Facharzt für Notfallmedizin gebrauchen können.

Eigentlich wollte Aymerics Mutter im April 2013 nach Berlin kommen, um ihren Geburtstag mit Aymeric zu feiern, das Restaurant hatten sie schon ausgesucht. Stattdessen reiste die ganze Familie Ende Februar nach Berlin, um Aymerics Sachen nach Hamburg zu holen. Die Flasche Wein, mit der Aymeric auf sein neues Leben anstoßen wollte, steht immer noch ungeöffnet in Berlin-Kreuzberg.

Der Text erschien in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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