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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dorotheenstädtischer Friedhof II an der Liesenstraße in Berlin-Wedding.

Roberto Spierer (Geb. 1958) „Jemand braucht Hilfe, ich gebe sie“

Matthias Kirsch

An keinem Ort der Welt arbeitete Roberto Spierer lieber als in dem engen Klinikraum in Ciudad del Este, Paraguay. Brille auf, Mundschutz drüber, Skalpell in die Hand, und dann operierte er, ohne viel Licht und mit karger Ausrüstung, zwölf Stunden am Tag, pro bono, alles freiwillig. „Jemand braucht Hilfe, ich gebe sie.“

Als er elf oder zwölf Jahre alt ist, verkündet Roberto: „Ich will Arzt werden, wie Opa.“ Der Großvater mütterlicherseits war der einzige Nicht-Künstler in der Familie, die Mutter Malerin, der Vater Violinist. Auch Roberto spielte Instrumente, Klavier, Cello, Geige, erst in Stockholm, wo er geboren wurde, dann in Berlin, wo die Eltern hinzogen. „Aber für eine Musikerkarriere hätte es nie gereicht“, da war er Realist. Musste es auch nicht. Er studierte Medizin, zuerst in Amerika, die Eltern wollten es so, dann in Berlin.

Mitte der 80er, Roberto ist noch an der Universität, stirbt seine Mutter im Haus der Familie auf Mallorca. Das ist hart für ihn. „Mutter hätte gesagt …“, so beginnen in den folgenden Jahren viele seiner Sätze. Er stürzt sich in den Beruf und nimmt die Härten in Kauf, auch wenn andere sich wundern: „Sechs Jahre studieren, um dann um sechs aufzustehen?“

Er tut Dinge, die niemand sonst kann

Er wird plastischer Chirurg und Spezialist für Handoperationen. Musikern verhilft er dazu, ihren Beruf wieder auszuüben, Entstellungen durch Brandverletzungen korrigiert er. Er saugt auch Fett ab, spritzt Botox und richtet Nasen. In der Auguste-Viktoria-Klinik ist er Chefarzt, außerdem betreibt er mit einem Kollegen eine private Praxis. Für andere wäre das mehr als genug. Bei Roberto Spierer kommt aber noch das Ehrenamt in Paraguay dazu. Da tut er Dinge, die niemand sonst kann. Wenn ein Kind nach Jahren seine Hände wieder bewegen kann, weil er sie operiert hat, ist das Lachen dieses Kindes der größte Lohn.

In Deutschland sammelt er Geld für Operationsmaterial, organisiert Spendenabende, wirbt im Fernsehen bei Thomas Gottschalk für die Sache.

Von seinen Reisen kehrt er nachdenklich zurück. Will noch mehr tun, operiert auch hier jugendliche Kriegsopfer aus der „Dritten Welt“, kümmert sich jahrelang um eine Patientin, ein Verbrennungsopfer, die er als Kind operiert hat. Er besucht sie immer wieder, auch als Erwachsene noch.

Am Operationstisch fällt ihm alles leicht, sagt ein Freund, der ihm in Paraguay assistiert hat. Diese Leichtigkeit fehlt ihm in anderen Dingen. Wenn er nach Feierabend Überweisungen bewilligen, Patientenakten organisieren muss, ist er schwer genervt. Die Verwaltungsarbeit belastet ihn mehr und mehr.

„Altwerden ist Scheiße“

Er braucht eine Auszeit. 2016 beantragt er sie bei der Klinikleitung. Sechs Monate will er auf Mallorca verbringen, im Haus der Familie. Zur Ruhe kommt er nur dort. Wo er in der Jugend diesen peinlichen Moment erlebt hat, eine Geschichte, die er gern erzählt. Er feierte mit Freunden spät in der Nacht am Strand, als plötzlich seine Mutter vor ihnen stand, im Nachthemd, und Roberto mit nach Hause nahm. Daran würde er sich erinnern, wenn er am selben Strand entlangliefe. Er würde Wasserski und Fahrrad fahren, er würde Bäume pflanzen. Das tut er gern, vielleicht weil Bäume so anders sind als er, so langsam. Und bestimmt würde er auch wieder die Steckdosen im Haus ersetzen, wie so oft, für seine Freunde ein Running Gag.

Alles ist geplant, alles ist bereit, da bricht er sich beim Skifahren die Schulter. Mit der Verletzung will er doch seine Zeit auf Mallorca nicht ruinieren! Jetzt, wo er sich erholen müsste, verschiebt er die Pause. Er will fit sein für die Auszeit.

Dass er nicht mehr ganz so in Form wie früher ist, kann er ohnehin schwer akzeptieren. „Altwerden ist Scheiße.“ Mit 20 hat er die Berliner und die Norddeutsche Meisterschaft im Judo gewonnen, später die Ärzteweltmeisterschaft, Gewichtsklasse bis 72 Kilogramm.

Er war doch fit diesmal

Und dann ist da noch die Sache mit den Kindern. Erst wollte er keine, er konnte sich gar nicht vorstellen, dafür auch noch die Zeit aufzubringen. Dann schiebt er es auf. Mit seiner letzten Lebensgefährtin Niki, mit der er seit sieben Jahren zusammen ist, klappt es nicht. „Ich glaube, ich habe was verpasst“, sagt er. Dafür verbringt er viel Zeit mit den Nichten und Neffen. Fährt mit ihnen in den Skiurlaub, bringt ihnen Judogriffe bei.

Im April 2018 ist es endlich soweit, Auszeit, zweiter Versuch, vier Monate sollen es jetzt sein. Roberto Spierer fährt mit Niki über Paris, über die französische Autobahn nach Süden, dieselbe Route wie früher mit der Familie, am kleinen Austerndorf vorbei, in dem sie damals schon Pause gemacht haben, dann auf die Fähre. Er atmet durch, endlich. Er liest Bücher im Garten, radelt zum Strand. Er repariert, na klar, die Steckdosen und gießt die Blumen. Dann, wie eine zynische Abwandlung des John-Lennon-Satzes, den er so mochte, Life is what happens to you while you’re busy making other plans: der Herzinfarkt, wie aus dem Nichts. Er war doch fit diesmal.

Auf dem Gelände seines Krankenhauses steht eine Magnolie, die hat er sehr gemocht. Jetzt haben sie eine zweite gepflanzt, eine Erinnerung an ihn. Sie wird langsam wachsen.

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