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Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Geschichtspark Zellengefängnis in Moabit hat für Frank Strobel viel mit seinem Projekt für das Musikfest Berlin gemeinsam.

Spaziergang durch Moabit Klang der Geschichte

Eine Verabredung zum Spaziergang, hier? Na gut, der ziemlich unbekannte Geschichtspark an der Ecke Invaliden-/ Lehrter Straße in Moabit mutet durchaus idyllisch an, ist ruhig, zum Plaudern geeignet, und dies gerade mal 100 Meter von der Hektik des Hauptbahnhofs entfernt. Aber hier befand sich das alte Zellengefängnis, Mitte des 19. Jahrhunderts als Musterbau des Strafvollzugs errichtet, doch eher ein Ort des Schreckens, der Repression. In diesem Bau bangte der Dichter Wolfgang Borchert um sein Leben, angeklagt wegen „Zersetzung der Wehrkraft“, und der nach dem 20. Juli 1944 eingekerkerte Geograph und Widerständler Albrecht Haushofer schrieb hier seine „Moabiter Sonette“, bevor er am 23. April 1945 mit anderen Gefangenen abgeholt und nicht weit entfernt ermordet wurde. Und an diesem historischen Ort des Terrors soll unser Bummel durch Moabit beginnen?

Aber Frank Strobel hat sich etwas dabei gedacht. Vor fast einem Vierteljahrhundert hat es ihn nach Berlin und hier eben nach Moabit verschlagen, erst wegen eines Opernprojekts am Potsdamer Hans-Otto-Theater, dann wegen seiner drei Jahre als Leiter des Filmorchesters Babelsberg. Am kommenden Freitag wird er beim Musikfest Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dirigieren, die von dem Franzosen Philippe Schoeller komponierte Filmsinfonie zu dem Meisterwerk „J’accuse“ des Regisseurs Abel Gance. Ein 1918/19 gedrehter Stummfilm über den Ersten Weltkrieg, seine verheerende Auswirkungen auf dem Schlachtfeld wie im privaten Bereich, hier zwischen zwei französischen Soldaten und der von beiden geliebten, von Deutschen vergewaltigten und geschwängerten Frau. Ein pazifistischer Film, eine Anklage an die, die das Gemetzel zu verantworten hatten.

Foto: Wikipedia

Das alte Zellengefängnis Moabit an der Lehrter Straße, hier auf einem Stich von 1855.

Foto: Wikipedia

Das alte Zellengefängnis Moabit an der Lehrter Straße, hier auf einem Stich von 1855.

Das Zellengefängnis, erläutert Strobel beim Gang über das mit behutsam gesetzten Akzenten an die alte Baustruktur erinnernde Gelände, passe gut zu dem „J’accuse“-Projekt. Zum einen stehe es für Preußens Militarismus, der im Film stets präsent ist, doch nur kurz sichtbar wird, als Schattenriss der schändenden Pickelhaubenträger. Zum anderen greife man hier im Park Geschichte auf, suche nach ihren Relikten, müsse erst Archäologie betreiben, um eine Brücke zur Gegenwart zu bauen. Genauso sei es mit der Stummfilmkunst, die nichts Museales habe, lebendig sei, erst rekonstruiert und dann live aufgeführt, heute erlebbar und nicht als längst Vergangenes, gehe es doch in einem Film wie „J’accuse“ um universelle, noch immer gültige Themen.

Einmal um die Ecke, und plötzlich ist es wie auf dem Dorf

Aber von all dem einmal abgesehen, hat der Weg durch den ziemlich vertrockneten Park auch viel Angenehmes, besonders als Strobel nun in die kleine Stichstraße einbiegt, die von der Lehrter Straße zu den drei „Beamtenwohnhäusern“ führt, die die Abrisswut früherer Jahrzehnte überlebt haben. „Als sei man plötzlich auf dem Dorf“, schwärmt der 1966 in München geborene Dirigent und führt noch rasch durch die angrenzenden Kleingärten zu dem verwunschenen Friedhof des Gefängnispersonals. Die Häftlingsgräber habe man irgendwann zugunsten der Gärten eingeebnet, weiß er.

Die Lehrter Straße kennt er noch als ziemlich wilden Ort, mit weitaus mehr Schrebergärten, dort, wo sich heute in stereotyper Architektur Neubau an Neubau reiht. An der Straße selbst einige Hostels, dahinter Luxuswohnungen, gegenüber das ehemalige Frauengefängnis als einziger Fremdkörper in dieser neuen Berliner Mischung.

Also ab aufs Gelände des Poststadions. Auch hier wird gebaut, eine neue Skateanlage entsteht. Jetzt werkeln hier nur einige Arbeiter, das tipptopp gepflegte Fußballfeld ist verödet. Ganz anders am Wochenende, schildert Strobel: Ein internationales Menschengewimmel, Zurufe, Anfeuerungen, Jubel oder Protest in zig Sprachen, auch dies die neue Berliner Mischung, noch als Durcheinander, das sich dann vor zwei benachbarten Eingängen – der eine zur schicken, asiatisch gestylten Wellness-Oase „Vabali“, der andere zum nicht ganz so schicken Stadtbad Tiergarten – je nach Einkommensklasse sortiert.

Der Trutzbau des Amtsgerichts Tiergarten ist jetzt nicht fern, ein beliebter Drehort, wie auch Strobel weiß, aber nicht den steuert er an, sondern gleich gegenüber in der Turmstraße 5 die „Dorotheenstädtische Buchhandlung“. Ein im besten Sinne altmodisch wirkender Laden, wo er, ein leidenschaftlicher Leser, sich am liebsten mit Lektüre versorgt und nun kurz nach dem neuen Murakami fragt. Momentan ausverkauft, kommt bald wieder rein.

Und noch in ein weiteres Traditionsgeschäft führt Strobel, „A. W. Gericke Nachfg.“, Alt-Moabit 19, das Sortiment von Eisen- auf Haushaltswaren erweitert, der mit Waren vollgestopfte Laden ein Relikt aus dem analogen Zeitalter, in dem der Preis – in diesem Fall eines Fliegengitters – nicht von einem Bildschirm, sondern aus einem der in Reih und Glied stehenden Aktenordner abgefragt wird.

Eine Gedenktafel mit Versen aus den "Moabiter Sonetten"

Noch einmal geht es nun kurz um die Ecke zurück auf den Friedhof in die Wilsnacker Straße. Gegen Kriegsende wurden dort über 300 Menschen begraben, die in der Umgebung durch Kämpfe, Suizid oder aber, wie im Falle Haushofers, durch Mord ums Leben kamen. Auf der Gedenktafel an der Friedhofsmauer sind Verse aus seinen „Moabiter Sonetten“ zu lesen: „Der Wahn allein war Herr in diesem Land. / In Leichenfeldern schließt sein stolzer Lauf, / Und Elend, unermessbar, steigt herauf.“ Haushofer hat darin den Schrecken und Terror seiner Zeit gestaltet und vielleicht letzten Trost gefunden, doch irgendwie passen die Worte auch zu „J’accuse“. Der rechte Rahmen also, um noch ein wenig über die Aufführung zu sprechen.

Die Bewahrung des alten, noch tonspurlosen, aber eben nicht stummen Filmkunsterbes liegt Strobel besonders am Herzen. Die Initialzündung war für ihn Fritz Langs „Metropolis“, den er als Jugendlicher zum ersten Mal sah, den Klavierauszug sofort für zwei Instrumente umformte und erfolgreich mit einer Freundin aufführte, unterstützt vom Goethe-Institut selbst im Ausland. Seine Mitwirkung an der Rekonstruktion des Films Jahrzehnte später, dessen fehlende Teile unvermutet in einem argentinischen Archiv gefunden worden waren, die von ihm dirigierte Aufführung des endlich wieder kompletten Kunstwerks auf der Berlinale 2010 waren da Höhepunkt und vorläufiger Abschluss der Auseinandersetzung mit dem Monumentalwerk.

Soldaten auf Fronturlaub spielten die Auferstehung der Toten

Zu Abel Gance und „J’accuse“ fand Frank Strobel erst in jüngerer Zeit. 2007 war der Film, zu dem keine Musik überliefert ist, in Frankreich rekonstruiert worden, sieben Jahre später, anlässlich der Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, war er mit der im Auftrag von ZDF und Arte neukomponierten Musik von Philippe Schoeller in Paris aufgeführt worden, schon damals dirigierte Strobel. Eine besondere Herausforderung, hat doch der Komponist, der beim Berliner Filmkonzert, nunmehr 100 Jahre nach Ende des Krieges, mitwirken wird, Orchesterklänge mit elektronischer Musik und vorproduzierten Chorelementen gemischt, die über Lautsprecher die frontale Beschallung in den Raum hinein erweitern. Wer nur Filmmusiken à la Hans Zimmer gewohnt ist, könnte irritiert sein.

Aber einem Film wie „J’accuse“ – als er entstand, war der Titel von Émile Zolas Streitschrift zur Dreyfus-Affäre in Frankreich längst zum geflügelten Wort geworden – wären traditionelle Melodien kaum gerecht geworden. Es ist ein Werk mit einer radikal neuen Bildsprache, Montage, Blenden, Doppelbelichtungen, erstmals Vermischung von Spielszenen und Bildern des echten Krieges. Und echt waren auch die amerikanischen und französischen Soldaten, die Abel Gance in Massenszenen als Statisten auftreten ließ, auf den Schlachtfeldern nahe Verdun und in Südfrankreich. Dort wurde mit Fronturlaubern die berühmteste Szene gedreht, die Auferstehung der die Überlebenden anklagenden Toten. Danach ging es zurück an die Front. Viele der im Film auftretenden Soldaten dürften den Tag der Premiere am 25. April 1919 nicht mehr erlebt haben.

J’accuse“, 14. September, 20 Uhr, Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Karten unter www.shop.berlinerfestspiele.de. Das Filmkonzert im Rahmen des Musikfests Berlin eröffnet eine Abel-Gance-Trilogie, die in den kommenden Jahren fortgesetzt werden soll.

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