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Foto: Fearn/Tagesspiegel
Foto: Fearn/Tagesspiegel

Berlin als Bühne: Einige der Hauptfiguren von Naomi Fearns täglichem Tagesspiegel-Strip.

Stadtspaziergang mit Naomi Fearn Tagesspiegel-Checkpoint startet täglichen Comic

Sie hat ihren Vater mitgebracht, der ist gerade zu Besuch. Wie praktisch: Wer könnte die Anfänge von Naomi Fearns künstlerischem Werdegang besser erklären als Cabell J. Fearn? Denn vieles, was die 42-Jährige als Musikerin, Performerin und Zeichnerin in den vergangenen Jahren geschaffen hat, hat sie ein wenig auch dem schlanken Amerikaner mit dem langen grauen Hippie-Zopf und dem ironischen Spruch auf dem T-Shirt zu verdanken, der jetzt neben ihr in einem Atelier im Hinterhof eines ehemals besetzten Hauses in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg steht.

Dieser Raum mit seinen vier Zeichentischen, Kisten voller Stifte und Regalen voller Comics war über viele Jahre einer der wichtigsten Orte im Leben seiner Tochter. „I’m Jeff Vader“, steht auf dem T-Shirt des Vaters. Es ist ein Spruch aus einem Star-Wars-Sketch des Komikers Eddie Izzard, den Vater und Tochter gleichermaßen lieben. Wie sie überhaupt viele Vorlieben teilen. Die für Comics zum Beispiel, was der Anlass des heutigen Treffens ist. Oder für Bluegrass und andere handgemachte Musik. Cabell J. Fearn ist, neben vielem anderen, Gitarren- und Banjobauer sowie passionierter Musiker. Auf einem Video, das Naomi Fearn auf einem ihrer Social-Media-Kanäle eingestellt hat, singen Vater und Tochter zweistimmig einen Bluegrass-Klassiker, er spielt Gitarre, sie Ukulele. Eines von einem halben Dutzend Instrumenten, die sie beherrscht.

Foto: Lars von Törne

Ein Herz für Comics. Naomi Fearn und ihr Vater Cabell J. Fearn vor dem Comicladen „Modern Graphics“ in der Kastanienallee

Foto: Lars von Törne

Ein Herz für Comics. Naomi Fearn und ihr Vater Cabell J. Fearn vor dem Comicladen „Modern Graphics“ in der Kastanienallee

Kreativität gehört in dieser Familie zum Erbgut, in anderen Videos auf Naomi Fearns Social-Media-Kanälen sieht man sie mit ihrer Mutter – einer Schwäbin – im Gesangsduett, in einem steht die Mutter alleine als Jazz-Sängerin auf der Bühne. Von der habe sie den Mut, kreative Dinge einfach zu machen und selbstbewusst damit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Naomi hatte ab fünf Jahren Harfenunterricht“, erzählt ihr Vater mit amerikanischem Akzent. Er stammt aus Idaho, arbeitete für die US-Armee in Deutschland. Sein Job: Kunst- und Kunsthandwerkslehrer für Soldaten. „Naomi ist im Kunsthandwerks-Raum der US-Armee aufgewachsen“, sagt er.

Schon als Kind von Kunst und Musik umgeben

„Mit sechs habe ich meinen ersten Silberring gegossen“, ergänzt die Tochter. Sie lehnt an einem der Zeichentische, der in den vergangenen zehn Jahren ihr Arbeitsplatz war. Auf den Schreibtischen nebenan liegen halbfertige Arbeiten von Mawil und Reinhard Kleist, zwei der erfolgreichsten deutschen Comiczeichner, mit denen sich Naomi Fearn lange das Atelier geteilt hat. Erst seit Kurzem arbeitet sie mehr von ihrer Wohnung in Friedrichshain aus, aber der Ort hier bedeutet ihr immer noch viel.

„Das Atelier war meine erste Anlaufstelle in Berlin“, erzählt Naomi Fearn. Ihre erste Berliner Wohnung war ein paar Straßen weiter nördlich. „Hier bekam ich die nötige Nestwärme, nachdem ich hergezogen war.“ Sie trägt ein enges T-Shirt mit verblichenem Superman-Logo. „Passend zu meiner Clark-Kent-Brille“, sagt sie und lacht. Mit ihrer hellen Stimme und den blonden Locken über dem schlanken Gesicht wirkt sie fast mädchenhaft brav – ein trügerischer Eindruck, wie manche ihrer Werke zeigen, aber dazu später mehr.

Vor zehn Jahren kam Naomi Fearn aus Stuttgart nach Berlin, da hatte sie sich bereits einen Namen als erfolgreiche Comiczeichnerin gemacht – und als eine der ersten Frauen, die in der lange männlich geprägten deutschen Comicszene Erfolg haben. „Ich war damals oft die Schlumpfine“, sagt sie in Anspielung auf den Comic-Klassiker mit den blauen Zwergen, unter denen es nur eine Frau gibt.

„Zuckerfisch“ lautete der Titel der Comicserie, die Naomi Fearn 13 Jahre lang bis 2014 wöchentlich für die Stuttgarter Zeitung zeichnete und die es auch in Buchform gesammelt gibt. Darin ging es um die Erlebnisse der offensichtlich autobiografisch inspirierten Titelheldin Nomi und ihrer WG-Mitbewohner, eines schwulen, partyfreudigen Hasen und seines Freundes, eines in Symbolbildern kommunizierenden Kaninchens. Trotz des humoristischen Grundtons konnten diese Strips überraschend tiefgründig sein. Zudem tauchten hier immer wieder auch politische Themen wie Stuttgart 21 oder sexuelle Gleichberechtigung auf.

Zwei Jahre nur Schrippen mit Ketchup

Auch deswegen meldete der Tagesspiegel sich bei ihr, als vor eineinhalb Jahren ein neuer Comic starten sollte, der sich mit der rot-rot-grünen Koalition beschäftigt. Seit März 2017 zeichnet Naomi Fearn nun ihren Strip „Die R2G-WG“, der jeden Sonnabend im Tagesspiegel erscheint. Auf ironische Weise schaut Fearn darin hinter die Kulissen der Berliner Landespolitik, die in der WG der drei Hauptfiguren Michi, Klausi und Poppi zu unterhaltsamen Verwicklungen führt.

Dieses Projekt soll jetzt ausgeweitet werden: Von diesem Montag an veröffentlicht Naomi Fearn zusätzlich zu „Die R2G-WG“ täglich einen Berlin-Comic im Tagesspiegel-Newsletter „Checkpoint“. Der Titel lautet „Berliner Schnuppen“, darin soll es neben politischen Themen auch viel um die Stadt und ihre Bewohner gehen, archetypische Charaktere repräsentieren die vielen Facetten des Berliner Alltags.

Heimisch fühlte sich Naomi Fearn hier von Anfang an, wie sie nach dem Atelierbesuch erzählt, als es durch den zugewachsenen und mit Dutzenden bunten Plastik-Gießkannen verzierten Hinterhof des einst besetzten Hauses in Richtung Kastanienallee geht. „Ich bin 2003 als Schwabe nach Berlin gekommen und die Hälfte der Nachbarschaft war schon hier.“ Ihr Vater ergänzt: „Nur die Hügel fehlen hier.“ „Ja, gütiger Himmel, die fehlen wirklich“, sagt sie. „Am Anfang habe ich gar nicht gemerkt, dass der Prenzlauer Berg eine Steigung hat.“

An der Gentrifizierung, also der Luxussanierung des Viertels und der Vertreibung ärmerer Bewohner, die übel Meinende schon mal schwäbischen Investoren in die Schuhe schieben, sei sie nicht schuld, sagt sie lachend: „Ich habe mich die ersten zwei Jahre von Schrippen mit Ketchup ernährt – hey, ich bin Comiczeichnerin.“

Nicht nur in der Hinsicht war das kleine Atelier in der Kastanienallee eine Insel für sie. Der rote Backsteinbau wirkt von außen wie eines der letzten gallischen Dörfer, die sich gegen den Wandel des Viertels zur Luxus- und Touristenmeile stellen. Hier folgen die Bewohner noch alten, linken Prinzipien, wie Naomi Fearn erzählt: „Die wechseln alle zwei Jahre ihre Wohnung.“ Und gemeinsame Feste werden auf dem Dach des Hauses gefeiert.

Der nächste Halt beim Spaziergang ist das alternative Café Morgenrot. „Das wird von einem Kollektiv betrieben – und sonntags gibt es einen guten veganen Brunch“, sagt sie. Dazu passt der auf Politisches spezialisierte Buchladen „Zur schwankenden Weltkugel“ links daneben, in dessen Fenster linke Bücher und Zeitschriften wie „konkret“ und Antifa-Magazine angeboten werden. Auch wenn Naomi Fearn sich nicht als besonders politischen Menschen beschreibt, ist doch klar, wo ihre Sympathien liegen.

Foto: Lars von Törne

Ein Herz für Comics. Naomi Fearn und ihr Vater Cabell J. Fearn vor dem Comicladen „Modern Graphics“ in der Kastanienallee

Foto: Lars von Törne

Ein Herz für Comics. Naomi Fearn und ihr Vater Cabell J. Fearn vor dem Comicladen „Modern Graphics“ in der Kastanienallee

Sie sieht sich vor allem als gesellschaftspolitisch interessiert, erzählt Fearn, als der Spaziergang zu einem weiteren linken Hausprojekt führt, das an die rebellischen Jahre des Viertels erinnert: Die Kastanienallee 86. „Kapitalismus normiert, zerstört, tötet“ steht in großen Lettern an der grauen Fassade, von der der Putz bröckelt. Im Hinterhaus gibt es das „Tuntenhaus“, wie es auch die Bewohner selbst nennen, Naomi Fearn erinnert sich an tolle Partys, die sie dort gefeiert hat.

Nicht weit davon ist eine weitere Adresse, die ihr wichtig ist: Der Comicladen „Modern Graphics“. Dessen Keimzelle liegt in Kreuzberg, aber seit gut zwei Jahren gibt es den Ableger in der Kastanienallee. Hin und wieder stellt Betreiber Micha Wießler zum Feierabend Tische und Bänke auf den Gehweg, dann treffen sich hier Comiczeichner, Fans und Nachbarn aus dem Viertel auf ein paar Bier und sprechen über das Leben und ihre Leidenschaft für Bildgeschichten.

Bei Naomi Fearn ist auch die den Eltern zu verdanken. Ihr Vater war ein regelmäßiger Leser von US-Zeitungscomics wie dem täglich erscheinenden Polit-Strip „Doonesbury“, den auch die Tochter als wichtigste Inspirationsquelle nennt. Aber auch die Hippie-Abenteuer der „Freak Brothers“, Batman-Hefte und die Geschichten mit Marvel-Helden wie Spider-Man waren im Hause Fearn omnipräsent, wie beide beim Spaziergang erzählen. Dazu kommen die vor allem von der Mutter geschätzten „Archie“-Comics, die jetzt durch die TV-Serie „Riverdale“ auch hierzulande etwas bekannter werden.

Auch eine erotische Anthologie ist Teil ihres Werks

Neben dieser Comic-Grundausbildung studierte Fearn nach dem Abitur freie Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Ihr Geld verdient sie seitdem, wie viele Berufskollegen, mit einer Mischung aus Comics und Illustrationen. Sie illustrierte Jugendbücher wie die Reihe „Tiger Team“, entwarf Poster für Veranstaltungen und Illustrationen für Zeitschriften. In Sachen Comics zeichnet sie neben der „R2G-WG“ gerade eine weitere Reihe, die auf den ersten Blick so gar nicht zum grafisch reduzierten Polit-Strip im Tagesspiegel passen will: Für die vor allem für junge Mädchen gedachte Zeitschrift „Lego Friends“ steuert Fearn einen bonbonbunten Strip bei, in dem kleine Lego-Mädchen Abenteuer wie aktuell ein Autorennen erleben.

Dazu kommen immer wieder eigene Comic-Projekte wie die erotische Anthologie „Bettgeschichten“, die sie vor ein paar Jahren zusammen mit ihrem Atelierfreund Reinhard Kleist herausgegeben hat. Dort konnte man eine Seite der Künstlerin kennenlernen, die sie sonst vor allem als Musikerin und Performerin auslebt: In den Songs ihrer Comedy-Band Sticky Biscuits verarbeitet sie Ideen zu Sex, Beziehungen und Pornografie. Selbst explizite Themen wie Faustverkehr oder sexuell übertragbare Krankheiten werden in kunstvollen Videos auf spielerische, ja niedliche Weise vermittelt.

Das bescherte der Band kürzlich eine Einladung zum Toronto International Porn Festival, in der Abteilung komödiantische Pornografie. Im Moment pausiert das Projekt Sticky Biscuits allerdings: Es bestand vor allem aus Naomi Fearn und dem Künstler Marc Seestaedt, mit dem sie lange zusammen war. Den kennt man unter anderem als Organisator des Festivals Comicinvasion und Mit-Initiator des Berliner Comicstipendiums, das der Senat soeben zum zweiten Mal ausgeschrieben hat.

Der Spaziergang endet an der U-Bahn-Station Eberswalder Straße, im „Zeit für Brot“ bei einer Zimtschnecke. Vor Kurzem hat der Ableger der Café-Kette, die mit ihren handgemachten, ökologischen und nicht gerade billigen Backwaren ein weiterer Indikator für die Veränderung der Gegend ist, hier eröffnet.

Zu Hause fühlt sich Naomi Fearn im Viertel immer noch, auch wenn sie hier nicht mehr wohnt. Inzwischen ist sie nach Friedrichshain gezogen, wo sich etwas Bezahlbares fand. „Heimat bedeutet für mich, dass ich im Pyjama auf die Straße gehen kann und es okay ist“, sagt sie. „Das Gefühl habe ich hier vom Weinbergspark bis zum Helmholtzplatz immer noch.“

Den täglichen Berlin-Newsletter "Checkpoint" können Sie hier abonnieren: checkpoint.tagesspiegel.de

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