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Foto: Jens Mühling
Foto: Jens Mühling

Hier geht's lang! Wandgemälde in Borsigwalde.

Unterwegs in Berlins Ortsteilen Borsigwalde: Wo die Hipster morgen wohnen

Eine Laune des Schicksals will es so, dass in der alphabetischen Reihenfolge der Berliner Ortsteile die ersten neun im Osten der Stadt liegen. West-Berliner Boden betrat ich deshalb erst in Borsigwalde, und sofort bildete ich mir ein, Unterschiede zu bemerken: Sahen die Einfamilienhäuser hier nicht irgendwie anders aus als die in Altglienicke, Baumschulenweg oder Blankenburg? Zwar stand in den Vorgärten der gleiche Baumarkt-Deko-Krempel, aber ich hatte den Eindruck, dass im Westen etwas weniger davon stand als im Osten. Die Grundstücke wirkten aufgeräumter, strenger, einförmiger, in gewisser Weise einschüchternder, als müsse man hier das ästhetische Urteil des Nachbarn fürchten. Ich erschrak, als ich an einem Obstbäumchen bunte Plastikeier hängen sah – Ostern lag inzwischen einen guten Monat zurück. Sicher zerrissen sich die Nachbarn schon das Maul über diesen faulen Vorgartendekorateur.

Das Straßenbild ähnelt London

Borsigwalde ist winzig und besteht zu großen Teilen aus alten Industriebauten, in denen einmal Lokomotiven (Kaiserreich) und Massenvernichtungswaffen (nächstes Reich) gefertigt wurden. Mit den Folgen von Letzterem schlägt sich bis heute eine im Ortsteil ansässige Behörde herum, die das Personalarchiv der Wehrmacht verwaltet und Schicksale von Gefallenen aufklärt. Der eigentliche Wohnkern von Borsigwalde umfasst nur wenige Straßenzüge. Neben Einfamilienhäusern mit einschüchternden Vorgärten gibt es dort Bauten, wie man sie sonst nirgends in Berlin findet, nämlich die Arbeiterhäuser, die Ende des 19. Jahrhunderts rund um die Räuschstraße für die Belegschaft der Borsigwerke gebaut wurden. Sie haben rote Backsteinfassaden und verzierte Giebel, sind selten breiter als drei Fenster und nie höher als drei Etagen. Läge Borsigwalde nicht so weit außerhalb, hätten Berlins Hipster sicher längst gemerkt, wie sehr das Straßenbild hier London ähnelt. Pssst, erzählen Sie das bloß nicht weiter, sonst tauchen hier ruckzuck die ersten Bike-Shops und Biokäsemanufakturen auf.

Foto: Jens Mühling

Forsches Versprechen in morscher Verpackung: Werbung der CDU Borsigwalde.

Foto: Jens Mühling

Forsches Versprechen in morscher Verpackung: Werbung der CDU Borsigwalde.

Zwei Mongolen tauchten im Trödelladen auf

Vorläufig scheinen in den Borsig-Häusern allerdings eher Rentner zu wohnen, und außer der Bäckerei Schleckermäulchen, wo Arbeiter in Blaumännern Filterkaffee trinken, gibt es hier nur ein italienisches, ein spanisches und ein kroatisches Restaurant. Die Inhaberin des Trödelladens an der Holzhauser Straße verriet mir, dass der Italiener in Wirklichkeit ein Türke, der Spanier ein Libanese und der Jugoslawe ein Pole ist. Überhaupt war die Trödlerin Expertin für Nationalitäten. Von ihr erfuhr ich, dass es in Borsigwalde Waliser gibt, die keine Engländer mögen, Marokkaner, die nichts mit Tunesiern zu tun haben wollen, Türken, die was gegen Araber haben, Araber, die nichts von Afrikanern halten, und Ukrainer, deren Schmuggelzigaretten noch billiger sind als die der Vietnamesen. Sogar zwei Mongolen hatte die Trödlerin schon im Ortsteil gesichtet, die hatten gebrauchte Geländeautos gekauft und wollten damit zurück in die Mongolei fahren. Vorher schauten sie im Trödelladen vorbei und füllten ihre Kofferräume mit Berlin-Souvenirs.

In letzter Zeit, erzählte die Trödlerin ganz zum Schluss, seien übrigens viele junge Leute nach Borsigwalde gezogen, darunter Künstler, Musiker, Schauspieler. Herrje, dachte ich, geht das jetzt wirklich auch hier schon los?

Fläche: 2,0 km² (Platz 91 von 96)

Einwohner: 6613 (Platz 84 von 96)

Durchschnittsalter: 45,4 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: August Borsig (Gründer der Borsigwerke, Namensgeber des Ortsteils)

Gefühlte Mitte: Café Schleckermäulchen

Diese Kolumne erschien am 13. Mai 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

Alle Folgen zum Nachlesen: tagesspiegel.de/96malberlin.

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