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Foto: Sven Darmer/DAVIDS
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Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.

Vertriebene in Berlin Was ist Heimat?

Johannes Laubmeier

Es ist nicht mehr Winter, aber auch noch nicht Frühling. Sibylle Dreher geht durch Bydgoszcz, 400 Kilometer östlich von Berlin, das sie nur Bromberg nennt. Die alte Dame biegt in einen Schotterweg ein, der an einem Kanal entlangführt. Bäume säumen ihn, breite Stufen führen zum Ufer hinunter, wo im Sommer manchmal die Angler sitzen. Es ist ruhig an diesem Morgen, nur ein paar Enten drücken sich am Rand herum. „Wenn mein Mann hierher kommt und am Kanal entlang geht, dann lebt er immer auf, da ist er wieder wie ein kleiner Junge“, sagt sie. Was das mit ihr mache, hier zu sein? „Ich stehe da drüber. Ich manage das.“ Und emotional? Sie schweigt. Und beginnt auf einmal zu weinen, ganz leise und kurz nur.

Wütend mache es sie, und traurig, sagt Sibylle Dreher dann. Sie biegt in einen zertretenen Pfad ein, an dessen Rand Baumwurzeln freiliegen, man muss aufpassen, wo man hintritt. An einer alten Backsteinkirche zwischen den Bäumen beginnt Frau Dreher wieder zu erzählen, gefasster jetzt, von der Zeit, als Bydgoszcz noch Bromberg hieß. Geschichte eigentlich, lange her, doch für sie, die weg musste, immer noch Gegenwart. Sibylle Dreher ist, so sagt sie selbst, eine Heimatvertriebene.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren und die anschließende Neuordnung des Kontinents führten, vor allem in Osteuropa, zu riesigen Bevölkerungsverschiebungen. Flüchtlinge: auch damals ein europäisches Großthema, Millionen Menschen mussten ihre Siedlungsgebiete verlassen. Die Deutschen – Bewohner der Ostgebiete und deutschsprachige Minderheiten der angrenzenden Staaten – waren unter ihnen die größte Gruppe. Sie flüchteten vor der vorrückenden Roten Armee oder wurden von den neuen Regierungen der Tschechoslowakei, Polens, Ungarns und anderen osteuropäischen Staaten ausgewiesen.

Zunächst fand die Vertreibung ungeregelt statt

Die Vertreibung, die unter dem Eindruck der von den Nationalsozialisten verübten Verbrechen zuerst ungeregelt stattfand und später im Potsdamer Abkommen festgeschrieben wurde, kostete unzählige Menschen die Heimat oder das Leben. Wie viele es waren, ist umstritten, Schätzungen gehen von zwölf bis 14 Millionen Vertriebenen und einer halben bis zwei Millionen Toten aus.

In den deutschen Besatzungszonen angekommen, waren die Vertriebenen gezwungen, sich ein neues Leben fern ihrer ehemaligen Wohnorte aufzubauen. Und obwohl sie und ihre Nachkommen inzwischen gut integriert sind, identifizieren sich viele noch heute mit den Landstrichen, die sie damals verlassen mussten. Oft wirken sie deshalb wie aus der Zeit gefallen, wie eine deutsche Parallelgesellschaft mitten in Deutschland.

Wer die Heimatvertriebenen verstehen will, muss sich hineinbegeben in die Enklaven der Erinnerung, die in Berlin an vielen Ecken versteckt sind. Und wer verstehen will, woher sie kommen, muss sich am Ende auch auf die Reise machen in ihre verlorenen Heimatregionen.

Man denkt nicht an Lankwitz, wenn man in Berlin nach Parallelgesellschaften sucht. Hier säumen junge Bäume die Straße, dahinter ziehen Jägerzäune und Hecken klare Grenzen. Familienkutschen parken am Straßenrand, ein christliches Gemeindezentrum ist gleich um die Ecke, hier ist die Stadt noch Dorf. Wer nach Lankwitz zieht, kommt meist, um zu bleiben, um Heimat zu finden.

Foto: Georg Moritz

Alfred und Sibylle Dreher mit einem Bild des Danziger Krantors.

Foto: Georg Moritz

Alfred und Sibylle Dreher mit einem Bild des Danziger Krantors.

Sibylle Dreher lebt im zweiten Stock eines grauen Mehrfamilienhauses direkt an den S-Bahn-Gleisen, zusammen mit ihrem Mann. Am Fenster hängt ein Wappen: schwarzer Adler, Krone um den Hals, Schwert in der Hand. Hinter der Tür, im Inneren der Wohnung, liegt Westpreußen. Auf fast 100 Quadratmetern halten die Drehers die Erinnerung an das Gebiet südlich der Danziger Bucht wach, aus dem sie und ihre Eltern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden. 1945 kamen beide nach Deutschland, Ende der 70er Jahre lernten sie einander in Hannover kennen, seit 15 Jahren wohnen die beiden in Berlin. Weil es die interessanteste Stadt der Welt ist, wie Alfred Dreher sagt, aber auch, weil es nahe an Westpreußen liegt. Wie bei vielen anderen, die nach dem Krieg ihre Wohnorte im Osten Europas verlassen mussten, hat das Verlorene die beiden nie ganz losgelassen. Die Drehers leben in einer Welt voller Fotografien und Gemälde aus der alten Heimat, Menschen und Häuser in schwarz und weiß, Städte in Öl.

Fast schon ihr ganzes Leben kämpfen die beiden für die Erinnerung an Orte, die den meisten ihrer Nachbarn heute fremd geworden sind. Die Drehers haben viele Mitstreiter, in der ganzen Bundesrepublik, auch in Berlin. Sie sind vernetzt und leben ihre alten Bräuche, bei Lesungen und auf Kulturabenden mit regionaler Küche und Musik.

Am Stärksten eint sie der erlittene Verlust. Im Bundesvertriebenengesetz von 1953 bekamen sie ihren offiziellen Titel: „Heimatvertriebene“, so nennen sie sich auch heute noch. 70 Jahre nach der Ankunft im Gebiet der heutigen Bundesrepublik bleibt der Verlust ihr gemeinsames Identitätsmerkmal. Sie haben sich organisiert im „Bund der Vertriebenen“, und sie tauschen sich aus bei den Treffen der „Landsmannschaften“, die ihre jeweiligen Herkunftsgebiete repräsentieren. Im Berliner Landesverband waren nach dessen Auskunft kurz nach dem Krieg rund 100 000 Menschen organisiert. Inzwischen sind es natürlich deutlich weniger, rund 1000 Vertriebene zählt der Verband heute als Mitglieder, hinzu kommen 2500 Spätaussiedler, die nach 1991 aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind.

Die alten Grenzen sind verschwunden

Sibylle Dreher empfängt im Wohnzimmer, das dekoriert ist mit Fotografien vom Danziger Krantor und hochherrschaftlichen Gutshäusern in Westpreußen, einem Gemälde der Burg des Deutschen Ordens in Marienburg. Neben der Tür hängt eine Karte an der Wand, im Norden eine Bucht, ein breiter Strom, der sich nach Süden zieht. Das Gebiet, das sie zeigt, heißt heute anders, die alten Grenzen haben keine Gültigkeit mehr. Die Reiche, die hier hinter Glas heraufbeschworen werden, sind lange versunken, Westpreußen ist nicht mehr.

Dreher kann sich selbst nicht an die Vertreibung erinnern. Als sie 1945 mit ihrer Mutter aus Westpreußen flieht – nach Dahlem zuerst, dann weiter in den Westen Deutschlands – ist sie erst neun Monate alt. Doch obwohl sie mehrere hundert Kilometer entfernt vom Ufer der Weichsel aufwächst, abgeschnitten vom Land ihrer Eltern und Großeltern, ist das Verlorene stets in ihrem Leben. Immer wieder erzählt die Mutter ihrer Tochter von der Heimat, die für sie nicht in der Bundesrepublik liegt. Sie kauft eine Landkarte von Westpreußen und hängt sie ins Treppenhaus. Jeden Tag geht Sibylle Dreher als Kind daran vorbei, sieht die Bucht, den Strom, liest die alten Namen und wird so an ihre Heimat herangeführt, die jetzt in einem anderen Land liegt, hinter dem Eisernen Vorhang, in einer fremden Welt.

Ihres geistigen Lebensmittelpunkts beraubt wird Dreher zur Nomadin, zur „Getriebenen“, wie sie es ausdrückt. Sie hat 15 verschiedene Wohnorte in 55 Jahren, an keinem bleibt sie lange. In den frühen 70er Jahren geht sie zum Studieren und Arbeiten in die USA, nach Nebraska. Dort, wo die Landschaft – Prärie, Felder und sanfte Hügel – kein Ende zu haben scheint, wo der 1600 Kilometer lange Platte River von West nach Ost mäandert, fühlt sie sich wohl, ohne genau zu wissen, warum. Zurück in Deutschland zeigt sie ihrer Großmutter Fotos der Reise. „Das sieht ja aus wie in der Heimat“, sagt die, und Dreher versteht. Vererbtes Vermissen.

Und weil sie weiß, wie es ist, ohne Rückweg in einem anderen Land anzukommen, fühlt sie auch Mitleid mit den Flüchtlingen, die es heute nach Deutschland verschlägt, aus Kriegs- und Krisengebieten in aller Welt, die sich ein Leben jenseits von Verfolgung und Armut erhoffen. Auf eine Stufe setzen aber will sie sich nicht mit ihnen, das sei ja schon etwas anderes, sagt sie: andere Kultur, anderer Glaube. Trotzdem seien die Erfahrungen ähnlich. Oft geht sie deshalb in ein Flüchtlingsheim in ihrer Nähe, um den frisch Angekommenen Spenden vorbei zu bringen. Gerade habe sie wieder etwas gesammelt, ein paar alte Kleidungsstücke und Schuhe ihres Mannes, gerne dürfe man sie begleiten, wenn sie diese dort abliefere.

Foto: akg-images

Vertriebene 1945 in Berlin.

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Vertriebene 1945 in Berlin.

Am Ende des Gesprächs erzählt sie von den Reisen, die sie seit den 70er Jahren fast jedes Jahr nach Polen unternimmt. Sie besucht die Orte aus den Erzählungen ihrer Eltern und der Erinnerung ihres Mannes, der zehn Jahre älter ist als sie. Auch dieses Jahr ist wieder eine solche Reise geplant, Sibylle Dreher fiebert ihr entgegen, will lieber früher als später nach Polen fahren.

Ganz überzeugt von der Idee, einen Fremden dorthin mitzunehmen, ist Dreher allerdings noch nicht. Was der Artikel denn genau bezwecken solle, fragt sie spät nachts am Telefon. Beim ersten Treffen war sie noch offen, jetzt klingt ihre Stimme leicht reserviert. Zu oft habe sie Texte über die Vertriebenen gelesen, die ihr nicht gefielen, zu oft sei negativ berichtet worden. Gerade in der deutschen Berichterstattung fühle sie sich oft missverstanden. „Im Ausland berichtet man über die Vertriebenen viel objektiver“, sagt sie. Es dauert, bis sie bereit ist, tatsächlich gemeinsam nach Westpreußen zu reisen.

Klar ist: Das Thema Vertreibung ist in Deutschland ein Reizthema. Bis heute fordert der Berliner Landesverband der Vertriebenen auf seiner Webseite unter anderem einen Ausgleich für das erlittene Unrecht. Und obwohl, so erfährt man auf Nachfrage, damit keinesfalls ein materieller Ausgleich gemeint ist sondern nur, dass die Erinnerung an das Geschehene aufrecht erhalten werden soll, stoßen derartige Forderungen in der Öffentlichkeit oft auf Ablehnung, man unterstellt Revanchismus, manche sogar den Versuch, die Verbrechen der NS-Zeit verharmlosen zu wollen.

Noch in den 50ern forderten alle Parteien den Wiederanschluss

Das war nicht immer so. Noch in den 50er Jahren unterstützten alle großen Parteien die Heimatvertriebenen und forderten bei den Bundestagswahlen einen Wiederanschluss der von Polen verwalteten ehemaligen Ostgebiete. Allzu verlockend waren Millionen von Wählerstimmen. „Dreigeteilt. Niemals“, war damals auf Plakaten in Westdeutschland zu lesen. Doch nicht nur in der Politik galten die Grenzen von 1937, gehörten Pommern, Schlesien und die übrigen Gebiete in der Vorstellung zu Deutschland. In seinem Lied „Die hab ich satt“ sang Wolf Biermann noch im Jahr 1965 über „dies dreigeteilte deutsche Land“.

In den späten 60er Jahren änderte sich die Lage schlagartig. Mit der neuen Ostpolitik erkannte Willy Brandt die politischen Tatsachen und die Oder-Neiße-Linie als Deutschlands neue Ostgrenze an. Die Rückkehr, auf die viele Vertriebene noch lange nach der Ankunft in Deutschland gehofft hatten, wurde endgültig unmöglich. Gleichzeitig veränderte sich ihr Ansehen in der Bundesrepublik. Die junge Generation der 60er Jahre begann, die Naziverbrechen aufzuarbeiten. Sie konnte die Vertriebenen nicht mehr als die „vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen“ sehen, wie diese sich in ihrer Charta von 1950 bezeichneten. Das Wissen um den millionenfachen Massenmord an den europäischen Juden und die Tatsache, dass auch andere europäische Bevölkerungsgruppen ihre Heimat verloren hatten, machten eine solche Betrachtung unmöglich. Die Gegenwart hatte die Vertriebenen überholt.

Doch Erinnerung folgt keiner politischen Realität, sie glüht nach, ob man will oder nicht. Um das zu verstehen, ist vor der Reise nach Westpreußen erst einmal ein Besuch in Berlin-Schöneberg nötig. Dort, im dritten Stock eines gelben Hauses, sitzt Ursula Mechler in ihrem Arbeitszimmer und blättert in einem Fotoalbum. Hinter der kleinen 83-Jährigen mit den weißen Haaren stapeln sich Bücher auf einem Regal. „Die Deutschen im Osten“ steht da neben „Märchen und Sagen aus dem Posener Land“, „Kalte Heimat“ neben „Damals war’s“. Es ist ihre Bibliothek, aber es ist auch ihr persönliches Archiv, das hier gewichtig auf die Regalbretter drückt, ein Teil ihres Lebens.

Als sie 13 Jahre alt war, kam Ursula Mechler aus der polnischen Industriestadt Lódz nach Deutschland – auf der Flucht vor der Roten Armee, wie sie betont, als Flüchtling, nicht als Vertriebene. Das mit der Landsmannschaft habe erst 1962 angefangen, mehr als 15 Jahre nach der Ankunft in Deutschland. Damals, nach dem Tod ihres Vaters, zog ihre Mutter zu ihr nach Berlin und traf an der Bushaltestelle zufällig eine Frau, die den gleichen Dialekt sprach wie sie selbst. Die Frau war auf dem Weg zu einem Treffen der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, in der sich Flüchtlinge und Vertriebene aus Posen, Mittelpolen, Galizien und Wolhynien zusammengeschlossen hatten. Dort, unter Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, fand ihre Mutter Anschluss. Zuvor hatte sie in Berlin niemanden gekannt. „Da war Normalität“, sagt Ursula Mechler. Irgendwann begann sie, ihre Mutter zu den Treffen zu begleiten.

Die Jahrbücher der Landsmannschaft stehen im Regal

Und sie blieb dabei. Auf einem der unteren Regalbretter stehen die Jahrbücher der Landsmannschaft, alle Ausgaben von 1955 bis 2014, so dicht gedrängt, dass man kaum ein Buch herausnehmen kann, ohne die daneben mitzuziehen. Seit mehr als 20 Jahren ist Ursula Mechler die Berliner Vorsitzende der Landsmannschaft. Sie organisiert Treffen, Kulturabende und Ausstellungen und fährt immer wieder zu den Treffen des Bundesvorstands, in dem sie ebenfalls Mitglied ist.

Mindestens einmal im Jahr fährt auch sie nach Polen. Die Erinnerungen an diese Reisen füllen mehrere Aktenordner. „Reisen nach Polen bis 2000“ hat sie auf einen geschrieben, „Reisen nach Polen ab 2001“ auf einen anderen. Sie schreibt „Polen“, nicht Westpreußen, nicht Schlesien.

Die Teilnehmer sind fast immer dieselben, Bekannte aus ihrer und aus anderen Landsmannschaften. Mechler öffnet einen der Ordner und nimmt ein Foto heraus. Eine Gruppe Männer und Frauen posiert vor einem alten Salzbergwerk in der Nähe von Krakau. Weiße Haare vor Salzsäulen.

Warum es Mechler immer wieder nach Polen zieht, kann sie nicht sagen, denn eigentlich sind es für sie keine Besuche in der Heimat mehr. „Das sind Reisen in ein anderes Land“, sagt sie. „Obwohl man da schon mal gewohnt hat.“ Sie genieße es, hin zu fahren, aber geweint habe sie nie. Am Anfang, kurz nach der Flucht, habe sie das freilich noch anders gesehen. „Damals dachte ich immer: Wenn ich noch in der alten Heimat wäre, wäre alles besser.“ Ganz lässt sie die Vergangenheit bis heute nicht los, aber in Berlin fühlt sie sich zu Hause. „Es geht mir doch gut hier“, sagt sie.

Im Restaurant Marjellchen gibt es Königsberger Marzipan

Auch wenn sich die Vertriebenen mit dem Leben in Berlin arrangiert haben, sind bei vielen trotzdem Orte beliebt, an denen die Vergangenheit fortlebt. Das Restaurant „Marjellchen“ in der Mommsenstraße in Charlottenburg ist so eine Enklave. In geschwungenen Buchstaben steht der Name des Lokals über der Tür, daneben das Wappen der ostpreußischen Landsmannschaft, ein schwarzes Elchgeweih auf weißem Grund. In den Schaufenstern sind zwei große Fotografien aufgestellt, links das Danziger Krantor, rechts das Königsberger Schloss, darunter ein Bismarckdenkmal. Durch einen dicken Vorhang tritt man ins Innere des Restaurants. Das Licht ist gedimmt, aus der Stereoanlage singt Hildegard Knef.

Gegenüber der Eingangstür, in einer mannshohen Vitrine, liegen Schachteln mit Königsberger Marzipan. Darunter stehen kleine Schnapsfläschchen, Trakehner Blut, 42-prozentiges Ostpreußen im Jackentaschenformat. Die Enkelin einer Vertriebenen führt das Restaurant, kocht hier nach den Rezepten, die ihre Großmutter ihr aus der Zeit vor der Vertreibung überliefert hat. Die Speisekarte ist viersprachig: deutsch, englisch, französisch, russisch. Das Marjellchen ist ein Touristenliebling, Reisende aus aller Welt loben auf Online-Portalen die „authentische deutsche Küche“. Jetzt, im Frühjahr, ist allerdings Nebensaison, und so sind es größtenteils ältere Männer und Frauen, zu zweit oder allein, die an den Tischen sitzen und auf ihr Essen warten.

Foto: Georg Moritz

Tilman Fischer, der Enkel eines Vertriebenen, engagiert sich in der westpreußischen Landsmannschaft.

Foto: Georg Moritz

Tilman Fischer, der Enkel eines Vertriebenen, engagiert sich in der westpreußischen Landsmannschaft.

Zwischen ihnen, an einem Ecktisch, sitzt Tilman Fischer, Tweed-Jacket, Karohemd und Hornbrille, Föhn-Frisur und kurzer Kinnbart. Als „überaus engagierten jungen Westpreußen“ hat Sibylle Dreher den 24-Jährigen empfohlen, als einen, mit dem man unbedingt reden müsse, wenn man mehr über die Heimatvertriebenen in Berlin erfahren wolle. Fischer studiert evangelische Theologie an der Humboldt-Universität. Eines seiner Facebook-Fotos zeigt das Rathaus des Ortes Chelmno in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern, der früher Kulm hieß und in Westpreußen lag – Sibylle Dreher hat ein „Gefällt mir“ darunter gesetzt. Außerdem ist Fischer seit zehn Jahren SPD- und Juso-Mitglied. Die Kellnerin kommt an den Tisch. „Guten Tag, Herr Fischer, schön Sie wieder hier zu haben, was darf es sein?“ Als Aperitif gibt es Pillkaller, klaren Schnaps, der mit einer Scheibe Leberwurst und einem Spritzer Senf serviert wird. Als Hauptgang bestellt Fischer, ohne auf die Karte zu schauen, „Schlesisches Himmelreich“: Rauchfleisch mit Backobst und Hefekloß. Fischer hat das Lokal als Treffpunkt gewählt, weil es ein „kleines ostpreußisches Restaurant“ sei, so stand es in seiner SMS.

Beim Essen beginnt er zu erzählen. Erst vor acht Jahren begann er, sich für den Herkunftsort seiner Großeltern in Westpreußen zu interessieren. Sein Großvater, der aus Walcz kam, einem Ort, der früher „Deutsch Krone“ hieß, war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben. Die Vertreibung war nie ein Thema in der Familie gewesen, irgendwann jedoch überredete Fischer seinen Vater, mit ihm zu einem Treffen der Westpreußischen Landsmannschaft zu gehen. „Ich habe mit 16 zum ersten Mal einen Bildband von Westpreußen gesehen – und das war Liebe auf den ersten Blick.“

Von da an begannen Vater und Sohn, sich zu engagieren, übernahmen Ämter in der Landsmannschaft und anderen Organisationen. Heute ist Fischer Vorsitzender des Bezirks Nord der Westpreußischen Jugend, Bundeskulturreferent der Landsmannschaft Westpreußen und stellvertretender Vorsitzender des Vereins AGMO, der sich für die deutsche Minderheit in Polen einsetzt. Außerdem schreibt er für die „Der Westpreuße – Unser Danzig“, die Zeitung der Landsmannschaft, die monatlich erscheint.

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Vertriebene 1945 in Berlin.

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Vertriebene 1945 in Berlin.

Warum dieses Engagement für eine Heimat, in der er nie gelebt hat, ein Land, das mehr als 40 Jahre vor seiner Geburt aufhörte zu existieren? „Je weiter ich nach Nordosten komme, desto heimischer fühle ich mich. Ich glaube, da gab es einfach einen unbewussten Schnitt in meiner Familie.“ Mit Revanchismus habe er nichts am Hut, sagt Fischer. Zwar bezeichnet er sich selbst als Westpreuße, doch das habe mit seinem Interesse für Geschichte und Tradition zu tun, nicht mit dem Wunsch, irgendetwas zurückhaben zu wollen.

Neben der Garderobe des „Marjellchens“ liegen ein paar Ausgaben der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“. Die solle man besser erst nach der Recherche lesen, sagt Fischer lachend. Er selbst liest viele der Vertriebenenzeitungen, aber bei dieser, die sich im Untertitel „Ostpreußenblatt“ nennt, frage er sich mitunter, ob sie nicht eher ein bestimmtes politisches Spektrum ansprechen wolle als die Gesamtheit der Ostpreußen. Die „Preußische Allgemeine“ ist das offizielle Presseorgan der Ostpreußischen Landsmannschaft, ein Blatt, das nach Eigenaussage „gegen den politisch korrekten Zeitgeist“ anschreibt. „Preußisch korrekt“ nennt die Zeitung die eigene Linie, neu-rechts nennen sie ihre Gegner. Auch andere Vertriebenenzeitungen bieten Angriffsflächen für solche Vorwürfe, so plädiert etwa die „Pommersche Zeitung“ noch heute für ein „freies Pommern im geeinten Deutschland und vereinten Europa“.

Er sagt, er habe sich sein Heimatgefühl "nicht ausgesucht"

Tilman Fischer schreibt anders, klarer. Von Versöhnung handeln seine Artikel, von gegenseitiger Annahme und kulturellem Austausch. Revanchistische Positionen, so steht es in einem seiner Texte, seien die einer „kleinen, aber nicht einflusslosen Minderheit von Funktionären und Aktivisten“, mit der er sich nicht identifizieren kann und will. Er setzt sich für eine Annäherung zwischen der deutschen und polnischen Öffentlichkeit und den Vertriebenen ein. Sein jüngerer Bruder sage ihm oft, dass das alles keine Zukunft habe – die Verbände, die Treffen, sein Engagement. Trotzdem will Fischer weitermachen, obwohl auch er nicht weiß, wie viel Zukunft das alles hat. „Ich habe mir mein Heimatgefühl nicht ausgesucht.“

Eine Solidarisierung der Verbände mit den heutigen Flüchtlingen fände Fischer gut, wenn sie ernst gemeint und nicht nur ein „moderner Anstrich“ sei. Auch müsse man prüfen, ob man so etwas neben dem „Kerngeschäft“ leisten könne. Das Kerngeschäft des Berliner Landesverbandes beinhaltet heute neben der Arbeit mit den Heimatvertriebenen auch Projekte für Russlanddeutsche, die nach dem Gesetz von 1953 ebenfalls als Vertriebene gelten. Projektarbeit mit aktuellen Flüchtlingen sei derzeit nicht geplant, heißt es beim Verband, man sei mit dem Auffangen deutschstämmiger Neuankömmlinge voll ausgelastet.

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Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.

Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Die Freundinnen Ursula Mechler (l.) und Christa Suhr in Mechlers Wohnung.

Einige Tage später lädt Ursula Mechler noch einmal in ihre Wohnung ein, zu Kaffee und Kuchen in der Bibliothek ihres Lebens. Sie will mehr erzählen, auch von ihrer Freundin Christa Suhr, ebenfalls Heimatvertriebene, aber aufgewachsen in Ost-Berlin. Auf einem Foto neben dem Regal sind die beiden gemeinsam zu sehen, zwei ältere Damen lachen aus dem Bild. Es wurde vor ein paar Jahren aufgenommen, an Ursula Mechlers Geburtstag. Sie legt ein zweites Foto daneben, ein abgegriffenes Schwarzweißbild. Auch das wurde an ihrem Geburtstag fotografiert, wieder sind die beiden Freundinnen zu sehen, nur dass sie statt grauen Kurzhaarfrisuren geflochtene Zöpfe tragen. Das Foto wurde 1942 in Lódz aufgenommen. Ursula Mechler und Christa Suhr waren Schulfreundinnen, im deutschen Gymnasium besuchten sie dieselbe Klasse. Damals ahnten sie nicht, dass sie sich bald für fast 50 Jahre aus den Augen verlieren und später jahrzehntelang in derselben Stadt leben würden, ohne voneinander zu wissen.

In der DDR war das Wort "Vertriebene" tabu

Heute wohnt Christa Suhr nur neun U-Bahn-Stationen von ihrer Freundin entfernt, in Berlin-Mitte, doch bis 1989 lag ihre Wohnung hinter der Mauer, in einer anderen Realität, auch für die Heimatvertriebenen. Wenn es nach den Sowjets und der SED gegangen wäre, hätte es in Ost-Berlin wie in der gesamten DDR gar keine Vertriebenen gegeben. „Umsiedler“ wurden die Deutschen aus den Ostgebieten und Osteuropa genannt, das Wort Heimatvertriebene war tabu, ebenso die Gründung von Vertriebenenverbänden, wie es sie in der BRD gab. Auch die Oder-Neiße-Linie wurde hier bereits im Jahr 1950 anerkannt. Die Umsiedler – oder Neubürger, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen auch genannt wurden – sollten sich in den neu gegründeten Arbeiter- und Bauernstaat einbringen. Die Verbindung zu einer verlorenen Heimat erschien dabei als Hindernis.

„Hoffentlich laufen Sie mit mir mal nicht ins Messer.“ Christa Suhr stellt Gebäck und Kaffee auf den Wohnzimmertisch und setzt sich in ihren Sessel. In ihrer Wohnung in einem ehemaligen Funktionärswohnblock in Berlin-Mitte deutet nichts darauf hin, dass auch sie eine Heimatvertriebene ist. Die 84-Jährige hat keine thematische Bibliothek wie ihre Freundin Ursula Mechler, keine Wappen und Karten wie bei den Drehers füllen ihre Wände. „Ich wohne doch nicht in einem Museum.“ Das öffentliche Auftreten der Heimatvertriebenen stört sie, im Besonderen das der Verbände, die den Anspruch erhöben, Sprachrohr für alle Vertriebenen zu sein. „Wenn ich mich immer auf das konzentriere, was mal war, dann bin ich doch für Neues nicht offen. Dann nutze ich doch die Möglichkeiten, die mir gegeben werden, nur halb oder gar nicht.“

Auch die Behandlung der Heimatvertriebenen in der DDR sei kein Problem für sie gewesen. „Uns hat keiner gefragt: Woher kommst du? Wichtig war nur, was einer kann.“ Einmal sei sie nach dem Krieg in Lódz gewesen, ja, aber Heimatgefühl sei dabei nicht aufgekommen. „Es ist ein blödes Gefühl, wenn man durch Straßen geht, wo man die Fassaden kennt, aber niemanden besuchen kann.“

Heimat sei für sie da, wo sie an die Tür des Nachbarn klopfen könne, wenn sie Hilfe brauche, und die finde sie in Berlin. Für eine verlorene Heimat hat Suhr keine Zeit. „Ich hätte das Thema schon lange begraben“, sagt sie zum Abschied. Klar, es habe sie in den Kriegswirren aus Lódz hierher verschlagen – ist passiert, ist halt so. Aber dass die Verbände immer noch den Schulterblick kultivieren, kann sie nicht nachvollziehen. Sie zitiert die Internationale: „Es rettet uns kein höh’res Wesen / Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Unglück zu erlösen / Können wir nur selber tun!“ Nostalgie habe in ihren Leben keinen Platz, sagt sie dann.

"Wir sind jetzt in der Heimat", sagt sie

Zwei Wochen später sitzt Sibylle Dreher in ihrem roten Opel Zafira, den Kofferraum voller Geschenke. Es sind die Spenden, die sie eigentlich ins Flüchtlingsheim in der Nähe ihrer Lankwitzer Wohnung bringen wollte: ein alter Staubsauger, getragene Schuhe ihres Mannes, ein paar Kleidungsstücke. Angesichts der Reise hat sie sich anders entschieden. Statt sie Flüchtlingen zu spenden, will sie die Sachen jetzt Freunden in Polen schenken, Mitgliedern der kleinen, noch dort lebenden deutschen Minderheit.

Als Dreher die Stadt hinter sich lässt, „auf der ehemaligen Reichsstraße 1“, wie sie sagt, wirkt sie aufgekratzt. Später, als die deutsch-polnische Grenze schon hinter ihr liegt, wird sie ruhiger, sie beschleunigt auf 100, fixiert das Handgas, lässt rollen. Dreher hat Proviant mitgenommen, belegte Brote, Äpfel, Kuchen. Am Straßenrand ziehen die Bäume vorbei, knotig und kahl deuten sie an, wie grün es hier im Sommer sein muss. Dahinter ducken sich Hügel unter den mattgrauen Nachmittagshimmel. An die lange verschwundene Grenze, die sie wenig später überquert, erinnert nichts mehr. Sibylle Dreher bemerkt sie trotzdem, sie greift zum Handy und ruft ihren Mann an: Ja, sie komme gut voran, gerade sei sie über die „Reichsgrenze“ gefahren. „Wir sind jetzt in der Heimat“, sagt sie.

Sie legt auf, draußen verschwimmt das Grün, irgendwo mitten in Polen, zweieinhalb Stunden östlich von Berlin. Sibylle Dreher lächelt. Wenn ihr Mann und sie die Strecke gemeinsam fahren, singen sie manchmal das Westpreußenlied: „Westpreußen, mein lieb Heimatland, wie bist du wunderschön“, heißt es darin, und: „Bleibt deutsches Wesen, deutsche Art für alle Zeit bewahrt.“ Den Text kann Sibylle Dreher auswendig. Dieses Mal singt sie ihn nicht. Der Opel zieht weiter, die Bäume verschwinden. Am Straßenrand ein Schild: Droga Krajowa 22, Nationalstraße 22.

"Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung"

Später, am Nachmittag nach dem Spaziergang am Kanal von Bydgoszcz, schon halb auf der Rückfahrt, wird Sibylle Dreher das Auto noch einmal zum Stehen bringen, am Rand einer Kleinstadt, die auf einem Hügel über der Weichsel liegt. Sie steigt aus und geht ein paar Schritte über den lehmigen Boden. Es ist kein schöner Ort, in der Nähe steht eine Gruppe Männer neben einem dreckigen Haus. Sie scheinen schon seit einer Weile zu trinken, nach der Lautstärke ihres Gesprächs zu schließen. Doch Sibylle Dreher beachtet das alles gar nicht. Bis ganz zum Rand des Hügels tritt sie vor und schaut auf den Fluss. Es ist der Strom, der auf der Karte in ihrem Wohnzimmer zu sehen ist, der Strom, den sie schon als Kind kannte, ohne sich an ihn erinnern zu können. „Das ist jetzt das berühmte Urstromtal. Das ist für mich Heimat“, sagt Sibylle Dreher.

Zurück in Berlin: Ein letztes Treffen mit Tilman Fischer steht an, an einem öffentlichen Erinnerungsort der Vertriebenen. Es gebe nicht viele davon, sagt er, aber der Theodor-Heuss-Platz sei einer. „Freiheit, Recht, Friede“ steht in großen Lettern auf dem mannshohen Quader aus Kunststein, der auf der Ostseite des Platzes über einen Metallzaun ragt, zwischen dem ehemaligen Amerikahaus, in dem heute die „Wühlmäuse“ spielen, und dem Turm des RBB-Gebäudes. Fischer geht um den Steinblock herum, zur Rückseite. Dort steht, auf einer Metalltafel, in kleinerer Schrift: „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung.“

Die Landsmannschaften haben das Denkmal gestiftet. Eingeweiht wurde es 1955, da hieß der Platz noch Reichskanzlerplatz, daneben entzündete man eine ewige Flamme. Bis heute legen Politiker und Vertriebene hier jedes Jahr zum Tag der Heimat Kränze nieder.

Heute, an einem Frühjahrsnachmittag, ist der Platz völlig leer, Tilman Fischer steht allein auf dem hellen Pflaster. Keine Kränze liegen auf dem Boden, keine Schulklassen und Touristen machen Selfies vor dem Mahnmal. Wie ein blinder Fleck in der Stadt wirkt der Ort, stetig umrundet vom Strom der Autos. Oben auf dem Quader brennt, in einer Eisenschale, die ewige Flamme. Eigentlich war geplant, sie zu löschen, sobald Deutschland wiedervereinigt würde. Sie brennt immer noch.

Was ist an der Situation heutiger Flüchtlinge anders als bei denen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ankamen – und was ist ähnlich? Lesen Sie hier Ansichten über Flucht und Vertreibung von einer, die vor 70 Jahren selbst eine Angekommene war.

Dieser Beitrag erschien am 24. April 2015 gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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