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Foto: dpa/Rainer Jensen
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Ein Mann spielt auf einer E-Gitarre.

Von Ton Steine Scherben bis zu den Beatsteaks Die E-Gitarre: In Berlin unsterblich

Als Bernd Kurtzke sich die Gitarre schnappt, tut er, was alle Rockgitarristen tun. Er hat keinen Blick für das weite Halbrund des Amphitheaters, diese Traumkulisse, sondern nur für die Regler an seinem Verstärker. Um ihn herum wuseln Techniker, verlegen letzte Kabel zwischen haushohen Videowänden und Lautsprechertürmen. Dann zuckt das Handgelenk des Gitarristen einmal kurz, und es kracht so laut und bestialisch in den Boxen, als wäre ein Truck in die Stahlseile einer Hängebrücke geknallt.

Wäääämmmm!

Nur ein E-Gitarrist kann das. Kann die Luft schreien lassen mit nicht mehr als einem Zucken der Hand.

Dieser Eigenschaft verdankt das Instrument seinen mythischen Ruf. Die Kultur eines halben Jahrhunderts hat es geprägt, und mit jedem Wääääämmmm, das bis heute einer wie Kurtzke in eine Arena wie diese hier schickt, scheint sich seine alte Kraft zu bestätigen.

"Einen Patzer würden die Leute nicht verstehen"

Er sei nicht der Typ, der gerne auf der Bühne steht, sagt Bernd Kurtzke im Garderobentrakt der Waldbühne, es ist früher Nachmittag. Die Beatsteaks werden hier am Abend ein Konzert geben, das größte ihrer Karriere, die Mitte der 90er Jahre in der Schönhauser Straße begann und sie zur erfolgreichsten Rockband der Hauptstadt gemacht hat. Bernd Kurztke, ein kleiner Mann mit hautengen, schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt, ist einer von zwei Gitarristen der Beatsteaks. Eine Zeitlang eröffneten sie ihre Konzerte, indem sie Kurtzke alleine vor das Publikum schickten. Da stand er dann wie ein Mann, der gerade eine Bäckerei betreten hatte. Und er spielte ein karges, metallisches Riff, immer dieselbe kurze Tonfolge, die wie das Schaben ungeduldiger Füße klang und die Erwartung der Massen weiter steigerte. Er sagt: „Das hat mit Das-finde-ich-jetzt-aber-toll nicht das Geringste zu tun. Man ist so aufgeregt, dass man nicht darüber nachdenkt, wie viel Macht man vor all diesen Leuten gerade besitzt, sondern ist froh, da einigermaßen fehlerfrei durchzukommen. Einen Patzer würden die Leute nicht verstehen. Die denken doch, der spielt 30 Jahre Gitarre, was macht er da?“

Foto: Paul Gärtner

Anti-Held. Bernd Kurtzke ist Gitarrist der erfolgreichsten Rockband der Stadt. Dabei steht er nicht einmal gern auf der Bühne.

Foto: Paul Gärtner

Anti-Held. Bernd Kurtzke ist Gitarrist der erfolgreichsten Rockband der Stadt. Dabei steht er nicht einmal gern auf der Bühne.

Die Gitarre steht fast immer im Mittelpunkt, wenn zehntausende Menschen in Waldbühne, Olympiastadion oder anderen Groß-Arenen zu Konzerten zusammenkommen. Sie beherrscht auch 50 Jahre nach Jimi Hendrix die Festivals. Bei „Rock am Ring 2018“ haben acht der zehn Hauptattraktionen vom Sound verzerrter E-Gitarren gezehrt. Sie wird als Kulturgut gefeiert in dem Dokumentarfilm „It Might Get Loud“, der drei stilbildende Rockgitarristen unserer Zeit zusammenbrachte, Jimmy Page, The Edge und Jack White, und über ihr Spiel philosophieren ließ. Die Kunsthalle Wien hat Werke in großer Zahl gezeigt, die sich mit dem Mythos E-Gitarre auseinandersetzen. Zuletzt widmete ihr die Band Tocotronic einen Song, in dem es um die Rockstar-Fantasien eines Jungen im elterlichen Reihenhaus geht. Er steht vor dem Spiegel, den Pullover ausgezogen, und nur sein Instrument versteht ihn: „Ich erzähle dir alles / Und alles ist wahr / Electric guitar“.

An dem historisierenden Blick solcher Huldigungen erkennt man allerdings auch, wie es um die E-Gitarre tatsächlich bestellt ist. Bis zum Jahr 2000 war sie das weltweit am meisten verkaufte Musikinstrument. Dann wurde sie vom Turntable abgelöst. Branchenriese Gibson meldete Anfang Mai Insolvenz an. Was von Experten lange erwartet worden war. Seit Jahren sinken die Absatzzahlen der wichtigsten Hersteller. Während eines Jahrzehnts ging der Verkauf branchenweit von jährlich 1,65 Millionen Gitarren auf etwas über eine Million zurück; zuletzt stieg er wieder leicht an (auf 1,12 Millionen 2017). Bei der US-Handelskette Guitar Center konnte der Bankrott im April dieses Jahres eben abgewendet werden.

Die Jugend zog es zu Rap und HipHop

Es scheint, dass die E-Gitarre immer weniger gebraucht wird. Ihr Bedeutungsverlust ist zeitlich eng an die Marginalisierung von Rockmusik gebunden. Einer Studio der britischen Royal Society zufolge setzte deren Niedergang in den 90er Jahren ein. Als sich spätestens 2005 die Aufregung gelegt hatte, die die Strokes mit ihrem Debüt „This Is It“ noch einmal hatten auslösen können, zog es die Jugend zu Rap und HipHop, der desillusionierten schwarzen Straßenkultur, die Drogen, Gewalt, materiellen Reichtum verherrlicht. Im Radio ist Rockmusik kaum noch präsent. Casting Shows kaprizieren sich aufs Singen. Und in den erfolgreichsten Songs der US-Pop-Charts geben verzerrte Gitarren kaum noch den Ton an. Dass eine Rockband den Grammy für die „Platte des Jahres“ gewann, geschah zum letzten Mal 2009.

Grafik: Tsp/Klöpfel
Grafik: Tsp/Klöpfel

Auch der Import von E-Gitarren nach Deutschland ging zwischen 2008 und 2017 um 24 Prozent zurück, wobei der Wert der Instrumente im selben Zeitraum um 46 Prozent wuchs. Kostete eine Gitarre aus dem Ausland vor zehn Jahren noch durchschnittlich 130 Euro, so ist sie heute beinahe doppelt so teuer. Versandhändler wie Thomann reagieren auf diesen Trend mit preisgünstigen „Gitarren Sets“ für Einsteiger, bestehend aus Verstärker, E-Gitarre und -tasche.

Als die „Washington Post“ vergangenen Sommer den „schleichenden Tod der E-Gitarre“ postulierte, zitierte das Blatt einen Gitarrenhändler, seit 46 Jahren im Geschäft, der gerade erst für Eric Clapton über zwei Dutzend Instrumente aus dessen Kollektion verkauft hatte und meinte: „Was wir brauchen, sind Gitarrenhelden“. Auch Paul McCartney wurde befragt. „Now, kids listen differently“, sagte er und legte die Gitarre beiseite, mit der er zuvor „Foxy Lady“ von Hendrix gespielt hatte. Fehlen den Jugendlichen heute tatsächlich nur die passenden Vorbilder, weil Gitarristen wie Bernd Kurtzke keine Helden mehr abgeben?

Berlin ist weit entfernt von Nashville

Vielleicht ist es ja wirklich nur so, dass Managementfehler für den Niedergang von Gibson verantwortlich sind, wie in zahlreichen Fachmagazine zu lesen ist. Nachdem in den 90ern allein die Popularität von Guns n' Roses-Gitarrist Slash ausreichte, der Firma einen reißenden Absatz an Les-Paul-Modellen zu bescheren, ging es dem Unternehmen einfach zu gut. Statt Steuern zu bezahlen, machte es Schulden, kaufte es immer neue Marken dazu, erweiterte sein Kerngeschäft um die Elektrosparte von Phillips, mit der es dann jedoch nichts anfangen konnte, pumpte Geld in Immobilien ohne Gewinn. Schließlich beliefen sich die Verbindlichkeiten auf eine halbe Milliarde Dollar und waren bei einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden nicht mehr zu bedienen. Die Gläubigerbanken verwehrten weitere Kredite, Gibson hat nun ein Jahr Zeit, neue Geldgeber zu finden.

Berlin ist weit entfernt von Nashville, dem Firmensitz von Gibson, vielleicht sogar weiter entfernt als jede andere Stadt, die sich als musikalische Metropole begreift. Denn hier gab es nie viele Leute, die viel auf die Gitarre gaben. Diejenigen, die es taten, fühlten sich als Außenseiter. Aber dadurch haben sie der E-Gitarre eine Macht gegeben, die sie gegen Krisen resistent macht. Dies ist die Geschichte eines bemerkenswerten Sonderwegs.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Vor allem klassische Modelle erfreuen sich großer Beliebtheit und werden bei Auktionen teuer gehandelt.

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Vor allem klassische Modelle erfreuen sich großer Beliebtheit und werden bei Auktionen teuer gehandelt.

Über den „Unsinn“, den Gibson in den vergangenen Jahren veranstaltete, kann Karl Bolduan nur den Kopf schütteln. Der 37-Jährige ist ein großer, schwerer Mann mit Bart und Trucker-Cap, die langen Haare im Nacken zum Zopf gebunden. Sein Job: Gitarren verkaufen. Er arbeitet bei Just Music am Moritzplatz, dem größten Berliner Kaufhaus für Musikinstrumente. Auf die Frage, was er von der These der sterbenden E-Gitarre halte, nickt er stumm, angelt sich einen Schlüssel vom Kundentresen und sagt, „Na, dann komm mal mit.“

Er schlappt gelassen zu einer Glastür, schließt auf und betritt den „Signature-Room“. Bis unter die hohe Decke sind hier Sondermodelle von Gibson aufgehängt, von Fender, ESP, Gretsch und weiteren Edelmarken, angefertigt nach den Vorgaben berühmter Rockmusiker. Es ist ein Museum der Ikonen. Das schäbigste Instrument ist bis auf den letzten Kratzer exakt der E-Gitarre nachempfunden, mit der Malcolm Young von AC/DC Musikgeschichte geschrieben hat. Kostet natürlich, sagt Bolduan und lässt sich auf der Armlehne eines üppigen Ledersessels nieder. Sein Credo: „Ich verkaufe jeden Tag mein Zeug.“

Von Krise also keine Spur?

Naja, es gab mal 36 Gitarrenläden in Berlin, sagt Bolduan, heute nur noch etwa 18. Und es spreche Bände, wie schwer sich Gibson mit dem Sprung in die Digitalisierung getan habe, einer Welt, in der es für alles eine App gibt. Mit Macht versuchte man ein elektronisches Autotuning-System durchzusetzen, bei dem sich das Instrument nicht mehr verstimmt, und man ließ für Unsummen eine Synthesizergitarre entwickeln. Nach beidem bestand keine Nachfrage. Alles nur, um die Elektrik simpelster Schaltkreise mit der Rechenleistung von Prozessoren konkurrenzfähig zu machen.

Das erste "demokratische" Instrument

Die E-Gitarre eroberte ihren Platz als erstes „demokratisches“ Instrument, ein Gerät für jedermann. Denn sie war schon immer relativ billig, gemessen an Klavier oder Saxophon. Um sie zu spielen, musste man weder einer sozialen Schicht oder Clique angehören, noch über einen bestimmten Bildungsgrad oder über Geld verfügen. Man musste es nicht mal richtig spielen können. Es verschaffte einem auch so Gehör.

Der gebürtige Berliner Karl Bolduan besitzt 21 Gitarren. Und alles nur, weil ihm ein Schulfreund mit zwölf eine Guns n' Roses-CD in die Hand gedrückt hatte. 16 Mal hat er praktisch die gleiche Gitarre gekauft. E-Gitarristen können oft nie genug kriegen. Das ist auch ein Grund für den lange währenden Boom. Oft rufen ihn nun Berliner Rapper an, weil sie ein Gitarren-Sample brauchen oder einen speziellen Soundeffekt, den er ihnen einspielt. Bolduan sagt: „Es gibt keinen HipHop-Hit, in dem nicht eine E-Gitarre zu hören ist.“

Wobei eines der am meisten verkauften Zubehörteile der Looper ist, ein simples Effektgerät, das Tonsequenzen auf Knopfdruck speichert und wiedergibt. Der Looper ersetze eine Band. Die Leute würden nämlich vor allem mit sich selbst spielen, sagt Bolduan. Das ist eine traurige Feststellung.

Foto: Ullstein Bild

Nach uns Besetzung. 1973 waren Ton Steine Scherben mit Rio Reiser (2. v. li.) und Lanrue (Mitte) die wildeste Rockband des Landes. Sie war mit Hendrix aufgetreten und mit MC5.

Foto: Ullstein Bild

Nach uns Besetzung. 1973 waren Ton Steine Scherben mit Rio Reiser (2. v. li.) und Lanrue (Mitte) die wildeste Rockband des Landes. Sie war mit Hendrix aufgetreten und mit MC5.

Berlin ist nie eine Rock-City gewesen. Nicht wie andere Städte mit industrieller Vergangenheit, Memphis, Detroit, Nashville, Seattle, Manchester oder Hamburg. Zwar war Rock’n’Roll früh präsent in den Westsektoren, wo die stationierten GIs ihn mit ihren Transistorradios verbreiteten, doch mehr als eine namhafte Beatband wie The Lords ging aus dieser Nähe nicht hervor.

Es war sogar so, dass man hier in den 60er Jahren besonders eifrig daranging, die Muster des Rock’n’Roll zu zertrümmern. So begann eine Band wie Tangerine Dream zwar mit E-Gitarren, wandte sich aber ziemlich schnell angewidert ab vom Rockband-Getue. Edgar Froese tauschte E-Gitarre gegen Synthesizer, den er zwar nicht zu bedienen wusste, jedoch interessanter fand – eine Chance, aus der Tradition auszusteigen.

Mit Ton Steine Scherben kam dann Mitte der 70er Jahre aus Berlin die einzige deutsche Rockband, die US-Vorbilder eins zu eins ins Deutsche übertragen konnte, wie Blixa Bargeld in seinem Nachruf auf Sänger Rio Reiser meinte. Aber die Scherben blieben eine Ausnahme mit ihrem radikalen politischen Anspruch und ihrem rohen Sound. „Dass da jemand so hart spielte und ,Macht kaputt, was euch kaputt macht’, sang. Das ging schon in die Birne“, sagt Ralph Peter Steitz, genannt Lanrue.

Die Scherben hatten nichts. Eine Band ohne Geld

Man sieht dem älteren Herrn mit Hut seine wilde Vergangenheit nicht unbedingt an, wie er da im Schatten einer Kreuzberger Hauswand sitzt. Den Hut hat er immer auf. Diesen oder einen anderen. Darunter die struppigen Haare des Aussteigers, der in diesem Land nie richtig ankam, immer fortwollte, nun wieder in Berlin lebt. Der Kette raucht.

Die Scherben hatten nichts. Eine Band ohne Geld. Oft spielten sie ohne Gage, traten bei Solidaritätsveranstaltungen in der Uni auf. „Keine Macht für Niemand“, das Album, das ihnen ewigen Ruhm bescheren sollte, entstand an einem Wochenende. Lanrue erzählt: „Du hast als Musiker eine Million Möglichkeiten. Ich habe wirklich nur meinen Verstärker angeschaltet, voll aufgedreht und los. Die meisten Songs wurden nur einmal gespielt. Acht Spuren hatten wie damals und keine Zeit.“

Lanrue, geboren und aufgewachsen in Grenoble, war mit seiner Familie 1963 in denselben Ort unweit des Frankfurter Flughafens gezogen, in dem Rios Familie zuhause war. Lanrue sprach kaum Deutsch. Noch heute redet er mit der eigentümlichen Sprachmelodie des Franzosen, setzt hinter jeden Satz ein fragendes „weißt du“. Weil Lanrues damalige Band keinen Sänger hatte, wurde ihm Rio empfohlen. Eines Tages, nach dem Fußballtraining, kreuzte Lanrue bei ihm zuhause auf. „Rio fragte, ob er was vorspielen solle. Ich sagte, ja. Und dann hat er mir ,Play With Fire' von den Rolling Stones vorgespielt.“ Ein langsames Stück, mit einer Bitte: „Don't play with me / Cause you play with fire.“

Mit Rio habe er zum ersten Mal jemanden getroffen, der richtig spielen und richtig singen konnte. Von da an waren sie unzertrennlich. Sie hießen beide Ralph, waren im Abstand von einer Woche geboren, ihre Väter arbeiteten in der Verpackungsbranche. Nachträglich deutet Lanrue das alles als Zeichen.

Foto: Christophe Gateau/p-a/dpa

Vorreiter. Ralph Peter Steitz, genannt Lanrue, spielte bei Ton Steine Scherben.

Foto: Christophe Gateau/p-a/dpa

Vorreiter. Ralph Peter Steitz, genannt Lanrue, spielte bei Ton Steine Scherben.

Ihre Vorstellung von guter Rockmusik orientierte sich an den Stones. Der Gesang war eingebettet in den Lärm der Gitarren, an allen Enden und Ecken der Band war was los. Dass sie dann ziemlich früh mit deutschen Texten begannen, lag an der Theaterbühne, an der sie beschäftigt waren. Für Lanrue, den Franzosen, war das „natürlich absurd“. Deutsch kam ihm fremd und ungelenk vor.

Es gibt ein Bild von ihm aus jener Zeit, das ihn mit einem Amulett auf der Stirn und Lockenmähne zeigt, er reckt eine Hand in die Luft wie John Travolta, die andere umklammert den Hals einer merkwürdig geformten E-Gitarre. Ob er je geglaubt hat, dass er damit mächtiger sein könnte als Rios Worte?

„Die Scherben wollten Leute zusammenbringen, damit daraus etwas entstand“, sagt Lanrue. „Ob das nun eine Hausbesetzung war oder ein Uni-Fest, spielte keine Rolle. Die Gitarre ließ es schön werden. Rios Texte kamen dann noch dazu. Wir wollten niemanden missionieren. Zwar folgte auf unseren Auftritt fast immer eine Hausbesetzung, aber wir sagten nie: Besetzt ein Haus.“

Die enge Verbindung zu Rio Reiser blieb über das Ende der Scherben hinaus bestehen. Bis Rio, „König von Deutschland“, Profimusiker engagierte, zwischen denen sich Lanrue fremd vorkam. Die Freunde wohnten weiterhin zusammen in der Landkommune Fresenhagen, unterstützten einander. Nachdem Lanrue auf Rios Soloplatte „Rio I.“ bei fünf Songs Gitarre mitgespielt hatte, sollte der umgekehrt fünf von Lanrues Lieder auf dessen Platte singen. Doch Rios Manager George Glück erfuhr 1988 von diesem Deal, ging dazwischen. Der Vereinbarung unter Freunden stünde ein Exklusivvertrag mit CBS entgegen. „Daraufhin habe ich das abgeblasen. Wer kann schon Rio ersetzen?“

Was von Lanrues Rock-Leben übrig blieb, ging schließlich in Flammen auf. Er lebte in Portugal in einem Wohnwagen im Wald, immer noch kein Geld. Der Wald fing Feuer, die ganze Gegend loderte. Also schnappte er sich beim Hinausstürmen die Gitarre, die der Tür am nächsten war. Kilometerlang fuhr er mit seinem alten Lada durch brennendes Gehölz. Als er am nächsten Tag zurückkehrte, fand er „alles pulverisiert“. Er sagt: „Ich bin kein Materialist, aber es ist blöd, wenn man alles verliert.“

Foto: Jason Harrell/p-a/dpa

Lärmmeister. Jochen Arbeit wollte sein Instrument nie „lernen“. Seit 20 Jahren spielt er in der Band Einstürzende Neubauten.

Foto: Jason Harrell/p-a/dpa

Lärmmeister. Jochen Arbeit wollte sein Instrument nie „lernen“. Seit 20 Jahren spielt er in der Band Einstürzende Neubauten.

Kein anderes Musikinstrument macht Geräusche, die so sehr der allgemeinen Vorstellung von Krach entsprechen. E-Gitarristen sind Bildhauer des Lärms. Sie spielen lauter, als man es ertragen kann, und verwandeln den Schock darüber in erlösende Klanggebilde.

Jochen Arbeit hat die E-Gitarre schon immer als ein Lärmwerkzeug betrachtet. Mit einer gewissen Verachtung fürs Handwerkliche. „Ich wollte nicht ,lernen’“, sagt er. „Mir war von Anfang an klar, dass das nicht nötig war.“

Seit zwanzig Jahren ist er Gitarrist der Einstürzenden Neubauten. Das Treffen findet im Weddinger Studio der Band statt. Es ist leergeräumt bis auf ein paar Kabel, die sich über den Betonboden schlängeln. Arbeit sitzt auf einem Hocker, neben sich einen zweiten mit Aschenbecher, was der Leere um ihn herum den Charakter einer bewussten Handlung verleiht. Auch als Musiker hält er es so: Den Raum mit etwas zu füllen, das diffus bleibt, ungreifbar, wolkig. „Klänge finden“ nennt er, was er tut.

"Ich bin kein Fetischist"

Er hat die Beine übereinandergeschlagen und die Hände in den Schoß gelegt. Seine Gitarre ist unterwegs. Die Band hat ihr Equipment nach Tasmanien verschifft, wo sie eine Woche später auftreten wird. Und Arbeit hat nur dieses eine Instrument. „Ich bin kein Fetischist“, sagt er. „Echt nicht. Zum Glück.“

In seiner Heimat Oldenburg hatte Arbeit erst Schlagzeug gelernt („war natürlich gut, die ganzen Aggressionen rauszulassen“). Zu seiner ersten Gitarre gelangte er in Berlin, weil in der Einzimmerwohnung über ihm einer möglichst intensiv laut sein wollte und es einen Schlagzeuger in der Wohnung bereits gab, blieb für Arbeit nur die Rolle desjenigen, der an der Gitarre laut sein sollte, einem chinesischen Fabrikat mit einstelliger Seriennummer. „Sah total gut aus“, sagt er heute, „klang dementsprechend nicht so toll, aber das war damals egal. Wir wollten ja die Traditionen zerstören. Damit muss man anfangen, um etwas Neues zu machen.“

Mit dieser Haltung wäre er schon Anfang der 80er prädestiniert gewesen für eine Band wie die Einstürzenden Neubauten, die den permanenten Kollaps vertonte und Zivilisationsschrott als musikalisches Material entdeckte. Nach dem Motto ihres Frontmanns Blixa Bargeld: „Der Endpunkt des Fortschritts ist erreicht, wenn Dinge nicht mehr alt werden, sondern in dem Moment, in dem sie entstehen, wieder zerstört werden.“

Arbeit war Teil des Kreises aus Musikern und Künstlern, die sich Geniale Dilletanten (sic!) nannten und fortgesetzt neue Bands gründeten. Als er, dem zeitweilig die Szenekneipe Ex'n'Pop gehört hatte, zu den Neubauten stieß, löste sich die Band gerade von ihrer brachialen, industriellen Kaputtheit, spielte fortan auch Liebeslieder. Und Arbeit trieb die Gitarre in eine Art von Auflösung, bei der von ihr nicht mehr übrigbleibt als Schlieren, Nebelschwaden im Ohr.

High sein dank Stereoeffekt

Sein Lieblingssound ist ein Stereoeffekt, der die Töne durch den Raum wandern lässt. „Therapeuten benutzen solche Effekte, weil das die beiden Gehirnhälften wieder in Einklang bringt. Und ich kann die Wirkung nur bestätigen: Bei meinen Solo-Konzerten sind die Leute oft ziemlich high.“

Schwer zu glauben, dass er diese Glückseligkeit erzielt mit nichts weiter als der koreanischen Kopie einer Gitarre, die er eigentlich gekauft hätte, wenn mehr Geld dagewesen wäre. „Ich konnte im Klang zwischen Original und Kopie keinen Unterschied feststellen“, sagt er. „Dafür war die Eine viel billiger. Hallo?“

Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Tüftler. In seinem Kreuzberger Laden "GuitarDoc" repariert und baut Lutz Heidlindemann Gitarren.

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Tüftler. In seinem Kreuzberger Laden "GuitarDoc" repariert und baut Lutz Heidlindemann Gitarren.

Über den Wert von E-Gitarren weiß kaum einer so gut Bescheid wie Lutz Heidlindemann. Seine Firma Guitar Doc in einem Kreuzberger Remisen-Gebäude direkt an der Spree repariert sie, möbelt sie auf, und baut sie auch neu. Wobei, neu? Das ist schon so eine Sache.

Wenn man den großgewachsenen, 60-Jährigen, der mit Oberhemd und rahmengenähten Schuhen in seiner Werkstatt steht, danach fragt, was eine Gitarre ausmacht, ist seine Antwort: Das Holz.

Das wusste Heidlindemann auch noch nicht, als er 1987 seinen Nischenbetrieb aufmachte. Natürlich war der gebürtige Gütersloher zuvor selbst Gitarrist gewesen. Nun nahm er sich der Instrumente von Kollegen an, um sie für Tournee-Strapazen fit zu machen. Wie stark die Tonfärbung vom Holz geprägt wird, durch das sich die Schwingungen der Saiten fortpflanzen, lernte er mit jedem alten Modell, das er zur Überholung in die Finger bekam. Einige dieser historischen Raritäten hängen nun in einem Nebenraum an den Wänden. Heidlindemann hat sie ramponiert im Internet aufgestöbert und hergerichtet. Ein Höfner-Bass ist dabei, wie Paul McCartney ihn bei den Beatles gespielt hat; mehrere Flying V, die wegen ihrer exzentrischen Form unter Hardrock-Gitarristen beliebt waren; auch Explorer-Modelle sind dabei, wie The Edge von U2 oder James Hetfield von Metallica sie benutzen. Die Renditen bei solche Antiquitäten sind enorm. Bei Ebay wurde im vergangenen Jahr eine Gibson Les Paul, Baujahr 1959, für 10.500 Euro versteigert. Aber es gibt auch Instrumente, die für eine halbe Million gehandelt werden - wie die Fender Telecaster von Bob Dylan.

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Ein Instrument wie Tausende andere. Doch ein unbekannter Bieter hat 490.000 Dollar für diese Fender Telecaster von 1965 geboten. Bob Dylan hat auf ihr gespielt.

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Ein Instrument wie Tausende andere. Doch ein unbekannter Bieter hat 490.000 Dollar für diese Fender Telecaster von 1965 geboten. Bob Dylan hat auf ihr gespielt.

Warum aber eine alte Gitarre dieses Typs kaufen, wenn sie auch neu zu haben wäre?

Tja, sagt Lutz Heidlindemann und rückt einen Barhocker an die Werkbank heran, wegen des Holzes. In der Werkstatt hängen Pläne von der legendären Gibson SG, die von AC/DC-Gitarrist Angus Young, von Frank Zappa oder Carlos Santana berühmt gemacht wurde. Er könnte das Instrument jederzeit nachbauen. Um keine Urheberrechtsverletzung zu begehen, müsste er nur den Kopf anders gestalten, als Gibson es tut. Und auch die Regler müssten individuell angeordnet werden. Doch um eine gute E-Gitarre zu bauen, braucht man Mahagoni, Palisander aus Ostindien, Makassar-Ebenholz. Alt muss es sein. Das Problem ist, dass die edlen Tropenhölzer mit ihrer ausgeprägten Maserung, auf die Gibson ursprünglich zurückgriff, heute unter Artenschutz stehen. Das hat aus Heidlindemann einen Jäger verlorener Schätze gemacht. Er ist Beständen auf der Spur, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte.

Wie dem Stapel alter Bohlen im Atelier eines Bildhauers, mit denen der Mann nichts mehr anzufangen wusste. Als Heidlindemann sie untersuchen ließ, stellte sich heraus, dass es dasselbe karibische Mahagoni war, das auch Gibson ab 1960 benutzt hatte. „Das sind Hölzer, die man nie wieder kriegt“, sagt Heidlindemann. „Drei Bohlen habe ich noch. Wird also immer teurer.“

80 historische Stücke warten darauf, Gitarren zu werden

Vom Niedergang der E-Gitarre spürt Heidlindemann wenig. Im Gegenteil. Was er anfangs noch alleine bewältigte, ist heute für drei Personen zu viel. Feierabendmusiker kommen ebenso zu ihm wie Vollprofis, mit Wünschen, die er ihnen mit Sonderanfertigungen erfüllt. Trotzdem zehrt er von einer Vergangenheit, die sich ihm durch Zufälle offenbart.

So erfuhr er von einem Mann, der bei Höfner in Bubenreuth gearbeitet hatte. Der Mann sei ein Messi gewesen, sagt Heidlindemann, habe ein Bein bei einem Sturz auf einem Holzstapel verloren. Er konnte nichts wegschmeißen, hortete neben allerlei Unrat auch 300 halbakustische Gitarren-Körper, die Höfner in den 60er Jahren für einen Großkunden aus den USA angefertigt hatte. Aus dem Geschäft wurde damals nichts. Die Körper hätten vernichtet werden sollen, doch der Mann, der sie gebaut hatte, sperrte sich, holte sie aus dem Müll, bewahrte sie auf. Nun lagern noch 80 dieser historischen Stücke auf mehreren Regalmetern in Heidlindemanns Manufaktur. Warten darauf, E-Gitarren zu werden. Auch dieser Vorrat ist endlich.

Ob ein Instrument aus dieser versiegenden Quelle einen neuen Helden hervorbringen wird?

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Aus alt macht neu. Lutz Heidlindemann hat Gitarrenkörper aus den 60er Jahren von Höfner aufgetrieben. Daraus baut er heute Sonderanfertigungen nach Kundenwunsch.

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Aus alt macht neu. Lutz Heidlindemann hat Gitarrenkörper aus den 60er Jahren von Höfner aufgetrieben. Daraus baut er heute Sonderanfertigungen nach Kundenwunsch.

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Junkie. Paul Landers ist süchtig nach dem verzerrten Sound der E-Gitarre. Bei Rammstein bewegen seine Akkorde die Massen.

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Junkie. Paul Landers ist süchtig nach dem verzerrten Sound der E-Gitarre. Bei Rammstein bewegen seine Akkorde die Massen.

Der einzige Deutsche, dem Gitarrengigant Gibson ein eigenes Modell gewidmet hat, steigt am frühen Nachmittag barfuß in den Himmel von Prenzlauer Berg. Auf der Dachterrasse über seinem großzügigen Loft pflanzt er sich auf einen Gartenstuhl und blinzelt in die Sonne. Wenn einer etwas über die Macht der E-Gitarre weiß, dann er, Paul Landers, 53 Jahre, Rammstein-Gitarrist.

„Ich liebe verzerrte Gitarren", sagt er. Das werde mit zunehmendem Alter sogar schlimmer. „Bevor ich ins Bett gehe, muss ich immer noch mal kurz in mein Studio gehen, und ein bisschen Gitarre spielen. Der eine braucht einen Schnaps vor dem Einschlafen, der andere ein Stück Schokolade. Ich muss Verzerrung hören. Ich bin süchtig danach.“

Rockmusiker wissen, dass man eine E-Gitarre eigentlich nicht ,spielt‘. Nicht auf dieselbe Weise, wie man es mit einer Flöte, einem Saxophon oder Schlagzeug tut. Von alleine geben solche Instrumente nämlich keinen Laut von sich – die E-Gitarre schon. Sie führt ein Eigenleben, sobald Strom durch ihre Tonabnehmer fließt, sie brummt, summt und beginnt eine geheimnisvolle Kommunikation innerhalb ihres eigenen Schaltkreises, gibt die mitleiderregendsten Töne von sich, ohne dass man sie überhaupt berühren muss. Das macht aus Rockgitarristen Leute, die einen Grundton um etliche Obertöne erweitern, sich also gewissermaßen selber vervielfältigen. „Im Prinzip helfen dir tausend Geister, die mit dir mitspielen“, sagt Landers. Darin gründe die Macht der Rockgitarre: „Dass du als kleiner Mensch aus so einer Saite, die eigentlich nur „Pling“ macht, etwas herausholen kannst, das klingt, als würde ein Haus zusammenfallen,  oder, wenn du einen Akkord spielst, als würde eine ganze Stadt weggeblasen - das ist die Vermillionenfachung des eigenen Ichs.“

Er fand Musik zu machen lustig

Man muss diese Aufblähung natürlich auch wollen. Als Gitarrist von Rammstein steht Landers stark geschminkt und kostümiert auf Bühnen, die von Flammenfontänen beherrscht werden. Statt sich als Gitarrengott zu gebärden, macht das aus ihm eher einen Feuerteufel in der Hölle des schlechten Geschmacks, der lieber unerkannt bleibt. Obwohl er ein leutseliger Typ ist, liegt es ihm nicht, sich zu erklären. Auf Äußerlichkeiten gibt er wenig. Seine Gitarre trug er zeitweilig in einer Plastiktüte durch die Stadt.

Das war, als die DDR schon ziemlich wackelig dastand und einen jungen Rebellen wie ihn nicht mehr kleinkriegte. Landers war im Osten Punk, mit der Band Feeling B durfte er sogar offiziell Platten aufnehmen. Aber so weit ging er nicht zu glauben, dass seine Gitarre das System „verändern“ könnte. Er fand Musik zu machen lustig. Im Osten sei sowieso vieles lustiger gewesen als im Westen, wo Schutzweste, Fahrradhelm und nicht zu spät kommen galten.

Foto: Archiv Feeling B.

Feeling B in der Spätphase. Paul Landers (li.), Sänger Aljoscha Rompe (oben) und Flake (unten).

Foto: Archiv Feeling B.

Feeling B in der Spätphase. Paul Landers (li.), Sänger Aljoscha Rompe (oben) und Flake (unten).

Ihre Gitarren legten sie grundsätzlich übereinander in den Kofferraum. Bis mal einer um vier Uhr morgens und nicht ganz bei sich die Heckklappe zudonnerte, und der Hals von Landers' Instrument, dem einzigen, das er besaß, noch herausragte. „Da hat‘s dann gesplittert.“

Das Ende von Feeling B und die Gründung von Rammstein 1994 versteht Landers heute als einen „Übergang vom Osten in den Westen“. Er und seine Freunde gerieten unter den Einfluss von Bands wie Laibach, entdeckten andere Verstärker, neue Gitarren. „Früher dachte ich, dass mehr Energie entstehen würde, je schneller eine Band spielte. Wenn man aber den Noten Zeit lässt, sich zu entwickeln, hat das viel mehr Druck." So landete er bei dem majestätischen Metal-Sound einer Überwältigungsästhetik, die zu den eigenen Dämonen vordringt.

Rammstein stehen für den Gipfel dessen, was man als Rockmusiker erreichen kann in einer Zeit, die der Rockmusik überdrüssig ist und Newcomer abdrängt in kleine Clubs wie den Sage Club, der donnerstags auch unbekannten Bands die Möglichkeit eines Auftritts in Berlin bietet. „Ein Riff wie Dadada-dada von den Kinks, so etwas haben wir nicht“, sagt Landers. Ein markantes Jahrhundert-Riff würde auch er gerne erfinden. Doch dazu bedürfe es eines Effekts, sagt er, der die Gitarre auf eine neue Ebene hebe wie bei „Satisfaction“ von den Rolling Stones. Die setzten damals einen Verzerrer ein, der gerade erst neu herausgekommen war.

Foto: Guido Karp

Bei Rammstein ist Paul Landers einer von zwei Gitarristen, die oft unisono spielen. "Stumpf ohne langweilig zu sein", nennt Landers das Rammstein-Prinzip.

Foto: Guido Karp

Bei Rammstein ist Paul Landers einer von zwei Gitarristen, die oft unisono spielen. "Stumpf ohne langweilig zu sein", nennt Landers das Rammstein-Prinzip.

Deshalb hält Landers auch nichts von der These, dass die E-Gitarre ins Schattendasein der Digitalisierung getrieben werde. Er glaubt vielmehr: „Die E-Gitarre ist eben nur nicht mehr neu.“ Ihre technische Entwicklung sei abgeschlossen, die Zeiten vorbei, als Bob Dylan die Leute massenhaft in Verzückung versetzte, weil er seine akustische Folkgitarre gegen eine elektrische eintauschte, oder Black Sabbath die Bindung an den Blues durch Heavy-Metal-Riffs aufgaben oder Eddi Van Halen die Art revolutionierte, mit der er die Saiten anschlug. „Irgendwann ist alles ausprobiert. Mehr gibt eine E-Gitarre einfach nicht her. Und jetzt ist sie da, wo alle Musikinstrumente irgendwann landen. Auf einem normalen Level.“

Die Gitarrenhelden von Morgen sind weibliche Youtube-Stars

Musiklehrer registrieren in Berlin ein interessantes Phänomen. Obwohl die Zahl junger E-Gitarren-Schüler seit zehn Jahren abnimmt, wächst der Anteil an Mädchen beständig an, bei der Musikschule Tomatenklang, die zu den größten Institutionen der Stadt mit einem besonders modernen Angebot zählt, beträgt er 39 Prozent. Immer mehr berühmte Gitarristinnen weisen den Weg. Neben den US-Stars Taylor Swift, PJ Harvey oder Cheryl Crow zeigen dutzende Youtube-Stars wie Tina S. und Baby Saster, dass auch junge Frauen sich als virtuose Gniedel-Königinnen etablieren können. Ihre Bühne ist der eigene Chanel. Tina S., 17 Jahre alt, aus Frankreich, hat 1,1 Millionen Abonnenten.

"Ich wüsste für mich nicht, welche Frau ein Vorbild wäre", sagt Kantorka, private Musiklehrerin mit ausgeprägtem Hang zum Heavy Metal. Noch immer sei es vor allem der Sex-Faktor, sagt sie, der Mädchen zur E-Gitarre treibe. Dass sie einen Typen "so geil" fänden, dass sie ihm nacheifern wollten. Auch Kantorka hat mehr Schülerinnen als früher.

Unter seinen Schülern, sagt Gitarrenlehrer Markus Bischofberger, sei oft auch der 50- bis 70-Jährige Anfänger, „der noch mal den Wilden Kerl raushängen lassen“ wolle. Da geht es um unerfüllte Jugendträume. „Und ganz schnell klingt es ja nach was, wenn einem jemand ein paar Tricks zeigt.“ Außerdem, sagt B. nonchalant, sei die E-Gitarre heute oft ein Ausstattungsgegenstand, wie man sich einen Oldtimer zulegt. „Wenn der Chef sich sowas ins Büro stellt, macht das was her.“ Er meint das gar nicht bedauernd. So ist es eben.

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Entweder Probenraum oder Fernmeldemonteur. Das war die Wahl, die Bernd Kurtzke hatte. Heute spielt der Gitarrist mit den Beatsteaks vor großer Kulisse.

Foto: Paul Gärtner

Entweder Probenraum oder Fernmeldemonteur. Das war die Wahl, die Bernd Kurtzke hatte. Heute spielt der Gitarrist mit den Beatsteaks vor großer Kulisse.

Für einen zurückhaltenden Menschen wie Bernd Kurtzke, vor die Wahl gestellt, als Fernmeldemonteur arbeiten zu müssen oder seine Tage in muffigen Übungskellern zu verbringen, war die Gitarre mehr als ein Stück Pop-Design. Er brauchte sie, wirklich. Seine erste Gitarre baute er selbst: „Ein Stück Holz genommen, ausgesägt und Saiten aufgezogen. Ich merkte, dass ich damit irgendwann meine Gefühle würde ausdrücken können, ohne Worte benutzen zu müssen.“ Das war die Lösung seines Problems.

Wenn Bernd Kurtzke über den Mangel an Gitarrengöttern nachdenkt, runzelt er die Stirn. Ja, sagt er, die elektronische Musik habe Maßstäbe verschoben. Er selbst komponiere zuhause auch elektronische Tracks. „Daher weiß ich, wie wenig man dafür können muss. Im Grunde kann jeder, ohne irgendeine Ahnung von Musik zu haben, nach ein paar Stunden etwas halbwegs Brauchbares mit den Programmen zustande bekommen.“ In der digitalisierten Musik gehe es allerdings fast nie um Inhalte, sagt Kurtzke. „Die Welt schwimmt gerade auf einer Welle, dass alles nicht so wichtig ist. Das wird sich wieder umdrehen. Die Leute werden wieder stärker wissen wollen, für welche Aussagen Menschen eintreten. Dann“, so sagt er, „wird auch die Gitarre wieder wichtiger werden.“

Lanrue sagt, er brauche nur die ersten Akkorde von „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ anzustimmen, und schon flippten die Menschen aus.

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