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Foto: AFP
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Abgetaucht in eine fremde Welt: Kinder mit Elektronik. Wie viel ist in Ordnung, wann ist es zuviel?

Was macht die FAMILIE? Den Router mit ins Bett nehmen

Jetzt haben auch wir einen Gamer im Haus. „Ich verschwinde dann mal unter meiner Käseglocke“, sagt der Älteste sanft lächelnd; man sieht ihm die Vorfreude an. Er verzieht sich in sein Kinderzimmer. Kurz darauf hört man ihn brüllen: „Alter, was machst du?! Digger! Nach rechts, rechts!!!“ Er hat pilotenhafte Kopfhörer auf, seine Kumpels zocken auch alle, das Spiel heißt „Fortnite“. Man ballert Leute ab, damit die eigene Computerfigur überlebt – wenn ich das richtig verstanden habe.

Es war ein langer Weg, besonders für den Jungen. Für den Gaming-PC hat sich der 13-Jährige zum Geburtstag und zu Weihnachten immer nur Geld schenken lassen, er hat Taschengelder und Gespartes reingesteckt und sich mit Rasenmähen und Unkrautjäten was dazuverdient. Das alles dauerte fast ein Jahr. Dann wurde die Kiste zum Wochenende endlich geliefert, aber ohne Monitor, was Verzweiflung auslöste. Die Rettung erschien in Gestalt unseres Nachbarn, eines mitfühlenden Informatikers, der übergangsweise einen seiner Monitore an den Sohn auslieh. Danach waren noch verschiedene Herausforderungen zu bestehen, bis alles wunschgemäß lief. Die Bilder ruckelten, die Datenleitung war nicht gut genug, die Grafikkarte war überlastet, und so weiter – lauter Probleme, die man vorher gar nicht kannte.

"Die anderen können auch mal Rasen mähen"

Jetzt läuft es, und die Begeisterung kennt keine Grenzen, jedenfalls die des Sohns. Neulich schleppte der beste Kumpel seine gesamte Technik bei uns rein, die beiden errichteten eine Zockzentrale, der Kumpel übernachtete bei uns. Die Tür blieb zu, geduldet wurde aber, dass ich unauffällig Mahlzeiten und Getränke abstellte und schmutziges Geschirr mitnahm.

Natürlich wird das alles auch begleitet von Konfliktlinien: Damit wir Eltern den PC überhaupt erlauben, wurde vom Sohn vorher geschworen, er werde im Haushalt noch besser helfen als vorher (noch??) und widerstandslos den Rasen mähen. Nachher: „Wieso denn schon wieder Rasenmähen? Wieso ich? Die anderen können auch mal was machen!“

Der kleine Bruder guckt zu und bekommt Angst

Außerdem: Das Spiel ist ab zwölf, aber der kleine Bruder will mitgucken. Der kleine Bruder bekommt Angst und will lieber bei mir schlafen. Und die Zockzentrale ist noch in Betrieb, wenn mir schon die Augen zufallen. Damit die Jungs nicht durchmachen, muss ich also auch noch den Router mit ins Bett nehmen.

Mit dem Sohn habe ich aber einen Deal geschlossen, der bisher verblüffend gut funktioniert. Er hat kein Limit beim Zocken, solange die Schulnoten stimmen und er Sport und Musik nicht vernachlässigt. Und Heureka: Die Schulnoten sind in Ordnung, er geht pünktlich ins Bett und er kümmert sich um Sport und Instrument. Hoffen wir mal, dass das so bleibt.

Bei der Rückgabe des Monitors an den Nachbarn hat der Sohn übrigens eine Dankeskarte mit Gutschein für einmal Rasenmähen beigelegt. Insgeheim hofft er, dass dieser niemals eingelöst wird.

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