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Foto: imago images/Westend61; freepik; Gestaltung Kostrzynski | Tagesspiegel
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Manche Aktivisten sagten Hungersnöte, andere den Umsturz voraus. Nichts davon stimmte.

Die vielen Fehlschläge der „Querdenker“ So oft irren sich die Verschwörungsideologen

Am Sonntag soll in Berlin eine Entscheidung fallen. Der 1. August geht entweder als „Tag der Freiheit“ oder „Tag der Diktatur“ in die Geschichte ein, glauben zumindest führende sogenannte Querdenker. Ihr Protest soll die Bundesregierung stürzen und das Ende aller Coronamaßnahmen einleiten, diesmal aber wirklich. „Wir werden Berlin überfluten mit Menschen“, sagt Bodo Schiffmann, ein Bekannter in der Szene. Er weiß: „Es wird gigantisch werden und die Erwartungen übertreffen.“

Gewagte Prophezeiungen gehören zu den Querdenkern wie die Abscheu vor Masken. Was sämtliche Voraussagen bisher gemein hatten: Sie traten nicht ein. Haben die falschen Propheten ihre Irrtümer anschließend zugegeben? Haben sie sich bei ihren Anhängern dafür entschuldigt? Eine Dokumentation.

Es kann keine zweite Welle geben. Im Juli 2020 behauptet der Maßnahmen-Kritiker Wolfgang Wodarg, dass es keine zweite Corona-Welle geben wird: „Alle Beobachtungen, alle Evidenz, die wir haben, zeigt das.“ An seine Kritiker gewandt fragt er: „Wann hat es sowas schon mal gegeben? Welche Evidenz habt Ihr, dass es überhaupt zwei Wellen geben kann? Wo ist die Literatur? Wo sieht man das? Nirgends.“
Was passiert: Im Herbst beginnt die zweite Welle.

Deutschlands neue Verfassung. Am 29. August 2020 ruft Querdenken-Gründer Michael Ballweg in Berlin eine „Verfassungsgebende Versammlung“ aus. Innerhalb von 14 Tagen sollen Teilnehmer eines Zeltcamps im Tiergarten auf 60 Bühnen eine neue Verfassung erarbeiten. Diese werde dann das Grundgesetz ersetzen.
Was passiert: Einige dutzend Aktivisten campen wochenlang im Tiergarten, es wird keine Verfassung ausgearbeitet.

Die diktatorische Coronastufe. Im September 2020 erklärt die Verschwörungsideologin Miriam Hope, die Bundesregierung werde in Kürze die „Coronastufe 4“ ausrufen. Dadurch dürften Bürger nur noch für eine Stunde am Tag das Haus verlassen. Dies würde durch Checkpoints kontrolliert werden.
Was passiert: Es gibt überhaupt keine „Coronastufe 4“.

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Längste Menschenkette der Welt. Für den 3. Oktober 2020 planen Querdenker eine 127 Kilometer lange Menschenkette um den Bodensee – die weltweit größte zusammenhängende Menschenkette, die es je gab. Dies garantiere ein starkes politisches Signal und einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Die Veranstalter versprechen das „Ereignis des Jahres, das durch nichts getoppt“ werden könne. Allerdings gibt es eine kritische Stimme in den eigenen Reihen: Die Heilpraktikerin Nitya D. Stahl fürchtet, bei der Aktion könne es sich in Wahrheit um ein schwarzmagisches Ritual handeln.
Was passiert: Ein Bruchteil der erforderlichen Teilnehmer erscheint, in der Kette gibt es riesige, kilometerlange Lücken. Querdenker behaupten, der Regen sei Schuld.


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Bodo Schiffmann irrte sich gleich mehrfach gewaltig. Seinen Anhängern scheint es egal zu sein.

Foto: imago

Bodo Schiffmann irrte sich gleich mehrfach gewaltig. Seinen Anhängern scheint es egal zu sein.

Das nahende Ende des Merkel-Regimes. Der Sinsheimer Arzt und Verschwörungsideologe Bodo Schiffmann legt sich fest: Am 31. Oktober 2020 enden in Deutschland die Masken-Pflicht und alle anderen Corona-Maßnahmen, Angela Merkel wird abgesetzt. Er geht davon aus, dass kurz vor dem Stichtag „etwas Großes passiert“. Seinen Anhängern sagt er: „Ich habe euch den 31.10. vorgegeben ... Ich könnte mir gut vorstellen, dass Donald Trump eine Rolle spielt bis 31.10. und dass es die eine oder andere überraschende Verhaftung geben könnte.“
Was passiert: Am 1. November veröffentlicht Schiffmann ein kurzes Video, in dem er gegen Sperrstunden in der Gastronomie wettert. Kein Wort zu seiner falschen Prognose.

Zwangsimpfungen und Bundeswehreinsatz. Am 13. November 2020 verbreitet die szenebekannte Aktivistin Eva Rosen die Voraussage, der Bundestag werde binnen sieben Tagen die totale Überwachung, die Ausschaltung der Parlamente sowie Zwangsimpfungen beschließen. Die Maßnahmen sollten von der Bundeswehr durchgesetzt werden.
Was passiert: Noch acht Monate später warnt Eva Rosen davor, dass nun aber bald wirklich Zwangsimpfungen durchgesetzt würden.

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Beginn der Weltdiktatur. Ein Experte im Treffen falscher Voraussagen ist Attila Hildmann. Zunächst verkündet er, das deutsche Volk werde sich am 6. Mai 2020 erheben, und zwar am späten Nachmittag vor dem Bundestag. Als dies nicht geschieht, sagt er für den 15. Mai das Ende der Demokratie und die Errichtung einer Weltdiktatur voraus. Für den Spätsommer 2020 verspricht er seinen Anhängern eine Demonstration mit „zwei Millionen Patrioten“. Zum 11. September prophezeit er einen Terrorangriff der Bundesregierung auf ein deutsches Atomkraftwerk („vermutlich Brokdorf“). Für den 18. November sagt er dann erneut die Errichtung der Weltdiktatur voraus. Und so weiter.
Was passiert: Attila Hildmann hat inzwischen sein eigenes Unternehmen ruiniert, wird wegen Volksverhetzung mit Haftbefehl gesucht und versteckt sich seit Februar in der Türkei.

Abschaffung des Bargelds. Am 19. November 2020 prophezeit der Kanal Ken FM, die Abschaffung des Bargelds stehe unmittelbar bevor. Zudem würden die kommenden Wahlen unter dem Vorwand von Infektionsgefahren ausgesetzt werden.
Was passiert: Auf Telegram kursiert nun das Gerücht, das Bargeld werde noch im Laufe des Jahres 2021 abgeschafft.


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Verschwörungsideologe Ken Jebsen, Gründer von Ken FM.

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Verschwörungsideologe Ken Jebsen, Gründer von Ken FM.


Trump bleibt Präsident. Gegen Jahresende ist sich die Szene der Corona-Verharmloser sicher, dass Donald Trump trotz verlorener Wahl weiter regieren wird. Die Münchner Youtuberin Miriam Hudson, die sich Miriam Hope nennt, wendet sich im Dezember 2020 an ihre Anhänger und prophezeit: „Donald Trump wird weiter Präsident bleiben. Seien sie geduldig. Sie werden es im Januar sehen.“
Was passiert: Vier Monate nach der missglückten Voraussage, im April 2021, spekuliert Miriam Hudson auf Telegram über Anzeichen, wonach Donald Trump womöglich vor einer Rückkehr ins Weiße Haus stehe.

Beweise gegen Barack Obama. Viel Beachtung unter deutschen Verschwörungsgläubigen findet auch die Prophezeiung des US-Anwalts Lin Wood am 10. Januar 2021, wonach innerhalb der nächsten 10 bis 14 Tage belastendes Material gegen Barack Obama, Joe Biden, Bill Gates und viele andere Prominente an die Öffentlichkeit gelangen werde. Dieses Material beweise, dass alle genannten Personen in einen systematischen Kindesmissbrauch verstrickt seien. Wood selbst habe die Beweise einsehen können, besitze etwa ein Video, das Hillary Clinton beim Foltern eines Kindes zeige.
Was passiert: Lin Wood legt keine Beweise vor.

Zusammenbruch der Versorgung. Mitte Januar 2021 verkündet der ins Milieu der Verschwörungsgläubigen abgerutschte Schlagersänger Michael Wendler, sehr bald werde es in der Bevölkerung zu massiven Hungersnöten kommen. Auf Telegram verrät er: „Was kaum einer weiß: Die Lieferketten sind bereits gesprengt, und in wenigen Tagen und Wochen wird es keine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln mehr geben. Wer etwas anderes behauptet, der lügt.“
Was passiert: Auf Tagesspiegel-Anfrage, weshalb er sich derart geirrt habe, reagiert Michael Wender mit typischem Verschwörungsdenken. Die Bundesregierung habe mitbekommen, dass „das natürlich auf vielen Widerstandskanälen auf Telegram verkündet worden ist. Da hat die Bundesregierung dann drauf reagiert, und um keine Panik zu verursachen, hat sie natürlich gegengesteuert.“ Michael Wendler behauptet also, seine Prophezeiung sei nur deshalb nicht eingetreten, weil er und andere Verschwörungsgläubige ihre Anhänger auf Telegram alarmierten. 
Im Februar, März, Mai und Juli 2021 warnt Michael Wendler erneut vor dem drohenden Zusammenbruch lebenswichtiger Lieferketten. Wieder nix.

Organisierte Massentötung. Im Februar 2021 vermutet der Göttinger Anwalt und Verschwörungsideologe Reiner Fuellmich, dass 25 Prozent aller Deutschen, die sich gegen Corona impfen lassen, direkt sterben – und weitere 36 Prozent potentiell tödliche Nebenwirkungen erleiden werden. Die Regierung plane eine „organisierte Massentötung“.
Was passiert: Dem Paul-Ehrlich-Institut werden in der ersten Jahreshälfte 2021 bei 75 Millionen Impfungen rund 1000 Todesfälle mit Verdacht auf Zusammenhang mit der Impfung gemeldet. Das entspräche im schlimmsten Fall einer Sterberate von 0,001 Prozent. Warum sich Reiner Fuellmich derart geirrt hat, will er gegenüber dem Tagesspiegel nicht sagen. Auch die Frage, ob er sich bei den Menschen, die er unnötig verängstigt habe, entschuldigen werde, lässt er unbeantwortet.

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Reiner Fuellmich versprach auch Sammelklagen gegen Christian Drosten.

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Reiner Fuellmich versprach auch Sammelklagen gegen Christian Drosten.

Mysteriöser Stromausfall. Im April 2021 verbreiten Verschwörungsgläubige in Foren das Gerücht, pünktlich zum 1. Mai werde deutschlandweit für zehn Tage der Strom abgestellt. Ziel der Maßnahme sei es, in diesem Zeitraum das Internet lahmzulegen und somit die Kommunikation der Protestbewegung zu unterbinden. Was die Bundesregierung in dieser Zeit plane, sei unklar.
Was passiert: Nach Ausbleiben des Stromausfalls wird spekuliert, ob dieser möglicherweise erst im Juni stattfindet.

Der Finanzcrash. Bodo Schiffmann erklärt, dass es um den 14. Juni 2021 herum zu einem Finanzcrash kommen werde. Schiffmann sagt: „Der wird passieren. Das wird gar nicht anders gehen, als dass der passiert."
Was passiert: Die Kurse bleiben weltweit stabil, der Dax gewinnt im fraglichen Zeitraum deutlich. Weshalb sich Schiffmann geirrt hat, will er auf Tagesspiegel-Anfrage nicht sagen.

[Lesen Sie mehr über Reiner Fuellmich: Der Anwalt, der die Sammelklage gegen Christian Drosten versprach (T+)]

Neue Verfassung. Eva Rosen erklärt, am 17. Juni werde in Deutschland eine neue Verfassung in Kraft treten, die Alliierten seien über diesen Schritt informiert worden. Die Verfassung werde am fraglichen Tag um 12 Uhr in Berlin auf dem Pariser Platz verkündet und habe ab dem Moment Gültigkeit.
Was passiert: Am 17. Juni erscheint niemand auf dem Pariser Platz.

Regierungsrücktritt. Der Karlsruher Esoteriker Georg Habitzreither, Betreiber der Webseite „Wege zur Glückseligkeit“, plant für den 19. Juni 2021 einen Marsch von mehreren Millionen Gegnern der Corona-Maßnahmen nach Berlin. An diesem Tag werde man „gemeinsam den Rücktritt der Regierung durchsetzen“, verspricht er. Wochenlang bewirbt er das Datum als „Tag der Entscheidung“, „letzten und einzigen Ausweg“ sowie als „Tag, an dem die neue Welt geboren wird.“ Seine Idee bekommt Unterstützung von diversen Gruppen aus dem Verschwörungsmillieu. Die Schätzung der Teilnehmerzahl beläuft sich im Vorfeld auf bis zu acht Millionen Menschen.
Was passiert: Statt der versprochenen Millionen versammeln sich am 19. Juni wenige hundert Menschen in Berlin. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärt Georg Habitzreither, für ihn sei der Tag trotzdem ein Erfolg: „Mein hintergründiges Ziel war es, zu sehen, wie viele Menschen eine wirkliche Veränderung möchten. Das weiß ich nun. Es war in der Tat etwas ernüchternd, jedoch ist es, wie es ist.“


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Ein Querdenken-Gottesdienst am Bodensee.

Foto: dpa

Ein Querdenken-Gottesdienst am Bodensee.

Trumps Rückkehr. Anfang Juni hat Bodo Schiffmann gute Nachrichten für seine Anhänger. Er ist nach eigener Aussage „felsenfest davon überzeugt, dass Donald Trump zurückkehren wird“. Joe Biden werde dann von einem Militärgericht verurteilt und hingerichtet: „Die Amerikaner fackeln da nicht lange.“ Trumps Rückkehr werde globale Auswirkungen haben und in Deutschland die Befreiung bringen. Der gemeinsame Kampf gegen die Corona-Maßnahmen sei also bereits gewonnen.
Was passiert: Ende Juni beschwert sich Bodo Schiffmann über „üble Nachrede“ gegen seine Person und bittet um Spenden.

Neue Nürnberger Prozesse. Für den 4. Juli kündigen verschiedene Gruppen eine Neuauflage der Nürnberger Prozesse an. Dabei sollen Angela Merkel, Christian Drosten und ihre Komplizen vor Gericht gestellt werden. Im Raum stehen Gefängnisstrafen und Hinrichtungen. Die Details würden bei der Prozesseröffnung am fraglichen Tag online verkündet.
Was passiert: Unter den Teilnehmern der Internetkonferenz „The Nuremberg trials 2.0“ ist am 4. Juli der Unmut groß, dass es sich – anders als von den Organisatoren versprochen – nicht um den Auftakt einer Gerichtsverhandlung handelt, sondern nur um ein Zoom-Meeting von Aktivisten. Es wird wild durcheinander geredet („Hello? I’m Laura from Florida. Can anybody hear me?“), das Treffen wird schließlich abgebrochen.

Höchstens 30 Tote am Tag. Einen Ehrenplatz in der Liste verdient Sucharit Bhakdi, der als Mikrobiologe trotz seiner grotesken Fehleinschätzungen unter Verschwörungsgläubigen noch immer als Autorität wahrgenommen wird. Bhakdi verkündet bereits im Frühjahr 2020, Corona-Maßnahmen seien überflüssig. Denn auch ohne Sicherheitsmaßnahmen werde es im schlimmsten Fall maximal 30 Tote am Tag geben, dies sei vertretbar.
Was passiert: Während der zweiten Welle sterben in Deutschland zeitweise mehr als 1000 Menschen pro Tag. Sucharit Bhakdi hat sich nie entschuldigt.

Danke an die zahlreichen Hinweisgeber, unter anderem @querdenkenwatch @ArtWendeley@DennisKBerlin und @LizyInDerBlase. Jedes der hier genannten Zitate ist gerichtsfest dokumentiert. Wir verlinken an dieser Stelle bewusst nicht auf die jeweiligen Quellen, da wir den entsprechenden Kanälen der Verschwörungsideologen keinen zusätzlichen Traffic bescheren möchten.

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