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Foto: Agnieszka Budek
Foto: Agnieszka Budek

Die Gründer von re2you: Stephan Plank und Ghazaleh Koohestanian

Digitalwirtschaft Die digitale Unabhängigkeitsbewegung

Vergangenheit der Technik trifft Zukunft: Ghazaleh Koohestanian und Stephan Plank haben ihr Büro im roten Backsteinbau des ehemaligen Fernsprechamtes in der Winterfeldtstraße, wo einst die "Frolleins vom Amt" die Fernsprechverbindungen noch von Hand steckten. Im Seitenflügel findet man den "hub:raum", einen Coworking-Space, der von der Deutschen Telekom betrieben wird. 20 Start-ups beschäftigen sich hier auf irgendeine Weise mit Digitaltechnik, von der Parkraumbewirtschaftung über Gesundheitsvorsorge bis zu diversen Onlineshops. Im weitläufigen Café, das die Start-ups mit Lebensnotwendigem versorgt, stehen Tische und Stühle aus mehreren Jahrzehnten, bequeme Sofas, bunte Sitzwürfel und ein riesiger Flachbildschirm. Hier finden auch Konferenzen und Präsentationen statt.

Koohestanian und Plank sind die Gründer von re2you, einem digitalen Start-up, das sich mit der Vereinfachung der Internetnutzung beschäftigt. Ihr Cloud-Browser ermöglicht den Nutzern sicheren Zugang zu ihren Daten, völlig unabhängig davon, ob sie mit Apple- oder Google-basierten oder sonstigen Systemen arbeiten. In Zeiten umfassender Digitalisierung sei das ein Problem, das jeder aus dem Alltag kenne, sagt Koohestanian: "Von uns Nutzern wird schlicht erwartet, dass wir brandloyal sind, sozusagen in einem Ecosystem von Geräten und Software bleiben. Wenn der Nutzer jetzt aber ein Mischverhältnis hat, gleichzeitig PC- und Apple-Devices benutzt oder mehrere Betriebssysteme, dann hat er ganz schnell Probleme. Die Frage ist: Wieso hast du als User immer noch eine Bringschuld an die Technologie, obwohl du Tausende von Euro für dein Notebook, dein Smartphone oder andere Hardware zahlst?"

"Dein digitales Leben ist immer bei dir, ohne dass du es verlierst"

Die Inkompatibilität der Systeme ist nicht nur ein Ärgernis, sondern auch ein Geschäftsmodell, mit dem Konzerne wie Apple, Microsoft oder Google viel Geld verdienen. Denn dadurch, dass sie die Käufer an ihre Hardware und auch an ihre Software binden, machen sie den Wechsel von einem System aufs andere extrem schwierig. Re2you steht für "Return to yourself", für eine "user-zentrische Anwendung", wie Koohestanian erklärt: "Du bist ja immer du selbst. Egal, welche Plattformen du nutzt, egal welche Smart Devices du nutzt. Was du als User brauchst und wofür du ja auch bezahlt hast, ist mehr Komfort und mehr Privatsphäre und Sicherheit."

In der Praxis sieht die schöne neue Welt des Internets folgendermaßen aus: Per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung meldet sich der User auf einem beliebigen Gerät an, zum Beispiel über das Infotainment-System im Mietwagen. re2you weiß dann, welche Inhalte zum Benutzer gehören. Der hat sofort Zugang zu seinen Telefonkontakten, Mails oder den Playlists seines Musikdienstes, natürlich alles sprachgesteuert. „Und wenn ich aus dem Wagen aussteige, nehme ich mein digitales Leben wieder mit, spurlos", sagt Plank. "Das ist unser Ziel. Dein digitales Leben ist immer bei dir, ohne dass du es verlierst. Egal auf welchem Endgerät, egal in welcher Umgebung."

Das Web wird immer mehr eine Silo-Wirtschaft

Die beiden Gründer von re2you sind Internet- und Digitalprofis. Ghazaleh Koohestanian hat lange als Web- und App-Entwicklerin bei Firmen wie Nokia oder Google Family gearbeitet. Stephan Plank kommt aus der Medienszene, war Tontechniker, Manager diverser Künstler, Berater für Internetfirmen und ist Filmemacher. Vor fünf Jahren haben die beiden Gründer das Vorgänger-Start-up The New Web gegründet, basierend auf der Erkenntnis, dass im Internet vieles schief läuft: "Uns ist damals aufgefallen, dass wir im digitalen Bereich auf ein Problem zulaufen", sagt Koohestanian. "Das Web wurde immer mehr eine Silo-Wirtschaft, jeder Konzern macht sein eigenes Ding. Dabei steht allein die Monetarisierung im Vordergrund, und der Nutzer wird wie ein Datenschaf ausgenutzt.“

Die Auswertung von Nutzerprofilen, die Verwertung von User-Daten für Werbezwecke, der Verkauf von Apps oder gebührenbasierte Streamingportale, damit verdienen die Anbieter von Internetdiensten am meisten Geld. 9,32 Milliarden US-Dollar nahm allein Facebook im zweiten Quartal 2017 ein. Der User als "Datenschaf"; so Koohestanian, bekomme seine "Monetarisierung" meist nur dort mit, wo er direkt zahlt: "Wir freuen uns zwar alle, dass das Internet kostenlos ist, aber am Ende ist es deshalb kostenlos, weil wir das Produkt sind, weil wir alle unsere Daten den Konzernen preisgeben." Das Phänomen kennt jeder Internetnutzer: Nur einmal hat man in Netz nach Sneakers einer bestimmten Marke gesucht, schon wird man mit Turnschuh-Werbung zugemüllt. Der Grund: Die Algorithmen der Suchmaschinen haben über die Geräte-ID oder die Werbe-ID den potentiellen Käufer entdeckt und machen nun zielgruppen-gerichtete Werbung für das Angebot der großen Shoppingportale.

Eine demokratische Version des Internets soll entstehen

Gerade in Zeiten, in denen das Internet der Dinge immer wichtiger wird, wird das Userleben immer aufwendiger und teurer. "Es gibt keine Standards, und das ist das Problem", sagt Koohestanian. "Dass Hardware veraltet, gehört längst zum Geschäftsmodell, dass sie nur mit bestimmten Programmen läuft, ebenso. Eine vernetzte Welt sollte aber userzentriert sein. Handy, Laptop, Kühlschrank, Auto, alle Geräte sprechen eine andere Sprache." Im Cloud-Browser von re2you funktionieren auch alle Software- und Dienstprogramme, unabhängig vom Gerät, mit dem man sich Zugang verschafft. Alle Updates, alle Downloads, alle Streamings laufen in der re2you-Cloud, egal wie das Betriebssystem heißen mag.

Eine demokratische Version des Internets schwebt den Gründern vor. Im Mittelpunkt der Internetnutzung müsse das Interesse des Nutzers stehen, nicht das der Konzerne. Die Daten-Gier der Branchenriesen betreffe nicht nur die einzelnen User, sondern auch die Wirtschaft. Autohersteller oder -vermieter können zum Beispiel bestimmte Fahrzeugdaten bisher nicht auswerten, da die Headunit, das Entertainmentsystem, das mit dem Internet verbunden ist, über Browser von Google oder Apple läuft.

Große Konzerne wie Daimler und Volkswagen sind Kunden

Hier setzt auch das Geschäftsmodell des Start-ups an. „Wir bieten B2B-Lösungen an, also Business-to-Business“, sagt Koohestanian. „Konzerne wie Daimler oder Volkswagen haben inzwischen gemerkt, dass sie ihre Fahrer und ihre Fahrzeugdaten an die Endgeräte verlieren. Sie waren bisher nicht in der Lage, ihrer habhaft zu werden.“ Es dauere fünf bis sieben Jahre, bis ein neues Automodell vom Band läuft, ergänzt Stephan Plank. Derzeit sei das Problem, dass die Headunits sehr schnell veralten: "Wir ermöglichen den Autoherstellern, dass sie nun den Internetzugang anbieten, sie entscheiden über die Applikationen. Und wir sorgen dafür, dass die benötigten Apps laufen können. Unsere skalierbare Rechenleistung wächst mit, die Apps müssen nicht ständig upgedated werden, auch der Lebenszyklus der Headunit verlängert sich."

Die Datensicherheit sei doppelt gewährleistet, sagt Plank: "Da wir ja ein B2B-Anbieter sind, läuft unser System auf dem Sicherheitsstandard unserer Kunden, das sind große Hersteller, die viel Zeit und Geld für ihre digitale Sicherheit ausgeben. Zusätzlich ist re2you ein gespiegeltes System, das ist sehr viel schwerer anzugreifen."

So kann man ein iPhone4 auch noch in zehn Jahren nutzen

Das habe, wenn es auch erst einmal befremdlich klingen mag, viele Vorteile für die User, erklärt Stephan Plank und erklärt das Prinzip genauer: "Nichts passiert mehr auf dem eigenen Gerät, alles, was man auf dem Bildschirm sieht, ist eigentlich nur das Spiegelbild. Handys werden zu Interfaces, Endgeräte werden zu Clients, dadurch veralten die Geräte auch nicht mehr, weil die gesamte Prozessleistung nur noch in der Cloud stattfindet. Vereinfacht gesagt, könnte man dann ein iPhone4 auch noch in zehn Jahren nutzen."

Das nächste Projekt, das re2you in Angriff nehmen wird, ist eine B2C-Lösung. Das ­Start-up will sein System den Usern direkt anbieten, verrät Gazaleh Koohestanian: "Man kann drei Endgeräte in einer einzigen Unit verwenden, das heißt, man braucht nur noch einen Konnektivitätsvertrag, nicht mehr einen für zu Hause, einen für Mobilfunk und noch einen fürs Büro."

 

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