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Foto: Adax Dörsam
Foto: Adax Dörsam

Adax Dörsam 2019 auf dem Heck der MS Artania. Über sein Leben und die Musik hat Dörsam zwei Bücher geschrieben: "Saitenweise Biografische Notizen" und "Kammalasse", erschienen bei Waldkirch KG.

Coronakrise und Deutsche im Ausland "Bitte bleiben Sie auf der Kabine"

Adax Dörsam, 64, ist ein Gitarrenvirtuose aus Mannheim. Er arbeitete mit Rolf Zuckowski, Tony Marshall, Lou Bega, DePhazz und Xavier Naidoo zusammen. Mit seiner Band spielt er jedes Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff, doch diesmal ist alles anders. Per Mail berichtet er dem Tagesspiegel davon.

 

Eigentlich sollte ich mit meiner Band „Flower Power Men“ ein paar Wochen Musik für die 832 Passagiere auf der „MS Artania“ machen. Wir spielen seit 13 Jahren auf Kreuzfahrtschiffen und diesmal sollten wir in Sydney starten und bei Auckland, Bora Bora und der Osterinsel halten. Ich hatte mich auf eine traumhafte Reise gefreut. 

Wir waren am 13. März über Singapur eingereist, in der letzten Maschine, die noch aus Deutschland durchgelassen wurde. Ich hatte beschlossen, die lang geplante Reise anzutreten, obwohl sich das Coronavirus schon derart ausgebreitet hatte. Ich liebe meinen Beruf und habe keine Angst vor dem Virus.

Außerdem hatte ich gehofft, dass die Entwicklung in der Südsee nicht so rasant sein würde wie in Europa, in China waren die Ansteckungsraten ja schon rückläufig. Da habe ich mich geirrt.

Gestern Touris, heute Gefahr

Noch vor dem Einchecken in Sydney erfuhren wir, dass die Häfen in Neuseeland und Französisch-Polynesien für uns gesperrt seien. Einen Tag später hieß es, wir sollten auch den Hafen in Sydney verlassen und auf Reede liegen bleiben. Gestern noch beliebte Touristen, heute Seuchengefahr ... 

Wir Passagiere hatten die Wahl: Entweder mit der „MS Artania“ nonstop mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 -18 Knoten bis nach Bremerhaven durchfahren, also mindestens 28 Tage ohne Landkontakt, oder einen letzten Flug ab Sydney nehmen. 

Beide Optionen bargen Risiken: Würden wir es bis zum Airport schaffen? Wo zwischenlanden? Oder würden wir in einer Transitzone irgendeines Flughafens enden? 

Wir, meine Band, meine Frau und ich, entschieden uns dafür zu bleiben. Obwohl es Zweifel gab: Sind genug Vorräte an Bord? Die vorgesehenen Zwischenstopps in Neuseeland würden ja entfallen. Halten die Maschinen so lange aus? Und was, wenn hier Corona ausbricht? Ich bereue nichts, auch wenn die letzten Tage etwas ungemütlich geworden sind.

Aber erstmal meldete sich der Kreuzfahrtveranstalter per Bordfernsehen und kündigt an, die Kosten der Reise zu übernehmen. Das finde ich kulant! Langsam wurde mir auch klar, dass die Reise eine gruppendynamische Herausforderung wird. Zum Glück haben wir einen Bordgeistlichen und eine Psychologin an Bord.

Über die letzten Tage ist eine wirklich schöne Gemeinschaft entstanden. Alle gehen ganz vorsichtig miteinander um. Eine neue Erfahrung! Und noch nie war der Spruch „Wir sitzen alle in einem Boot“ so wahr. 

Jeden Morgen klopft der Schiffsarzt an die Kabinentür und hält meiner Frau und mir einen pistolenähnlichen Gegenstand an die Stirn. Fiebermessen. Wir hatten stets niedrige 36 Grad. Ich schrieb nach Hause: Unser Schiff ist Corona-frei.

Kratzen im Hals, plötzlich Fieber

Seit vorgestern ist alles anders. Es begann am Montag mit einem leichten Kratzen im Hals,  ich fühlte mich müde und schwach. Ich bekämpfte das erstmal mit Muskeltraining im Fitnessstudio. Abends spielten wir eine wunderbare Show, 450 Leute im Publikum, tolle Stimmung! Ich gab Autogramme, verkaufte CDs, posierte für Fotos. Wir rauchten, tranken, ich fiel erschöpft ins Bett.

Bei der morgendlichen Visite trugen die Schiffsärzte gestern Mundschutz und verweigerten die Begrüßung per Handschlag. Mein Wert lag plötzlich bei 37,8 Grad. „Bitte bleiben Sie beide auf der Kabine. Wir behalten Sie im Auge.“, sagten die Ärzte zu meiner Frau und mir. Jetzt bin ich also Corona-verdächtig. 

Die Kabine ist mit Bad 10 Quadratmeter klein, das Fenster kann man nicht öffnen, die Auswahl beim Zimmerservice ist eher bescheiden. Draußen scheint die Sonne, das Meer glitzert, die anderen Gäste spazieren vorbei.

Ich habe endlich begonnen, gründlich meine Gitarre zu putzen und die Saiten zu wechseln und heute Abend werden wir wahrscheinlich Fernsehschauen - zum ersten Mal auf dieser Reise. Ein aktuelles Bild kann ich leider nicht schicken, denn auch unser Fotograf sitzt in seiner Kabine in Quarantäne und ich meistere mein Leben bislang ohne Smartphone.

Mit Vollgas zum Corona-Test

Alle zehn Minuten ertönt eine Durchsage: Kreuzfahrtdirektor und Kapitän verkünden unangenehme Neuigkeiten. Die Reederei hatte nachts angerufen, sie haben nun extra eine Consulting-Firma engagiert, die Maßnahmen beschlossen hat: Kein Buffet-Restaurant mehr, keine Veranstaltungen an Bord und mit Vollgas zum nächsten Hafen Perth, um dort Corona-Tests zu machen und zu tanken. Australien testet umfangreich und meldet bislang 2136 infizierte Fälle. 

Wir werden vorerst nicht mehr spielen und wie es weitergeht, ist vollkommen offen. Mein Fieber ist inzwischen auf 36,5 gesunken. Eine der 198 Reisenden, die sich für die Option Heimflug in alle Welt entschieden hatten, hat sich inzwischen bei mir gemeldet. Sie ist sicher zu Hause angekommen.

Wo sich Adax Dörsam und die MS Artania befinden, lässt sich hier verfolgen.

 

 

 

 

 

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