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Doris Spiekermann-Klaas
Doris Spiekermann-Klaas

Junge Leute betend? Hier ausnahmsweise mal in Stein gehauen.

Glauben heute Das Ernsthaftigkeitsdefizit

Benjamin Hasselhorn

Anderthalb Stunden diskutiert der britische Philosoph Sir Roger Scruton mit dem kanadischen Psychologen Jordan Peterson über die Realität der Transzendenz und die Existenz Gottes. Ein abgehobenes Thema, möchte man meinen, dennoch hat das Video auf Youtube innerhalb kürzester Zeit 200 000 Aufrufe generiert. Liest man in den mehr als 1300 Kommentaren, dann drängt sich der Eindruck auf: Die meisten Likes stammen von Menschen zwischen 20 und 35 Jahren. Ich gehöre dazu.

Längst gilt der Kanadier Peterson als ausgemachter Youtube-Star. Unter anderem betreibt er dort eine Serie zu Texten der Bibel. Allein die Einführung wurde 3,4 Millionen Mal angeklickt. Ähnlich hoch liegt die Verkaufszahl seines Buches „12 Rules for Life“. Wie schafft er es nur, so viele Menschen anzusprechen? Vor allem junge Erwachsene, die Generation also, die sich sonst eher selten bei kulturellen Veranstaltungen oder Vorträgen blicken lässt und die gerade mit Kirche und Religion anscheinend immer weniger anfangen kann? Ich glaube, das Geheimnis lässt sich in ein einziges Wort fassen: Ernsthaftigkeit. Man muss Petersons Auffassungen nicht zustimmen, aber wenigstens hat er welche. Seine Botschaft unterscheidet sich zudem fundamental vom allgegenwärtigen „Ich bin o. k., du bist o. k.“. Zugespitzt lautet sie eher: „Reiß dich gefälligst zusammen!“ – eine Aufforderung, die offenbar auf Resonanz stößt.

Viele Fragen an Kirchenleute bleiben unbeantwortet

Peterson gehört zu einer neuen Szene von Intellektuellen in den USA, die alles Mögliche thematisieren: die Begründung moralischen Handelns, die Notwendigkeit, das Recht auf Redefreiheit zu verteidigen, die Stichhaltigkeit von Gottesbeweisen wie die neuesten Erkenntnisse der Soziobiologie, die Folgen der Identitätspolitik wie die Pflicht, individuelle Verantwortung zu übernehmen. Sie treffen damit einen gesellschaftlichen Nerv. Zu der Gruppe gehören Biologen, Psychologen, Mathematikern ebenso wie Historiker, Philosophen und Soziologen, Atheisten, Agnostiker, orthodoxe Juden und gläubige Christen, Befürworter wie Gegnern von Abtreibung oder „Ehe für alle“, Linke wie Rechte. Sie stellen die großen Fragen mit einer Ernsthaftigkeit, die in der Kirche oft fehlt.

In der Bergpredigt fragt Jesus rhetorisch: „Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete?“ Jesus erklärt damit seine Behauptung, dass der himmlische Vater denen alles Gute geben wird, die ihn darum bitten – denn selbst der herzloseste Mensch gebe seinen Kindern das, worum die bäten. Ich fürchte allerdings, die Erfahrung meiner Generation ist eine andere. Allzu oft hatte ich den Eindruck, dass ich meine Lehrer, Erzieher, Pfarrer um Brot bat und stattdessen Steine bekam. Es gibt durchaus Heranwachsende, die mit lauter ernsthaften Fragen in den Konfirmandenunterricht kommen. Wenn die nicht beantwortet werden, sondern das Programm stattdessen im Wesentlichen aus Kekse backen, Mandalas ausmalen und Beatles-Lieder singen besteht und das höchste der religiösen Gefühle Stuhlkreis und „Herr deine Liebe“ zur Gitarre ist, dann hat man Steine bekommen, wo man Brot gebraucht hätte. Wer als Jugendlicher erst einmal zu dem Schluss gekommen ist, das Christentum könne nur etwas für Blöde sein, wird nur durch erhebliche Kraftanstrengung wieder zu einer besseren Einsicht kommen. Ich spreche da aus Erfahrung. Ich halte eine grassierende Unernsthaftigkeit für ein Kernproblem der Kirche. Ein paar Beispiele:

Himmelblau statt Alltagsgrau! Geht es noch alberner?

– Die Hauptplakatkampagne zum Reformationsjubiläum zeigte in hellen, bunten Farben Kinderzeichnungen von freundlichen Menschen und Tieren, dazu Sprüche wie: „Wenn die Zeit davonrennt, muss ich dann hinterher?“, „Ist das Boot zu voll oder das Herz zu leer?“ oder „Kann man sich statt auf mal in den Arm nehmen?“. Und der traurige Höhepunkt: „Wie kommt mehr Himmelblau ins Alltagsgrau?“ Wer soll da die Zielgruppe sein? Wer soll sich da ernstgenommen fühlen?

– Die reformatorischen Bekenntnisschriften sind zwar formell weiter in Geltung, aber viele Pfarrer kennen sie nicht einmal. Kein Wunder, dass man vielerorts von Konfirmanden kein Auswendiglernen zentraler biblischer Texte mehr verlangt.

– Nach wie vor wird in jedem Gottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen, doch hinterher erklärt einem der Pfarrer unter vier Augen, dass er selbstverständlich nicht an die Jungfrauengeburt glaube, und dass Auferstehung auch eher heiße, dass die Sache Jesu weitergehe, als dass tatsächlich ein Mensch tot war und wieder lebendig wurde. Ist dann das gemeinsame Bekennen bloßes Theater?

– Bei einem Konfirmationsgottesdienst gipfelt das Bekenntnis der Konfirmanden in dem Satz: „Ich bin stolz darauf, evangelisch zu sein, denn evangelisch sein, heißt, man darf glauben, was man will.“ Glauben, was ich will, kann ich auch ohne Kirche ganz gut.

Glaubensfragen sind Orientierungsfragen

Ein solcher Eindruck von Beliebigkeit und fehlender Ernsthaftigkeit geht nicht spurlos an einer Generation vorbei, die weit entfernt ist von einer noch irgendwie selbstverständlichen Einbindung in kirchliche Traditionszusammenhänge. Orientierung sucht man sich da, wo tatsächlich Orientierung geboten wird. Und das scheint auf Youtube eher der Fall zu sein als in der Kirche.

Gerade für die evangelische Kirche wiegt der Verlust der Ernsthaftigkeit schwer. Denn das radikale Ernstnehmen der existenziellen Fragen war einmal ihre große Stärke. Man muss dazu nur auf Martin Luther schauen. Bei ihm findet man ein Gottvertrauen, das Gott nicht zum lieben Großvater verharmlost; eine Hoffnung auf Gnade, die nicht in die „billige Gnade“ (Dietrich Bonhoeffer) abrutscht und meint, es komme alles nicht so darauf an, denn Gott habe einen doch lieb, so wie man eben sei. Man findet einen Gewissensernst, der immer dann stark ist, wenn er sich gegen die eigene Bequemlichkeit durchsetzt und diese nicht auch noch stützt, und man findet einen Mut zum Bekenntnis gerade dann, wenn die Situation schwierig oder heikel ist.

Doris Spiekermann-Klaas

Junge Leute betend? Hier ausnahmsweise mal in Stein gehauen.

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Junge Leute betend? Hier ausnahmsweise mal in Stein gehauen.

Aber zugegeben, das ist eine besondere Crux des evangelischen Christentums: Es hat nicht auf der einen Seite bestimmte Stärken und dann davon unabhängig auf der anderen Seite bestimmte Schwächen. Sondern seine Stärken sind untrennbar mit seinen Schwächen verbunden. Das betrifft nicht zuletzt den religiösen Individualismus. Lutherisches Christentum bewegt sich auf einem extrem schmalen Grat, und auf beiden Seiten des Abgrunds lauern Monster. Woher kommt dieser ganze Schlamassel, in dem wir uns befinden? Drei Ursachen meine ich ausmachen zu können: Die erste ist jene Krise, in die das ganze Christentum seit der Aufklärung geraten ist. Da scheint ein selbstverständliches, kirchlich gebundenes, die gesamte Gesellschaft umfassendes Christentum verloren gegangen zu sein, welches nicht wiederherstellbar ist. Das hat zu tun mit der Infragestellung der Bibel durch historische Kritik, es hat aber vor allem auch zu tun mit einem neuen Lebensgefühl, das ganz auf autonome Humanität setzt und Begrenzung oder gar Infragestellungen der Autonomie nicht erträgt. Der evangelische Theologe Emanuel Hirsch nannte das die „Umformungskrise“ des christlichen Denkens, und wer immer in den vergangenen 200 Jahren theologisch arbeitete, der ignorierte diese Situation nicht, sondern suchte nach einer Befreiung des evangelischen Christentums aus der Krise und nach einer angemessenen Gestaltung des Glaubens in der modernen Welt. Dieser Traditionsfaden eines ernsthaften theologischen Ringens um ein modernes evangelisches Christentum zieht sich von Friedrich Schleiermachers Ansatz zu einer konsequenten Verinnerlichung des Glaubens über Adolf Harnacks Versuch, den christlichen Glauben durch Vereinfachung und Reduzierung auf seinen Kern mit der modernen Lebensauffassung zu vereinbaren, bis zur Neubelebung lutherischer Theologie durch Karl Holl, ja bis zum existenztheologischen Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns. Das Problem ist: Die Arbeit ist irgendwann liegengeblieben, und niemand nimmt den Faden wieder auf.

Statt auf Traditionsbindung wird auf Events gesetzt

Die zweite Ursache ist, dass die evangelische Kirche in Deutschland seit der Nachkriegszeit ihre eigenen Traditionsbestände viel zu stark vernachlässigt hat. Sie hat die Grundlagen, auf denen sie beruhte, zu selbstverständlich genommen und zu wenig getan, um sie zu erhalten. Inzwischen wird der Traditionsabbruch sogar von den führenden Vertretern der EKD selbstkritisch diagnostiziert. Dennoch scheint man auf dem bisher eingeschlagenen Weg weitermachen zu wollen und statt langfristiger und anstrengender Traditionsbildung weiter auf Großevents zu setzen, die naturgemäß oberflächlich bleiben. Das durch die Kirchensteuer – noch – reichlich sprudelnde Geld gibt man für solche Großveranstaltungen, für Sonderpfarrstellen und kirchliche Institute zu allen möglichen Themen (und natürlich für den immer weiter wachsenden Verwaltungsapparat) aus und kürzt es bei den Ortsgemeinden – genau dort, wo kirchliche Verortung überhaupt nur stattfinden kann. Und wenn dann plötzlich ein bayerischer Ministerpräsident es wagt, eine symbolpolitische Maßnahme zu ergreifen, um die christliche Fundierung unseres säkularen Staates zu verdeutlichen, will man seitens der Kirche vom positiven Staat-Kirche-Verhältnis in Deutschland plötzlich nicht mehr ganz so viel wissen.

Die dritte Ursache schließlich ist die Verwahrlosung des Glaubens. Die persönliche Gottesbeziehung ins Zentrum zu rücken halte ich für den Markenkern evangelischen Christentums. Stark gemacht wird dieser Markenkern nicht. Stattdessen erlebe ich oft ein Ausweichen vor den religiösen Fragen, ein Ausweichen in gesellschaftspolitische und moralische Fragen – wo die Antworten auch viel leichter scheinen. Dabei hat gerade im Jubiläumsjahr 2017 das politische Engagement der evangelischen Kirche viel Kritik erfahren. Zu Recht, wie ich finde, denn die Politisierung hilft der Kirche nicht, sondern lenkt von ihren Problemen ab. Statt sich mit den drängenden religiösen Fragen zu beschäftigen, weicht man auf das vermeintlich einfachere Feld der Gesellschaftspolitik aus. Damit vernachlässigt die Kirche aber ihre Aufgabe, geistliche Orientierung zu geben.

Es besteht kein Bedarf an kirchlichen Weltverbesserungsvorschlägen

Und für mich hat die Kritik an den kirchlichen Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum auch gezeigt: Es besteht kein Bedarf an kirchlichen Weltverbesserungsvorschlägen. Etwas ganz anderes würde da helfen, etwas, das man schizophrenerweise gerade 2017 unbedingt vermeiden wollte: nämlich eine Besinnung auf Martin Luther. Das Fremdeln der evangelischen Kirche mit Luther im Jubiläumsjahr 2017 scheint mir ein fataler Fehler gewesen zu sein, und zwar nicht nur aus Marketinggründen. Wer Luther ernst nimmt und sich mit ihm beschäftigt, kommt an den religiösen Fragen auf keinen Fall vorbei. Luther würde dabei helfen, den individuell-religiösen Markenkern der reformatorischen Botschaft wiederzuentdecken, ganz jenseits von politisch-moralischem Engagement. Eine Rückbesinnung auf Luthers Erbe könnte überhaupt einmal wieder deutlich machen, was evangelisch sein eigentlich bedeutet. Und sie könnte dabei helfen, die Missverständnisse der lutherischen Botschaft zu vermeiden, jenes Aufweichen von Luthers Lehre in unernste Wohlfühltheologie, die ich für das Kernproblem unserer Kirche halte.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Eine umfassende Lösung habe ich nicht anzubieten. Allenfalls einen Lösungsansatz, der lautet: zurück zur Ernsthaftigkeit! Ich glaube außerdem, dass mehr Mut zur Tradition, mehr Mut zur Theologie und mehr Mut zu Luther jedenfalls Schritte in die richtige Richtung wären.

Popsongs statt Orgel?

Lösungen können ohnehin nur in gemeinsamem Ringen und in offenem Meinungsaustausch gefunden werden. Ich würde in diesem Meinungsaustausch gern die Bedeutung der evangelisch-lutherischen Tradition stark machen. Deren Weitergabe erfordert zwar ein gewisses Maß an Anstrengung, aber ohne das wird es nicht gehen. In der kirchlichen Praxis betrifft das beispielsweise sowohl den Konfirmandenunterricht als auch den Gottesdienst. Ich habe viel zu viele Predigten erlebt, die wirkten, als wollten sie einen Kindergottesdienst für Erwachsene anbieten. Sowohl die Politisierung als auch die Banalisierung des Christlichen sollten aufhören.

Am meisten wurde mir übrigens bislang entgegengehalten, dass ich eben untypisch für meine Generation sei. Die jungen Leute wollten keine Tradition, sondern Frische und Lebendigkeit, keine langweiligen Sonntagsgottesdienste, sondern aufregende Jugendfahrten, keine Orgel, sondern Christian-Pop. Mit Tradition hole man niemanden hinterm Ofen hervor, schon gar nicht mit einer Rehabilitierung des Sündenbegriffs oder überhaupt irgendwie mit intellektuellen theologischen Fragen. Seit Kurzem habe ich auf diesen Vorwurf eine Erwiderung: Sie heißt Jordan Peterson.

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- Benjamin Hasselhorn, Jahrgang 1986, ist Historiker und Theologe. 2017 kuratierte er die Nationale Sonderausstellung zum Reformationsjubiläum in Wittenberg. In der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschien seine Streitschrift „Das Ende des Luthertums?"

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