Abo Abonnement
Foto: akg-images
Foto: akg-images

Eduard Gaertners „Blick vom Dach der Friedrich-Werderschen Kirche auf das Friedrichsforum“ von 1835

1830er Jahre in Berlin Wie Berlin den jungen Karl Marx prägte

Seit Wochen meldete sich der Junge nicht. „Ich erwarte“, schreibt schließlich der verärgerte Vater, dass du „umgehend die Mutter beruhigst“. Heinrich Marx hatte nur das Beste gewollt, als er seinen Sohn nach Bonn auf die Universität schickte – Jurist sollte der dort werden, wie er selbst. Und was tut der Sprössling? Saufen, raufen und dichten.

Fügsam schickt der Sohn seine Lyrik dem Vater nach Trier zur Ansicht. Der Angeschriebene reagiert vorsichtig diplomatisch: Poesie sei nicht so seins, antwortet er, rät aber, mit dem Abdruck noch zu warten. Doch es ist sein erklärter Wille, dass der Junge sein Jurastudium nicht an der rheinischen Frohsinns-Universität fortsetzt, sondern in Berlin.

So macht sich der 18-jährige Karl Marx auf die Reise – und wird es weder zum Juristen noch zum Dichter bringen. Doch er wird einmal Bücher schreiben, solche, die die Welt erschüttern. „Das Kommunistische Manifest“ zum Beispiel, und „Das Kapital“. Wäre er in Bonn geblieben, wahrscheinlich hätte es weder das eine noch das andere je gegeben.

Als er ankommt, umgibt noch eine Zollmauer das eigentliche Berlin

Marx erreicht Berlin Mitte Oktober 1836 – nach fünf Tagen in der Postkutsche. Beinahe fünf Jahre, bis Mai 1841, wird er in der Stadt bleiben, hier zur Philosophie wechseln, endlich seine Doktorarbeit schreiben. Und er wird mehrmals umziehen, beinahe nach jedem Semester, das ist damals unter Studenten üblich. Sieben Adressen sind nachweisbar, alle in Mitte: Mittelstraße 61, Mohrenstraße 17, Alte Jakobstraße 50, Luisenstraße 45, Charitéstraße 10, Markgrafenstraße 59 und Schützenstraße 68 – wobei die Hausnummern selten mit den heutigen übereinstimmen.

Wie hat man sich die Stadt zu Marx’ Zeit vorzustellen? Als er ankommt, umgibt noch eine Zollmauer das eigentliche Berlin, bei Nacht bleibt sogar das Brandenburger Tor mit Gittern versperrt. Bei Marx’ Ankunft im Oktober wird abends auf den Hauptstraßen das Gaslicht entzündet, an den helleren Sommerabenden hatte man aus Kostengründen darauf verzichtet.

Marx sieht, wie nach und nach die Bürgersteige befestigt werden. So erhält der Hauswirt seiner zweiten Wohnung, Mohrenstraße 17, im Jahr 1837 die Auflage, auf eigene Kosten Granitplatten verlegen zu lassen. Eine Beschwerde fängt sich der Wirt auch ein: Die Sickergrube auf dem Hof verbreitet einen derartigen Gestank, dass Anwohner um ihre Gesundheit fürchten. Es wird noch dauern, bis die Stadt eine Kanalisation bekommt.

Marx wird wegen nächtlicher „Straßenexzesse“ angezeigt

Berlin wächst rasant. 1837 ist die Stadt mit 280 000 Einwohnern nach Wien die zweitgrößte im deutschsprachigen Raum. Repräsentative Bauten säumen die Straße Unter den Linden. Marx wird leidenschaftlicher Theatergänger, sieht Carl Seydelmann – der gefeierte Star der Berliner Bühnen gibt den Mephisto im „Faust“. Lange wird Marx für den Mimen schwärmen. Kurz denkt er an eine Zukunft als Kritiker.

Das Volk tanzt derweilen Polka in den Ausflugslokalen im Tiergarten oder geht ins „Kolosseum“, Berlins größtes Tanzlokal in der Alten Jakobstraße 49. Dorthin zieht es „lustige Junggesellen“ und „freisinnige junge Damen“, wie Robert Springer in seinem zeitgenössischen Berlin-Führer schreibt, Springer ist nur zwei Jahre älter als Marx.

Nummer 50 gleich nebenan gehört im Wintersemester 1837/38 zu Marx’ Berliner Adressen. Hier wird er wegen nächtlicher „Straßenexzesse“ angezeigt, vermutlich handelt es sich um Ruhestörung in Tateinheit mit Trunkenheit. Er kommt glimpflich davon, sein Freund aus Schülertagen und künftiger Schwager, Edgar von Westphalen, nimmt die Schuld auf sich.

Nur ein Marx-Haus ist erhalten, die Luisenstraße 60

Der Tanzpalast brennt 1843 nieder. Wie überhaupt die Stadt des Biedermeier nicht erst unter den Bomben des Zweiten Weltkrieg verschwindet. Das besorgt vielerorts gegen Ende des Jahrhunderts die Gründerzeit mit ihrem Bauboom.

Zu Marx’ Zeiten endet Berlin im Norden am Oranienburger, im Süden am Halleschen Tor. In den Häusern vor den Toren dürfen Studenten kein Quartier nehmen. Die sieben Wohnungen, in denen Marx gelebt hat, sind nicht mehr als 15 Gehminuten von der Humboldtuniversität entfernt, an der seinerzeit 1696 Studenten eingeschrieben sind. Nur ein Marx-Haus ist erhalten: die Luisenstraße 60 – damals Nummer 45. Jetzt steht das Haus im Schatten der hoch aufragenden Charité, 1838 ist es gerade erst fertiggestellt, als Karl Marx im Wintersemester ins Erdgeschoss zieht.

Der dreistöckige Bau ist in Form und Höhe typisch für seine Zeit. Heute beherbergt er das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Wissenschaften. Zu DDR-Zeiten erinnerte eine Tafel an der Fassade an den prominenten Mieter. Mit der Wende ging sie verloren.

Foto: akg-images

Eduard Gaertners „Blick vom Dach der Friedrich-Werderschen Kirche auf das Friedrichsforum“ von 1835

Foto: akg-images

Eduard Gaertners „Blick vom Dach der Friedrich-Werderschen Kirche auf das Friedrichsforum“ von 1835

Eine neue Gedenktafel aus Anlass von Marx’ 200. Geburtstag am 5. Mai 2018 hat Dieter Beuermann beantragt. Der Hauptgesellschafter des traditionsreichen Otto-Meissner-Verlags, in dem 1867 erstmals „Das Kapital“ erschien, sagt, Kultursenator Lederer habe das befürwortet. Voraussetzung sei aber die Empfehlung des Historischen Beirats. Die wurde nicht erteilt, das Ansinnen im November 2017 daraufhin von der Senatskulturverwaltung abgelehnt. Eine Begründung enthält die schriftliche Antwort nicht, stattdessen heißt es: „Es werden stets deutlich mehr Gedenktafeln vorgeschlagen, als realisiert werden können.“

Eine Ahnung davon, wie es hier um 1840 ausgesehen hat, gewährt die nur zwei Querstraßen vom Marx-Haus entfernte Marienstraße. Auf ihren 300 Metern sind ungewöhnlich viele Häuser aus jener Epoche erhalten. Auch die Fassaden in Hellgrau, Rosé und Lindgrün entsprechen dem Geist des Biedermeier. Welche Aussicht die Fenster zum Hof boten, hat Adolph von Menzel in zeitgenössischen Bildern aus seinen Wohnungen in der Marienstraße 22 und der Luisenstraße 24 überliefert.

Marx versucht sich in Berlin zunächst weiter als Literat. Seiner Jenny, die er schmerzlich vermisst – kurz vor der Abreise hat er sich mit der vier Jahre älteren Jenny von Westphalen verlobt –, schreibt er Liebesgedichte, die sie zu Tränen rühren. Er selbst nennt seine Dichtung fast schon verzweifelt „breit und formlos“. Wie Friedrich Engels später bestätigt, entfernt sich Marx in Berlin vom Jurastudium. Auch wenn er dreimal die Note „vorzüglich fleißig“ erhält.

Drei Tage lang währten die Straßenschlachten

Im Berliner Volk gärt es. 90 Prozent verdienen so wenig, dass sie keine direkten Steuern bezahlen. Seit dem Ende Napoleons und seiner Kontinentalsperre erreichen billige englische Industriewaren den Kontinent. Die Leibeigenschaft ist aufgehoben, Menschen ziehen auf der Suche nach Arbeit in Massen in die Städte. Doch das Handwerk liegt darnieder. Noch gibt es so gut wie keine Proletarier, eine Industrie ist erst im Entstehen. August Borsig errichtet 1837 vor dem Oranienburger Tor seine Maschinenfabrik. Allgegenwärtig ist der Eckensteher, der mit behördlichem Segen auf der Straße auf Arbeit wartet – und in der Figur des „Nante“ im Königstädtischen Theater am Alexanderplatz sowie in Adolf Glaßbrenners satirischen Groschenheften in den 1830ern berühmt wird.

Diesem Berliner Volk bescheinigen die Zeitgenossen eine verhärmte Härte, gepaart mit sarkastischem Wortwitz. Die Mischung steigert sich zuweilen zum Aufruhr. Etwa in der Feuerwerksrevolution von 1835. Die Behörden hatten den Berlinern die Erlaubnis entzogen, an Königs Geburtstag die beliebten Knallfrösche abzubrennen, weil das Feuerwerk allzu oft aus dem Ruder lief. Drei Tage währten die Straßenschlachten, die das Verbot nach sich zog. Es gab Tote.

Von etwas zivilerem Charakter ist der Stralauer Fischzug, das jährlich im August stattfindende größte Volksfest einschließlich saurer Gurken, Knoblauchwurst, Kümmel und Bier, „ungekränkelt von Berliner Kulturergüssen“, wie Robert Springer schreibt. Den Sommer 1837 verbringt Marx an Tuberkulose erkrankt zur Kur in einem Stralauer Gasthof. Der steht nicht mehr, dafür eine zu DDR-Zeiten errichtete Marx-Gedenkstätte in der Nachbarschaft.

Berlin als europäische Metropole ist gut vernetzt

Natürlich besucht der junge Marx den Jahrmarkt und kommt in Stralau in Kontakt mit einer vergleichsweise subversiven Truppe, dem Doktorklub, in dem man den unter Intellektuellen so geschätzten Linkshegelianismus diskutiert. Die Leidenschaft für Hegels heute verschwurbelt anmutende Gedankengänge ist groß, der Widerspruch als Methode im Ringen um ein höheres Bewusstsein begeistert die Studenten. Und die Liberalen pochen auf das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen in Religion und Politik. Doch immer noch herrscht in Preußens Hauptstadt der beinahe 70-jährige Friedrich Wilhelm III. als absoluter Monarch ohne Verfassung und misstrauisch gegen jeden Fortschritt.

Marx ist beseelt von seinen neuen Stralauer Freunden, möchte auf dem Heimweg „am liebsten jeden Eckensteher umarmen“. In einem langen Brief erläutert der junge Karl seinem Vater die Hinwendung zu Hegels Philosophie. Bis vier Uhr morgens schreibt er, da ist „die Kerze gänzlich abgebrannt“.

Berlin als europäische Metropole, wenn auch von geringerem Rang als London oder Paris, ist gut vernetzt. Die Mitglieder des Doktorklubs treffen sich auch im „Stehely“, einem der damals wichtigsten Kaffeehäuser an der Ecke Charlotten-/Jägerstraße. Dort liegen Zeitungen aus, nicht nur die deutschen Blätter, sondern auch solche aus dem Ausland. Heute steht dort übrigens ein roter Bau in historisierender Plattenbauweise.

Im Mai 1841 verlässt Marx Berlin

Durch seine Verbindungen im Klub lernt Marx Bettina von Arnim kennen. Sie lädt die Intellektuellen zum Salon in ihre Wohnung Unter den Linden 21. Den jungen Marx nimmt sie mit auf ihre Wanderungen. Auf ihren Streifzügen durch das „Voigtland“, gemeint ist Berlins Elendsviertel vor den Toren der Stadt, sammelt Bettina von Arnim den Stoff für ihr neues Werk. Unter dem Titel „Dies Buch gehört dem König“ wird es 1843 erscheinen, drastisch die Not der Armen beschreiben.

1838 stirbt der Vater von Karl Marx. Die väterlichen Schecks bleiben vorerst aus, er besucht keine Vorlesungen mehr. Sein Freund Edgar von Westphalen hilft, die beiden ziehen zusammen in die Luisenstraße und Edgar übernimmt die Miete. Marx schreibt seine Dissertation über den antiken Epikur als ganz und gar diesseitigen Philosophen. Er reicht sie nicht in Berlin ein, sondern per Post in Jena. Wohl aus Kostengründen, in Jena belaufen sich die Gebühren für die Doktorarbeit nur ungefähr auf ein Drittel dessen, was in Berlin verlangt würde.

Im Mai 1841 verlässt er Berlin. Er wird keine Professur anstreben, wie ursprünglich einmal geplant, sondern Redakteur der neu gegründeten, monarchiekritischen und schließlich verbotenen „Rheinischen Zeitung“. Berlin hat Marx noch nicht zum Kommunisten gemacht. Aber hier verlässt er die für ihn vorgesehene Bahn, wechselt von der Juristerei zu Hegel. Sein eigenes Gedankengebäude, der Dialektische Materialismus, wird die nächste Stufe sein.

0 Kommentare
Zur Startseite
Outbrain