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Foto: Neda Navaee
Foto: Neda Navaee

Will Bruckner dirigieren, nicht Jazz. Der 1981 in North Carolina geborene Brandon Brown.

Afroamerikanischer Maestro im Porträt Wie Dirigent Brandon Brown gegen Rassismus in der Klassik kämpft

Chefdirigent eines Sinfonieorchesters werden zu wollen, ist so ziemlich das Ambitionierteste, was sich ein schwarzer US-Bürger vornehmen kann. Denn im Bereich der klassischen Musik bleiben die Weißen immer noch am liebsten unter sich. Im Sport, im Jazz, im Entertainmentsektor, zuletzt auch im Filmbusiness haben sich Afroamerikaner ihren Platz erkämpft. Doch wo es um Mozart, Beethoven & Co geht, stehen sie weiterhin außerhalb, scheitern an den gläsernen Mauern eines nicht offen zutage tretenden, aber doch implizit präsenten Rassismus.

„Ein Freund hat neulich zu mir gesagt: Eher wird ein Schwarzer Chef bei den Berliner Philharmonikern als bei einem der amerikanischen Top-Orchester“, erzählt Brandon Brown. Der 1981 in North Carolina geborene Lehrersohn hat es trotzdem gewagt. Und das verdankt er seiner Musiklehrerin auf der Grundschule. Einer Pädagogin, die es verstand, die Kreativität ihrer Schützlinge zu wecken. „Wir sollten eine Melodie aufschreiben und sie hat dann erklärt, welche Harmonien dazu passen. Ich habe das jeden Tag gemacht, da war ich acht.“ Mit zehn kann er dann über die Schule Geigenunterricht bekommen, schon ein Jahr später wird er im staatlichen Jugendorchester aufgenommen, besteht mit 17 die Aufnahmeprüfung am Oberlin Conservatory of Music, wechselt später zur Northwestern University und schließt 2011 sein Studium am Peabody Institute in Baltimore mit Auszeichnung ab.

Er fühlt sich wie der Alibi-Schwarze

Doch während seine weißen Kommilitonen mit Selbstsicherheit verkünden „Ich bin Dirigent“, zweifelt Brandon Brown an sich, auch weil ihm ein großes Vorbild fehlt. Und weil er sich als einziger Afroamerikaner im Kurs oft fühlt wie der Alibi-Schwarze, der den Lehrern das gute Gefühl gibt, dem Diversitätsgebot zu genügen. Ein Problem, sagt Brown, waren auch die Reaktionen der Mitstudenten: „Sie haben mich als Eindringling wahrgenommen und mir das atmosphärisch zu verstehen gegeben.“

Doch Brandon Brown lässt sich nicht einschüchtern, zieht das Studium durch. Und begegnet beim Aspen Festival dann David Zinman, dem langjährige Musikdirektor des Tonhalleorchesters Zürich, der ihn ermutigt, eine Dirigentenkarriere zu wagen. Seinem Traum kommt Brown allerdings erst näher, als er 2015 nach Deutschland geht. „Ich kannte niemanden, hatte kein Management, ich habe einfach meine Unterlagen und eine DVD herumgeschickt – und nach acht Monaten war ich schon in der Endrunde um den Chefdirigentenposten der Jenaer Philharmonie“, berichtet er. „Ich durfte Bruckners sechste Sinfonie dirigieren, nicht was typisch Amerikanisches, Bernstein oder Jazz, sondern deutsches Kernrepertoire.“

Für schwarze Dirigenten gibt es keine zweite Chance

Inzwischen hat er auch Orchester in Weimar und Karlsruhe geleitet, im November wird er bei den Nürnberger Symphonikern debütieren. „Das Rundfunk- Sinfonieorchester Berlin hat mich zweimal eingeladen“, erzählt Brown weiter, „beim ersten Konzert haben wir Mendelssohns Sommernachtstraum-Musik gespielt, beim zweiten Werke von Mozart und C.P. E. Bach. In Amerika wäre das undenkbar gewesen.“

Für Brandon Brown steckt der Fehler im US-Erziehungssystem. „Schon der Zugang zur normalen Schulbildung ist schwer für Afroamerikaner. Gute Musikerziehung gibt es normalerweise nur in jenen Schulen, die in den guten Vierteln liegen und auf die man nur gehen kann, wenn die Eltern ein gewisses Einkommen haben. Kein Wunder, dass so wenige von uns in den Konservatorien ankommen, von den Musikhochschulen ganz zu schweigen.“ Und wenn es doch einer schafft, dann wird es erst richtig hart. „Dirigieren kann man nur in der Praxis lernen, im Umgang mit einem Orchester“, sagt Brown. „Dabei wird man auch mal scheitern, das ist normal. Doch für schwarze Dirigenten gibt es meistens keine zweite Chance. Weil wir kein Netzwerk haben, das uns unterstützt.“

Was auch daran liegt, dass die Orchester privat finanziert sind. „Die Macht liegt deshalb nicht beim Intendanten, sondern beim Vorstand, er sich zumeist aus reichen Managern, bekannten Ärzten oder Anwälten zusammensetzt. Und diese Leute haben eine klare, sehr enge Vorstellung davon, wie ein Maestro auszusehen hat.“ Auf jeden Fall nicht schwarz.

Brown gibt einen Workshop

Harte Worte findet Brandon Brown auch für viele Educationprojekte in seiner Heimat. „Die sind nicht nachhaltig, weil die Kids durchschauen, dass es sich um musikalische Almosen handelt.“ Die Art, wie die Outreach-Programme funktionieren, sei herablassend. „Es entsteht keine Verbindung zur Alltagsrealität der Zielgruppen. Und darum werden die Angesprochenen auch keine Kartenkäufer von morgen.“

Was seinen Berufsstand betrifft, hat Brandon Brown jetzt die Initiative ergriffen. Er hat ganz bewusst Afroamerikaner aus den USA ermutigt, sich zu dem Dirigentenworkshop anzumelden, den er ab 18. September in Berlin veranstaltet. „Es gibt zum Glück in meiner Heimat mittlerweile Förderprogramme für Dirigentinnen. Aber warum nicht für Afroamerikaner? Weil das bedeuten würde, dass meine Landsleute über ihre Geschichte nachdenken müssten.“

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Brandon Brown will seinen Weg in Deutschland weitergehen. „Hier fühle ich mich auf meinem Gebiet akzeptiert, musikalisch stimuliert, hier kann ich wachsen in der Tradition – und obwohl ich nicht flüssig Deutsch spreche, habe ich mehr Auftritte als in den USA.“

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