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Foto: AFP
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Es gibt ihn nicht mehr: Der Baal-Shamin-Tempel von Palmyra war 2000 Jahre alt. IS-Leute haben ihn in die Luft gesprengt.

Antiken-Direktor Abdulkarim zu Palmyra und IS "Wir sind alle zum Tode verurteilt"

Die Ermordung des syrischen Archäologen Khaled Asaad und die Sprengung des Baal Shamin Tempels durch den IS haben die Welt schockiert. Maamoun Abdulkarim ist seit 21 Jahren Professor für Archäologie an der Universität Damaskus und seit August 2012 Direktor der syrischen Antikenverwaltung DGAM (Direction Générale des Antiquités et des Musées). Ein Ehrenamt – die Antikenverwaltung untersteht dem Kulturministerium. Abdulkarim fühlt sich als Wissenschaftler dem Schutz des syrischen Kulturguts verpflichtet. Im vergangenen Jahr im Oktober wurde er dafür als erster Preisträger in Venedig mit dem „Cultural Heritage Rescue Prize“ der Unesco ausgezeichnet.

Herr Abdulkarim, wie ist nach der Ermordung des Archäologen Khaled Asaad und der Sprengung des Tempels Baal Shamin die aktuelle Situation in Palmyra?
Der sogenannte „Islamische Staat“ hat Raubgräbern und Mafiosi gegen erhebliche Steuern die Erlaubnis für Raubgrabungen in Palmyra gegeben. Sie haben das Nationalmuseum in ein Gefängnis und ein Gericht verwandelt. Das Museum als Institution existiert nicht mehr. In ihrer Philosophie existiert keine Erinnerung an Kulturgüter vergangener Epochen. Wir haben Angst um Palmyra. Man muss sich auf schlimmere und brutalere Bilder einstellen, wenn der IS weiter dort herrscht. Ich bin sehr bewegt und im tiefsten Herzen getroffen.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Kollegen in Palmyra?
Wir haben leider keinen Kontakt mehr zu meinen Kollegen, die Telefonleitungen sind gekappt. Für uns arbeiten dort 50 Mitarbeiter. Sie dürfen nicht mehr arbeiten, sonst wird ihnen der Kopf abgeschnitten. Es gibt aber auch gute Nachrichten, der Sohn von Khaled Asaad ist vor einigen Tagen mit seiner Familie sicher in Homs angekommen.

Werden Sie und Ihre Kollegen bedroht? Sind Sie in Sicherheit?
Wir sind bedroht. Wir alle haben keine Sicherheit. Wir sind nicht geschützt, wir wissen nicht, wann wir getötet werden, aber wir arbeiten trotzdem weiter als Archäologen und Wissenschaftler.

War die Zerstörung des Baal Shamin Tempels nur ein Vorspiel für Schlimmeres?
Wir haben Angst, dass es noch schlimmer kommen wird. Die Zerstörung des Tempels ist ein Akt der Propaganda in Richtung internationale Gemeinschaft.

Wenn der IS seine Eroberungen fortsetzt, sind Sie, Ihre Mitarbeiter und die versteckten Altertümer sicher?
Wenn der IS weiter vordringt, werden wir alle ermordet. Man wird uns den Kopf abschneiden, denn wir schützen die Götterfiguren der Griechen, Römer und Christen, Figuren, die für sie heidnischen Charakters sind. Wir alle sind jetzt schon verdammt und zum Tode verurteilt.

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Syriens Antiken-Direktor Maamoun Abdulkarim.

Foto: AFP

Syriens Antiken-Direktor Maamoun Abdulkarim.

Die „Göttin von Aleppo“, jene Statue, die Max von Oppenheim in Tell Halaf entdeckt hatte und die in Berlin ausgestellt war – ist sie in Sicherheit?
Die Göttin befindet sich in Damaskus an einem sicheren Ort wie alle Arbeiten der letzten 100 Jahre, die Expeditionen von Deutschen, Franzosen, Engländern oder Italienern ausgegraben hatten. Allein 24 000 Objekte aus dem Nationalmuseum von Aleppo sind an einem Ort, wo ihnen nichts geschehen wird.

Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?
Wir wollen Solidarität und Unterstützung. Wir arbeiten mit 2500 Mitarbeitern jenseits der Politik zusammen. Es geht um unser gemeinsames kulturelles Erbe, das ist syrisch, aber auch deutsch, französisch, amerikanisch. Ich danke aus tiefstem Herzen den Initiativen in Berlin, dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI), dem Pergamon Museum, dem Museum für Islamische Kunst, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Freien Universität Berlin für die exzellente Zusammenarbeit bei der Dokumentation des syrischen Kulturgutes. Ich danke im Namen aller Syrer für die Initiativen, die in Berlin ergriffen wurden, um das syrische Kulturerbe zu digitalisieren, das DAI spielt dabei eine große Rolle. Ich hoffe, dass auch andere europäische Hauptstädte dem Beispiel von Berlin und Rom folgen werden. Wir sind jetzt in Kontakt mit Paris. Wir arbeiten zusammen jenseits aller politischen Differenzen. Politik ändert sich, das kulturelle Erbe bleibt.

Würde eine „kulturelle Luftbrücke“ helfen, Kulturgüter in Sicherheit zu bringen?
Nein, wir haben das innerhalb Syriens sehr wohl getan, beispielsweise von Deir az-Zor nach Damaskus, weil die Straßen nicht mehr sicher sind. Die Objekte sind in Damaskus in Sicherheit.

Was kann man noch tun?
Wir fordern unsere Nachbarländer auf, die IS-Terroristen nicht nach Syrien einreisen zu lassen. Man muss im Norden den Verkehr von Kulturgütern und Kämpfern über die Grenze stoppen. Sichere Grenzen würden uns schon helfen.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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