Abo Abonnement
Foto: Edition Kwimbi
Foto: Edition Kwimbi

Entgleisende Gesichtszüge, wenn man nur Bahnhof versteht: Eine Seite aus „Als ich mal plötzlich in der Wüste gewesen bin“.

„Als ich mal plötzlich in der Wüste gewesen bin“ Faust des Nordwestens

Bereits im in der Fleischindustrie spielenden Rätsel-Krimi „Maertens“ bewies Maximilian Hillerzeder sein außergewöhnliches erzählerisches Talent. Darin kreierte er ideenreiche Wege des bildlichen Erzählens – was unter anderem schmerzhaft daran erinnert, dass dieses Verfahren beispielsweise in den lediglich uninspiriert Handlungsverläufe abbildenden German Graphic Novels, besonders gerne in denen von adaptierender oder dokumentarischer Natur, eher unüblich ist und – mit Ausnahme Paula Bullings vielleicht – zu einer regelrechten und unseligen Tradition der bleiernen Schwere geführt hat, was sich in Folge mangelnder Vorbilder auch in diversen Eigenkreationen inländischer Bauweise manifestiert.

Dass auch spritzigere Formen der Inszenierung möglich sind, egal ob nun in Fiktion oder Dokumentation, demonstriert Hillerzeder beispielsweise durch die Einbindung subjektiv wahrgenommenen TV-Konsums auf den einleitenden Seiten von „Maertens“. Ebenso naheliegend: erst zaghaft anmutende und dann, der Intensität und Aussagekraft entsprechend, raumgreifender werdende Sprechblasenkonfigurationen. Zudem wird später durch die grafische Abstraktion der Massen vor dem Bedienungstresen des Fastfood-Restaurants, in dem Maertens sein Tagewerk vollbringt, zugleich ein sozio-ökonomischer Kommentar auf eine von der Umgebung abgeschliffenen Wahrnehmung abgegeben.

 Die Wüste lebt

 Auch in „Als ich mal plötzlich in der Wüste gewesen bin“ gibt es wieder inspirierte Interaktion von Form, Farbe und Lettering zu bestaunen. Allein, der Band erscheint mehr als Experimentierfeld denn als auserzähltes Werk, wie es „Maertens“ eines war.

In Szene gesetzt ist diese Fingerübung Hillerzeders an von Gott verlassenen Orten, wie ihn bereits die fleischverarbeitende Industrie darstellte. Neben der Wüste dient das norddeutsche Bremen als Kulisse, allerdings erscheint die Hansestadt hier mystisch überhöht: Als „Stadt maritimer Legenden“ und mit vom Autor als „typisch“ bezeichneten Bewohnern – die allerdings eher wie Verwandte dritten Grades in einer Seitenlinie des einbeinigen „Schatzinsel“-Piraten Long John Silver daherkommen, Aber durch Lokalitäten begründete Charakterzuschreibungen sind ja aus gutem Grund eh überholt.

Foto: Edition Kwimbi

Ein Eröffnungsbild wie eine vorweggenommene Inhaltsangabe: Wüstenei aus vielerlei Schichten.

Foto: Edition Kwimbi

Ein Eröffnungsbild wie eine vorweggenommene Inhaltsangabe: Wüstenei aus vielerlei Schichten.

Strebend nach Innovation, treibt Hillerzeders faustischer Drang ihn an, in den hin- und herspringenden Erzählsträngen die ganze Stadt und deren frei imaginierte Umgebung nach seinen eigenen Vorstellungen umzubauen.

Das bei all ungestümen Herumtollen die Geschichte unter die Räder kommt, ist halbwegs zu verschmerzen; gibt es doch immer wieder aufblitzende Kabinettstücke wie den „Bremen-Schmemen“-Dialog inmitten der Wüste, der durch den Versuch der Hauptfigur, ihr Gesicht zu wahren, eine sehr eigenwillige visuelle Dynamik entwickelt, oder der Verzicht auf heteronormative Eindeutigkeit bei der Paarbildung mit dem Love Interest.

 Mein progressiver Alltag

 Da drängt sich, auch auf Grund diesen Bildes, der Vergleich zweier baugleicher Cover geradezu auf: das britische Technopop-Duo Buggles, welches einst auf MTV das Zeitalter des Musikvideos mit „Video Killed The Radio Star“ einläutete und das dem Bandmitglied und stilprägenden Musikproduzenten Trevor Horn eine frühe Spielwiese bot, erholte sich 1981 auf ihrem zweiten Werk „Adventures In Modern Recording“ gerade von der Zusammenarbeit mit der Prog-Rock-Band Yes auf deren 1980er „Drama“-Album, ist aber an einigen Stellen noch hörbar bemüht, die Fieberschübe der Progressive-Rock-Infektion abzuschütteln.

Foto: Edition Kwimbi

Das Titelbild des besprochenen Bandes.

Foto: Edition Kwimbi

Das Titelbild des besprochenen Bandes.

Ein ganz ähnlicher Effekt stellt sich nach der Lektüre von „Als ich mal plötzlich in der Wüste gewesen bin“ im Vergleich zu „Maertens“ ein: Nach der auf den Punkt gebrachten Stringenz in Letzterem und dabei dem Erstling der Buggles, „The Age Of Plastic“ von 1980 in der Vollkommenheit sehr ähnlich, wabert der Hang zur Improvisation in beiden Nachfolgewerken immer wieder durch die Rillen beziehungsweise Seiten.

Das ist für die Fans sicherlich interessant, die am Formalen uninteressierte Leserschaft wird das vermutlich nicht zu hundert Prozent goutieren – das Kunststück, das „Maertens“ vollbrachte, ist eben die Einbindung des Experiments bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert. Aber schön, dass es derartige Testläufe gibt, und dass diese auch veröffentlicht werden. Es geht voran.

 Maximilian Hillerzeder: Als ich mal plötzlich in der Wüste gewesen bin, Edition Kwimbi, 76 Seiten, 12,99 Euro. Der Comic ist auch im Internet nachzulesen und wird regelmäßig fortgesetzt.

0 Kommentare
Zur Startseite
Outbrain