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Foto (Internationaler Comic-Salon): Lars von Törne
Foto (Internationaler Comic-Salon): Lars von Törne

Was würden Sie empfehlen? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury derzeit unter www.tagesspiegel.de/comics.

Comic-Bestenliste Die besten Comics 2017 – Gesine Claus' Favoriten

Gesine Claus

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren. Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Der gehören an:
Barbara Buchholz, Kulturjournalistin (www.bbuchholz.de)
Gesine Claus, Comic-Fachhändlerin (Strips & Stories, Hamburg)
Andrea Heinze, Kulturjournalistin (kulturradio vom rbb, BR, SWR Deutschlandfunk, MDR)
Micha Wießler, Comic-Fachhändler (Modern Graphics, Berlin)
Frank Wochatz, Comic-Fachhändler (Comics & Graphics, Berlin)
Lars von Törne, Tagesspiegel-Redakteur (www.tagesspiegel.de/comics)

Die Mitglieder der Jury küren derzeit ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Diese Favoritenlisten veröffentlichen wir sukzessive in den kommenden Tagen auf den Tagesspiegel-Comicseiten. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten landeten. Diese Shortlist wird abschließend von allen neun Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergibt sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 21. Dezember bekannt gegeben wird.

Foto: Andrea Preysing

Gesine Claus.

Foto: Andrea Preysing

Gesine Claus.

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Gesine Claus, Comic-Fachhändlerin (Strips & Stories, Hamburg):

Platz 5: Hamid Sulaiman: Freedom Hospital (Hanser)
Hamid Sulaiman wurde 1986 in Damaskus geboren und floh wie so viele andere Menschen vor dem Bürgerkrieg in Syrien. Seit 2011 lebt und arbeitet er in Paris. In »Freedom Hospital« zeigt er auf eindrückliche Weise die Zerissenheit der syrischen Gesellschaft und die Schrecken des Krieges. Er verbindet seine eigenen Erfahrungen und sorgfältig aufbereitete Informationen zu einer fiktiven Geschichte. Die Protagonistin Yasmin betreibt mit Freunden im Untergrund ein Krankenhaus und versorgt dort gegen alle Widerstände die verletzten Rebellen des Krieges. Ihre beste Freundin Sophie kommt aus dem Pariser Exil zurück, um einen Film über das »Freedom Hospital« zu drehen. Durch das dokumentarische Setting und das Einbinden zehn weiterer Protagonist_innen gelingt es Sulaiman, viele verschiedene Perspektiven in seinem Plot auszuleuchten. Das sequentielle Erzählen spielt hier seine ganze Stärke aus. Mit geschickten stilistischen Mitteln schafft es der Comicautor, die Hintergründe des schwer durchschaubaren Stellvertreterkrieges besser einordnen zu können. Zudem hat er mit Yasmin und Sophie zwei starke, furchtlose Frauenfiguren geschaffen, die die Geschichte tragen und vorantreiben. Ein beeindruckendes Werk, das lange nachhallt.

Platz 4: Brigitte Findakly & Lewis Trondheim: Mohnblumen aus dem Irak (Reprodukt)
Als die irakische Stadt Mossul 2014 vom sogenannten »Islamischen Staat«  eingenommen wurde, entwickelte sich bei Brigitte Findakly ein unaufhaltsamer Drang ihre Geschichte aufzuschreiben. Mossul ist ihre Geburtsstadt und sie verbrachte dort in den 1960er und 1970er Jahren den größten Teil ihrer Kindheit als Tochter eines irakischen Vaters und einer französischen Mutter. Als sie 14 Jahre alt wird, emigriert die Familie nach Frankreich. Es ist ein bittersüßes Buch geworden, das seine Stärke aus der differenzierten Betrachtung beider Kulturen zieht. Mit viel Wehmut beschreibt die Autorin ihre positiven und die verstörenden Erinnerungen an eine von multiethnischen Traditionen und instabilen politischen Verhältnissen geprägten Kindheit. Die Migration nach Frankreich verspricht Sicherheit und einen Neuanfang. Die Eltern und der Teenager müssen sich aber auch mit der Ignoranz und dem Rassismus ihres neuen Umfeldes auseinandersetzen. Wie sich die Entfremdung durch ein Leben zwischen den Welten auswirkt, beschreibt Findakly mit eindringlichen Szenen. Ihr ist eine berührende Hommage geglückt. Eine Hommage an eine Zeit und Region, die unwiderruflich verschwunden ist.

Platz 3: Paula Bulling: Lichtpause (Rotopolpress)
Der Comic »Im Land der Frühaufsteher«, über die Situation von Asylbewerber_innen in Sachsen-Anhalt, machte Paula Bulling 2012 einem größerem Publikum bekannt. Bis zu ihrer neuen Veröffentlichung hat sie sich Zeit genommen und kleinere, ausgewählte Projekte für Anthologien produziert. Und nun fünf Jahre später der nächste Paukenschlag: »Lichtpause« - erschienen bei Rotopolpress aus Kassel. In diesem entwickelt Bulling ihr Spiel mit den Worten gekonnt weiter und findet eine eigene, sehr poetische Sprache. Im Zusammenspiel mit ihrem atmosphärischen Zeichenstil fügt sie dem Medium Comic neue, aufregende Aspekte hinzu. Auf knapp 40 Seiten werden Eindrücke aus zwei Aufenthalten in Algier geschildert. Man atmet beim Lesen förmlich die staubige Hitze ein und fühlt sich mittendrin in der Stadt und ihrer Bewohner_innen. Zudem gelingt es der Künstlerin, den oftmals kolonialen Blick auf die Maghreb-Staaten zu durchbrechen und ihn klug zu spiegeln. Es ist keine Reportage über Algier, sondern eine einfühlsame Erkundung der Stadt. Man hört mit und findet durch die vielen Begegnungen und Beobachtungen der Autorin neue Zugangspunkte zur Komplexität der Verhältnisse vor Ort. Beeindruckende Comic-Kunst!

Foto (Internationaler Comic-Salon): Lars von Törne

Was würden Sie empfehlen? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury derzeit unter www.tagesspiegel.de/comics.

Foto (Internationaler Comic-Salon): Lars von Törne

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Platz 2: Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen (Avant)
Die belgische Avantgarde-Comic-Künstlerin Dominique Goblet hat zwölf Jahre lang an diesem Comic gearbeitet. Man schlägt es auf und aus jeder Seite spricht diese akribische Auseinandersetzung. Zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in Frankreich erscheint dieses mutige und furiose Werk nun auf deutsch und englisch. Das ist ein großes Glück. Ebenso wie »Fun Home« von Alison Bechdel und »Persepolis« von Marjane Satrapi gehört »So tun als ob heißt lügen« zum Kanon der wegweisenden autobiografischen Werke in Comicform. Goblet verweigert sich der einfachen, linearen Erzählform und springt gekonnt durch die verschiedene Zeitebenen ihrer Lebensabschnitte. Sie beschreibt mit Kompromisslosigkeit gegen sich und ihre engsten Vertrauten das zähe Ringen um Verständnis. Diese spürbare Kompromisslosigkeit lässt sich auch auf die Darstellung übertragen. Die poetische Sprache findet in fast durch das Comic tanzenden Buchstaben zum Leben - schreit, windet sich, wird sprachlos. Goblet experimentiert auch mit vielen verschiedenen Zeichenstilen, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Eine Biografie geprägt von der groben Vernachlässigung durch den alkoholkranken Vater und einer Mutter, die in kaum aushaltbarer Ambivalenz zwischen liebevoller Zuneigung und grausamer Bestrafungen pendelt. Wie sich diese Erfahrungen auf das eigene Leben auswirken, beschreibt Goblet mit einer sprachlos machenden Intensität.

Platz 1: Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt (Avant)
»Endlich!« möchte man ausrufen. Ein Comic das sich des Themas »Vulva« annimmt. »Darüber wird viel zu wenig gesprochen«, meint Liv Strömquist und trägt mit diesem sensationellen Buch dazu bei, dass dies anders werden könnte. Die Künstlerin und Politikwissenschaftlerin ist in Schweden eine der einflussreichsten Feministinnen und durch ihre vielseitigen künstlerischen und journalistischen Arbeiten (zu denen Radio-Blogs und Artwork für die Band »The Knife« ebenso gehören wie Kunstaktionen und Comics) bekannt geworden. In »Der Ursprung der Welt« betrachtet Strömquist eingehend die kulturhistorischen Machtstrukturen, die zur Abwertung und Tabuisierung der weiblichen Geschlechtsorgane geführt haben und stellt diese mit sarkastischem Humor bloß. Das Buch ist Vieles: sorgsam recherchiert, perfekte Satire, erhellende Aufklärung und kluge Gesellschaftsanalyse. In sieben Episoden betrachtet die Autorin kulturelle Konstruktionen, skandalöse Desinformationen (z.B. in aktuellen Schulbüchern) und die Hintergründe, welche in Bezug auf weibliche Sexualität oder Menstruation immer noch zu Schuld und Scham führen. Spielend gelingt es Strömquist mit ihren Zeichnungen und durch cleveres Lettering, den Comic zu einem absoluten Lesevergnügen zu machen. Ein überfälliges Buch und ein »Must-Have« im eigenen und im Bücherregal aller Freundinnen und Freunde.

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