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Foto: Carlsen
Foto: Carlsen

Unverwüstlich: Tim und Struppi auf dem Cover des Albums "Die Zigarren des Pharaos".

Tim und Struppi Für immer jung - Tim und Struppi werden 90

Sie brachten ihrem Erfinder Ruhm und Reichtum - aber auch einigen Verdruss. 90 Jahre ist es am 10. Januar her, dass in Belgien das erste Comicabenteuer eines jugendlichen Weltenbummlers namens Tintin und seines Hundes Milou erschien, bei uns seit Anfang der 1950er Jahre bekannt als Tim und Struppi.

Die Erzählung "Tim im Lande der Sowjets", geschaffen von dem damals 21-jährigen Georges Remi alias Hergé, wurde ab dem 10. Januar 1929 in der Jugendbeilage der katholischen Tageszeitung "XXième Siècle" veröffentlicht - Auftakt einer weltweiten Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält.

Eine Fundgrube für Hergé-Fans

Besonders interessante Einblicke in das Werk des begnadeten Künstlers Hergé und in die Entstehungsgeschichten seiner berühmtesten Figuren vermittelt die auf Deutsch bei Knesebeck veröffentlichte opulent illustrierte Monografie "Tim und Struppis Welt", die verlagsvergriffen, aber im Internet noch zu finden ist.

Schon als 13-Jähriger kopierte er souverän klassische Gemälde und zeichnete eigene humoristische Illustrationen oder Impressionen aus dem Alltag der katholischen Pfadfinder, deren Lebensgefühl er bis ins hohe Alter verbunden war. 1925, als die Kunstform Comic in Europa gerade erst Fuß fasste, erzählte er erste Geschichten mit Sprechblasen, mit 19 legte er die ersten Episoden von „Totors Abenteuer“ vor, einer Pfadfinder-Serie, die offensichtlich als Blaupause für die ersten Abenteuer des jungen Reporters Tim fungierte.

Mit selten zu sehenden Bildbeispielen führt der Journalist Michel Daubert in „Tim und Struppis Welt“ in Zusammenarbeit mit dem belgischen Hergé-Museum vor, wie der Zeichner im Laufe der Jahre eine ganz eigene Formensprache entwickelte, die als Ligne Claire auch nach seinem Tod im Jahr 1983 weiterleben sollte auch wenn er eine Fortsetzung seiner Erfolgsserie untersagt hatte und das letzte Album „Tim und die Alpha-Kunst“ eine unvollendete Bleistift-Skizze blieb.

Foto: Knesebeck

Blick hinter die Kulissen: Zwei Seiten aus der Monografie.

Foto: Knesebeck

Blick hinter die Kulissen: Zwei Seiten aus der Monografie.

Hunderte Fakismiles von Skizzen und Reinzeichnungen, Fotos, Dokumente und Abbildungen wichtiger Inspirationsquellen machen das Buch zu einer Fundgrube für Hergé-Fans und kunstgeschichtlich Interessierte.

Mit zwei Einschränkungen: Der knappe Text kann mit den reichhaltigen Bilddokumenten nicht mithalten, vieles bleibt unerklärt. Und die vielen Textelemente in den Dokumenten wurden anders als der Haupttext des Buches nicht aus dem Französischen übersetzt, sodass sich viele Bildinhalte dem deutschen Leser nur durch eigene Übersetzungsarbeit erschließen.

Dennoch ist es eine faszinierende Lektüre, die sich gut als Ergänzung von Standardwerken wie „Auf den Spuren von Tim und Struppi“ und „Tim & Co.“ von Michael Farr eignet. Allerdings gibt es mit diesen Büchern gerade bei den ausgewerteten Dokumenten aus Hergés Privatarchiv, die die Inspirationsquellen seiner fantastischen Erzählungen illustrieren, einige Überschneidungen. 

Foto: Knesebeck

Fundgrube für Fans: Das Cover der Monografie.

Foto: Knesebeck

Fundgrube für Fans: Das Cover der Monografie.

Am Schluss hasste er seine Erfindung

Besonders faszinierend sind in „Tim und Struppis Welt“ die Skizzen und Vorzeichnungen, die eine Ahnung davon vermitteln, wie der Perfektionist Hergé seine im Ergebnis so makellos wirkenden Panels und Seitenarchitekturen Schritt für Schritt aufbaute. Gemälde und Werbegrafiken zeigen ihn zudem als bemerkenswert vielseitigen Künstler.

Die Informationen über den Menschen hinter dem Künstler bleiben allerdings spärlich. Weder zu seiner ambivalenten Haltung gegenüber der Besatzung Belgiens durch die Nationalsozialisten, noch zu der ihn lebenslang verfolgenden Angst vor Einsamkeit und depressiven Anwandlungen erfährt man hier wirklich viel.

Dennoch vermittelt "Tim und Struppis Welt" zumindest eine Ahnung von den persönlichen Nöten, die Hergé trotz - oder gerade wegen - seines Erfolgs quälten. Der zeitlebens von Selbstzweifeln geplagte Künstler hatte sich die erste Tim-und-Struppi-Geschichte offenbar nur als kurzweiligen Scherz ausgedacht.

Der Künstlername "Hergé" war damals das aus den umgedrehten Anfangsbuchstaben seines Namens zusammengesetzte Pseudonym, das er wählte, weil er sich künstlerisch nicht reif genug fühlte, um mit seinem echten Namen zu zeichnen. Als seine Idee wider Erwarten ein gigantischer Erfolg wurde, sah sein Schöpfer das sein Leben lang mit gemischten Gefühlen.

Am Schluss hasste Hergé seine bekannteste Erfindung gar, weil der mit dem Erfolg wachsende Druck und die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit sein Leben mehr im Griff hatten, als ihm lieb war.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Januar 2014 auf den Tagesspiegel-Comicseiten und wurde aus aktuellem Anlass leicht überarbeitet.

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