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Foto: Kai Bienert
Foto: Kai Bienert

Musiker der Staatskapelle Berlin am Samstag Abend in der Philharmonie bei "Rituel" von Pierre Boulez.

Eröffnung des Musikfest 2018 Raum und Ritual

Über dieses Foto im Programmheft könnte man lange sinnieren. Pierre Boulez mit einer Partitur in der Hand, neben ihm der junge Daniel Barenboim, Kaffetassen und Aschenbecher auf dem Tisch, im Hintergrund ein etwas antiquierter Synthesizer. Über welches Stück sprechen sie, was erklärt der Ältere dem Jüngeren? Die Freundschaft ging tief, Jahrzehnte später wird Barenboim einen neuen Konzertsaal in Berlin nach Boulez benennen. Und jetzt hat er das Musikfest 2018 in der Philharmonie mit einem seiner Werke eröffnet. „Rituel“ ist wiederum Hommage: Boulez erinnert damit an seinen 1973 gestorbenen italienischen Komponistenfreund Bruno Maderna.

Die Musik des 20. Jahrhunderts schlüsselt sich oft nicht von selbst auf – auch, weil die Werke viel zu selten aufgeführt werden, um so etwas wie Vertrautheit entstehen zu lassen. Es tut ihr gut, erläutert zu werden. Und Barenboim erzählt, lässt die Staatskapelle signifikante Passagen spielen, vergisst auch mal, ins Mikro zu reden. Was an der Oberfläche wie Schusseligkeit anmuten könnte, ist aber in Wahrheit tiefes, anrührendes Versunkensein im Stoff.

Auf den Rängen: sieben Gruppen mit bis zu sieben Musikern, jede mit Schlagwerk, die kleinste besteht nur aus einem Oboisten und einem Perkussionisten. Die achte, größte Gruppe ist mit zwei Mal sieben Blechbläsern auf dem Podium positioniert. Eine Anordnung, die Boulez selbst exakt so für die Berliner Philharmonie ausgearbeitet hat. Maderna, schreibt er, wusste, was Strenge bedeutet, unterwarf sich ihr aber nie. Die Musiker agieren über weite Strecken selbständig, unabhängig vom Dirigenten. In 14 Abschnitten, flächig in den ungeraden, dynamisch in den geraden, schwillt die Musik an, um im 15., längsten Abschnitt wieder zu ihrem Ursprung zurückzufinden. Was die Musiker des Staatskapelle mit engagierter Disziplin und Detailsinn umsetzen.

Das Stück wirkt nur, wenn es genau so aufgeführt wird

Ein Ritual ist dieses „Rituel“ in der Tat: der Fokus liegt auf dem Vollzug einer Handlung, nicht auf deren Inhalt. Die räumlichen Staffelung ist auch eine Anspielung auf die Mehrchörigkeit, die gerade in Madernas Heimatstadt Venedig, und dort im Dom San Marco, von musikalischen Umstürzlern wie Monteverdi entwickelt wurde. Die Raumwirkung ist an diesem Abend in der Philharmonie phänomenal, aber eben auch konstitutiv für dieses Stück: Im Radio oder auf CD würde es keine Wirkung entfalten. Das Performative ist ihm eingeschrieben.

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Was die Brücke schlägt zu „Sacre du printemps“, das ja eigentlich als Ballettmusik entstand, sich aber längst als Konzertstück emanzipiert hat - und als solches fast inflationär auf den Programmzetteln auftaucht. Im Programmheft noch so ein Foto, das die feinen biografischen Bezüge dieses Eröffnungsabends offenlegt: Pierre Bouelz Arm in Arm mit Igor Strawinsky, der sich auf einen Stock stützen muss. Flackerhaft verschattet, wie ein Mahlerscher Naturlaut, erklingt das Eröffnungsfagott, bevor die Bläser langsam, delirierend die Stimmung aufbauen, die sich dann erstmals in den massigen Akkorden der zweiten Geigen entlädt. Barenboim dirigiert gar nicht besonders viel, setzt nur Akzente. Die Staatskapelle macht es fast von alleine, treibt das gruselige Geschehen in aufpeitschenden, furchterregenden Attacken voran, ohne je dickpinselig zu werden. Das „Frühlingsopfer“ ist bereitet, das herbstliche Musikfest kann beginnen.

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