Abo Abonnement
Foto: Mathias Schormann
Foto: Mathias Schormann

Äußerlich ist dem Prinzessinenpalais nicht anzusehen, dass es aus den 60er Jahren stammt.

Eröffnung des Palais populaire Die Rückkehr der Prinzessinnentorte

Das Prinzessinnenpalais war schon immer für Zeitreisen gut. Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut, erhielt es ein knappes Jahrhundert später durch eine Verlängerung bis zur Straße Unter den Linden hin seine heutige Form. Schinkel fügte noch einen Schwibbogen zum Kronprinzenpalais hinzu. Fortan hieß das prachtvolle Rokokogebäude Prinzessinnenpalais – gedacht als Residenz für die Töchter von Friedrich Wilhelm III. Darin gewohnt haben sie angeblich nie.

Ein weiteres Jahrhundert später, mit dem Ende des Kaiserreichs, wurde die Herrscherfamilie zwar vor die Tür gesetzt, der Name blieb jedoch. Nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Abriss Anfang der 60er, erlebte das Palais seine Wiederauferstehung als Operncafé. Richard Paulick rekonstruierte damals jedoch nur die Hülle, erst nach der Wiedervereinigung wurde es im Inneren plüschig.

Mit der Deutschen Bank als neuester Nutzerin, die hier ab 26. September eine „Plattform“ für Kunst, Kultur und Sport eröffnet, erlebt das Haus seine nächste Häutung, am stärksten spürbar im Gebäude selbst. Von außen zeigt sich der cremeweiße Bau zur Oberwallstraße hin noch in schönster Rokoko-Manier, perfekt saniert mit Rocaillen und vorgeblendeten Pilastern. Betritt man jedoch das von Kuehn Malvezzi umgestaltete Innere, so könnte der Bruch nicht größer sein. Das alte Interieur wurde hinausgefegt, stattdessen Paulick pur freigelegt. Und das ist wörtlich zu verstehen. Das für seine Museumsumbauten hoch gefragte Architekturbüro hat die Stahlbetonskelett des Nachkriegsbaus hervorgeholt und als stärkstes gestalterisches Element eingesetzt.

Die häufigste Frage: Gibt es wieder ein Café?

Den Besucher erwartet nun im Erdgeschoss ein lichter freier Raum mit Terrazzoboden und runden stählernen Empfangstresen. Hier ist auch das Restaurant „Le Populaire“ untergebracht. Die am meisten gestellte Frage zu den künftigen Neuerungen am Prinzessinnenpalais galt seit der Schließung vor sechs Jahren – und der Übernahme durch den Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Verlages und heutigen Vermieter, Mathias Döpfner – denn auch dem kulinarischen Angebot: Wird es hier jemals wieder Käsekuchen, Windbeutel und vor allem die Prinzessinnentorte geben?

Ja, auf alle Fälle. Unter Verweis auf die Familientradition, Patisseure seit 1823, kann Gastronom Klaus Peter Kofler den Berliner Traditionalisten diese Sorge nehmen. Und Thorsten Strauß, als Global Head Art, Culture & Sports für das weltweite künstlerische, kulturelle und sportliche Engagement der Deutschen Bank verantwortlich, kann mit der Pressepräsentation dieser neuesten Adresse im Zentrum Berlins fortfahren. Die Bank hat sich mit ihrer Kunsthalle 300 Meter den Boulevard Unter den Linden hinauf ostwärts bewegt und ist damit noch weiter ins kulturelle Zentrum gerückt in unmittelbarer Nachbarschaft von Opernhaus, Deutschen Historischem Museum, Humboldt Universität, Schinkel Pavillon und dem künftigen Humboldt-Forum.

In Zeiten der Bankenkrise ist das eine machtvolle Behauptung. So berichtet Strauß davon, dass dem Vorstand in Frankfurt zur Überzeugung dieses Neubeginns ein ganzes Paket geschnürt werden musste – nicht nur die Kultur zieht ins Palais mit ein, sondern auch der Sport. Für Jugendliche werden Kurse in Parkour angeboten. Er glaube an den Erfolg dieses crossover, erklärt Strauß auf der Pressekonferenz ein ums andere Mal. In den USA und Asien gebe es schließlich gute Erfahrungen damit. So ist denn auch der künftige Name des Prinzessinnenpalais zu verstehen: „Palais populaire“, ein Haus für alle, auch für die verschiedensten Interessen. Der Profilierung eines neuen Standorts ist dies nur bedingt förderlich, zu unterschiedlich sind die Sphären.

Der erste große Auftritt aber gehört der Kunst. In den auf drei Geschosse verteilten Galerieräumen, die mit 750 Quadratmetern drei Mal so groß sind wie in der bisherigen Kunsthalle, wird eine Auswahl der 55 000 Papierarbeiten umfassenden Sammlung der Deutschen Bank ausgebreitet. Friedhelm Hütte, fortan künstlerischer Leiter des „Palais populaire“, hatte die Qual der Wahl, denn in den letzten 30 Jahren konnte er eine sensationelle Kollektion zusammenkaufen.

Die Wände sind viel zu eng bestückt

Wie schwer sie ihm fiel, lässt sich an den mit über 300 Werken viel zu eng bestückten Wänden sehen. Da gibt es eine Reihe mit Josef Albers, Bridget Riley, Hermann Glöckner und Blinky Palermo, einfach zum Niederknien, doch im Gang viel zu schade. Im Untergeschoss hängen in einem winzigen Kabinett jene 53 Zeichnungen von Beuys furchtbar dicht, die der Künstler bis in die 80er zurück behielt und deren Reihenfolge er noch selber bestimmte.

Die Bank ist zu beglückwünschen, dass sie weltweit verteilt solche Schätze besitzt und mit dem „Palais populaire“ endlich über einen Ort verfügt, an dem sie die aus Vorstandsetagen und Büros geholten Werke einer größeren Öffentlichkeit zeigen kann. Doch so eng wirken sie wie rausgefeuert. Plötzlich wird auch die Kleinteiligkeit an den Galeriedecken sichtbar, rücken die vielen Strahler und Leuchtröhren in den Blick. Die Großzügigkeit der historischen Kassenhalle vom alten Standort ist perdü. Die nächste Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Londoner Tate modern wird der Skulptur gewidmet sein und lässt auf mehr Atem hoffen. Das Prinzessinnenpalais hätte es verdient, auch in seiner neuen Rolle.

Palais populaire, Unter den Linden 5, ab 27. 9. bis 7. 1.; Mi bis Mo 10 – 19 Uhr. Do bis 21 Uhr. Katalog (Kerber Verlag) 40 €

Zur Startseite
Outbrain