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Foto: NDR/Studio Hamburg
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Die Gründer. Francis Wolff (links) und Alfred Lion.

Jazz-Doku im Kino In den Morgenstunden von New Jersey

Drei Griffe in den unerschöpflichen Fundus von Blue Note Records, und man hat alles, was den Jazz ausmacht. Eine unverwechselbare Stimme wie das markerschütternde Vibrato von Sidney Bechets Sopransaxofon aus der Frühphase. Das körperlich Mitreißende des Hardbop von Drummer Art Blakey und seinen Jazz Messengers aus den Fünfzigern. Und das Rütteln an den festen Formen, wie es Eric Dolphys Bassklarinette Mitte der Sechziger auf „Out to Lunch“ demonstriert.

Kurz: Es gibt kaum eine bessere Jazzeinstiegsdroge als die Musik dieses Labels. Und weil das, was Alfred Lion und Francis Wolff, zwei deutsche Juden aus Berlin, 1939 in New York auf die Beine zu stellen begannen, sich aus vielen Perspektiven betrachten lässt, kann man von Blue Note eigentlich gar nicht genug bekommen. Der Deutsch-Australier Eric Friedler ist ein renommierter Fernsehdokumentarist mit überwiegend politisch- historischen Interessen. Das sieht man auch seinem Dokudrama „It must schwing!“ an. Unter allen drei existierenden Filmen über Blue Note interessiert er sich am wenigsten für das Stilprägende der Musik – und am meisten fürs Geschichtliche. Julian Benedikts für Fernsehen und Kino unterschiedlich aufbereitete Dokumentation „Blue Note – A Story of Modern Jazz“ (1996/97) war bei aller Verworrenheit eine Pionierarbeit. Sophie Hubers „Beyond the Notes“ (2018) verlängert die Legende zum Teil mit denselben Zeugen bis in die Hip-Hop-Gegenwart. Friedler endet im Wesentlichen mit dem Verkauf des Labels im Jahr 1965. Als Teil der Universal Music Group pflegt es die Tradition bis heute.

Fragwürdige Animationssequenzen

Friedlers nach Alfred Lions schwer akzentverfremdeter Blue-Note-Devise benannter Film ist ein unterhaltsamer Bilderbogen prominenter Talking Heads, vermischt mit einem Schnelldurchgang durch die tönenden Archive und Bilddokumente. Die Erinnerungen der Musiker, unter ihnen die Saxofonisten Sonny Rollins und Wayne Shorter, die Sängerin Sheila Jordan, der Bassist Ron Carter sowie der Pianist Herbie Hancock, sind von ansteckender Leidenschaft. Mit Benny Golson hat er einen richtigen Charmeur gefunden – und jemanden, der nicht zu den üblichen Verdächtigen gehört. Er kann sich zugutehalten, das letzte Interview mit Toningenieur Rudy van Gelder geführt zu haben, der in seinem Studio für den unverwechselbaren Sound sorgte, wenn die Musiker nach ihren nächtlichen Clubkonzerten bei ihm in New Jersey noch bis in die frühen Morgenstunden weiterspielten. Und er hat Kenneth Wolfe, einen Neffen des vor allem für seine Fotografien bekannt gewordenen Francis Wolff, ausfindig gemacht.

Das Fragwürdige sind die nachinszenierten Animationssequenzen aus Berlin und New York, die das Dokumentarische zum Dramatischen weiten. Der comicartige Look lässt sie nicht ganz so billig aussehen wie die durchschnittliche Geschichtslektion im Fernsehen. Die visuellen Doubles von Lion und Wolff werden jenseits des bloß Imaginierten manchmal auch lippensynchron durch Audiodokumente lebendig. Doch letztlich sind sie eine sentimentale dramaturgische Krücke, die von mancher dick durchs Bild rollenden Träne zusätzlich beschwert wird. Sie verleihen dem Film, der durch die massive Beteiligung des Reissue-Produzenten Michael Cuscuna vor und hinter der Kamera fast etwas Offizielles bekommt, eine unnötige Glätte.

Gewagt ist überdies die Interpretation, dass Lion und Wolff, die erst in Amerika ihres Judentums gewahr wurden, daraus ein besonderes Gespür für die Leiden der Segregation von Schwarz und Weiß entwickelt haben sollen, das wiederum ihr Jazzverständnis intensivierte. Manchmal wäre auch ein Hauch mehr Information hilfreich gewesen. So weist Friedler mit keinem Wort darauf hin, dass Alfred Lions erste Frau Lorraine mit ihrem zweiten Mann Max Gordon das weltberühmte „Village Vanguard“ betrieb. Sie starb erst im Juni mit 95 Jahren. Für eine erste Begegnung mit den beiden seltsamen Freunden – der scheue Wolff verheimlichte bis zu seinem Tod 1971 vor Lion, dass er mit einer schwarzen Freundin und deren Kindern lebte – reicht „It must schwing!“ allemal.

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