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Illustrtaion: Barbara Jung
Illustrtaion: Barbara Jung

Witziger Großstadtroman.

Kinderbuch Rap gegen Gentrifizierung

„Otto hat gesagt, wir sind viel zu brav. Seitdem denke ich über das wilde Leben nach. Und ob Otto recht hat. Und was wir tun sollen, wenn er recht hat. Denn dann kann es so nicht bleiben“, denkt der zehnjährige Matti. So beginnt Silke Lambecks furioser Roman „Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich.“ Aus der Perspektive Mattis’ erzählt sie diese abenteuerliche Geschichte aus Berlin über zwei Jungs, die unzertrennlich sind und endlich einmal etwas erleben wollen. Was genau, wissen sie eigentlich auch nicht, bis sie im Musikunterricht die Aufgabe gestellt bekommen, einen Rap zu schreiben. Das hat zumindest der ansonsten langweiligen Musiklehrerin Schütz bei den Schülern ein paar Punkte gebracht, denn dass sie ihnen im Unterricht ein Video des Gangstarappers Bruda Berlin zeigen würde, hätten sie ihr nicht zugetraut. Aber wie sollen sie selbst einen Rap hinbekommen? Otto, der auf alles eine Antwort hat, stellt lapidar fest: „Wir sind viel zu brav“.

Das soll sich ändern. „Wir müssen also etwas Verbotenes machen, das niemanden schadet“, findet Otto – und sie einigen sich rasch auf den brummeligen Kioskbesitzer Horst Zimmermann. Sein Kiosk „Zur Ecke“ mit angeschlossenem Späti, „in dem es nicht etwa Buddha-Rollen und Rhabarberschorle gibt, sondern Riesengummibären und Eis am Stiel und abgepackte kleine Salamis“, ist noch nicht gentrifiziert. Aber die Kinder mögen ihn nicht. „Hotte Zimmermann ist bekotzt. Er schreit uns an, wenn wir Ball spielen und wenn wir Fahrrad fahren ...“ Aber dennoch gehen sie zu Hotte Zimmermanns Kiosk, denn sein Eis ist unschlagbar preiswert. „Otto ist mehr so still-schlau“, findet Matti, und so ist es kein Wunder, dass er die Idee hat, einen Rap auf Hotte Zimmermann zu schreiben.

Mütter haben es heute auch nicht leicht

Silke Lambeck schildert das Milieu dieser Kinder kenntnisreich und mit Humor. Neben der Handlung um den Rap und den Kiosk schildert die Autorin, ganz dezent, auch das Liebesleben von Mattis Mutter. Da ist zum einen dieser Herr Strohschein, der wie seine Mutter im Krankenhaus arbeitet und ihn immer ganz jovial „Kumpel“ nennt, weil er glaubt, das käme bei Matti ganz gut an. Mattis Sportlehrer ist da schon ein anderes Kaliber. Ob die plötzliche Fröhlichkeit seiner Mutter mit ihm zu tun hat? Man kann von der Autorin Lambeck viel lernen über die heutigen jüngeren Eltern. Die es in diesen Zeiten auch nicht leicht haben, ihr Auskommen zu finden, wie etwa Ottos Mutter mit ihrem „Mama-Blog“, in dem Otto zu seinem Entsetzen mit einer peinlichen Yoga-Übung abgelichtet ist.

Als die beiden Jungs mal wieder den Kiosk beobachten wollen, sehen sie, wie Hotte Ärger mit zwei Glatzköpfen bekommt, die ihn aus seinem Laden vertreiben wollen. Und dann haben Matti und sein Freund eine geniale Idee, bei der Vorurteile und Bruda Berlin einen Rolle spielen. Mehr soll hier aber nicht verraten werden.

Silke Lambeck ist eine kluge Beobachterin, ihr ist ein spannender, witziger und warmherziger Großstadtroman gelungen, der mit Vorurteilen und Selbstironie virtuos und geschickt jongliert und den man mit großem Vergnügen liest.

Silke Lambeck: Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich. Roman. Mit Bildern von Barbara Jung. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018. 184 Seiten. 12,95 €. Ab acht Jahren.

Weitere Rezensionen finden Sie auf unserer Themenseite.

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