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Foto: REUTERS
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The 75th Venice International Film Festival - ?Screening of the film "The Ballad of Buster Scruggs" competing in the Venezia 75 section - Red Carpet Arrivals - Venice, Italy, August 31, 2018 - Directors Ethan Coen and Joel Coen pose. REUTERS/Tony Gentile

Lido-Lichtspiele (2) Fußmassage und Cunnilingus

Andreas Busche

Kinoträume. Amerikanische Träume. Venedig steht während der ersten Tage traditionell im Zeichen von Hollywood, bevor die US-Branche zum Wochenende hin nach Toronto weiterzieht. Um amerikanische Träume, immer noch der identitätsstiftende Nationalmythos, dreht sich am dritten Tag auch auf dem Lido alles, mit der Strahlkraft einer Supernova. Doch wie sterbende Sternen das eben so an sich haben: Das Feuer ist schnell verloschen.

William Wellmans “A Star is Born” von 1937 gilt selbst schon als Kinomythos. Diesmal hat sich Regie-Debütant Bradley Cooper des zeitlosen Stoffs um zwei sich diametral kreuzende Karrieren im Showgeschäft angenommen. Eigentlich wie gemacht für den roten Teppich, auch wenn es sich bereits um das dritte Remake handelt. Macht nichts, die eigentliche Sensation ist ohnehin Lady Gaga als aufstrebende Sängerin, die sich von ihrem drogensüchtigen Mentor und Boyfriend, gespielt von Strahlemann Cooper, allmählich abkapselt.

Der Film allerdings hinterlässt Fragezeichen. Coopers erratische Regie kann sich nicht entscheiden zwischen dem bedröhnten Pathos seiner männlichen Figur und dem Kitsch der Aufsteigerfantasie, zwischen breitbeinigem Stadionrock und dem artifiziellen Hyperpop seines weiblichen Stars. Das große Kino der falschen Gefühle schlägt moralische Töne an, über die jede Youtube-Berühmtheit nur müde lächeln kann.

 Tom Waits als goldschürfender Sisyphos

Auch Joel und Ethan Coen beschäftigt in ihrer Anthologie-Western “The Ballad Of Buster Scruggs” ein amerikanischer Mythos – vielmehr eine Typologie des amerikanischen Westens. Ursprünglich als sechsteiige Miniserie für Netflix konzipiert, präsentieren sie ihre Kuriosität nun im Wettbewerb von Venedig.

Und die Brüder verstehen es immer noch zu überraschen. Die ersten beiden Episoden – Tim Blake Nelson als singender Revolverheld und James Franco als glückloser Bankräuber – tragen noch die vertrauten Markenzeichen, lakonischer Humor und absurde Gewalt. Sie sind kurz und pointiert, bevor “The Ballad Of Buster Scruggs” ungewohnt melancholisch wird.

Liam Neeson in der Rolle eines wandernden Schaustellers, der zwischen einem Jungen ohne Extremitäten und einem rechnenden Huhn wählen muss, ein goldschürfender Sisyphos, gespielt von Tom Waits, und Zoe Kazan als alleinstehende Siedlerin auf dem Oregon-Treck verbindet eine schwermütige Vergeblichkeit, die nie für einen billigen Kalauer preisgegeben wird. Die Coen-Brüder kennen die großen amerikanischen Genres inzwischen in und auswendig, aber immer noch entdecken sie Neues. Ihre inspirierten Routinen werden nie langweilig.

 Rasantes Buhlen um die Gunst ihrer Majestät

Das gilt auch für Yorgos Lanthimos (“Lobster”), der sich mit seinem surrealen Nihilismus in Hollywood eingerichtet hat. In “The Favourite” gibt er seinen mechanischen Inszenierungsstil allerdings auf zugunsten einer berauschenden Screwball-Comedy-Dynamik. Emma Stone und Rachel Weisz buhlen am Hof von Queen Anne um die Gunst ihrer Majestät (Olivia Colman) – mit Sex, politische Intrigen und schneidendem Dialogwitz, der sich wenig um eine höfisches Etiquette schert. Lanthimos' beißende Ironie erinnert an “Barry Lyndon”, ein Vergleich, den sein Film auch ausstattungstechnisch nicht scheuen muss. Über die Zukunft Großbritanniens wird zwischen Fußmassage und Cunnilingus entschieden: Venedig hat seinen ersten Löwen-Anwärter. 

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