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Foto: Børre Høstland
Foto: Børre Høstland

Raue Landschaft. Johan Christian Dahl malte den „Blick vom Lyshornet“ 1836 nach einer ausgedehnten Reise in seine Heimat. Das Bild gehört dem Nationalmuseum Oslo.

Maler Johan Christian Dahl Die Erfindung Norwegens

Dresdens Silhouette hebt sich dunkel gegen den nächtlichen Himmel ab. Hinter Wolken versteckt bricht der Mond kaum hervor, gießt aber sein silbriges Licht über die Wolken und spiegelt sich endlich in der Elbe, die das Licht wie ein metallener Spiegel zurückwirft.

So kann man die Ansichten beschreiben, die Johan Christian Dahl vom nächtlichen Dresden gemalt hat. Es war eines der erfolgreichsten Motive des norwegischen, in Elbflorenz ansässigen Malers; er hat es verschiedentlich variiert. So prangt denn auch die Version „Dresden im Mondschein“ von 1843 an der Wand des Kunstmuseums im norwegischen Bergen aus der eigenen Sammlung.

Jetzt ist das Bild inmitten norwegischer Landschaften zu sehen. Das Museum in Bergen ist prädestiniert dafür, eine Retrospektive des Malers zu veranstalten, denn er ist 1788 als Sohn eines Fischers und Fährmanns in der westnorwegischen Hafenstadt geboren, und das Museum verwahrt große Teile des künstlerischen Nachlasses. Dahl allerdings verließ Bergen in jungen Jahren, um Maler zu werden und schließlich nach Dresden zu gehen, wo er 1857 denn auch starb.

Einer der größten Künstler Norwegens

In Dresden schloss er Freundschaft mit dem 14 Jahre älteren Caspar David Friedrich, beide wurden Mitglieder der Akademie, sie wohnten im selben Haus, Dahl oben, Friedrich darunter, und kommerziell war Dahl der erfolgreichere. Beide sind Romantiker, und doch zeigen sie innerhalb dieser Richtung, die mehr eine Haltung denn einen Stil bezeichnet, höchst unterschiedliche Temperamente.

In Bergen begreift man, warum das wohl so sein musste; zumal wenn man zuvor ein wenig von der norwegischen Landschaft gesehen hat, die Dahl schließlich zu seinem Hauptgegenstand erkor.

Erst 1826 reiste Dahl nach Norwegen, und angesichts der heutigen Infrastruktur des Landes vermag man sich kaum vorzustellen, wie mühsam und aufwendig die Erkundung der Landschaft für Dahl gewesen sein muss. Er kehrte zu vier weiteren, ausgedehnten Reisen zurück und brachte all die Motive mit nach Dresden, gezeichnet und im Gedächtnis, aus denen er seine Landschaftskompositionen schuf.

„Die Kraft der Natur“ ist die Retrospektive überschrieben, und das Katalogvorwort preist Dahl als „einen der größten Künstler Norwegens mit einer bemerkenswerten Rolle in der europäischen Kunstgeschichte“. Anschließend kommen die Verfasser zur Sache, und das ist die der im frühen 19. Jahrhundert entstehenden norwegischen Nation (als Staat ist Norwegen erst seit 1905 souverän): „Viele Norweger sehnten sich nach einer wahrhaft nationalen Kunst von internationaler Bedeutung.“ Die eben lieferte Dahl, der zu Beginn seiner Laufbahn noch die übliche Italien-Tour absolviert und Ansichten aus dem Golf von Neapel mitgebracht hatte. Aber schon da interessierten ihn mehr die wilden Eruptionen des Vesuv.

Lust am Sensationellen

Die Bergener Ausstellung ist weitgehend thematisch sortiert. So kommt Dahls Lust am Sensationellen zum Vorschein. Eine ganze Abteilung ist Schiffsuntergängen und Wracks gewidmet. Heutigen Betrachtern, denen die Dramatik der Segelschifffahrt fern gerückt ist, imponieren weit stärker die Landschaften.

Dahl musste nichts erfinden, nichts überhöhen, um erhabene Landschaften im Sinne des Gegensatzpaares von Schönheit und Erhabenheit zu schaffen. Norwegen ist einfach so. Sturmgezauste Bäume, kahle Hochflächen, Schnee und Eis, das konnte Dahl auf seinen Reisen ausgiebig studieren. Immer wieder arrangierte er auf den Reisen sorgsam gezeichnete Detailstudien zu großen – nicht großformatigen – Kompositionen, sodass der Dresdner Malerkollege Carl Gustav Carus auf der Höhe von Dahls Ruhm missmutig „immer wieder dieselben Birken und Fichten und Felsen“ rügte. Dahl, und daran ist nichts Schlechtes, bediente seine wachsende Sammlerschar.

Was er nicht bediente, nicht malen konnte oder wollte, war die metaphysische Bedeutungsebene, wie sie Friedrich in nahezu allen seinen Bildern einzog. Romantisch ist bei Dahl der Gegenstand, die Landschaft, nicht aber die Aussage. Die transzendente Schwingung der Gemälde Friedrichs ist seine Sache nicht. Dahl verlangt nach keinem Jenseits.

Gebirge und Wolken verschmelzen

Kurator Knut Ormhaug, der die Ausstellung zusammengestellt und die meisten Katalogbeiträge verfasst hat, verweist auf die große Anzahl an Wolkenstudien, die Dahl – ähnlich dem englischen Zeitgenossen John Constable – immer wieder gemalt hat. Eine über und über mit den kleinformatigen Studien behängte Wand zeigt die Vielfalt dieser Bilder, die in ihrer Spontaneität und Frische dem heutigen Blick so sehr entsprechen.

Besonders eindrucksvoll sind die Gemälde, in denen Landschaft und Himmel, Gebirge und Wolken verschmelzen wie beim „Blick vom Lyshornet“, einer kahlen Bergkuppe nahe Bergen. Wasser gibt es in Norwegen reichlich, dafür sorgen Gebirge und Gletscher. Also hat Dahl zahlreiche sprudelnde Wildbäche und gischtende Wasserfälle gemalt und Zeitgenossen mit der Fähigkeit verblüfft, die Geschwindigkeit des Wassers präzise festzuhalten, wie es erst Jahrzehnte später der Kamera möglich wurde. Oft kommt das Licht dann seitwärts, wie beim „Hellefossen“ von 1836, wo sich die Stromschnellen des Flusses und die dahinjagenden Wolken entsprechen.

Dahl ganz bei sich

Nur hat Dahl nichts Metaphysisches im Sinn, vielmehr setzt er einen Fischer auf einem Steg klein hinzu, der mit ins Wasser gehängten Körben offenbar Lachse fangen will, während dem Schornstein eines bescheidenen Hauses am Ufer kräuselnder Rauch entsteigt. Auch die „Birke im Sturm“ von 1849 gibt kein Sinnbild des Lebens ab, sondern ist eine wunderbare Naturstudie; gemalt zu einer Zeit, da sich der Geschmack von der Dresdner Romantik ab- und dem Realismus der aufkommenden Düsseldorfer Akademie zuwandte.

Südwestnorwegens Landschaft ist rau, groß, erhaben mit einem Stich ins Sensationelle – mehr Ah und Oh statt stillen Staunens. Johan Christian Dahl hat ihr Ausdruck gegeben. Vor drei Jahren zeigten Dresdens Staatliche Kunstsammlungen Dahl zusammen mit Friedrich und bestätigten die kunsthistorische Rangfolge, die Friedrich nun einmal höher platziert. In Bergen aber ist Dahl nicht nur allein, sondern im Wortsinne ganz bei sich – bei sich und dem Land, dem er künstlerisch zu europäischer Geltung verhalf.

Bergen (Norwegen), KODE, bis 7. Oktober. Katalog auch in Englisch, 399 NOK

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