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Foto: www.pletterbauer.net
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Melanie Raabe, geboren 1981 in Jena.

Melanie Raabes Thriller „Der Schatten“ Im festen Fall

Nora ist Mitte dreißig und hat schon oft neu angefangen. Diesmal hat es sie mitten im Winter nach Wien verschlagen. Hinter ihr liegen eine gescheiterte Beziehung in Berlin, ein paar harte Jahre als Reporterin und das, was sie nur „die Katastrophe“ nennt. In Wien fühlt Nora sich frei. Bis eine Bettlerin sie am Stephansdom anspricht: „Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten“, sagt die Frau. „Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken“. Kurz darauf ist all das wieder da, was Nora vergessen wollte.

„Der Schatten“ heißt Melanie Raabes neuer Thriller, und wie in ihrem gefeierten Debüt „Die Falle“ und dem Nachfolger „Die Wahrheit“ legt die 1981 geborene Autorin gleich zu Beginn einen Kickstart hin. Mit nur einem Einfall – der zunächst unverständlichen Prophezeiung einer Fremden – aktiviert sie ein Höchstmaß an Paranoia, um damit ein Netz aus Andeutungen und Anspielungen dauerhaft in nervöse Schwingungen zu versetzen. Gute Bekannte wenden sich von ihr ab, aus Berlin kommen verstörende Nachrichten über ihren Ex-Freund. Überall in Wien begegnet ihr der Name „Arthur Grimm“, und dann lernt sie noch eine Nachbarin kennen, die ihrer Jugendfreundin Valerie auffällig ähnelt. Valerie hat vor vielen Jahren – an einem 11. Februar! – Suizid begangen. Oder war es Mord? Und kannten sich Valerie und jener geheimnisvolle Arthur Grimm, wie es eine anonyme SMS nahelegt?

Der Roman ist auch Reflex auf die MeToo-Debatte

„Bist Du sicher?“, steht auf einem der Plakate, die in Wien hängen und sich mit ihren Botschaften scheinbar direkt an Nora richten. Das ist Spannungsliteratur, „suspense“ im engeren Sinne: Raabe erzeugt mit verhältnismäßig einfachen Mitteln – mit Fragen, die sich nicht sofort eindeutig beantworten lassen – eine beunruhigende Grundstimmung, die den gesamten Rezeptionsvorgang infiziert. Nicht nur die Protagonistin befindet sich im Modus des „Verdachts“, des „Zweifels“, auch auf Leserseite macht sich Misstrauen breit: Was verbirgt sicher hinter Noras „Katastrophe“ in Berlin? Warum wirft ihre Freundin ihr „mangelnde Impulskontrolle“ vor? Und lag sie richtig, als sie bei ihrer letzten Recherche einen prominenten Künstler als Mann denunziert hat, der Frauen zu „Musen“ erklärt, sie für seine Arbeit „benutzt“, nur um sie anschließend zu „vernichten“?

Die Reportage, die Nora eine Verleumdungsklage eingebracht hat, hätte auf Twitter wohl den Hashtag #metoo bekommen. „Der Schatten“ ist ein souverän konstruierter Psychothriller – er lässt sich aber auch als Reflex auf die Debatte um Sexismus und sexualisierte Gewalt lesen. Die dazugehörigen medialen Ermittlungen und Enthüllungen erinnerten ja gelegentlich an eher schlechte Krimis. Melanie Raabe erinnert uns daran, dass es in komplexen gesellschaftlichen Konflikten nicht um „Wahrheit“ geht oder die eindeutige Bestimmung von „Tätern“ und „Opfern“, sondern um das Ausloten von Handlungsoptionen. Und die können riskant sein. Nora ahnt das, als sie in ihrer Wiener Wohnung unter dem Bett eine schwarze Schatulle mit einem geladenen Revolver findet. Dann sind es nur noch wenige Tage bis zum 11. Februar.

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Melanie Raabe: Der Schatten. Roman. btb, München 2018. 414 Seiten, 16 €.

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