Abo Abonnement
Foto: Annegret Gossens, Museum Kurhaus Kleve, VG-Bild-Kunst, Bonn 2018
Foto: Annegret Gossens, Museum Kurhaus Kleve, VG-Bild-Kunst, Bonn 2018

Genügsam. Ewald Matarés „Kleine Liegende Kuh“.

Nachkriegsskulpturen im Kunsthaus Dahlem Systemtreue neben verfolgten Künstlern

Suzan Kizilirmak

Das heutige Kunsthaus Dahlem war einst das Atelier des Bildhauers Arno Breker. Adolf Hitler gab es für seinen Lieblingskünstler in Auftrag, und dieser nutzte es als Produktionsstätte für Heldenstatuen und Hitler-Köpfe. Kunsthaus-Leiterin Dorothea Schöne ist sich des schweren Erbes bewusst und lenkt den Blick weg von Breker auf die Nachkriegsmoderne. Für ihre neue Ausstellung „Was war Europa?“ rekonstruiert sie eine Skulpturen-Ausstellung von 1950.

Die Schau „Werke Europäischer Plastik“ war damals im ebenfalls unter Hitler erbauten „Haus der Deutschen Kunst“ in München zu sehen, das nach 1945 nur noch Haus der Kunst heißen sollte. In dem offiziell als entnazifiziert erklärten Gebäude wurden 70 Skulpturen aus Europa präsentiert – über die Hälfte stammten von deutschen Bildhauern.

Schon hier bestätigte sich: Die NS-Zeit hatte vielen Karrieren keinen Abbruch getan. Zwei der insgesamt vier Künstler, die damals als Ausstellungskuratoren wirkten, hatte Hitler protegiert: Dem Bildhauer Toni Stadler verlieh er einen Professoren-Titel, Joseph Wackerle setzte er auf die „Liste der Gottbegnadeten“. Andere hatten öffentliche Aufträge während des NS-Regimes angenommen. Interessant sei, so Schöne, wie jene Systemtreuen ihre Werke „schmerzfrei“ neben denen einst verfolgter Künstler ausstellen konnten. Es wäre auch ein Ansatz, die Kollegen nachträglich zu würdigen.

Verschiedene Kunstverständnisse in Süddeutschland und Berlin

Schöne hat nun rund 30 Skulpturen deutscher Künstler wieder zusammengetragen. Wie damals steht eine zarte Terrakotta-Figur des in Paris verhafteten und in Auschwitz ermordeten Mosey Kogan gemeinsam mit Toni Stadlers „Hund“ in einem Raum. Das Tier erinnert geradezu unheimlich an Hitlers Schäferhündin Blondi. Wenige Meter weiter befinden sich Fritz Wrampes grazile Antilope, in einer Vitrine vier handgroße anmutige Kühe von Ewald Mataré. Beide Bildhauer waren verfemt. Anders als 1950 macht Schöne in kurzen biografischen Angaben deutlich, wie die Bildhauer die Zeit des Nationalsozialismus erlebten – und überlebten. Nur sind die Informationen schwer zu finden, da sie allzu unauffällig an der Wand platziert sind.

Haben Sie Lust, jemanden kennenzulernen, der Fragen ganz anders beantwortet als Sie? Dann machen Sie mit bei „Deutschland spricht”. Mehr Infos zu der Aktion auch hier:

Die Rekonstruktion der damaligen Ausstellung ist zugleich ein Versuch, das Kunstverständnis in Süddeutschland, das damals sehr viel stärker figurativ geprägt war, mit dem in Berlin zu vergleichen, wo um 1950, inspiriert von Henry Moore, die abstrahierende Moderne Einzug gehalten hatte. Allerdings werden nur in einem Nebenraum den Mensch- und Tierplastiken der süddeutschen Bildhauer die abstrakten Skulpturen des Berliners Bernhard Heiliger gegenübergestellt. Der Breker-Schützling arbeitete ab 1949 bis zu seinem Tod 1995 im Ostflügel des Gebäudes, dem heutigen Sitz der Heiliger-Stiftung. Seine monumentalen abstrakten Plastiken prägen nicht nur den Skulpturengarten rund um das Gebäude, sondern auch das Berliner Stadtbild.

Nur ein Werk einer Frau war in der historischen Ausstellung zu sehen

Das einzige Werk einer Frau in dem Männerreigen bleibt der leicht betrübt wirkende „Mädchenkopf“ von Priska von Martin, der Frau Toni Stadlers. Die heutige Kuratorin hätte nur zu gerne Skulpturen von Renée Sintenis, Käthe Kollwitz oder Emy Roeder einbezogen. Nur war in der historischen Ausstellung eben nur das Werk dieser Künstlerin zu sehen.

Frischen Wind bringt die parallel laufende Ausstellung des polnischen Künstlers Karol Broniatowski. Schöne lud den einstigen DAAD-Stipendiaten ein, seine Entwicklung seit seinem damaligen Berliner Gastaufenthalt 1976 im Atelierhaus zu zeigen. Mit Ende der 60er Jahre nutzte der Deutsche Akademische Austauschdienst das Gebäude für seine Stipendiaten. Der 73-Jährige zeigt nun fünf Gouachen und zwölf Skulpturen. Auf den ersten Blick wirken seine Bronzen wie eine unförmige Masse Ton. Broniatowski zeigt die Skulptur im Prozess des Entstehens, und genauso arbeitet das Auge langsam die einzelnen Körperteile der Figuren heraus. Der Bildhauer spielt mit der Wahrnehmung: Wenn der Mensch seinem Auge nicht vertraut, nutzt er den Tastsinn. Daher gilt ausdrücklich: Berühren erlaubt!

Kunsthaus Dahlem, Käuzchensteig 12, „Was war Europa?“; bis 2. 6. 2019; Karol Broniatowski; bis 5. 11.; Mi bis Mo 11 - 17 Uhr

0 Kommentare
Zur Startseite
Outbrain