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Foto: imago/newspix
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Andrzej Wajda (1926-2016).

Nachruf auf Andrzej Wajda Der Bilderkämpfer

Zu seinem 90. Geburtstag im März erhielt er die Ehrenbürgerschaft von Danzig, der Stadt, in der seine Filme „Wałęsa“ und „Der Mann aus Eisen“ spielen. Polens regierende Partei Recht und Gerechtigkeit blieb der Feierstunde demonstrativ fern. Sie hatte Grund dazu. Er fühle sich jetzt manchmal an die geistige Atmosphäre der Nachkriegszeit erinnert, hatte Andrzej Wajda gesagt. Ob Stalinismus oder extremer Nationalismus, die Symptome der Unfreiheit sind dieselben.

Für viele Polen wurde der große alte Mann des polnischen Kinos zuletzt wieder zu dem, was er immer war, Gesicht und Gewissen der Nation. Wahrscheinlich stimmte Andrzej Wajda dieser späte Ruhm traurig. Wiederholt sich denn alles? Müssen wir wirklich aus der Geschichte lernen, dass wir nichts aus der Geschichte lernen?

2007 drehte er den Film seines Lebens, da war er 81. Den Film, von dem er immer wusste, dass er ihn machen würde und von dem er zugleich wusste, dass nichts unmöglicher war, als dass genau dieses Stück Kino entstehen könnte. Es war „Katyn“, eine Klage in Bildern, die sich zur Kühle zwingt. 1940 ließ Stalin in Katyn 4400 polnische Offiziere töten - Teil einer staatlich organisierten Mordserie, der etwa 25 000 polnische Intellektuelle und Offiziere zum Opfer fielen. Dieses Verbrechen schob Stalin den Deutschen in die Schuhe, und diese Lüge galt auch in Polen - zumindest offiziell - noch bis in die 1980er Jahre.

Die polnische Geschichte war sein Lebensthema

Andrzej Wajda ist das Kind des Kavallerieoffiziers Jakub Wajda, dienend im 72. polnischen Infanterieregiment. Der Sohn wird nie vergessen, wie 1943 die ersten Nachrichten über die Massengräber eintrafen, die deutsche Wehrmacht hatte die Toten gefunden. Der Name Jakub Wajda stand nicht auf den Listen. Aufatmen. Hoffen.

„Die Nachrichten aus Katyn waren eine Erschütterung, die uns von den Verbrechen an den Juden ablenkten“, würde Wajda später sagen, und es klang Schuld darin. Schuldlose Schuld, gibt es das? Die Frage wird ihn immer beschäftigen. Der Sohn des Kavallerieoffiziers Jakub Wajda schloss sich dem polnischen Widerstand an. Er wusste es noch nicht, und doch hatte er sein Lebensthema gefunden, es hatte ihn gefunden: die polnische Geschichte. Wie enträtselt man ihr Webmuster, die Schicksals-, die Schuld- und die Hoffnungsfäden darin?

Als der Untergrundkämpfer wieder aus dem Untergrund auftauchte, hatten die polnischen Kommunisten die Macht im Land übernommen. Zwischen ihnen und dem Sohn des polnischen Offiziers, auf dessen Rückkehr er noch täglich hoffte, bestand ein Verhältnis aufrichtigen Misstrauens und einer gewissen Verachtung, und doch entschied der 22-Jährige, den Beschluss der regierenden Kommunisten „Wir brauchen eine Filmhochschule!“ auf sich zu beziehen.

Die letzten Tage des Warschauer Aufstandes thematisierte er in "Kanal"

Er hatte versucht, Maler zu werden, und doch waren es zu viele Bilder in seinem Kopf, und sie waren zu bewegt, um einzeln auf Leinwände zu passen. Der Widerstandskämpfer Andrzej Wajda gehörte zu den ersten Studenten der später so berühmten Filmhochschule in Łódź. Er überredete einen kleinen unbekannten Schauspieler, der aus dem Krakauer Ghetto geflohen war, in seinem ersten Studentenfilm aufzutreten. So spielte Roman Polanski die Hauptrolle in Wajdas „Generation“.

Der Film handelte wie seine Nachfolger vom Widerstand der polnischen Heimatarmee. Es war Widerstand, das schon, aber es war der falsche: unabhängig von der Partei, anarchistisch, prowestlich gar. Der Zorn der Filmhochschulgründer stieg von Film zu Film ebenso wie die Meisterschaft des Regisseurs. Wajda, der Unterwanderer.

Es folgte „Kanal“, Wajdas erstes Meisterwerk. Zeit: die letzten Tage des Warschauer Aufstands, als die Rote Armee schon auf der anderen Seite der Weichsel stand und den verzweifelt Kämpfenden doch nicht zu Hilfe kam. Ort: die Kanalisation von Warschau.

In Frankreich erfuhr Wajda, wer seinen Vater ermordet hatte

„Kanal“ wirkte in seinem harten dokumentarischen und doch so expressiven Gestus wie ein Film des italienischen Neorealismus, klagend, ohne anzuklagen. Der 31-jährige Regisseur wurde mit dem Werk 1956 nach Cannes eingeladen. Hier erfuhr er von polnischen Exilanten, dass sein Vater tot war, erschossen vom sowjetischen Geheimdienst in den Kellern des NKWD in Charkow.

Wajda hätte nicht zurückgehen müssen, er hätte sich der großen polnischen Exilgemeinde anschließen können, aber er war ein Heimatfilmer der etwas anderen Art. Durfte er sicher sein, dass sich die Nicht-Polen so für polnische Geschichte interessieren wie er? Ja, mehr noch: Durfte er seine Landsleute, sein Publikum verlassen, jetzt, wo die Landkarte sein Vaterland wieder verzeichnete? Durfte er es den anderen überlassen? Nein, Wajda drehte, mit der Nachricht über das Schicksal seines Vaters in Hirn und Bauch, „Asche und Diamant“.

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Andrzej Wajda (1926-2016).

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Andrzej Wajda (1926-2016).


Hier nun kämpft die polnische Heimatarmee schon gegen die Kommunisten, und doch kann ein junger Soldat im entscheidenden Augenblick anfangs nicht tun, was ihm befohlen ist: einen kommunistischen Parteisekretär töten. Dafür stirbt der Nichtheld Maciek Chełmicki in einer amerikanischen Armeejacke auf einer Müllhalde. Ein Film jenseits aller Heldenposen, einer mit falschem Feind, ein veritabler film noir. Sein Bekenntnis: Hoffnung ist, wenn überhaupt, nur beim Einzelnen zu finden. „Asche und Diamant“ bekam den Fipresci-Kritikerpreis in Venedig.

Wieder ging Wajda zurück. Er musste der Geschichte seines Landes Bilder geben, erst dann würde er sie unverlierbar wissen. Wajda, der Heimatfilmer. Wajda, der Archivar.

Vier Mal war er für den Oscar nominiert, 1980 mit „Die Mädchen von Wilko“, einem leisen, beinahe elegischen Werk. Gewonnen hat ihn schließlich ein anderer polnischer Heimatfilm: Schlöndorffs „Blechtrommel“.
1977 entstand „Der Mann aus Marmor“ über das Schicksal eines gefallenen Arbeiterhelden, der es einst schaffte, 30 000 Ziegelsteine in einer Schicht zu produzieren. „Wir spielten mit breiter Brust“, sagte Wajdas Hauptdarsteller, und keiner ahnte, dass dieser Film bald eine Fortsetzung finden würde, in der nichts mehr Rückblick, sondern alles brennende Aktualität sein würde.

Sein letzter Film "Powidoki" ist der aktuelle polnische Oscarkandidat

„Der Mann aus Eisen“ spielt 1981 auf der Danziger Werft, auffälligster Darsteller im Film wie im wirklichen Leben: Lech Wałęsa. Was war hier Fiktion, was Wirklichkeit? Wajda wusste nur eins: dass er keine Zeit hatte, dass der Staat eingreifen würde, früher oder später. Doch „Der Mann aus Eisen“ wurde fertig, 21 Szenen seien zu schneiden, ließ der Filmminister mitteilen. Da teilten die Danziger Werftarbeiter dem Filmminister mit, dass ihnen sehr viel an den 21 Szenen liege, und man würde sie zu verteidigen wissen. „Der Mann aus Eisen“ wurde ungeschnitten in Cannes gezeigt. Er gewann die Goldene Palme.

1999, als die ganze Welt „Titanic“ sah, standen auch vor den polnischen Kinos Schlangen, jedoch für einen anderen Film. Wajda hatte das Nationalepos von Adam Mickiewicz auf die Leinwand gebracht: Der polnische Adel probt den Aufstand gegen den Zaren. 15 Millionen Zuschauer wollten „Pan Tadeusz“ sehen.

Seinen letzten Film hat er in diesem Jahr gedreht, es ist die Geschichte des polnischen Avantgardekünstlers und Konstruktivisten Władysław Strzeminski, der am Stalinismus der Nachkriegsjahre und der eigenen Kompromisslosigkeit zerbricht. „Powidoki“ heißt der polnische Oscar-Kandidat für den besten ausländischen Film. Sollte er heute aktuell wirken, wäre das ein schlimmes Zeichen, hat Wajda gesagt. Powidoki sind Strzeminskis „Theorie des Sehens“ zufolge Nachbilder im Gehirn, die bleiben, auch wenn der ursprüngliche Lichtreiz längst abgeklungen ist. So wie Wajdas Filme.

Der 90-Jährige lag schon mehrere Tage mit einem Lungenleiden im Krankenhaus. Am Sonntag ist Andrzej Wajda in Warschau gestorben.

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