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Foto: Tapete Records
Foto: Tapete Records

Alte Helden. Sänger Peter Hein und Gitarrist Xao Seffcheque (vorn Mitte) zwischen lauter Idolen auf dem Albumcover.

Neues Album von Family 5 Die alte Wut ist immer noch da

Ulrich Gutmair

„Guck mich nicht so pornomäßig an. Ich bin Prokrastinator, der alles verschieben kann. Ich hab einen langen Atem, meine eigene Partei, will nicht länger warten, bin beim Aufteilen dann dabei.“ Es gibt vielleicht nur einen in Deutschland, der solche Zeilen schreiben und überzeugend singen kann. Dieser Mann heißt Peter Hein, und er gibt sie auf dem Opener des neuen Albums von Family 5 zum Besten, das am Freitag erscheint. Es trägt den auf die Alte und die Neue Frankfurter Schule rekurrierenden Titel „Ein richtiges Leben in Flaschen“ und zitiert das Cover von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“. Manche der darauf abgebildeten Köpfe kann man erkennen – Günter Netzer, Miles Davis, Paul Weller oder Charles Bukowski –, manche nicht.

Das Problem mit Texten über Family 5 besteht darin, dass man immer wieder bei Adam und Eva anfangen muss, weil sie dann doch keiner kennt. Obwohl in Deutschland heute alle komische Brillen und Bärte tragen und genau zu wissen meinen, was man anzuziehen hat, ist es mit Popkultur nicht weit her. In England muss man niemand erklären, wer die Buzzcocks oder XTC sind, auch wenn sie nie so berühmt geworden sind wie die Sex Pistols oder The Clash. Hier muss man immer wieder aufs Neue darlegen, dass Family 5 eine der größten deutschen Bands sind. Und Peter Hein sich einst Janie Jones nannte, nach einem Song vom ersten Clash-Album.

Wie ist das, ewig legendär und zugleich unbekannt zu sein, frage ich Peter Hein und Gitarrist Xao Seffcheque an einem dieser heißen Sommertage. Nervt das nicht? „Ich sag mal so: Die meisten verstehen’s nicht, aber wir haben drangegeben, darüber nachzudenken. Und ein paar verstehen’s halt doch“, antwortet Hein und setzt nach: „Puuh, ja, jetzt ’nen Kopp machen, für den ganzen Dreck, der schon die letzten hundert Jahre nicht funktioniert hat? Was soll das, wir machen’s einfach.“

Also noch mal zum Mitschreiben: Peter Hein war Sänger von Fehlfarben, die mit „Monarchie und Alltag“ 1980 berühmt wurden, weil sie wie keine andere Band Teenage Depression, German Angst und den Punkradikalismus der dritten Generation nach Ende des Vogelschisses verkörperten. Als diese Pophelden dann auf Tour gehen sollten, stieg Peter Hein aus, weil er seinen Job bei Rank Xerox nicht aufgeben wollte.

Ein Sound namens Soul Punk

Bald darauf gründete Hein mit Freunden eine neue Band namens Family 5, die einen eigenen Sound erfanden, den sie Soul Punk tauften. Das war nur recht und billig, weil keiner so satte Bläsersätze mit Rock’n’Roll-Tunes und einer Verweigerungshaltung der Welt und sich selbst gegenüber verband. Als sie 1985 ihr erstes Album namens „Resistance“ veröffentlichten, kauften es 5000 Leute. Die halbe Hamburger Schule wurde von diesem Album beeinflusst, und wenn es in Walhalla eine Plattenabteilung geben sollte, dann steht „Resistance“ dort sicher im Regal. Damals sang Hein: „Wo sind die Krüppel hin, die uns als Kinder halfen zu verstehn, was es heißt, den Krieg zu verliern? Die kann man nur noch auf dem Friedhof sehn. Doch die, die damals die Herren waren, brauchen nicht im Rollstuhl zu fahren. Die brauchen nur ein Wort zu sagen, dann wird die Wahrheit zu Grabe getragen.“

Damit, könnte man meinen, sei zum Vogelschiss alles gesagt worden. Angesichts der derzeitigen Umstände hat Hein auf dem neuen Album aber noch ein paar Zeilen nachgelegt: „Das haben unsere Lehrer doch damals ziemlich vergeigt, haben uns immer nur den bösen Russen gezeigt. Haben versucht uns zu erklären, dass solche wie sie die besseren wären. Wir haben das aber anders gesehen – auf uns hat keiner gehört.“ Dann singt die Band im Chor: „Wehe denen, die die Zeichen falsch verstehen.“ Und Peter Hein antwortet: „Das kommt dann davon, wenn Mensch nicht selbst agiert. Das führt dann dazu, dass das Schlimmste passiert.“

Irgendwann waren Family 5 weg. Während die Fehlfarben seit der Jahrtausendwende ein sehr gutes und diverse halb gute Alben veröffentlichten, schwiegen Family 5 seit 2004. Dann aber erschien im vorletzten Sommer plötzlich ein neues Album, und es war gut. Das Lied zur Zeit hieß „Draht“ und widmete sich der sogenannten Flüchtlingskrise und dem Allgemeinzustand des deutschen Patienten. Peter Hein sang: „Da ist kein Mitleid, nur blanker Neid, aus einer finsteren Vergangenheit. Niemals eine Vision, nur eine kranke Illusion.“

Jetzt also wieder ein Album, wieder gut. Altersweisheit? Wiederauferstehung? Fun Facts: Es gibt zwei Coverversionen. Eine verwandelt Kraftwerks „Autobahn“ in ein Uptempo-Punkstück. Es hat die didaktische Aufgabe, zu zeigen, dass Kraftwerk mit den Ramones verwandt sind, erklärt Xao Seffcheque. Die andere, „In diesem Sinn“, ist eine Hommage an die Sterne. Deren Sänger Frank Spilker ist Fan von Family 5, die sich nun vor ihm verneigen und anerkennen, dass – wenn alles gut geht – die Kinder noch klüger als die Eltern sind.

Die Innovation auf diesem Album besteht darin, dass Peter Hein im Booklet jedes Stück kommentiert, was eine neue Variante der Selbstbeschimpfung darstellt, in der Hein genauso gut ist wie in der Publikumsbeschimpfung, die er gleich im ersten Stück pflegt: „Separatismus muss keine Einbahnstraße sein. Rein oder raus entscheiden sie nicht allein. Lass mich in Ruh, lass mich einfach nur in Ruh! Lass mich doch in Ruh – du!“

Sitzende Rhythmen und super Melodien

Die Fans der Band würden immer denken, sie selber seien auf dem Foto nicht zu sehen, wenn es im Text „Du“ oder „Ihr“ heißt, sagt Seffcheque. „Die dachten immer, oh super, ihr beschimpft die richtigen! Die ham’s aber mal verdient“, ergänzt Hein. „Bei zwanzig ‚Ihr’ sind wahrscheinlich drei ‚ich’ gemeint. Such dir die raus, ich sag dir da nix weiter zu. Und genauso ist es mit dem ‚Du’. Man könnt’ auch vor dem Spiegel stehen, man weiß es manchmal nicht.“

Zusammenfassung: uralte Band, frisches Album. Super Melodien, gut sitzende Rhythmen, grandiose Bläsersätze, Soul Punk. Langsame Stücke und schnelle, sogar ein Tango. Raffinierte Sprecherkonstruktionen, simple Slogans. Was sagt Peter Hein dazu? „Ich bin auch immer für die Abwechslung. Dat gepflegte Stumpfe neben dem übertrieben Komplizierten.“ Das richtige Leben in Flaschen kann Spaß machen, langweilig wird es jedenfalls nie.

„Das richtige Leben in Flaschen“ erscheint am Freitag bei Tapete Records.

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