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Foto: Esteban/Promo
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Lary alias Larissa Sirah Herden.

Newcomerin Lary "Morgen früh gehört die Welt wieder mir"

Die Postsendung ist gerade noch rechtzeitig gekommen. Ein unscheinbares Päckchen, darin eine schwarze Lederkappe mit dem Vereinslogo von Schalke 04. Eine echte Scheußlichkeit, aber Larissa Sirah Herden lächelt beim Auspacken. „Hab’ ich bei Ebay für fünf Euro ersteigert. Geil, oder?“ Im Kreuzberger Büro des Indie-Labels Chimperator verhallt die Frage unbeantwortet, denn die Besucherin kann die Euphorie nicht teilen. Dieses speckige, abgewetzte Lederteil: Passt eher zu einem schmerbäuchigen Stadiongänger als zu dieser grazilen Frau mit den hüftlangen Rastas.
Für Larissa Sirah Herden ist die Kappe jedoch mehr als ein Accessoire. Sie symbolisiert ein Stück Gelsenkirchener Heimat, und die soll mit einfließen, wenn es in zwei Tagen zum Videodreh in die USA geht. Gelsenkirchen, Berlin, Los Angeles: Das sind momentan die Orte, zwischen denen sich Herdens Alltag abspielt. In wenigen Tagen erscheint ihr Debütalbum mit dem Titel „Future Deutsche Welle“, und neben dem Dreh in Kalifornien stehen ein Fernsehinterview in der Arena auf Schalke sowie mehrere Auftritte im Rahmen der Berlin Music Week an. Für die Sängerin, die sich auf der Bühne Lary nennt, könnte es gerade nicht besser laufen.
Schaut man sich die aktuellen Protagonisten der deutschen Musikszene an, stellt man schnell fest: Es gibt jede Menge männliche Künstler, aber weibliche Talente – zumal mit Erfolg – sind rar. Insofern kommt jemand wie Lary gerade zur richtigen Zeit. Sie ist jetzt 28, vor einem Jahr hat sie im Internet ein kostenloses Mixtape veröffentlicht: Pop, der keine Berührungsängste mit Soul, R ’n’ B und Electro hat. Mal tanzbar, mal nachdenklich. Lary singt mit dunkler Stimme, die Texte sind zum Teil explizit. Etwa in „Bedtime Blues“. Darin geht es um unerfülltes Verlangen, wilde Sehnsüchte und Youporn. Klar, dass so was die Runde macht. Jan Delay postete das Video mit dem Kommentar: „Ich glaube, diese junge Dame hier wird ganz groß.“


So viel Lob. Aber Lary will sich das nicht zu Kopf steigen lassen. Wer weiß, ob Delay die neuen Sachen überhaupt gefallen werden, sagt sie im Gespräch. Für den Sound von „Future Deutsche Welle“ ist das Berliner Produzententeam Beatgees verantwortlich, der Titel eine Referenz an die Neue Deutsche Welle der achtziger Jahre. Der Begriff spiegelt für die Sängerin ein Lebensgefühl wider, das gekennzeichnet ist durch Selbstdarstellung, Verlorenheit, die Suche nach Anerkennung. Und bei dem immer die Gefahr besteht, sich darin zu verlieren.
Wenn man so will, ist es ein klassisches Coming-of-Age-Werk geworden. Es verhandelt die gesamte Bandbreite an Befindlichkeiten der Generation Selfie. Erzählt von durchzechten Nächten, enttäuschter Liebe, Selbstzweifeln und Übermut. „Ich wollte mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinandersetzen“, sagt Lary. Und die schwanken schon mal zwischen himmelhoch jauchzend und zutiefst betrübt. Da ist zum Beispiel die Ballade „Allein“, die mit einem melancholischen Gitarrenriff beginnt, darüber singt Larissa Sirah Herden mit brüchiger Stimme: „Heut’ will ich nicht stark sein, heut’ will ich einfach schlafen geh’n/ich will nicht am Start sein, ich will die Welt heut’ nicht verstehen …“ Dann ein Break, ein langsamer Beat setzt ein und auch die Zuversicht: „Morgen früh gehört die Welt wieder mir.“
Entschlossenheit und Vertrauen in das Schicksal: Nicht weniger als das braucht es wohl, wenn man im Ruhrpott aufwächst und von einer Musikkarriere träumt. Lary ist die Tochter eines Jamaikaners und einer Deutschen, die Eltern trennen sich früh. Das Kind bleibt bei der Mutter in Gelsenkirchen, fliegt aber regelmäßig zum Vater nach London. Daheim läuft „Sechzigerjahremucke“. Die Stones, Janis Joplin, The Doors. Aber auch: klassischer Neunziger-Pop. Britney Spears, Backstreet Boys, die Kelly Family – „die schlechteste Musik, die es jemals gab“, sagt Lary und lacht laut. Geprägt hat sie trotzdem, bei der Geschmacksbildung geholfen. „Ich mag guten Pop. Leider gibt es davon in Deutschland zu wenig.“

Foto: Esteban/Promo

Lary alias Larissa Sirah Herden.

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Lary alias Larissa Sirah Herden.


Schon in der Grundschule fängt Larissa Sirah Herden zu singen an, spielt Theater. Mit zehn tritt sie in Musicals auf, später erhält sie ein Stipendium für die Folkwang-Musikhochschule. Eines Tages soll sie bei der Familienfeier eines Mindener Rockerclubs singen. Der private Gig bleibt nicht ohne Folgen. Lary lernt gerade für die Abiturprüfungen, als sie eine Mail von Rapper Curse bekommt. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden“, erinnert sie sich. „Hinterher hat er mir erzählt, dass die Jungs vom Rockerclub zu ihm gekommen seien und ihm von mir erzählt hätten.“ Ob man die Geschichte glauben soll? Sie klingt jedenfalls zu gut, um sie nicht aufzuschreiben.
Curse ist für Lary bis heute ein Mentor. Als sie nach dem Abitur in Düsseldorf Medien- und Kulturwissenschaften studiert, später zwischenzeitlich in New York lebt und schließlich nach Berlin zieht, bleiben sie in Kontakt. Lary schlägt sich mit Gelegenheitsjobs als Model durch, singt einmal die Woche begleitet von einem Pianisten in der Bar des Hotel de Rome Songs von Jill Scott oder Joy Denalane. Es sei eine gute Schule gewesen, sagt sie rückblickend.

Irgendwann lernt sie die Beatgees kennen. Während Lary mit ihnen im Studio in Prenzlauer Berg „Future Deutsche Welle“ aufnimmt, arbeitet Curse nebenan an seinem Comeback-Album, das ebenfalls diesen Monat erscheinen wird. Man spielt sich gegenseitig erste Stücke vor, fragt nach Rat. Er sei einer der wenigen, auf dessen Meinung sie höre, „weil er mich gut kennt“. Dabei wollten in der Vergangenheit viele mitreden. Vor allem Vertreter großer Plattenfirmen, die erste Songs zu hören bekamen. Es gab Einwände, Änderungswünsche. „Als schwarze Frau in Deutschland wird man direkt auf die Soul-Schiene festgelegt. Da ist es schwer, sich zu behaupten.“ Gelandet ist sie schließlich bei Chimperator, einem Indie, der sie so sein lässt, wie sie ist.
Das Ergebnis kann sich hören lassen. Gut möglich, dass Lary kommenden Sonntag beim New Music Award für junge Nachwuchskünstler im Admiralspalast als Siegerin von der Bühne geht. Das Stück, mit dem sie antritt, trägt den Titel „Jung & schön“. Darin heißt es: „Solang die Sonne dabei zuschaut, Haut-Feuer entfacht, in Strobolicht und Großstadtlampen, sind wir an der Macht/ solang wir jung sind, solang wir schön sind, solang die Gläser immer voll sind/ Prinzessin ohne Ton, mit hohem Kinn und tiefen Blicken, reiten wir den Sturm.“ Im dazugehörigen Video tritt Lary vor einer Gruppe älterer Damen und Herren auf. Am Ende stürzt sie sich rücklings in die Menge, die Kamera fängt ihr Gesicht ein und sie fragt: „Wer liebt uns, wenn wir nicht mehr jung und schön sind?“ Momentan fällt einem keine Antwort darauf ein. Ist aber vielleicht auch gar nicht so schlimm.
„Future Deutsche Welle“ erscheint am 12. September bei Chimperator. Konzerte bei der Berlin Music Week: am 5. September um 16 Uhr in der O2-World Spree Bar, 22.45 Uhr im Lido und am 7. September beim New Music Award im Admiralspalast; zudem am 6. September auf der Ifa und am 27. Oktober in der Kantine des Berghain.

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