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Foto: Kéré Architecture
Foto: Kéré Architecture

Architekt Francis Kéré, geboren 1965 in Burkina Faso.

Operndorf in Burkina Faso „Schlingensief hat mir neue Welten eröffnet“

Herr Kéré, ein Morgen im Operndorf, es ist Sommer. Beschreiben Sie uns die Szenerie: Was gibt es zu sehen, zu hören?
Acht Uhr morgens, in Burkina Faso. Ein paar Bauarbeiter sind unterwegs auf dem Gelände, aus der Schule dringen die Stimmen der Kinder. Der Direktor empfängt Besucher, die er durchs Dorf führt. Und man hört die Hühner gackern.

Und manch einer wird sich fragen: Wo ist denn hier die Oper?
Das Dorf wächst, da stehen Wohnhäuser, die Kantine, Werkstätten. Und im Zentrum erkennen Sie schon den Platz für das Festspielhaus, für das zukünftige Theater.

Im Juni wurde die Krankenstation eröffnet. Christoph Schlingensief hat „Oper“ als soziale Idee verstanden, als humanes Gesamtkunstwerk. „Operndorf“ – war der Name nicht von Anfang an eine Provokation, ein gezieltes Missverständnis?
Ich muss immer an diesen Satz von Christoph denken: Der Schrei eines Neugeborenen ist die wahre Oper. Das war die Vision eines großartigen Künstlers, und nun ist sie Realität. Das Dorf ist entstanden, es funktioniert, Frauen können hier ihre Kinder zur Welt bringen, und Kinder bekommen Unterricht. Für Burkina Faso haben eine Krankenstation und eine Schule mit musischer Ausrichtung große Bedeutung.

Bei der Grundsteinlegung im Februar 2010 zeigten sich die Menschen aus den Nachbardörfern abwartend bis misstrauisch – kein Wunder bei dem Auftrieb damals mit Politikern und Botschaftern und Medien. Wird das Dorf jetzt angenommen?
Der Platz ist nicht mehr leer, wir haben Häuser gebaut und eine Struktur geschaffen, die wird von den Kindern aus der Umgebung belebt. Sie kommen auch am Wochenende, um auf ihren Instrumenten zu üben, und zu Workshops. Der Ort lädt sich auf, wie Aino Laberenz sagt. Christophs Frau, sie treibt die Sache weiter.

Wie groß ist das Einzugsgebiet?
Die nächsten Dörfer sind ein, zwei Kilometer entfernt, bis in die nächstgrößere Siedlung an der Straße nach Ouagadougou, der Hauptstadt, sind es vier Kilometer. Die inzwischen 150 Schüler, die wir haben, gehen zu Fuß, nicht ungewöhnlich für mein Land. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele junge Menschen kommen. In den Ferien zelten sie beim Dorf, es gibt Kunstprojekte aller Art.

Normalerweise baut ein Architekt ein Haus, und dann ward er nicht mehr gesehen. Wie regelmäßig reisen Sie nach Burkina Faso?
Mindestens einmal im Monat. Ich habe in meiner Heimat noch andere Projekte, vor allem in Gando, woher ich komme. Dort braucht man mich, die Dinge müssen wachsen.

Das Operndorf wird von Deutschland aus unterstützt. Was tut die Regierung in Ouagadougou?
Die Politiker wollten so etwas Prestigeträchtiges wie eine Oper sofort haben. Aber sie wussten nicht, was Christoph Schlingensief wirklich vorhatte. Jetzt ist die Regierung unser Partner. Sie hat Stromleitungen gelegt und übernimmt für die neue Krankenstation die Personalkosten. Die Akkreditierung neuer Botschafter in Burkina Faso geht einher mit einem Besuch im Operndorf. Die Regierung ist stolz darauf. Das hat Aino Laberenz erreicht. Das Operndorf gehört zu den populärsten Orten im ganzen Land.

Das Ganze schwankt doch zwischen Wahnsinn und Wunder, Traum und Pragmatismus. Die Wenigsten glaubten anfangs daran, hielten es für einen großen Schlingensief-Streich. Was haben Sie gedacht, als Schlingensief zum ersten Mal mit seiner Idee auf Sie zukam?
Ich habe damals alles Mögliche erlebt. Die klassische Entwicklungshilfe lehnte das Projekt vehement ab. Ich selbst war misstrauisch. Oper? Ich lebte schon lange genug in Deutschland, um bei einer Oper an einen aufwendigen Bau zu denken. Aber dann hat mich Christoph mit seiner positiven Energie überzeugt. Ich empfand Bewunderung, Begeisterung, wir waren Komplizen. Plötzlich war ich in der Sache drin. Einmal sagte ich ihm: Hätte ich gewusst, worauf ich mich einlasse, hätte ich dich nie angerufen. Wir standen unter großem Druck. Es sollte ja alles Kunst sein. Es wäre auch Kunst gewesen, wenn es schief- gegangen wäre. Aber das hätte ich meinen Landsleuten nicht antun können.

Sie sprechen von Schlingensief noch immer gleichsam im Präsens. Er ist noch da?
Ja, das alles ist mit ihm verbunden, das bleibt auch so. Man kann ihn ja nicht wecken, aber heute weiß ich, die Arbeit mit ihm war ein großes Glück.

Warum?
Ich sage meinen Architektenkollegen: Ihr müsst mit großen Künstlern wie Schlingensief arbeiten, dann werdet ihr viel freier.

Wie hat die Erfahrung mit Schlingensief Sie verändert?
Dieser Mensch konnte inszenieren: Visionen, Landschaft, Menschen. Architektur ist auch Dramaturgie. Ich bin viel mutiger geworden. Ich hatte immer Angst zu scheitern. Von ihm habe ich gelernt, man muss es einfach machen. Denn wenn man es nicht gemacht hat, dann weiß man auch nicht, dass es geht. Er hat mir neue Welten eröffnet.

Auch Christoph Schlingensief hat von Ihnen gelernt, und das Dorf verdankt Ihnen viel. Es wäre ohne Sie nie entstanden.
Schon als Student war ich von der Idee fasziniert, Häuser in einer Art und Weise zu bauen, dass sie eine Regenzeit überstehen, ohne dass man ewig reparieren muss. Das haben wir umgesetzt, unsere rustikale, im Grunde wartungsfreie Bauweise wird inzwischen international beachtet. Lehmziegel mit Beton.

Wie sieht das Dorf in fünf Jahren aus?
Ich rede lieber nicht über Visionen, ich hoffe, dass das Dorf sich stabilisiert. Die finanziellen Probleme bleiben. Wir müssen nächstes Jahr weiterbauen. Auch das Festspielhaus muss kommen, das Zentrum.

Der Weg der Zivilisation: Man baut erst die Stadt, dann das Theater. Erst die Kinder, dann die Kunst, oder?
Das Festspielhaus ist der größte geplante Bau auf dem Gelände, ein Theater für 600 Zuschauer. Der Ort ist jetzt schon begehrt, bei Tänzern, beim Filmfestival von Ouagadougou. Das Festival du Desert aus dem vom Krieg gezeichneten Nachbarland Mali gastierte bereits im Operndorf. Burkina Faso bietet Strukturen und Sicherheit. Aber ich will dafür sorgen, dass wir langsam wachsen.

Das gilt für das Operndorf. Als Architekt erleben Sie aber gerade einen bemerkenswerten Aufschwung. Sie reden sehr bescheiden über sich selbst.
In Mali habe ich ein Museum gebaut und den Nationalpark, in Genf das Museum für das Internationale Rote Kreuz. Das war mein erstes Projekt in Europa. In Mannheim hat mein Büro den Wettbewerb für die Umgestaltung der Taylor Barracks gewonnen, ein ehemaliges Gelände der US-Army, 46 Hektar. Ein grünes Gewerbegebiet soll dort entstehen. Man muss Geld verdienen. In Kenia ist ein Erziehungskomplex von uns geplant, von der Kita bis zum College. Dieses Projekt liegt in dem Dorf, aus dem Barack Obamas Vorfahren kommen, es wird von der Mama Sarah Obama Foundation unterstützt. Barack Obama sollte den Bau noch während seiner Präsidentschaft eröffnen, aber nun wird es ein wenig später werden.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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