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Foto: Ken Friedman / Deutsche Oper
Foto: Ken Friedman / Deutsche Oper

Der Dirigent Donald Runnicles, geboren 1954 in Edinburgh.

Orchester Deutsche Oper beim Musikfest Bis zum Verstummen

Das Musikfest 2018 führt in seinem Programm zwei repräsentative Komponisten zusammen, die sich im Leben feindlich gegenüberstanden. Es gab keine Annäherung, keine Brücke zwischen Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann. Noch nach dessen Tod übte Stockhausen vernichtende Kritik an dem Komponisten der „Soldaten“, der seinereits überzeugt war, dass Stockhausen „überhaupt kein genuiner Komponist ist“. Vor 100 Jahren geboren, Zeitgenosse einer Generation, die dem Krieg zum Opfer fiel, fühlte sich Zimmermann als „Ältester unter den jungen Komponisten“, war lange verbittert über die schlechte Beziehung zu den Darmstädter Ferienkursen, dem Forum für Neue Musik, wo Adorno als Philosoph das Wort führte.

Ein Fenster in die Vergangenheit der Musik, wie es „Darmstadt“ nicht wollte, öffnet „Photoptosis“, Prelude für großes Orchester. Die pluralistische Zeiterfahrung des Komponisten heißt: „Die Tempora sind austauschbar.“ Mit dem Stück, dessen Titel soviel bedeutet wie „Lichteinfall“, eröffnet in hoher Konzentration das Orchester der Deutschen Oper sein traditionelles Musikfest-Konzert. Klangfarben-Crescendi führen zu Klangexplosionen des riesig besetzten Orchesters. Ein äußerst flüchtiger Mittelteil zeigt fast heimelig den Meister des Parodierens mit Beethoven-, Wagner-, Bach- und Skrjabin-Zitataten. In seiner Aufführung mit den Musikern zielt Runnicles auf die Seele der Klangschattierungen.

Geheimnisvoll entfaltet die Musik ihre Aura

Wie Gustav Mahler ist Zimmermann ein Zeitgenosse der Zukunft. Die Zahl der Interpreten, die sich heute seine Werke zueigen machen, wächst. Und an renommierter Stelle erklingt „Photoptosis“: zur Eröffnung der Elbphilharmonie wie des Berliner Festivals „Ultraschall“ und eben jetzt in der Philharmonie. „Stille und Umkehr“, Zimmermanns letztes Orchesterwerk, ist im Jahr seines Freitodes 1970 entstanden. Die zarte Musik wird zum Insistieren auf einem Ton und einem Rhythmus. Eine feine Klangauswahl mit acht solistischen Streichern begeht leise den Abschied des depressiven Meisters bis zum Verstummen. Geheimnisvoll entfaltet die Musik an diesem Abend ihre Aura.

Runnicles und sein Orchester wollen von ihrem Spezialgebiet Richard Wagner nicht lassen. Zumal in der Oper Götz Friedrichs legendärer „Ring des Nibelungen“ 2017 verklungen und ein neuer „Ring“ unter Stefan Herheim erst für 2020 vorgesehen ist. Hier also der letzte Akt „Siegfried“. Es zeigt sich, dass das Märchenglück vom jungen Siegfried nicht nur vom Mythos, sondern auch vom Vollklang des Orchesters partienweise verschlungen wird. Bis es zur jubelnden Kontrapunktik des Schlusses kommt, sind komplizierte Dialoge zu meistern: die Beschwörung Erdas durch Wotan, dessen Begegnung mit Siegfried und Abgang, schließlich das Liebesduett.

Vorbildlich verteidigen die Sänger den Text zwischen den Klangwogen: Michael Volle, der jugendliche Wanderer, Judit Kutasis dunkle Erda, Simon O’Neill als tenoral souveräner Titelheld und Allison Oakes als Brünnhilde mit in der Höhe aufblühendem Sopran. Diese Solisten sowie das vital reagierende Orchester, wie Runnicles es entwickelt hat, werden von einem andächtigen Publikum mit reichem Beifall belohnt. Aber es drängt sich die Idee des Dramatikers Wagner vom verdeckten Orchester auf.

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