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Foto: Fred Thornhill/Reuters
Foto: Fred Thornhill/Reuters

Erzählen als Schuldvermeidung. Die im englischen Brighton lebende Rachel Cusk.

Rachel Cusks Roman „Kudos“ Eine andere Art von Ehrlichkeit

Das Motto, der englischen Lyrikerin Stevie Smith entlehnt, heißt „Aufstehen und gehen“. Ist also die Wahl zwischen Gehen oder Bleiben tatsächlich der „Kern unserer Selbstbeherrschung“, wie die Schriftstellerin Faye in Rachel Cusks neuem Roman ihrem gequälten Sitznachbarn mitteilt? Die Auftaktszene von „Kudos“ erinnert geradezu aufdringlich an die Situation, mit der die 1967 in Kanada geborene und in England lebende Autorin im ersten Teil ihrer Romantrilogie, „Outline“, ansetzte und die sie im abschließenden Band nun wiederaufnimmt: zwei Fremde im Flugzeug, ein Mann, der von seiner Familie erzählt und dem Familienhund, den er kurz vor der Reise hat einschläfern lassen. Seine Unsicherheit über das, was die Familie noch zusammenhält, lassen ihn einsame Entscheidungen treffen, die er als Schuld empfindet.

Faye, bekannt aus „Outline“ und „Transit“, zwei Söhne, geschieden und mittlerweile wieder verheiratet, hört ihm ebenso geduldig zu wie den zahlreichen Menschen, denen sie während ihrer Reise zu einem Literaturkongress in einem namenlosen südeuropäischen Land begegnet. Nur dass sie dieses Mal nicht einfach Ohr ist, sondern sich einmischt. Das autofiktionale Spiel, das die Autorin mit ihrer Figur treibt, ist nachdrücklicher geworden, vielleicht der ernsten Lage wegen: Wer mit der Situation ihres Landes nicht vertraut sei, klärt sie den Mitreisenden auf, könne den Eindruck gewinnen, dass hier kein demokratischer Vorgang stattfinde, sondern die endgültige Kapitulation des individuellen Bewusstseins vor der Allgemeinheit.

Fayes Stichwortgeber stammen fast ausschließlich aus ihrem sozialen Umfeld. Sie unterhält sich mit Schriftstellerkollegen, Verlegern, Journalistinnen, und das, wovon sie berichten, kennt man zur Genüge: kaputte Ehen, Probleme bei der Kindererziehung und nun auch noch der Brexit. Gehen oder Bleiben also? Mittelschichtsprobleme, die, gefiltert durch Faye, in die Zone des Prinzipiellen gerückt und durch die dominierende indirekte Rede doch auf Sicherheitsabstand gehalten werden.

Cusks philosophisch grundierte Erzählweise bricht sich in „Kudos“ Bahn

Linda etwa, die Literaturvermittlerin, fühlt sich von ihren männlichen Kollegen an die Wand gedrückt. Eine Journalistin berichtet von der unglücklichen Wahlverwandtschaft zweier Paare, Ryan, erfolgreicher Schriftsteller, ist, mit seinem Wearable am Handgelenk, auf den Pfaden der Selbstoptimierung: Mit der richtigen Einstellung, behauptet er, laufe der Motor so sauber und sparsam, dass man es selbst kaum bemerke – „eine neue Welt der Kontrolle“.

Nicht zu sprechen von jenen angestrengten Frauen, die von den Kosten der Emanzipation erzählen. Cusk findet für deren Sorgen ein eindrückliches Bild: Mit einem Bündel abzuarbeitendem Papier auf dem Fahrradsattel tritt eine ihrer Figuren in die Pedale und fährt stehend durch die Stadt. „Sieh dir an, was die Gleichberechtigung euch gebracht hat“, wird sie zurechtgewiesen, „die Männer respektieren euch nicht mehr und behandeln euch wie Fußabtreter.“ Mehr noch als in den vorangegangenen Bänden bricht sich in „Kudos“ Cusks philosophisch grundierte Erzählweise Bahn. Oft wirken die monologischen Gespräche – wie das mit dem jungen Stadtführer Hermann oder einem selbstgefällig tiefschürfenden Journalisten – geradezu sokratisch in ihrem Bemühen, Gerechtigkeitsprobleme zu lösen und der Dichotomie von Gut und Böse etwas Drittes abzuringen.

Ob sie glaube, wird Faye gefragt, „dass es eine dritte Art von Ehrlichkeit geben könnte, jenseits der Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben? Eine Ehrlichkeit, die moralisch unvoreingenommen ist und weder entlarven noch reformieren will, die über keinen Kompass verfügt?“

Es passiert eigentlich nichts in dem Roman

Auch in „Kudos“ spricht sich Cusks tiefe Skepsis gegenüber dem Vermögen der Literatur aus. Nicht nur verbreiten sich ihre Figuren satirisch, manchmal sogar despektierlich über den Literaturbetrieb – der Kapitalismus presse der Literatur noch die letzte Essenz ab –, die erzählte Geschichte erweist sich selbst als Illusion, weil der erzählerische Impuls, so eine Andeutung, nicht mehr dem Verlangen entspringe, Geschehnisse sinnhaft anzuordnen, sondern dem Wunsch, „jede Schuld zu vermeiden“.

Der Preis dieses hochkonzentrierten Schreibens ist eine extreme Handlungsarmut. Es „passiert“ eigentlich nichts außer wechselnden Begegnungen mit austauschbarem Personal. Konterkariert wird das durch die ausgesprochen präzisen Beschreibungen von Orten und Landschaften, als ob solche Tatsächlichkeiten Glaubhafteres verbürgten als das Agieren der Figuren. Detailverliebt malt Cusk etwa das Kongresshotel aus: Hotelflure mit weiß gestärkter und eingeschweißter Bettwäsche, die an „eine verlassene Landschaft mit frisch gefallenem Schnee“ erinnern. Oder das Straßennetz der Stadt, während ihre Figuren zu Sprechbildern schrumpfen, selbst wenn ihnen wie Ryan oder Gerta, äußerliche Attribute angeheftet werden.

Ein Rätsel bleibt der Titel des Buches. Das aus dem Altgriechischen stammende „Kudos“ steht für Ruhm und Ehre: ein Scheinplural, der im Englischen Anerkennung ausdrückt, etwa im Sinne von „Chapeau!“. Ironische Anspielung einer lorbeerheischenden Autorin? Wohl kaum. Vielleicht ist es die Verbeugung vor denen, die durch „den Spiegel gehen, in einem schmerzhaften Zustand der Selbsterkenntnis, in dem die menschlichen Fiktionen ihre Glaubwürdigkeit verlieren“. Cusks Romantrilogie ist eine Einladung, durch diesen Spiegel zu gehen.

Rachel Cusk: Kudos. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp, Berlin 2018. 224 Seiten, 20 €.

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