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Rapperkrieg mit Ansage Der Ost-West-Dialog

Fünf Tage vor seinem Tod gibt Christopher Wallace, bekannt als The Notorious B.I.G., noch ein Radiointerview. Es wird im Morgenprogramm eines Lokalsenders ausgestrahlt, und Wallace sagt darin, dass er hier an der Westküste, im Feindesland, keine extra Bodyguards brauche. Dass ihn auch keiner für weich halten solle, bloß weil er jetzt an Gott glaube. Wallace hat sich gerade erst tätowieren lassen, auf die Innenseite seines rechten Unterarms. Dort steht nun ein Auszug aus Psalm 27: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?“

Christopher Wallace ist nach Los Angeles gekommen, um ein Musikvideo zu drehen. In drei Wochen, am 25. März 1997, erscheint sein neues Album, es wird ihn zum größten Rapper aller Zeiten machen, glaubt Wallace. Schon jetzt bejubelt die „Los Angeles Times“ den 24-Jährigen als „Sensation“. Er selbst hat sich den Titel „König von New York“ verliehen.

Es gibt Leute, die sagen: Ein Rapper von der Ostküste sollte jetzt besser nicht in L.A. sein. Ganz besonders nicht Christopher Wallace.

Die brutalste Fehde der Musikgeschichte dauert zu diesem Zeitpunkt bereits zweieinhalb Jahre. Gestritten wird um die Frage, wo in den USA der bessere, härtere, authentischere Hip-Hop produziert wird: in New York, wo der Musikstil Ende der 70er Jahre erfunden wurde. Oder in Los Angeles, wo zehn Jahre später eine neue Spielart entstand: der Gangsta-Rap, der vom Leben im Ghetto erzählt, von Raubüberfällen und Drogendeals. Die erfolgreichsten Vertreter des Genres prahlen mit erheblichen Vorstrafenregistern. Ihre kriminellen Biografien verleihen Glaubwürdigkeit: Die Rapper müssen sich ihre Geschichten nicht ausdenken, sie haben das selbst erlebt – oder behaupten es jedenfalls. Zur Kernzielgruppe ihrer Musik gehören junge, weiße Männer aus den Vorstädten.

Foto: promo

Tupac Shakur

Foto: promo

Tupac Shakur

Auf Außenstehende wirkt der Wettstreit zwischen Ost- und Westküste bizarr, für die Betroffenen geht es auch darum, wer der jeweils anderen Seite nicht genug Respekt entgegengebracht hat. Wer derber gedemütigt wurde.

Im März 1997, als Christopher Wallace in Los Angeles sein Video dreht, fühlen sich vor allem die Vertreter der Westküste gedemütigt: Sechs Monate zuvor wurde ihr größter Star, der Rapper Tupac Shakur, im Auto vor einer roten Ampel erschossen, und obwohl die Polizei nie den Täter ermitteln konnte, hält sich der Verdacht, die Todfeinde aus dem Osten könnten in den Mord verwickelt sein.

Auch Christopher Wallace saß bereits im Gefängnis. Seit seinem 13. Lebensjahr dealt er mit Kokain, immer nach Schulschluss vor einem Hähnchengrill. Mehrfach schnappt ihn die Polizei, sie findet auch Schusswaffen, neun Monate muss er dafür hinter Gitter. Seine Jugend in Bedford-Stuyvesant, einem Problemviertel Brooklyns, hilft Wallace bei der Vermarktung seiner Rapperkarriere. Auch nach ersten Auftritten als The Notorious B.I.G. dealt er weiter. Einmal greift er vor einem Nachtclub in Manhattan zwei Autogrammjäger an. Mit einem Baseballschläger zertrümmert er die Scheibe ihres Wagens. Erneut wird er festgenommen.

Als Sexsymbol lässt sich der Mann nicht vermarkten. Fast 170 Kilo wiegt er, seit einem Autounfall stützt er sich auf einen Gehstock. Die schief stehenden Augen verdeckt meist eine Spiegelsonnenbrille, nach Wallace’ Tod wird die Polizei außer einer Tüte Marihuana und Kondomen auch ein Asthmaspray in den blutverschmierten Hosentaschen der Leiche finden.

Im Zentrum des Rapperkriegs stehen zwei Plattenfirmen, die beide versuchen, mit Gangsta-Attitüde Millionen umzusetzen: „Death Row Records“ aus Los Angeles und „Bad Boy Entertainment“ aus New York. Weshalb genau der Konflikt ausgebrochen ist, kann später nicht rekonstruiert werden. Allein das Datum ist unstrittig: Im November 1994 verbringt Tupac Shakur einen Abend in Manhattan. Er und Wallace gelten zu diesem Zeitpunkt noch als Freunde, Shakur gab seinem Kollegen mehrfach Tipps. Zum Beispiel: Rapsongs dürfen zwar üble Schimpfwörter und Gewaltfantasien enthalten, müssen aber melodisch klingen, sonst schaffen sie es nicht in die Charts. An diesem Abend erhält Shakur eine Nachricht von einem unbekannten Musikproduzenten. Der Mann bietet 8000 Dollar, falls Shakur noch in derselben Nacht einen Song mit ihm aufnehme. Der stimmt zu, er braucht Geld, um seine Anwälte zu bezahlen, er ist angeklagt wegen sexueller Belästigung und Waffenbesitz.

Foto: pa/ Mary Evans Pi

Waren mal Freunde: Notorious B.I.G. und Shakur.

Foto: pa/ Mary Evans Pi

Waren mal Freunde: Notorious B.I.G. und Shakur.

Treffpunkt für die Aufnahme ist ein Tonstudio am Times Square. In der Lobby warten zwei schwarze Männer, sie meiden den Blickkontakt. Der Rapper schöpft Verdacht: Schwarze begegnen ihm entweder mit Respekt oder Neid, denkt er. Aber sie ignorieren ihn nicht! Als er auf den Fahrstuhlknopf drückt, fallen Schüsse.

Die Fremden rauben seine Goldketten und Diamantringe, die waren 60 000 Dollar wert, wird Shakur hinterher tönen. Erst in der Klinik realisiert er, dass ihn fünf Kugeln getroffen haben. Die Zeitungen berichten am nächsten Tag über einen Hodendurchschuss.

Ab jetzt nennt Shakur seinen einstigen Freund Wallace nur noch „fat motherfucker“. Er verdächtigt ihn, die Falle mitgeplant zu haben – angeblich aus Rache, weil Shakur nicht seine Plattenfirma in L.A. verlassen und hier in New York unterschreiben wollte. Tatsächlich hielt sich Wallace zur Tatzeit in dem Gebäude auf. Er dementiert zwar jede Beteiligung, veröffentlicht aber einen Schmähsong mit dem Titel „Who Shot Ya?“ - Wer hat auf dich geschossen? Shakur revanchiert sich mit einem Stück, in dem er behauptet, er habe Wallace’ Frau verführt:

„I fucked your wife,

you fat motherfucker.“

Der Konflikt weitet sich bald auf andere Rapper aus. Tupac Shakur gelingt es, in einem einzigen Lied sieben verschiedene Ostküstenrapper zu beleidigen. In den Texten wird geschlagen, gefoltert, umgebracht. Manche vermuten dahinter eine Marketingstrategie – eine einvernehmliche Absprache, um Schlagzeilen zu generieren. Bis im September 1996 Shakur erschossen wird. Jede Verwicklung in die Tat verspricht Publicity: Innerhalb weniger Monate melden sich bei der Polizei zehn Männer und zwei Frauen, die behaupten, Tupac Shakur ermordet zu haben. Keiner kann die Ermittler überzeugen, sie werden als Hochstapler nach Hause geschickt.

Im März 1997, sechs Monate nach dem Tod seines Erzfeindes Shakur, wird Christopher Wallace bei seinem Besuch in Los Angeles ständig auf den Mord angesprochen. Es sei ein „schrecklicher Verlust“, sagt er. Doch ein Lied seines neuen Albums trägt den Titel „You’re Nobody (Til Somebody Kills You)“. Du bist ein Niemand, bis dich einer umbringt.

Sein letzter öffentlicher Auftritt endet mit einem Eklat. Am Freitag, es ist der 7. März 1997, tritt Wallace als Laudator bei den „Soul Train Awards“ von Los Angeles auf. Er soll den Preis für die beste Soulsängerin überreichen, doch im Publikum sitzen vor allem Shakur-Fans, sie buhen ihn nieder. Der New Yorker wagt bloß einen einzigen Satz: „Wie geht’s, Kalifornien?“ In derselben Nacht sieht er sich im Hotelzimmer mit Freunden die Aufzeichnung an. Sie haben Wurstpizza bestellt, und Wallace wirkt unzufrieden. Die Kameras hätten ihn nicht angemessen in Szene gesetzt, klagt er. „Da müsste mehr von mir auf dem Bildschirm sein.“ 24 Stunden später werden alle TV-Sender des Landes über ihn berichten.

Das Musikmagazin „Vibe“ lädt Samstagabend zu einer Branchenparty. Christopher Wallace erscheint mit Entourage. Augenzeugen werden später aussagen, wie euphorisch der Rapper gewirkt habe. Wegen des Albums. Wegen der Millionen Dollar. Wegen der fast sicheren Zukunft als Riesenstar. „Ich kann nicht mehr warten“, sagt er zu einem Vertrauten. Seine CD soll „Life After Death“ heißen, ein Werbeplakat ist bereits gestaltet: Christopher Wallace posiert auf einem Friedhof vor seinem eigenen Grab.

Weil zu viele Gäste ins Gebäude drängen, löst die Feuerwehr die „Vibe“-Party kurz nach Mitternacht auf. Limousinen fahren vor, Christopher Wallace nimmt auf dem Beifahrersitz seines Chevrolets Platz. An der ersten roten Ampel bremst neben ihnen ein schwarzer Wagen.

Foto:dapd

Die Einschusslöcher in Wallace´ Wagen.

Foto:dapd

Die Einschusslöcher in Wallace´ Wagen.

Ein Zeuge wird die Szene anschließend so beschreiben: „Es machte nur Pow, Pow, Pow, Pow, Pow.“ Vier Kugeln dringen in Wallace’ Körper ein. Die Polizei spricht schon am nächsten Tag von einer gezielten Exekution – und glaubt an eine Spur ins Hip-Hop-Milieu. „Wir dürfen nicht vergessen, dass schon mehrere Rapper Opfer von Gewaltverbrechen wurden“, erklärt der Chefermittler.

Als Wallace’ Leiche eine Woche später in einem Prozessionszug durch Brooklyn zum Friedhof gefahren wird, warten am Straßenrand mehrere Tausend Menschen. Sein engster Freund, der erst 27- jährige Plattenfirmenboss Sean Combs, trauert öffentlich und nimmt unter dem Künstlernamen Puff Daddy die Ballade „I’ll Be Missing You“ auf. Das Lied verdrängt Wallace’ Single „Hypnotize“ von der Spitze der US-Charts, bleibt dort elf Wochen, so lang wie kein anderer Rapsong jemals zuvor.

Das Album „Life After Death“ verkauft sich mehr als zehn Millionen Mal. Das Geschäft mit Wallace’ Nachlass ist so lukrativ, dass die Plattenfirma noch acht Jahre später alte Studioaufnahmen neu abmischen und posthum veröffentlichen wird.

In Deutschland dient der Rapperkrieg als Blaupause für eigene Fehden. In Neukölln greift ein Unbekannter 2008 den Nachwuchskünstler „Massiv“ mit einer Pistole an. Das Opfer klagt über einen glatten „Durchschuss“, die Polizei spricht von einem „Streifschuss am Oberarm“ und kann nicht ausschließen, dass der Angriff abgesprochen war, um Massivs neues Album zu bewerben.

Auch der Mörder von Notorious B.I.G. wird trotz 200 vernommener Zeugen nie gefasst. Ein Mitarbeiter von Shakurs Plattenfirma „Death Row Records“ sagt aus, der Mord sei tatsächlich von Rappern in Auftrag gegeben und von korrupten Polizisten ausgeführt worden. Der Mann gilt als glaubwürdig, er hat jahrelang für das FBI gearbeitet. Als es 2005 zur Gerichtsverhandlung kommt, klagt der Zeuge plötzlich über Gedächtnisverlust. Er sagt, der Stress sei schuld.

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