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Foto: Simon Hallstroem/Theater Basel/dpa
Foto: Simon Hallstroem/Theater Basel/dpa

Andreas Beck, Intendant des Theaters Basel. Sein Haus belegt den ersten Platz im diesjährigen Ranking.

Saisonrückblick Kritikerpreis "Theater heute": Basel ist Gewinner, Berlin ein Ärgernis

Was ist bloß los mit Berlin? Müssen wir uns von dem naturgegebenen Anspruch verabschieden, Nabel der Theaterwelt zu sein? Das neue Jahrbuch des Magazins „Theater heute“ legt diesen Schluss jedenfalls schmerzlich nahe. Wie stets zum Sommerende haben ein paar Dutzend Kritikerinnen und Kritiker aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ihre Höhepunkte der Saison benannt – und das einzige Hauptstadthaus, das dabei Lorbeeren in nennenswerter Zahl abbekommen hat, ist das „Nationaltheater Reinickendorf“. Richtig gehört, ein Fantasie-Theater, das nur temporär und dank des Schöpfergeistes der Hardcore-Ästheten Vegard Vinge und Ida Müller existiert hat und von den Event-Spezialisten der Berliner Festspiele initiiert wurde.

Zum Theater des Jahres haben die Expertinnen und Experten mit Basel eine Bühne erkoren (8 Voten), die in den vergangenen Jahren regelmäßig beim Theatertreffen gastiert hat, mit Arbeiten von Simon Stone („Drei Schwestern“) oder jüngst Ulrich Rasche (mit „Woyzeck“ auf dem Riesenrad). Geleitet wird das Theater Basel von Andreas Beck, der sich im Begleitportrait extrem besonnen, also ganz unberlinerisch äußert. Kein Wunder, dass er sich unterdessen für größere Aufgaben empfohlen hat. Beck übernimmt 2019 das Residenztheater in München.

Spannendes Jahrbuch mit klugen Beiträgen

Die schräg gegenüber gelegenen Münchner Kammerspiele stellen mit Anta Helena Recke und ihrer „Mittelreich“-Inszenierung immerhin die Nachwuchsregisseurin des Jahres. Und mit Wiebke Puls die zweitbeste Schauspielerin! Gut, Platz 1 geht an die Burg-Kollegin Caroline Peters, für ihren Part im „Hotel Strindberg“ von Simon Stone (7 Stimmen). Doch beflügelt von immerhin 6 Voten nutzt Puls die Gelegenheit, um gegen das Ensembleverständnis ihres Intendanten Matthias Lilienthal zu sticheln. Sie fühle sich, erfährt man, „wie das antike Mobiliar in einem denkmalgeschützten Haus, das der neue Besitzer in einem repräsentativen Raum abgestellt hat, um die restliche Fläche für die Party zu benutzen, die ihn wirklich interessiert“.

Und wo sie schon mal in Fahrt ist, empfiehlt sie sich gleich selbst für die Leitung des Hauses, wenngleich mit aller gebotenen Zurückhaltung. Das „Theater heute“-Jahrbuch 2018 ist wirklich spannend. Es trägt den Titel „Neue Konflikte“ und lässt kluge Köpfe zu Themen wie Heimat, Identitätskrise als Chance, Plädoyer für eine neue Linke, Demokratiedämmerung, oder auch struktureller Rassismus in der Theaterwelt zu Wort kommen. Aber die Konflikte, die hier vor allem aufblitzen, betreffen den Betrieb selbst in seiner Lieblingsdisziplin „Fegefeuer der Eitelkeiten“.

Die Posse um Dercon und die Volksbühne

Falk Richter zum Beispiel hat mit Elfriede Jelineks „Am Königsweg" die Inszenierung des Jahres am Hamburger Schauspielhaus hingelegt (6 Stimmen) und mit dafür gesorgt, dass ihr gewohnt ausuferndes Stück über den Siegeszug des Trumpismus und die Ohnmacht der Intellektuellen mit 9 Stimmen auch zum Stück des Jahres gewählt wurde. Aber viel interessanter ist, was er im flankierenden Interview über seinen ehemaligen Schaubühnenchef Thomas Ostermeier zu sagen hat. Es gebe in Europa keinen Regisseur, stellt Richter mal klar, „der so gute Arbeitsbedingungen hat wie Thomas“. Seine eigenen an der Schaubühne waren jedenfalls „definitiv schlechter“. Gemeinheit! Außerdem hätten die Schauspieler bei Ostermeier „oft sehr darunter gelitten, wenn sie nicht oft genug besetzt wurden, oder das Gefühl hatten, nicht genug Liebe von ihm zu bekommen.“

Ein Schauspieler, der sich hingegen nicht über mangelnde Zuwendung beklagen kann, ist Benny Claessens, Hauptdarsteller in „Am Königsweg“ und ein unbestritten außergewöhnlicher Typ, dem sein ehemaliger Intendant Johan Simons wünscht, dass er jetzt bitte ständig Schauspieler des Jahres werden möge, und über den wiederum Falk Richter sagt, „Benny ist super, aber man braucht auch starke Nerven“.

Zuletzt gibt es in der Kritiker-Umfrage noch eine Rubrik, die „Ärgernis des Jahres“ heißt. Hier führt, kaum verwunderlich, mal wieder die Posse um Dercon und Volksbühne mit all ihren aufgeregten Pros und Contras. Ärgerniskönig! Das ist ein Rang, den Berlin niemand streitig machen kann.

Mehr zum Thema

„Theater heute - Das Jahrbuch 2018: Neue Konflikte“. Theaterverlag Friedrich Berlin, 192 Seiten, 29,50 Euro.

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